Bücher der Saison

Lyrik

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Hiromi Ito erinnert uns daran, was radikales Denken mal war. Ukrainische Lyrik erinnert uns daran, was solches Denken kosten kann. Silke Scheuermann erinnert uns daran, was ein Sonett ist: 14 Zeilen Liebe pur. Und Ulf Stolterfoht macht "winke winke, ihr vollpfosten und halbhorste!"
Abtreibung - "Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung" - gepaart mit der Angst, eines Tages selbst eines Tages von der eigenen Mutter getötet zu werden, Sex, Wildschweine und die japanische Gesellschaft, das sind so die Themen der 1955 in Tokio geborenen japanischen Dichterin Hiromi Ito, die gewissermaßen autofiktional schrieb, bevor der Begriff erfunden wurde, erzählt Jörg Plath, der sich im dlf Kultur und in der NZZ freut, Itos "Garstiger Morgen" (bestellen) annoncieren zu können, einen Band, der mit Texten aus 45 Jahren Einblick in das Schaffen der Autorin - Gedichten und Kurzprosa - gibt. "Itō schreibt elliptisch und mit Anleihen bei der Mündlichkeit, sie wechselt behänd die Register, springt von Wahrnehmung zu Reflexion und zurück, ist so spontan wie überlegt, dazu eine Kennerin der buddhistischen und anderer Literatur", so der beeindruckte Rezensent. Alte Garde eben. In der FAZ würdigt die Dichterin Marion Poschmann, dass Ito auch über schwere Themen nie die "Liebe zur Sprache" vergisst. Ein dickes Lob geht auch an die Übersetzung Irmela Hijiya-Kirschnereit.

Endlich ein neuer Gedichtband von Silke Scheuermann, freut sich Beate Tröger im Dlf. Die Gedichte in "Zweites Buch der Unruhe" (bestellen) befassen sich mit der menschlichen Einsamkeit, erfahren wir, aber auch mit neuer Technik, zu der sie konstatiert: "das Durcheinander erinnert mich an mich". Zwischen Dystopie, Kapitalismus und Liebe muss sich der Mensch irgendwie finden, ist die Erkenntnis, die Tröger mitnimmt. FAZ-Kritiker Jan Wiele liebt vor allem die sprachliche Präzision Scheuermanns: "Weggemeißelte" Verse wie in "Apfelmadonna", wo "leichte Mädchen/ mit Glitzer im Haar an/ der Hauptausfallstraße" plötzlich als Maria gesehen werden, entfalten für ihn eine unerhörte Bildkraft. Eine Romantikerin ist Scheuermann, selbst wenn sie über die Liebe zu einem Roboter schreibt: "Sonette sind immer noch vierzehn Zeilen lang und pure Liebe."

Neben einer Anthologie ukrainischer Literatur des Ersten Weltkriegs ("Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung", bestellen) ist auch "Dichtung der Verdammten" (bestellen), eine zweisprachige Anthologie ukrainischer Dichtung aus den zwanziger Jahren, im Arco Verlag erschienen. Die meisten Dichter, die der 1947 im deutschen Exil verstorbene ukrainische Dichter Oswald Burghardt für diese Sammlung ausgewählt hat, waren Teil der Kiewer "Neoklassiker", die in der Ukraine der 1920er Jahre mit ihrer Orientierung an den französischen Symbolismus einen kurzen Aufbruch ermöglichten, bevor die stalinistischen Säuberungen auch drei von ihnen im Gulag das Leben kosteten, erzählt Christian Thomas in der FR. NZZ-Kritikerin Judith Leister beeindruckt besonders ihre Anschlussfähigkeit an die resteuropäische Moderne. Kerstin Holm empfiehlt in der FAZ außerdem noch einen Band mit Gedichten des 1861 verstorbenen ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko: "Flieg mein Lied, meine wilde Qual" (bestellen). Schewtschenko gilt als Wegbereiter der modernen ukrainischen Kultur. Er wurde als Leibeigener im Dorf Morynzi in der Zentralukraine geboren und 1838 von Künstlerfreunden in Sankt Petersburg freigekauft. Wegen eines regimekritischen Gedichts wurde er zu lebenslangem Militärdienst verurteilt. Erst nach dem Tod des Zaren 1857 kam er frei und starb 1861 in Sankt Petersburg, ohne jemals in die Ukraine zurückkehren zu können, informiert der Verlag in einer kurzen Künstlerbiografie. Es geht in seinen Gedichten oft um Fremdbestimmung, um Unterwerfungsrituale gegenüber den "Großrussen". Lesenswert ist diese Ausgabe aber auch wegen der Übertragung durch Beatrix Kersten, die den vielgestaltigen Sound Schewtschenko kongenial trifft, lobt Holm.

Empfohlen werden schließlich noch Jörg Piringers Band "verbrenner" (bestellen), der mit großer formaler Raffinesse eine "Gegenwartsdiagnostik" der "Verbrennerdämmerung" unserer Zeit wagt, so der begeisterte Christian Metz in der FAZ. Ulf Stolterfohts Abenteuergedicht "rückkehr von krähe" (bestellen): Hier wirbeln immer neue Figuren und Ideen den von Ted Hughes' Gedichtband "Crow" inspirierten Text durcheinander; denen, die da nicht mehr mitkommen, ruft Stolterfoht zu: "winke winke, ihr vollpfosten und halbhorste!" - in der FAZ ist Christian Metz hingerissen. Und "Im Mundexil" (bestellen), ein Band mit 100 Gedichten der ugandischen Genderforscherin und Anthropologin Stella Nyanzi: "Nichts für schwache Gemüter", warnt in der taz Amira El Ahl, beeindruckt von der Wut auf ihr Heimatland, ihre Opposition und ihre Haft, die Nyanzi in ihrer Lyrik verarbeitet.

Mehr Lyrikempfehlungen finden Sie in Marie Luise Knotts Kolumne "Tagtigall".

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