In der SZ ruft Gerhard Matzig dem im Alter von 81 Jahren gestorbenen Architekten Helmut Swiczinsky, Mitbegründer des Architekturbüros CoopHimmelb(l)au, aus dem er nach einem Bruch mit Kompagnon Wolf Prix ausschied, nach: Ihre anregendsten Bauten waren immer etwas, "das die Schwerkraft herausfordert. Wenn nicht die der Physik, so doch die des Geistes. Die Namen der frühen Swiczinsky-Prix-Projekte sagen schon alles: The Cloud' (...), 'Herzraum Astroballon', 'Haus mit fliegendem Dach', 'Flammenflügel'. Kunst, um der Kunst willen? Nein. Das war Kunst, um der Architektur willen. Nur wenigen anderen 68ern ist es damals gelungen, das nachkriegsmodern-müde Bauen mit einer Überdosis an politischer und gesellschaftlicher Utopie, die zugleich der Ästhetik geschuldet ist, zu revitalisieren."
Auch den Tod des im Alter von 88 Jahren gestorbenen Architekten und Hochschullehrers Uwe Kiessler betrauert Gerhard Matzig in der SZ; war er doch an der TU München dessen Schüler. In der FAZ schreibt Niklas Maak.
Das Innere von Thoravej 29. Foto: Emilia Boeng Nordland. Eine beeindruckendes und dazu nachhaltiges Projekt kann FAZ-Kritiker Paul Ingendaay in Kopenhagen bestaunen. Der Architekt Søren Pihlmann hat mit Thoravej 29 ein Co-Working Gebäude geschaffen, in dem mehr als dreißig Firmen Platz finden. Das Ganze ist auch noch nachhaltig: "Die Teile der früheren Ziegelsteinmauer wurden um neunzig Grad umgeklappt und bilden einen Teil des Bodens. Aus Holzresten wurden große Tische, als Füße dienen alte Betonblöcke. Die luftigen Räume - doppelt so hoch wie früher - haben einen rauen, aber auch coolen Chic entstehen lassen. Kaum etwas musste weggeworfen werden. Ein Bericht der Technischen Universität Dänemark (DTU) über das Projekt hat ergeben, die CO2-Emissionen hätten nur ein Drittel bis ein Neuntel eines vergleichbaren Neubaus betragen, schreibt die Zeitschrift 'Bauwelt' anerkennend. Außerdem seien 95 Prozent der Originalmaterialien wiederverwendet oder recycelt worden. 'Wenn Sie so wollen', sagt Søren Pihlmann, 'gehen wir zurück an den Ursprung.'"
Über ein theoretisch interessantes, in den Details aber möglicherweise nicht ganz durchdachtes Bauprojekt schreibt Falk Jaeger im Tagesspiegel. In Kaulsdorf hat der Immobilienentwickler Stefan Höglmaier mit den Architekten FAR frohn&rojas eine Anlage mit über 100 Wohneinheiten aus dem Boden gestampft, die sich als modernes Update der Plattenbauten versteht. Die Baukosten konnten niedrig gehalten werden, es dominiert ein funktionalistischer Stil: "Die Großform und jedes Detail sind so geworden, wie sich ihre Gestalt nach technischen und ökonomischen Kriterien ergeben hat. Das geht bis zu den billigen Aufputz-Dreifachsteckdosen an den Betonwänden, wie man sie früher in Altbau-Studentenbuden hatte (und geht in diesem Fall doch einen Schritt zu weit). 'Freundliche' Farbtupfer sind nur die hellgrünen Kunststoffgeländer sowie die rot gestrichenen Handläufe der Treppe. Ansonsten herrscht Grau vor, bei allen Sichtbetonteilen und allen Estrichböden sowieso, aber auch bei den Brüstungstafeln, den Rippenrohrheizkörpern (Industriestandard) und - unnötigerweise - bei den Einbauküchen." Dafür betragen die Nettobaukosten 1.500 Euro pro Quadratmeter statt durchschnittlicher 3.200 Euro. Ob die Mieten dann auch entsprechend günstig sind, sagt Jaeger nicht.
Ebenfalls im Tagesspiegel bespricht Bernhard Schulz den Sammelband "Städtebau im Nationalsozialismus".
Im Inneren von "The Vessel", New York. Von Stefan Kemmerling - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79878351 Eine Liebeserklärung an die Treppe verfasst Gerhard Matzig für die SZ. Lange standen sie im Schatten des Aufzugs, aber "jetzt sind sie wieder da. Und wie. In Form etwa von 105 Tonnen Cortenstahl, aus dem die gewaltige und dennoch filigrane Wendeltreppe in der Cantina Antinori in der Toskana gefügt wurde. Entwurf: Archea Associati. Im Weingut braucht man gar keinen Tignanello mehr zu kaufen, um berauscht zu sein - ein Gang über die faszinierend piranesihafte Wendeltreppe rauf zum Dach, das zum Weinberg wird, tut es auch. Noch mehr Stufen bietet 'The Vessel', eine 46 Meter hohe Treppen-Skulptur, die so etwas ist wie die Wohnzimmertisch-Vase des Luxusprojekts Hudson Yards in Manhattan. Sie bietet 154 Treppen, 80 Podeste und 2500 Stufen. Möglicherweise ist es die teuerste Treppe der Welt. Entworfen von Thomas Heatherwick. Geschätzt werden die Kosten auf 200 Millionen Dollar."
Wie der Art Déco von Frankreich aus die ganze Welt eroberte, kann Marc Zitzmann in der Ausstellung "Élégance et modernité" im Palais de l'art déco in Saint-Quentin nachvollziehen, von der er auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erzählt. Eine "Schau über eine Schau", denn es geht um die gigantische "Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes", die 1925 in Paris stattfand und die den Siegeszug des Jugendstils einläutete: "Nach der Schau von 1925 flog der Samen des Art déco in alle Welt hinaus und keimte auf fremden Böden, wo er sich oft mit lokalen Gewächsen kreuzte. Bei einigen Auftraggebern hatte unmittelbar der Besuch der Pariser Ausstellung den Kaufimpuls ausgelöst - so beim japanischen Prinzen Asaka, der, kaum aus Paris zurückgekehrt, einen Landsmann zum Architekturstudium nach Frankreich schickte, bevor er diesen von 1929 an eine 2000 Quadratmeter große Villa in Tokio errichten ließ, die Henri Rapin im Inneren mit japanisch hybridisierten Art-déco-Motiven wie Fischen, Wellen und Irissen ausschmückte."
Weitere Artikel: Die Kosten für das "berlin modern"-Museum steigen von den ursprünglich geplanten 364 Millionen auf 526,5 Millionen, berichtet Marcus Woeller in der Welt. Gründe sind Krieg und Inflation, "dennoch: Mehrkosten von über 160 Millionen Euro sind kein Pappenstiel - und dämpfen das Vertrauen in die Kalkulationen von Bund und Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Bauherren erheblich."
Das Museum berlin modern für die Kunst des 20. Jahrhunderts soll erst Ende 2028 fertig werden, entnimmt Birgit Rieger (Tsp) der Berliner Morgenpost: "Zudem wird der Bau in unmittelbarer Nähe zur Neuen Nationalgalerie teurer. Die prognostizierten Gesamtkosten belaufen sich inzwischen auf 526,5 Millionen Euro."
"Die meisten Koreaner lebten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ohne Spiegel", erklärt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Und zwar, weil in der traditionellen koreanischen Architektur Glas einfach keine Rolle spielte: "In Korea waren bis Ende des 19. Jahrhunderts alle Häuser ebenerdig. Angesichts der endlosen Hochhaussiedlungen von heute wundert man sich fast darüber. Das höchste Gebäude war über Jahrhunderte der Thronsaal in Seoul, der als Symbol der Macht die weitläufige Palastanlage überragte und von überall her sichtbar war. Aber selbst dieser war ebenerdig, lag nur auf einem erhöhten Grund mit einer nach oben gestreckten Dachkonstruktion. Erklärt wird das Fehlen von mehrstöckigen Bauten mit dem System der Bodenheizung, das mit Holz von außen befeuert wurde und sich daher nur für flache Bauten eignete. Die Folge war, dass die koreanische Architektur keine Fenster kannte. Wichtig waren dafür die Türen, die vielfältig gestaltet wurden und an denen man Status und Wohlstand ablesen konnte. Sie bestanden aus einem Holzrahmen mit zahlreichen Holzsprossen dazwischen, die ein bestimmtes Muster abgeben."
Notre-Dame, melden Lena Bopp und Stefan Trinks in der FAZ, soll von Microsoft digitalisiert werden, um Onlinebesichtigungen zu ermöglichen. Es stellt sich bloß die Frage, warum. Denn: "Ein solches Modell aber gab es bereits, und es leistete bei der Rekonstruktion wertvolle Hilfe - erstellt worden war es glücklicherweise schon vor der Brandkatastrophe 2019 am intakten Bau von Art Graphique & Patrimoine und Mitarbeitern der Universität Bamberg unter der Leitung von Professor Stephan Albrecht. (...) Wenig überraschend zeigt sich der Bamberger Kunsthistoriker im Gespräch mit dieser Zeitung über das amerikanische Projekt verwundert; in Albrechts Augen ist das erneute Scannen Notre-Dames 'komplett sinnlos'."
Besprochen wird die Ausstellung "Ossip Klarwein. Vom Kraftwerk Gottes zur Knesset" in der Berliner Evangelischen Kirche am Hohenzollernplatz (FAZ, mehr hier).
In der tazschreibt der in New York lebende Musiker Ned Sublette zum legendären, 1887 erbauten und 1935 zum Hotel umfunktionierten Hotel Oloffson in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, das in Folge von Brandstiftung komplett abbrannte. Das Oloffson war ein wichtiger Ort für Haitis Kulturszene, ein "Ort, an dem Vodou-Zeremonien abgehalten wurden. Es diente als Safespace für LGBTQ und als Tanzschule, deren Performances im Gartenpavillon abgehalten wurden. Es war Galerie für avantgardistische haitianische Kunstausstellungen und ein Knotenpunkt, an dem die Einheimischen auf Besucher:Innen aus aller Welt stießen." Ebenfalls in der tazporträtiert Karlotta Ehrenberg den Berliner Verein Kunst-Stoffe, der aus alten Lattenrosten, Tapeten, Teppichböden etc. Zero-Waste-Wohnungen schafft.
Ulf Meyer besichtigt für die FAZ das San Marco Art Center (SMAC), ein neues Museum an Venedigs Markusplatz. Der noblen Adresse entsprechend wurden bei der Einrichtung keine Kosten und Mühen gescheut: "Die Wände des neuen Kunstzentrums sind mit hellgrauem venezianischen Marmorino verkleidet, die Böden hingegen bestehen aus weißem Terrazzo. In einigen Galerien sind die herrlichen Decken-Balken aus der Renaissance zu sehen. Die beiden Veranstaltungsräume des SMAC haben Fresken aus der Zeit Napoleons, dem einst nebenan in den Neuen Prokuratien eine Wohnung eingerichtet worden war, von der er einen ähnlich herrlichen Blick auf das Leben auf dem Markusplatz werfen konnte wie heute die Museumsbesucher durch eines der 58 Fenster." Die ersten beiden Ausstellungen sind der Architektur der Moderne gewidmet, namentlich dem Architekten Harry Seidler (hier) und der Landschaftsarchitektin Jung Youngsun (hier).
Außerdem: Auf Welt Onlinefindet sich ein Teaser zu einem Podcast über hippe Plattenbauten.
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