Calder Gardens in Philadelphia. Foto: Herzog & de Meuron So ganz überzeugt ist Guardian-Kritiker Oliver Wainwright nicht von den Calder Gardens in Alexander Calders Geburtsstadt Philadelphia, die Herzog & de Meuron auf einem knapp fußballfeldgroßen Stückchen Land zwischen zwei Highways als halb unterirdisches Labyrinth angelegt haben. Jacques Herzog fühlte sich ungewöhnlich frei bei dem Entwurf, erzählt er Wainwright, sein Auftraggeber, Calder-Enkel Sandy Rower, wusste allerdings sehr genau was er nicht wollte: ein klassisches Museum. Und da beginnen für Wainwright die Schwierigkeiten, denn Informationen über den Künstler findet er kaum. "Sein Enkel beschreibt das Projekt als eine Art spirituelle Suche. Rower bezeichnet den Komplex als Hypogäum, also einen unterirdischen Tempel oder eine unterirdische Grabstätte, und nennt ihn 'einen heiligen Ort der Selbstkultivierung' - und tatsächlich hat der Ort etwas Ritualistisches an sich. Die Besucher werden auf eine theatralische Reise voller Kompression und Entspannung mitgenommen, durch dunkle Gänge geführt, dann in unerwartet luftige Galerien gestoßen, eingeladen, um Ecken zu spähen, sich in Nischen zu setzen und versunkene Gärten zu erkunden, um das Werk auf ihre eigene Weise zu entdecken, ohne dass ein Wandtext in Sicht ist. Die Idee ist nicht, zu fragen, wann und wie diese Skulpturen entstanden sind oder was sie bedeuten könnten, sondern sich einer rein ästhetischen Begegnung hinzugeben und mit Calders beweglichen Kreaturen in dieser kuriosen unterirdischen Menagerie zu kommunizieren."
Dankwart Guratzsch beschäftigt sich in der Welt mit einem Trend in der Architektur hin zu Planbarkeit und computergestützter Optimierung. Im Standardbespricht Adelheid Wölfi Maximilian Hartmuths Buch "The Kaiser's Mosque", das sich mit orientalischer Architektur in der Habsburgermonarchie beschäftigt.
"Einer ebenso tiefen wie weit ausschweifenden Beschäftigung mit einem Ost-Phänomen", nämlich dem Plattenbau, kann Paul Jandl für die NZZ in der Ausstellung "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Potsdamer Haus "Das Minsk" nachgehen. Sechzig Künstler haben das architektonische Relikt in Szene gesetzt: "Von außen hat Uwe Pfeifer die Großsiedlungen immer wieder gemalt. Seine Bilder haben schon im Titel eine subversive Nüchternheit, heißen 'Beton und Steine', 'Antennendach', 'Fußgängertunnel' oder 'Wäscheleine im Nebel'. Bis in die Tiefe sind die Plattenbauten gestaffelt. Ihr Minimalismus der Form dehnt sich als städtebaulicher Größenwahn bis zum Horizont aus, als gäbe es dahinter keine Welt. Peter Herrmann lässt in einem Ölgemälde Natur und Kultur fast karikaturhaft aufeinandertreffen. Stilisierte Kühe grasen vor einem ebenso stilisierten Wohnblock und schauen selbstvergessen aus dem Bild."
Mit der Wiedereröffnung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße feiert Nils Minkmar in der SZ eine hoffnungsvolle Nachricht. Der Architekt Gustav Meyerstein hatte das Gebäude in den letzten Jahren der Weimarer Republik im Bauhaus-Stil entworfen, Rachel Salamander hat sich mit dem von ihr gegründeten Verein "Synagoge Reichenbachstraße e. V." für die Wiederherstellung eingesetzt: "es ist ein Bau, in dem man auf Zeitreise geht, aber nicht in eine idealisierte Vergangenheit, denn von hier aus, das flüstert der Bau in vielen Details, wird es aufwärts und vorwärts gehen. Es ist auch für Menschen, denen jede religiöse Musikalität fehlt, ein Weltraumbahnhof für das Denken neuer Zustände, eine Reise zur Utopie. Das Licht und die Leichtigkeit der Synagoge in der Reichenbachstraße, die in ihrer rekonstruierten Form zum ersten Mal seit 1945 wieder zu spüren sind, wecken augenblicklich, wenn man dort zu Besuch ist, eine lange eingeschlafene Vorstellungskraft."
Weiteres: Christian Schröder spaziert für den Tagesspiegel auf der Suche nach Bauhaus-Gebäuden durch Berlin.
Die Eröffnung hat zwei Jahre länger gedauert als geplant, aus zehn wurden vierzehn Millionen Euro Baukosten: Geschenkt, meint Hannes Hintermeier in der FAZ beim Anblick der durch das Engagement der Publizistin Rachel Salamander wiederhergestellten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße: "Die Glaselemente der Decke sind baubedingt nur noch im hinteren Teil von Tageslicht durchflutet. Ein bläuliches Licht lässt den Raum schimmern, es verleiht ihm eine Anmutung corbusierhafter Klassizität. Allein der gelbe Veroneser Marmor, der die Nische des Thoraschreins fasst, wirkt eher barock als Bauhaus. Manche Bänke wurden gerettet und aufgearbeitet, das neue Eichengestühl steht im Erdgeschoss, wo auch die Türen mit sechs Mattglasfeldern originalgetreu nachgebaut wurden. Gleiches gilt für die kugeligen Bauhaus-Deckenlampen und die zwei hohen Leuchten, die den Thora-Schrein rahmen, mundgeblasenes Glas, die Fassungen aus Messing nachgeschmiedet."
Casino Municipale. Michele Cirigliano: "Architektur des Glücks" Urs Bühler trifft sich für die NZZ mit dem Regisseur Michele Cirigliano, der in seinem Film "Architektur des Glücks" das Scheitern des von dem Architekten Mario Botta für 150 Millionen Franken entworfenen brutalistischen "Casino Municipale" in Campione d'Italia dokumentiert. Als größte Spielbank Europas geplant, stürzte das Gebäude die Gemeinde 2018 in den Ruin: "Die Polizei räumte die marode gewordene Spielbank wegen Missmanagements, Bilanzfälschung, Amtsmissbrauchs. Die Gemeinde, als alleinige Besitzerin auf Gedeih und Verderb mit dem Betrieb verbunden, stand mit 130 Millionen Euro in der Kreide. Die meisten der 2000 Einwohner verloren ihre Arbeit. So wurde eine der reichsten Gemeinden Italiens schlagartig zu einer der ärmsten (...) Man nennt Kasinos auch Spielhöllen; hier ergriff das Fegefeuer nicht nur ein paar Individuen, sondern ein ganzes Kollektiv."
Darius Ossami begleitet für die taz den Linken-Politiker DennisEgginger-Gonzalez beim Abendspaziergang durch Berlin-Steglitz, wo sich ihm mit der fast verwaisten Shoppingmall "Boulevard Berlin", Unmengen an ungenutzten Parkplätzen, dem seit Ewigkeiten eingerüsteten Steglitzer Kreisel und dem leerstehenden Bierpinsel ein Trauerspiel bietet: "Seit 2021 gehört der Pinsel der Immoma GmbH von Götz Fluck (...), die dort wieder Gastro einrichten will und auch andere Luftschlösser plant, verbunden mit dem Hinweis, man suche noch nach Finanziers. Aus der ursprünglich für dieses Jahr verkündeten Wiedereröffnung wurde nichts. Egginger-Gonzalez spricht von 'spekulativem Leerstand', da Fluck die Grundfläche, die durch einen Erbbauvertrag dem Land Berlin gehört, eigentlich kaufen will."
Die ehemalige Wassersperre zwischen Berlin-Kreuzberg und Alt-Treptow soll zu einem Museum werden, berichtet Julia Schmitz im Tagesspiegel. Jetzt sind in einem Architekturwettbewerb erste Entscheidungen gefallen. Mehr Informationen hier.
Alle reden vom Bauturbo, aber passieren tut nix. Dafür sind Plattenbauten jetzt wieder en vogue, informiert uns Peter Richter in der SZ, wie einige Bucherscheinungen und jüngste Ausstellungen im Hamburger Bahnhof (hier) und in den Kunstwerken Berlin (hier) zeigen. Und jetzt eine Ausstellung im Kunsthaus Minsk in Potsdam, "die noch einmal ganz andere Aspekte des Themas in den Blick nimmt", zum Beispiel in Gestalt von Uwe Pfeifers Bilderserie aus den Siebzigern, "die diese neuen Habitate als Lebens- und Bildräume ausdrücklich ernst nehmen, sie aber gleichzeitig mit melancholischem Humor in das Licht der Romantik tauchen ('Wäscheleine im Nebel' sieht exakt so nach Caspar David Friedrich aus, wie das klingt)." Oder die Fotoserie mit der Sibylle Bergemann in Wohnzimmern der Plattenbauserie P2 in Berlin-Lichtenberg dokumentierte, wie die Bewohner die Platte unterwanderten: "Die meisten arbeiteten mit ihren Polstermöbeln, Kronleuchtern und Vorhängen geradezu verbissen gegen den industriellen Geist ihrer Plattenbauwände an. Eine Arbeit wie Gisela Kurkhaus-Müllers 'Marzahn' von 1982 zeigt, wie sehr diese optischen Verwandlungsversuche in Altbauten, Datschen oder Barockpaläste nicht zuletzt auf den Balkonen Blüten trieben."
Weitere Artikel: In Bilder und Zeiten (FAZ) freut sich Peter Kropmanns über die Wiederentdeckung des Pariser JugendstilarchitektenJules Lavirotte: Ihm und seiner Frau Jane ist derzeit eine Ausstellung in der Villa du Châtelet im französischen Évian-les-Bains gewidmet. Friedrich von Borries analysiert in einem Essay für die Zeit die Ästhetik der Trump-Regierung.
Weitere Artikel: In der SZ gibt Peter Richter ein Update zum knapp vierzig Jahre währenden Planungsdrama um die Bebauung des Berliner Molkenmarktes (unsere Resümees). Mitte 2026 sollen die Architekturwettbewerbe entschieden sein, verrät Bausenatorin Petra Kahlefeldt, bis 2029 wird man dann noch auf die Baugenehmigung warten müssen. Zumindest die Archäologen freuen sich, weiß Richter, denn in der Ausgrabungsstätte wurden bisher 700.000Fundstücke geborgen, die im erst diesen Sommer eröffneten Museum Petri Berlin gezeigt werden.
Schon wieder ist Bauhaus-Jubiläumsjahr, ächzt der nicht-gerade-Bauhaus-Freund Dankwart Guratzsch in der Welt: 1919 in Weimar gegründet, zog es 1925 nach Dessau. Entsprechend stehen dort heute Jubelfeiern in Anwesenheit von Ministerpräsident Reiner Haseloff, EU-Kommissarin Ekaterina Zaharieva und Bauhaus-Direktorin Barbara Steiner an - und abermals huldigt man der "Marke Bauhaus", ärgert sich Guratzsch, denn: "Erst der Propagandarummel, den Gropius um die Neugründung der Weimarer Kunstschule in Dessau entfachte, etablierte die Bauhaus-Ästhetik als neuen 'Baustil', der mit allen vorangegangenen Stilepochen brach. Bauhistorisch gesehen war das Geschichtsklitterung, um die 'Marke Bauhaus' (Philipp Oswalt) öffentlich durchzusetzen."
Brigitte Franzen tritt im April 2026 die Nachfolge von Annemarie Jaeggi als Direktorin des Berliner Bauhaus Archivs an. Im FAZ-Gespräch mit Niklas Maak spricht sie über Zukunftspläne, weicht aber der Frage nach dem Umgang mit der Geschichte des Bauhauses aus: "Man kann jetzt nicht sagen: Mein Gott, im Bauhaus gab es ja Leute, die später Nazis waren, also müssen wir uns vom Bauhaus verabschieden. Die Frage ist, wie kann man damit kritischer als bisher umgehen? Es hat vor gar nicht allzu langer Zeit ein Projekt zum Bauhaus im Nationalsozialismus gegeben, das war sehr wichtig. Ich finde auf vielen Ebenen interessant, was die Kontinuitäten innerhalb Deutschlands angeht, im Westen wie im Osten. Wie entwickeln sich die einzelnen Lebensentwürfe und Biographien: Wer war Freund und wurde dann Feind? Gerade die Frage, wie die DDR mit diesem Erbe umging, finde ich wahnsinnig interessant."
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