Bild und Bildung gehören etymologisch und semantisch zusammen; mhd. "bildunge" bedeutet etwa "bildhafte Vorstellung". Die Gottebenbildlichkeit des Menschen bleibt noch in den säkularisierten Formen der Moderne erkennbarer Leitfaden für das Ziel menschlicher Selbstvervollkommnung. Mit der Herausbildung eines neuen Individualitäts- und Entwicklungsbegriffs im 18. Jahrhundert korrespondiert die Entstehung des Bildungsromans, in dem das Lernen über Bilder in der Epoche des "emblematischen Zeitalters" (Herder) abgelöst wird zugunsten einer literarischen Form, die auf Schrift setzt. Ein solcher aufklärerischer Anspruch an Texte macht es notwendig, Bilder fortan in Erzählung zu transformieren. Dieser Prozess wird an Beispielen von Goethes "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren", Mörikes "Maler Nolten" und Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" untersucht und - in einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert - in seinen Konsequenzen in Thomas Bernhards "Auslöschung" für das Konzept der Selbstvervollkommnung analysiert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.11.2004
"Bleischwer" hängt das Etikett "Bildungsroman" an schier jedem Buch, in dem sich ein junger Mensch mit der Wirklichkeit herumplagt, um seinen Weg zu finden. Und vor lauter verallgemeinerter Teleologie, findet Ralf Berhorst. Nimmt man oft die ästhetischen Eigenheiten der Werke nicht mehr wahr. Die Studie von Wilhelm Vosskamp ist deshalb für ihn ein Schritt in die richtige Richtung, denn obgleich der Kölner Germanist den Begriff des Bildungsromans bewahre, erweitere er ihn doch auch. Bei Vosskamp hat Bildung, also der "Prozess der Selbstvervollkommnung", mit Bildern und Einbildung zu tun - Bildern im Kopf des Helden, seien sie mythischer oder profaner Natur. Oft sind es im eigentlichen Sinne Bilder: vom Gemälde des kranken Königssohns, das Wilhelm Meisters Weg begleitet, bis hin zu den Fotos in Thomas Bernhards "Auslöschung", der negativen Bildungsgeschichte. Und immer, so fasst der Rezensent zusammen, übernimmt es die Imagination des Helden, die Bilder so zu überhöhen, dass sie einen Weg vorgeben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2004
Thomas Meissner findet die Perspektive recht interessant, aus der Wilhelm Voßkamp den Bildungsroman betrachtet: Da ist die Bildung, also das Ziel, da sind außerdem die Bilder, die den Erzählfluss - also die Bewegung hin auf das Ziel - unterbrechen, und ferner die Einbildungskraft des Helden, die ebenfalls ablenkt. Und die Spannung zwischen diesen Elementen, das "Widerspiel von Narration und Bildlichkeit", macht den Roman. Eine gute Studie also, und ohnehin begegnet der Rezensent dem Bildungsroman lieber in sekundärer als in primärer Form. Denn: "Was hier an deutschem Geist und Wesen wabert, möchte man so nun wirklich nicht mehr lesen."
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