Im Schatten der Lebenswissenschaft: Kants Ästhetik und Goethes Poetik des Anorganischen. Wolfgang Hottners Studie rückt zum ersten Mal einen zentralen Bestandteil der Ästhetik, Wissenschaft und Poetik am Ende des 18. Jahrhunderts in den Blick: das Anorganische. Vor dessen diskursiver Marginalisierung durch eine vitalistisch-biopolitische Vernunft, die an der Schwelle zur Moderne primär das "Leben" zu denken versucht, spielt es insbesondere in den Werken Kants und Goethes eine entscheidende Rolle. In deren je spezifischer Faszination für kristalline Formen und Formwerdungsprozesse werden nicht nur die Prämissen und Aporien einer Ästhetik der Lebendigkeit neu vermessbar, sondern auch die unabgegoltene Widerständigkeit anorganischer Materie ersichtlich, an der sich die Kunst der Romantik und der Moderne abarbeiten wird. Hottners wissensgeschichtlich angelegte Archäologie anorganischer Ästhetik und Poetik zeigt insbesondere anhand kristalliner Formen und Figuren, dass diese für den ästhetischen, poetologischen und prototechnischen Form- und Formwerdungsdiskurs um 1800 mindestens genauso wichtig waren, wie die Rede von Bildungstrieb, Zeugung und Metamorphose. Damit wird eine bisher latente Episode in der Geschichte der modernen Literatur und Ästhetik sichtbar, die die Kant- und Goethe-Forschung vor neue Herausforderungen stellt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.10.2020
Rezensent Thomas Steinfeld verrät Wolfgang Hottners Doktorarbeit etwas über den Stand der Literaturwissenschaft. So schlecht scheint es um sie nicht zu stehen, denn Hottners Rekonstruktion von Goethes und Kants Begeisterung für Geologie und Mineralogie und ihre Verortung im naturwissenschaftlichen Zusammenhang regen Steinfeld an. Der "weite Bogen" der Arbeit, die "kristallische Ästhetik" praktischer Naturforschung sowie Keplers und Descartes' Schneetheorien behandelt, versorgt Steinfeld mit allerhand Stoff zum Nachdenken, indem er ihm ein ganzes Wissensgebiet erschließt, das sein Verständnis der Literatur der Goethezeit erweitert.
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