Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Hier gab es immerhin einen eindeutigen Favoriten: Wolfgang Schivelbuschs "Kultur der Niederlage" gehört zu den meist besprochenen Büchern in den Beilagen. Schivelbusch untersucht, wie die amerikanischen Südstaaten nach 1865, Frankreich nach 1871 und Deutschland nach 1918 mit ihren militärischen Niederlagen umgingen. Die Kritiken waren gespalten. Franziska Augstein, die Tochter des Spiegel-Herausgebers, betrachtet das Buch in der SZ aus einer dezidiert linken Perspektive und findet es apolitisch, ja reaktionär in seinem Assoziationsreichtum. Auch Stefan Reinecke (taz) findet manche Parallelziehung Schivelbuschs zwischen den einzelnen Ländern ziemlich gewagt, aber eben auch brillant. Die Lektüre scheint ihm gerade deshalb Spaß gemacht zu haben. Äußerst positiv dann Ulrich Speck in der FR, der die Hauptthese des Buchs schön zusammenfasst: "Der Sieger trägt zwar den Sieg davon, der Verlierer aber die Chance zur Erkenntnis." Sehr positiv, trotz mancher Einwände, auch die Kritiken in der NZZ und in der FAZ.
Die Kulturgeschichte war mal wieder reich an Einfällen. Die Zeit bespricht etwa Otto F. Bests "Sprache der Küsse" bislang zwar als einzige, aber Hella Kempers Kritik ist anregend: Sie lobt gerade das vergleichsweise Trockene der Lektüre, die seriöse historische Aufbereitung des Themas. Allerdings hätte sie sich ein paar Illustrationen gewünscht. Weniger positiv war Ulrich Stocks Reaktion auf eine Geschichte des Penis, ebenfalls in der Zeit: "Unter dem Feigenblatt" von Maggie Paley. Er findet es zu Amerika-fixiert. Einige der wenigen Bemerkungen zur europäischen Geschichte des Organs falle zu Kafka und sei überdies wenig schmeichelhaft: "acht Zentimeter".
Viel besprochen dagegen - zeigen sich da etwa die eigentlichen Vorlieben unserer Rezensenten? - ist Niklaus Largiers "Lob der Peitsche", das im Untertitel eine "Kulturgeschichte der Erregung" verspricht. Das Instrument scheint darin aus allen politischen, psychologischen und theologischen Facetten vorgeführt zu werden. Christina Braun fühlte sich durch das Buch zu einer sehr ausführlichen Besprechung in der NZZ inspiriert. Sie lobt die vielen Illustrationen des Bandes, hebt aber hervor, dass er doch vor allem die religiösen Aspekte des Themas - die Selbstgeißelung - zu privilegieren scheint. In der FAZ hat der berühmte Historiker Hans Ulrich Gumbrecht ("1926") höchstpersönlich den Band besprochen. Er kann sich an der "soliden Sachkenntnis" des Autors, seiner erstaunlichen Belesenheit und vor allem seinem bemerkenswerten Darstellungstalent nicht genug erfreuen. Endlich mal eine Lektüre, die Erregung und Erbauung verbindet!
Dass Gregor Schöllgens Biografie über Willy Brandt mit großem Interesse erwartet wurde, zeigt schon der Name eines der Rezensenten: Hans-Jochen Vogel, Nachfolger im Amt des SPD-Vorsitzenden, hat das Buch für die SZ gelesen. Er kommt zu einem abgewogenen Urteil: Gut lesbar sei der Band, aber gestört hat Vogel gerade, was andere vielleicht am meisten interessiert - dass Schöllgen offensichtlich auch ausführlich auf Brandts Privatleben und auf seine Rivalität zu Helmut Schmidt und Herbert Wehner eingeht. Daniel Koerfler sieht die Sache in der taz dann auch entspannter und liest das Buch als sensibles Psychogramm eines 'Gescheiterten'. Recht positiv auch die Besprechung von Rainer Blasius in der FAZ. Er verteidigt die persönliche Darstellungsart Schöllgens mit dem Argument, dass es hier darum gehe, eine komplexe Politikerfigur einem breiten Publikum nahezubringen.
Äußerst gewichtig, nämlich 1.427 Seiten dick, ist John C.G. Röhls "Wilhelm II." Und dies ist bereits der zweite Band eines monumentalen Unterfangens. Johannes Willms erwartet in der SZ von dem Band eine "umfassende Revision des preußisch-deutschen Geschichtsbildes der Epoche vor 1815 bis 1933", allerdings nicht so sehr wegen der Wertungen des Autors, sondern wegen des ungeheuren Materialreichtums, der das Buch zur Quelle für weitere Historiker werden lässt. In der FR feiert Wilhelm von Sternburg den Band schlicht als Standardbiografie. Und in der Zeit äußert sich Volker Ullrich schwer beeindruckt von dem Band, auch wenn er findet, dass der britische Historiker manchmal über der Konzentration auf seine Hauptperson den historischen Kontext vernachlässigt.
Auch französische Philosophen spielen eine große Rolle in dieser Saison. Die NZZ und die FAZ liefern ausführliche Kritiken von Michel Foucaults "Dits et ecrits", auch ein großes Vorhaben, denn hier werden in den nächsten Jahren die verstreuten Essays und Interviewäußerungen des Poststrukturalisten versammelt. Bernhard Dotzler zeigt sich in der NZZ anlässlich des ersten Bandes erstaunt, welch große Rolle die Literatur im Oeuvre Foucaults spielte. Andreas Platthaus sieht ihn in der FAZ schon in den frühen Jahren als Streiter für das wilde Denken. Platthaus lobt auch ausdrücklich die sicherlich nicht einfache Übersetzung dieser Schriften.
Zu annoncieren ist auch ein nachgelassener Band eines der "trübsinnigsten Menschen des 20. Jahrhunderts". In den "Cahiers" des ungarisch-französischen Philosophen Cioran finden sich bisher unbekannte "Maximen und Gedankensplitter" des für die Schwärze seines Denkens berühmten Autors. Wolf Lepenies beginnt seine Kritik des Bandes "In der Seele ein Deserteur" in der SZ rundheraus negativ - und erliegt am Ende doch der Faszination, als er Ciorans Sinn fürs Lächerliche entdeckt. Auch Jürg Altwegg findet in der FAZ, dass die Aphorismen des Bandes hinter den bisher veröffentlichten nicht zurückstehen. Die Themen sind nicht neu, schreibt er: "Ekel vor der Geburt", "Abscheu vor der Ehe". Aber Altwegg ist süchtig: Der Leser, glaubt er, "wird auch noch die hundertste Schilderung einer schlaflosen Nacht nicht missen wollen".
Eine Amerikanerin auf den Spuren Günter Wallraffs? Barbara Ehrenreich hat sich für "Arbeit poor" in unterbezahlten "McJobs" in den USA verdingt, um die Lebensbedingungen der "Working Poor" zu erkunden. Glaubt man den Kritiken, so ist dabei eine äußerste lesenswerte, auch witzige und gut dokumentierte Reportage herausgekommen. Lutz Ellrich nennt das Buch in der FR zwar ein wenig narzisstisch, aber er zeigt sich beeindruckt von der Lektüre und teilt das Resümee der Autorin: "Die freiheitlichste Nation der Erde ist eine tief gespaltene Gesellschaft". Dirk Knipphals lobt in der taz die distanzierte Professionalität von Ehrenreichs Text ("dies ist Journalismus, Baby") und nennt das Buch als einen der seltenen Blicke auf die Hinterhofseite von Amerikas Reichtum.
Großes Lob gibt es aber auch für David Hockneys "Geheimes Wissen" über die Techniken der alten Meister. Die SZ ist von der Darstellung Caravaggio als modernem Filmregisseur überzeugt, die FAZ sieht in dem Buch eine anrührend schöne Geschichte. Schließlich freut sich die SZ, dass Erwin Panofskys wegweisendes Monumentalwerk "Altniederländische Malerei" nach fünfzig Jahren endlich auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, während die FAZ Fred Lichts "Goya" nicht nur gefährlich schön, sondern auch "eminent klug und fesselnd geschrieben" findet.
Von den naturwissenschaftlichen Büchern wird vor allem Lise Eliot Studie über die Entwicklung des kindlichen Gehirns empfohlen. Die SZ sieht in "Was geht da drinnen vor?" einen gelungenen Bildungsroman, die FR findet das Buch gerade richtig, um "Erziehung nicht für sinnlos, aber auch nicht für allmächtig zu halten". Die Zeit würdigt außerdem den Bericht des Biologen Robert M. Sapolsky "Mein Leben als Pavian" als ein aufregendes Buch, als ergreifend gar die Beschreibung der an Tuberkulose verendenden Primaten.
Geteiltes Echo findet Heinz-Dieter Hausteins "Weltchronik des Messens". Während die NZZ in diesem Buch ein Standardwerk und merkwürdiges Faszinosum sieht, bemängelt die FAZ, dass manches weniger mit Messen zu tun hat als mit Rechnen. Dagegen lobt die FAZ "Werkzeuge und Wissen" von Harold Dorn und James E. McClellan als bestens gegen praxistauglichen Einheitsbrei. Und die SZ würdigt noch Hans Werner Ingensieps "Geschichte der Pflanzenseele" als spannende botanische und philosophische Spurensuche.