Von den über 118.000 im März 1939 in Böhmen und Mähren lebenden Juden konnten bis Oktober 1941 nur etwa 25.000 flüchten. Seit der Errichtung des Protektorats radikalisierten tschechische und deutsche Behörden die antijüdische Politik. Sie beraubten die Juden ihres Eigentums, ghettoisierten sie, zogen sie zur Zwangsarbeit heran und deportierten sie schließlich nach Theresienstadt, bevor viele von dort in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Rund 80.000 tschechische Juden fielen dem Holocaust zum Opfer.
Wolf Gruner zeigt, dass die Politik nicht allein von Berlin aus gesteuert, sondern oft auch von der tschechischen Regierung oder lokalen Behörden vorangetrieben wurde. Prager Initiativen beförderten, wie in der Frage der Kennzeichnung der Juden 1941, sogar zentrale Entscheidungen im Deutschen Reich oder anderen besetzten Gebieten. Das Protektorat nimmt damit eine bisher verkannte wichtige Zwischenstellung in der Radikalisierung der antijüdischen Politik ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2017
Andrea Hopp annonciert mit dem Buch von Wolf Gruner ein künftiges Standardwerk für die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Die Verfolgung in Böhmen und Mähren und ihren Zusammenhang mit den Verhältnissen im Großdeutschen Reich kann ihr der Autor in "erschütternden Details" und mit Seitenblick auf die Entwicklungen in Deutschland, Österreich und Polen darlegen. Zahlreich sind die vom Autor vermittelten Erkenntnisse, meint Hopp. Etwa zu den individuellen Handlungsspielräumen von Beamten und Bürgern und zu den Dynamiken der Eskalation. Die Exaktheit der Studie scheint Hopp immer bemerkenswert, ob bei der Darstellung der Arbeit der jüdischen Gemeinden im Kampf gegen Gettoisierung und Deportation oder der Dokumentation von grassierendem Vorteilsdenken.
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