Wolfgang Heinrichs' Untersuchung zeigt, wie antijüdische Mythen und antisemitische Vorurteile entstanden sind und die Mentalität unserer Gesellschaft bis heute prägen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2001
Wolfgang E. Heinrich räumt in seiner Studie mit einigen etablierten Klischees über protestantischen Antisemitismus während des Deutschen Kaiserreichs auf, freut sich Friedrich Wilhelm Graf. So eindimensional, wie die Sozialgeschichtsschreibung das Verhältnis zwischen Juden und Protestanten darstellt, war es nämlich nicht, hat der Rezensent nach der Lektüre der Abhandlung erkannt. Deren Fülle an Informationen hat Graf schier überwältigt. Der Autor hat eine große Zahl veröffentlichter und bisher nicht veröffentlichter Quellen, darunter protestantische und jüdische Zeitschriften, Kirchenmitteilungen, Flugschriften und Predigtensammlungen, "hermeneutisch sensibel" ausgewertet. Und er ist zu einem anderen Schluss gekommen als andere Studien zum Thema: Der Grad des Antisemitismus unter den Protestanten hing stark davon ab, welchen Frömmigkeitsstil, welche Theologie, welchen moralischen Habitus, welche soziale Trägerschicht und welch subjektives Krisenempfinden die einzelnen Christen hatten. Es gab nicht ein festgelegtes Judenbild im Kaiserreich, sondern viele. Es ist das Verdienst von Heinrich, ist der Rezensent überzeugt, die Ambivalenz dieser verschiedenen Stereotypen erkannt und untersucht zu haben.
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