Verrat hatte verheerende Auswirkungen im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Es handelte sich um eine periphere, der Partei aufgezwungene und zugleich todernste Angelegenheit, die nicht nur über das Leben des Einzelnen entscheiden konnte, sondern die versprengten Reste der Kommunistischen Parteiorganisation existenziell bedrohte. Udo Grashoff unternimmt die erste systematische Analyse der Erscheinungsformen von Verrat in der illegal tätigen KPD im "Dritten Reich". In den Blick geraten dabei unter anderem das kommunistische Überläufertum im Jahr 1933, die Kollaboration von Mitarbeitern des KPD-Nachrichtendienstes mit der Gestapo, die Resignation von emigrierten Kommunisten und die Haltung der KPD zu Spitzeltötungen. Der Autor untersucht ein breites Spektrum von Verhaltensweisen, das von skrupellosem, durch Folter erzwungenen bis zu simuliertem Verrat reicht. Zahlreiche Geschichten von Schwäche, Gewalt, Tragik und Niedertracht machen die Blindstellen des normativen Bildes sichtbar, das insbesondere, aber nicht nur, in der DDR vom "antifaschistischen Widerstandskampf" vermittelt wurde.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.05.2021
Rezensent Knud von Harbou ist "verblüfft", dass es bisher keine Sozialwissenschaft zum Phänomen des Verrats gibt - und begrüßt dieses Buch umso mehr. Er betont, dass es nur durch die Öffnung der Archive nach 1989 zustande kommen konnte, denn zuvor, so der Kritiker, haben Heldenlegenden des Widerstands das Geschichtsnarrativ der Kommunisten dominiert. Hier werden jetzt insbesondere die ungemein leichte "Infiltration" der Partei und ihrer Massenorganisationen herausgestellt und daneben natürlich die "Allmacht der Gestapo", die zum Verrat unter der Folter führte, so der Rezensent. Ein wichtiges Motiv waren materielle Vorteile, die sich vor allem in der massenhaften Praxis des Überlaufens - von der KPD zur NSDAP - realisieren konnten, und die Besprechung widmet sich ausführlich den verschiedenen Zahlen, mit denen der Autor dieses Phänomen in verschiedenen Teilen Deutschlands belegt. Auch diese Erzählung "relativiert", so der zufriedene Kritiker, das alte kommunistische Widerstandsnarrativ.
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