Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Ungekürzte Ausgabe. Mit einem Nachwort von Italo Calvino (übersetzt von Burkhart Kroeber). "Ein wirklich kleiner Kleinbürger" erzählt die Geschichte von Giovanni Vivaldi, einem kleinen Beamten eines römischen Ministeriums, der alles daran setzt, seinem Sohn Mario zu dem Wohlstand zu verherlfen, den er selbst nur ansatzweise erreichen konnte. Höhepunkt dieser Anstrengung ist Giovannis Eintritt in die Freimaurerloge, mit deren Unterstützung es Mario gelingen soll, die Prüfung für die ersehnte Festanstellung im Ministerium zu bestehen. Doch am Morgen vor der Prüfung fällt Mario einem bewaffneten Banküberfall zu Opfer. Das tragische Ereignis stellt das Leben von Giovanni und seiner Frau Amalia auf den Kopf ... Vor dem Hintergrund der Studenten- und Arbeiterrevolte der 1970er-Jahre stellt Cerami keinen Rebellen in den Mittelpunkt seiner Geschichte, sondern erhebt einen Kleinbürger, einen Repräsentanten der "schweigenden Mehrheit", zum Symbol einer Epoche. Ein in grau getauchtes, trübes Rom wird zur Kulisse für eine psychologische Studie, die die Radikalisierung eines Mannes vor Augen führt, der sich von Staat und Leben betrogen fühlt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 24.10.2024
Dass Italien Gastland der Frankfurter Buchmesse war, sorgt glücklicherweise dafür, dass nun einige zu Unrecht vergessene italienische Klassiker endlich auf Deutsch übersetzt werden, einer davon stammt von Vincenzo Cerami, wie Rezensentin Sigrid Löffler berichtet. 1976 als Ceramis Debüt erschienen, handelt der Roman von dem Bauernsohn Giovanni Vivaldi, der vom Aufstiegswahn getrieben ist, bis sein Sohn ermordet wird und die Geschichte seinem Rachefeldzug folgt, der ihn am Ende den Mörder seines Sohnes zu Tode foltern lässt. Der Autor hat Zeit seines Lebens viel mit Pier Paolo Pasolini und Roberto Benigni zusammengearbeitet, was Löffler dem spannenden Text auch anmerkt, der für sie mit seinen Bezügen zum faschistischen Untergrund eine "ungute Aktualität" beibehält.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024
Rezensentin und Schriftstellerin Bettina Hartz freut sich sehr, dass Vincenzo Ceramis Roman von 1976 nun erstmals auf Deutsch erscheint. Denn äußerst lesenswert findet sie, wie Cerami darin durch die Geschichte eines aufstiegsbesessenen kleinen Beamten in Rom hindurch von der tiefgreifenden Verwandlung Italiens von einer Agrar- in eine "Industrie- und Massengesellschaft" erzähle: Während Giovanni Vivaldi kurz vor seiner Pension mit aller Macht versucht, seinen 20-jährigen Sohn im selben Ministerium unterzubringen, wird dieser zufällig auf der Straße erschossen, woraufhin Giovanni den Täter in Eigenjustiz in eine Hütte verschleppt und bis zum Tod foltert. Wie Cerami so indirekt die "zutiefst depressive" Zeit der siebziger Jahre in Italien und den darin agierenden neuen "Menschentypus" des immer nur auf den eigenen Vorteil bedachten Konsumenten einfängt, imponiert der Kritikerin auch in Esther Hansens gelungener deutscher Übersetzung sehr. Einzig der Titel, im Original "Un borghese piccolo piccolo", ist für Hartz ein kleiner Wermutstropfen.
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