Auch Chris Dercon, der im neuen Haus für die Eröffnungsausstellung "Exposition Générale" verantwortlich ist, ist ganz aus dem Häuschen angesichts der neuen Museumsräume. Im Gespräch mit der Welt schwärmt er: "Ich würde es als kubistisches Gemälde beschreiben oder mit den 'simultanen Kleidern' von Sonia Delaunay vergleichen: Man sieht alles gleichzeitig. Es entstehen neue Perspektiven zwischen den Werken und man kann die Menschen beobachten, die sie ansehen. Die horizontale Perspektive vermischt sich mit der vertikalen. Es ist ein 'street museum' entstanden. Man muss nur hier aus dem Fenster schauen, die Passanten beobachten, und schon hat man eine Videoinstallation, ein Werk von Beat Streuli ganz umsonst! Auf der anderen Seite der Straße kann man in den Louvre hineinschauen. Das ist einfach fantastisch. Es ist eine Sehmaschine entstanden, eine Maschine des Sehens und Gesehenwerdens."
Weiteres: Peter Richter schreibt in der SZ zum Tod des Architekten Rudolf Horn.
Seit Barock und Rokoko ist es mit der Stilsicherheit und -eindeutigkeit vorbei, stöhnt Dankwart Guratzsch in der Welt beim Anblick von "Eigenheim-Plantagen in Vorstädten". Architektur möchte er das nicht mal nennen: "Vieles ergeht sich im Nachplappern des Ordinären. Baufabriken steuern Serien gleichförmiger Schachteln bei, die in ihrer Summe nichts Besseres als ein auf die Wiese gekippter und in Häppchen zerstückelter 'neuestfarbig lackierter' Plattenbau sind. Wer ist hier noch Individuum und wer schon Stallhase? Eine Sonderklasse vermeintlicher Modernität stellen die technoiden Gehäuse der Glasvitrinen, Öko-Schatullen und schlecht gelüfteten Wärmepumpenboxen dar, die nichts mit Architektur, umso mehr aber mit krampfigen ingenieurtechnischen Experimenten zu tun haben. 'Der Überdruss an Spektakulärem und drängende Probleme sorgen dafür, dass im Diskurs über Architektur die Produktion außergewöhnlicher Sensationen in den Hintergrund tritt. Neues zu produzieren erscheint schon fast zwanghaft', meint der Architekturkritiker Christian Holl."
Übellaunig kehrt auch Marcus Woeller (Welt) vom Richtfest für das Berlin Modern zurück, denn: "Der Rohbau wirkt wie ein massiver Fremdkörper, der gewohnte Sichtachsen verstellt. 'Elegant und bescheiden' ist das Bauwerk nicht. Vielleicht kommt die Eleganz mit der finalen Gestaltung - doch sind angesichts der verschiedenen Umplanungen und kursierenden Renderings und Fassaden-Mockups Zweifel berechtigt."
Im Tagesspiegel staunt Nikolaus Bernau nicht nur, dass der Rohbau des Berlin Modern so weit fertig ist, dass die Richtkrone gezogen werden kann. Fassungsloser ist er über die Kostenexplosion: Kalkuliert wurde zunächst mit 149 Millionen Euro, inzwischen wird offen über 600 Millionen Euro Baukosten diskutiert, das sind 58.555 Euro pro Quadratmeter, weiß Bernau. Zum Vergleich: Das Berliner Humboldt Forum kostete "nur" 21.000 Euro pro Quadratmeter. "Neuerdings wird das Riesenprojekt bescheiden als 'Erweiterung' der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe annonciert. Dabei ist mit dem versprochenen unterirdischen Verbindungssaal oder wenigstens dem Korridor auf alle absehbare Zeit nicht zu rechnen: Unter der Sigismundstraße verläuft eine Hochspannungsleitung, deren Verlegung immens teuer wäre. Und wer bezahlte den Tunnel? Übrigens: Die Giebelwand des breiten Satteldachs ragt schon jetzt deutlich über die strikt horizontalen Linien der Neuen Nationalgalerie hinaus. Offenbar hatte es schon seinen Grund, dass Herzog & de Meuron nie eine Perspektivzeichnung vorlegten, die beide Bauten zusammen zeigt. Der edelste deutsche Museumsbau der Nachkriegszeit wird nun von seiner 'Erweiterung' regelrecht degradiert. Ein Affront, den die Berliner Denkmalpflege nur unter dem immensen Druck der Politik genehmigte."
Lange wurde über die Sanierung der 1934 nach Plänen von Albert Speer errichteten Zeppelintribüne auf dem Reichsparteigelände in Nürnberg debattiert - nun wurde das Richtfest gefeiert, berichtet Jannis Koltermann, der für die FAZ an einer Führung teilgenommen hat - und erschaudert: "Betritt man … von hinten das Innere der Tribüne, kommt man der ursprünglich beabsichtigten Wirkung näher. Im sogenannten 'Goldenen Saal', einer Art Eingangsfoyer auf der Rückseite der Ehrentribüne, sieht der Muschelkalk noch wie Marmor aus, Hakenkreuzmosaikeschimmern von der Decke, und nicht nur die Wandnischen und hohen Treppenaufgänge erinnern an Repräsentationsbauten aus dem alten Rom." Wichtig für die Erinnerungskultur ist der Erhalt dennoch, meint er, denn: man "kann sich ja nicht darauf beschränken, das Böse dort zu zeigen, wo es besonders offensichtlich ist, sondern muss auch jenen Stellen nachspüren, an denen das Böse im Gewand des Guten daherkam."
Hanno Rauterberg führt für die Zeit durch das "Franklin Village" in Mannheim, das gerade mit dem Staatspreis für Architektur als Deutschlands bestes Neubauprojekt ausgezeichnet und von den Architekten des Berliner Büros Sauerbruch Hutton erdacht wurde: "Nichts an dieser Architektur ist grundstürzend neu, neu ist nur, wie gesellig sie sein will. Und wie selbstverständlich sie das Gesellige und das Gesellschaftliche zusammendenkt. Sie tut alles, damit das Wohnen nicht Privatsache bleibt, sondern hinausstrebt ins Öffentliche und Offene. Das fängt schon damit an, dass es keine Haustüren gibt, keine Treppenhäuser, auch keine Eingänge, die zur Straße hin liegen. Erschlossen wird das Franklin Village allein über den Innenhof, umfangen von dreigeschossigen Riegeln mit weit ausgespannten Vorbauten. Es sind Laubenganghäuser, allerdings sind hier die Gänge keine Gänge, sondern breite Terrassen, über die man zu den rund 90 Wohnungen gelangt. Hier stehen auch Tische und Sessel, die Leute breiten ihr Spielzeug aus, züchten Tomaten, halten Kaninchen. Ein Raum, der den Einzelnen gehört und zugleich allen anderen."
Das Hotel "Les Trois Rois" in Basel. Foto: Hotel Les Trois Rois NZZ-Kritiker Ulf Meyer kann sich gar nicht sattsehen bei seinem Rundgang durch das neu gestaltete Hotel Les Trois Rois in Basel: "Für das Restaurant haben Herzog & de Meuron die bestehenden Kristallleuchter eigens durch Nachbauten ergänzt und detailverliebt alle Tische, Sessel und Wandoberflächen entworfen. Über der Bar hängt ein Baldachin in Form eines surrealistischen Gartens, entworfen vom Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger. Die zugleich intim und elegant gestalteten Sitznischen wurden um drei Stufen angehoben, um Blickverbindungen zwischen Innenraum, Rhein und Stadt zu schaffen. Der Blick auf den Fluss war schon dem berühmtesten Hotelgast, Theodor Herzl, wichtig. Die große Suite in der Beletage liegt in der ehemaligen Wohnung des Bankdirektors. Vom Entrée mit rundem Speisesaal aus eröffnet sich eine Enfilade von Räumen, die nur durch schwere Vorhänge unterteilt sind. So wie die Heiligen Drei Könige, nach denen das Hotel benannt ist, muss der Hotelgast allerdings beträchtliche Schätze bei sich haben, um sich den Luxus dieser Suite leisten zu können."
Fabian Ebeling zeichnet in der taz die Verbindungen zwischen kybernetischer Kunst und Smart-City-Utopien nach. Letztere sind derzeit wieder en vogue, sowohl in totalitären Staaten wie Saudi Arabien (siehe etwa hier) als auch in westlichen Demokratien wobei, ein Blick zurück zeigt, wie eng progressive Kunst und Stadtplanung teilweise beieinander sind, zum Beispiel im Werk des in den 1950er und 1960er Jahren tätigen ungarisch-französische Künstlers Nicolas Schöffer: "Kybernetische Anwendungen zielen darauf ab, Systeme im Gleichgewicht zu halten. Schöffer will dieses Prinzip auf ganze Stadträume hochskalieren. Er entwickelt kybernetische Türme, die als ästhetische Spektakel fungieren und gleichzeitig als Kontrollzentralen Informationen aus städtischen Umgebungen einsammeln, um zum Beispiel das Klima in unterschiedlichen Zonen einer Stadt regulieren zu können. Bewohner*innen könnten hierbei aber auch selbst aktiv werden und durch Knopfdruck an den klimatischen Verhältnissen ihrer direkten Umgebung drehen."
Das älteste Grand Hotel Europas ist es wohl, das "Les Trois Rois" in Basel, das die Architekten Herzog und de Meuron nun umbauen durften, meint Klaus Englert in der FAZ. Er ist ganz angetan von ihren Ideen: "Das Entree durch den Seiten-Portikus ist ein Erlebnis, das den Haupteingang vergessen lässt - das Foyer empfängt mit Art-déco-Fliesen und pompösen Kronleuchtern, bevor es zur Wendeltreppe mit kunstvoll schmiedeeisernem Geländer weitergeht. Die Basler Architekten sind am stärksten, wenn sie auf den Überraschungsmoment setzen. Das fängt bei den Fluren an, die in Hotels gemeinhin recht einfallslos ausfallen, hier aber anmuten wie die verwunschenen Gänge einer Wunderkammer." Wo die Inspiration dafür herkommt, sieht Englert auch, es zeigt sich "einmal mehr, wie sehr die Baukunst von Herzog & de Meuron quer zur klassischen architektonischen Moderne in der Tradition des Bauhauses steht. Sie sympathisieren eher mit ihren Außenseitern, mit Erich Mendelsohn und dem Mexikaner Luis Barragán."
Außerdem besucht Stefan Trinks für die FAZ das neue Almaty Museum of Arts in Kasachstan.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Dringend empfiehlt Jens Malling auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ den Bildband "Ukrainian Modernism" des ukrainischen Fotografen Dmytro Solowjow, der ihm Einblicke in das nicht erst durch den russischen Angriff bedrohte reiche modernistischeSowjet-Erbe der Ukraine gewährt: "Gerade die Achtziger waren die Dämmerjahre der Sowjetunion. Eine Zeit, in der Designer, Architekten und Künstler scheinbar freie Hand hatten. In der ihrem Vorstellungsvermögen keine Grenzen mehr gesetzt waren. In der ihre Schöpferkraft keine Rücksicht mehr nehmen musste. Eine Zivilisation hatte ihren Zenit erreicht. Eine Weise, die Gesellschaft einzurichten, kulminierte. Und dasselbe galt für die Art, Fakultäten, Forschungsinstitute, Theater, Bahnhöfe, Busbahnhöfe, Kulturhäuser und Kinos zu gestalten."
"Franklin Village" in Mannheim. Büro Sauerbruch Hutton. Foto: Jan Bitter Wo bleibt das Wagemutige, Verrückte in der Architektur der Gegenwart, fragt sich Nikolaus Bernau in der taz, der überall nur noch Vorsicht vor Baukosten und Bauregeln in Deutschland walten sieht. Auch im "Franklin Village" in Mannheim, für das das Berliner Büro Sauerbruch Hutton nun den vom Bundesbauministerium und der Bundesarchitektenkammer verliehenen Deutschen Architekturpreis erhielt: "Es ist ein Intimität und Gemeinschaftlichkeit versprechender Wohnungsbau mitten in einem einstigen Kasernengelände. Meist angenehme drei Geschosse, große Grünhöfe, alles in Holz gebaut, in sorgfältig detaillierter Serie. Das ist werthaltig. Nur Mietwohnungen gibt es, die ihre NutzerInnen nicht mit Riesenkrediten belasten, die Grundrisse in unterschiedlichsten Formaten, davon mehr als zehn Prozent sozial gefördert und in enger Abstimmung mit den künftigen BewohnerInnen entwickelt. Kurz: 'Beim Franklin Village' von Sauerbruch Hutton kommt vieles von dem zusammen, was derzeit die Baupolitik fordert."
Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Ann-Kristin Tlusty Marilyn Monroes Therapeutin Erika Freeman, die den Holocaust überlebte und nun mit 98 Jahren, den für die Öffentlichkeit gesperrten Balkon der Wiener Hofburg, auf dem Hitler den "Eintritt" seiner "Heimat in das Deutsche Reich" verkündete, zurückerobern will. In der FAZ bewundert Ulf Meyer auf der kleinen Insel Naoshima Tadao Andos"New Museum of Art".
Hannes Hintermeier bestaunt für die FAZ das Werk der indischen Architektin Anupama Kundoo in der Ausstellung "Reichtum statt Schönheit" im Architekturzentrum Wien. Kundoo setzt dem westlichen Beton- und Expansionswahn Bauten wie ihr "Wall House" entgegen: "Das luftige, nach mehreren Seiten mittels Klappelementen zu öffnende Wall House ist nach seinen zweistöckigen unverputzten Ziegelmauern benannt. Diese Tonziegel werden vor Ort in temporären Öfen gebrannt, die nach dem Brennvorgang Backstein für Backstein zerlegt und verbaut werden, um dann wieder Feldern Platz zu machen. Die Ziegel sind dünn und unregelmäßig; mit Kennerschaft gefügt, tragen sie auch große Lasten. Gleiches gilt für die gewölbte Decke aus konischen, hohlen Tonkegeln, die ineinandergesteckt und auf der Außenseite von einer Schicht Ferrozement geschützt werden. Die Keramikdecke sorgt durch ihre Hohlräume für eine gute Klimatisierung."
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