Die Studie verknüpft zwei für das NS-Regime zentrale Aspekte: den globalen Krieg als Voraussetzung der nationalsozialistischen "Lebensraum"-Utopie und Gesundheitspolitik, der als Instrument biologistischer Formung des "Volkskörpers" zentrale Bedeutung für die Gesellschaftspolitik des "Dritten Reiches" zukam. Winfried Süß untersucht den Krieg als intervenierenden Faktor innenpolitischer Entscheidungen und sozialer Verhältnisse. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Funktion, Handlungsspielräume und Wirkungen der Gesundheitspolitik seit dem September 1939 veränderten. Dabei werden bislang unverbundene Erkenntnisebenen zusammengeführt: zeit- und medizingeschichtliche Fragestellungen, gesundheitspolitische Prozesse und ihre sozialgeschichtlichen Folgen, zentralstaatliche, regionale und lokale Handlungsarenen. Erstmals wird das Handeln Karl Brandts, einer gesundheitspolitischen Schlüsselfigur der Kriegsjahre, umfassend dargestellt. Hitlers Begleitarzt und Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen agierte an der Schnittstelle zwischen den "heilenden", ausgrenzenden und vernichtenden Elementen nationalsozialistischer Gesundheitspolitik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2004
Rezensent Robert Jütte lobt diese Münchner geschichtswissenschaftliche Dissertation von Winfried Süß als "einen Meilenstein in der Erforschung der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik". Allein das Verzeichnis der benutzten Archive umfasst, wie man erfährt, fünf Druckseiten. Nicht allein durch Aktenfunde aber, hebt Jütte hervor, würde dieses Buch viele von der Forschung bislang noch nicht abschließend geklärte Vorgänge in einem neuen Licht erscheinen lassen. Besonders herzuheben sind hier nach Ansicht des Rezensenten die Ausführungen von Süß zu den gesundheitspolitischen Problemen der "Kriegsgesellschaft", mit denen Süß "Neuland betritt". Ansonsten, erfährt man, richtet die Studie im ersten Teil den Blick auf die drei "gesundheitspolitischen Machtzentren" im Dritten Reich und bietet außerdem auch eine "kollektivbiografische Untersuchung" der gesundheitspolitischen Akteure im Dritten Reich. Zu den "innovativsten Kapiteln" des Buches aber gehört für Jütte vor allem dasjenige, das untersucht, wie die medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung sich im Laufe des Krieges dramatisch verschlimmerte.
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