Lucertola - das Eidechsenkind - ist in Italien daheim und im Gastland zu Hause. Hier muss es sich verstecken: unter der Kredenz, im Schrank, unter dem Sofa. In Ripa hingegen jagt der Junge wie alle Kinder den Wespen nach, gleitet von einer Umarmung in die andere. Dort, bei Nonna Assunta, wo ein Haus darauf wartet, fertig gebaut zu werden.
Hier im Gastland geht der Vater Tag für Tag auf den Bau, die Mutter in die Fabrik - das Eidechsenkind lässt Stunden und Tage verstreichen. Es vermisst die Wohnung mit seinen Schritten, hört die Nachbarinnen um Mehl bitten, die Kinder im Hof Fangen spielen, sieht die Stiefel des Padrone, der gerne zum Abendessen kommt und lange bleibt.
Bis es sich eines Tages zu heimlichen Streifzügen ins Treppenhaus hinauswagt, in andere Wohnungen, wo niemand die Gegenwart des Eidechsenkindes auch nur ahnt. Aus der Sicht eines Kinds erzählt Vincenzo Todisco in diesem Roman von einem klandestinen Schicksal in einem belebten Wohnhaus, von kindlichem Einfallsreichtum und heimlicher Freundschaft.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2018
Rezensent Paul Jandl ist sehr angetan von Vincenzo Todiscos Roman. Das Kaspar-Hauser-Kind im Buch, im Verborgenen lebender Spross eines Gastarbeiterpaares in der Schweiz der 60er Jahre, geht im nah. Das Kind, das die Behörden nicht finden dürfen, lebt eine Schattenexistenz. Nähe findet es nur bei anderen Schatten, den Einsamen, Isolierten im Haus, so Jandl. Die Atmosphäre aus Polizeiüberwachung und Denunziantentum kann ihm der Autor mitunter auf fast surreale Weise vermitteln, subtil politisch und mit durchgehaltenem Moll-Ton. Für Jandl ein tieftrauriger paradoxer Entwicklungsroman.
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