Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Es ist Frühling, beginnen wir mit den Debütanten. Zu den vielbesprochenen Frühlingsdebütanten gehört vor allem Annette Pehnts Roman "Ich muss los" über einen schüchternen Stadtführer, der Limonadebrunnen und Honigfrauen zusammenbringt. Die SZ lobt die prägnante Sprache der Autorin, die FAZ hat hier ein witziges und böses Stück Literatur gefunden, und für die Zeit ist Annette Pehnt glattweg vom Himmel gefallen.
Sehr gut besprochene Debüts wurden weiter Nika Bertrams "Der kahuna modus", ein experimenteller Roman über eine Comic-Zeichnerin, den die SZ (die in ihrer Literaturbeilage sehr viele Debüts besprochen hat) in der Tradition von Konrad Bayer sieht, Ramona Diefenbachs hochelegantes Debüt "Das Spiegelhaus", ein Roman über die gegenseitige Verlockung dreier vierzehnjähriger Mädchen und eines pädophilen Mittdreißigers und Norbert Zähringers Roman "So", dessen Geschichte eines Ostberliner Bankräubers sich laut SZ liest, als hätten die Marx Brothers einen Roman geschrieben.
Die beiden am überschwänglichsten gefeierten Autoren zwar die Vierzig weit überschritten, gelten aber dennoch als Außenseiter in der Szene: Georg Kleins Detektivgeschichte "Barbar Rosa" bewundert die FAZ, die dem Buch ihre Aufmacher widmete, für das virtuose Spiel mit literarischen Anspielungen. Die SZ warnt vor würgend-widerlichen Passagen, bekennt aber auch, dass dieses "Gruselkabinett" verführerisch ist. Und die Zeit behauptet schlicht: "Niemand schreibt derzeit Vergleichbares".
Viel besprochen wurden weiter Milan Kunderas Heimkehrergeschichte "Die Unwissenheit", Don DeLillos Roman über "die Überwindung des Todes durch die Aufhebung der Zeit" (Zeit) "Körperzeit" , John Fosses "Melancholie", ein Künstlerroman und schwerer Fall von Weltliteratur (SZ), Haruki Murakamis "Naokos Lächeln", dem die Zeit in ihren Aufmacher bescheinigt, sehr direkt über Liebe und Sexualität zu sprechen, während die FAZ hier nur einen gescheiterten Entwicklungsroman fand, Tim Parks "Schicksal", ein Roman über Ehe und Identität, der FAZ und taz gleichermaßen hinriss und Thomas Lehrs "Meisterstück" (FR), die Novelle "Frühling", deren assoziative Erzählrhythmik die taz bewundert.
Einsam amüsierte sich Frank Schirrmacher in der FAZ über Michael Frayns "Celias Geheimnis", die Geschichte einer Blamage des Schriftstellers Frayn. Niels Bohr und Werner Heisenberg sind daran nicht unschuldig! Und auch Nicolaas Matsiers "Selbstporträt mit Eltern" fand bisher nur eine Bewunderin, die allerdings so hingerissen und engagiert war, dass man das Buch am liebsten gleich bestellt hätte: Schlicht als ein Wunder bezeichnet Margrit Irgang in der SZ diese Geschichte einer Jugend in den Niederlanden der vierziger und fünfziger Jahre und lobt die ungewöhnliche Anmut der Erzählung.
Allgemeine Bewunderung erntete Philippe Jaccottets Lyrikband "Antworten am Wegrand". Die FR feierte Jaccottets Naturbeschreibungen als Kunst der Notiz, die SZ konnte nach der Lektüre wieder an das Allerschönste glauben, und die FAZ sah starke Mächte freigelegt. Sehr gut besprochen wurden auch Ulrike Draesners Gedichtband "für die nacht geheuerte Zellen", der die FR in betäubendes Verdämmern versetzte und Thomas Klings "Botenstoffe".
Gefeiert wurde vor allem Kurt Schwitters wunderbar surrealistische "Geschichte vom Hasen" (ab 5 Jahre). Nur bei den Illustrationen von Carsten Märtin gibt es Diffenzen: SZ und Zeit gefielen sie, der FAZ nicht. Die Zeit liebte "Ein Haus voll Musik" (ab 5 Jahre) über eine Hausgemeinschaft von Musikinstrumenten, die FR empfiehlt fünf Jugendbücher, die sich mit Nationalsozialismus und Flucht auseinandersetzen - hier besonders Mirjam Presslers "Malka Mai". Cool findet die Zeit eine in der Tierwelt angesiedelte Kriminalgeschichte mit einer Wanze als Detektiv: "Heiße Spur in Dixies Bar". Und allein schon wegen des wunderbaren Titels ist noch auf Elisabeth Zöllers "Ich knall ihr eine" (immer empfehlenswert) hinzuweisen, in dem ein Mädchen lernt, sich gegen einen Klassenschreck durchzusetzen.
Im Bereich Biografien/Erinnerungen ist vor allem auf Bernhard Graus Biografie des 1919 ermordeten jüdischen Sozialdemokraten Kurt Eisner hinzuweisen. Die SZ lobt das Einfühlungsvermögen des Autors und die Zeit ist beeindruckt von der sorgfältigen Recherche.
Unter den politischen Büchern dominierte Joachim Raschkes Abrechnung mit den Grünen: "Die Zukunft der Grünen - so kann man nicht regieren". Nach Wolfgang Roth in der SZ dürfte die Lektüre vielen Grünen wehtun, so scharf werde hier ihre Orientierungslosigkeit gegeißelt. In der Zeit schildert Matthias Geis das Buch als Porträt einer "ehemaligen" Reformpartei, und in der FR hat Vera Gaserow das Buch als einen vorweggenommenen Obduktionsbericht gelesen.
Bei den historischen Büchern ist auf den ersten Band der "Deutschen Erinnerungsorte" hinzuweisen, ein Projekt, das sich an die berühmten französischen "Lieux de memoire" anlehnt - in Frankreich leitete dieses von Pierre Nora herausgegebene Sammelwerk eine Rückkehr zur politischen und Kulturgeschichte ein. Ähnlich wie in den "Lieux de memoire" geht es in den "Deutschen Erinnerungsorten" darum, die Bedeutung bestimmter nationaler Themen für die Identität und das Selbstbild eines Landes zu ermessen. Das kann das Nibelungenlied sein, aber auch die Schriftstellerfamilie Mann.
Auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus reißt nicht ab. Das am heftigsten diskutierte Buch war Edwin Blacks "IBM und der Holocaust", das als eines der ersten Bücher an das Tabu amerikanischer Kollaborationen mit den Nazis rührt. Die Kritiken sind allerdings äußerst zwiespältig. In der SZ lobt Volkhard Knigge die Seriosität der Darstellung und folgt Blacks These, dass die Lockkartenmaschinen von IBM den Nazis bei ihren Mordplänen durchaus hilfreich waren. In der taz findet Peter Steinkamp das Buch zwar interessant, aber fragwürdig, während Matthias Arning in der FR eindeutig kritisch ist und den ungenauen Begriff der "Verstrickung" kritisiert.
Im Bereich Philosophie wurde Wolfgang Bauers nachgelassene Geschichte der chinesischen Philosophie mit dem größten Respekt aufgenommen: Die FAZ findet es von immensem Nutzen, die Zeit sieht darin einen vorzüglich geschriebenen und auch für Laien verständlichen Beitrag, die Grenzen eurozentrischen Denkens aufzuzeigen. Die FAZ war außerdem sehr angetan von Alain de Bottons "Trost der Philosophie". Der Autor untersuche angenehm unangestrengt die lebenspraktische Verwendungsfähigkeit großer Philosophen wie Schopenhauer (hilfreich bei Liebeskummer) und Montaigne (zuständig für Erektionsprobleme).
In den Naturwissenschaften erschien uns am interessantesten die Biografie eines Schafs: "Dolly" von Ian Wilmut, Colin Tudge und Keith Campbell. "Wissenschaftliche Informationen aus erster Hand", lobt die FAZ. Und auch die SZ findet, es ist eine manchmal etwas komplizierte, aber lohnende Lektüre. Zustimmung fand auch "Gott würfelt nicht", Richard Morris Geschichte der Physik, die auch für Laien lesbar ist, wie die FAZ versichert.