Die Kirche am Hohenzollerplatz in Wilmersdorf. Foto: Von Jorge Pérez de Lara - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 Der Architekt Ossip Klarwein ist fast gänzlich "aus der Architekturgeschichte entschwunden", obwohl viele wichtige Bauten in Deutschland wie Israel von ihm stammen. Dass Klarwein auch maßgeblich am Bau der Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin beteiligt war, neben dem Architekten Fritz Höger, dem der Entwurf eigentlich zugeschrieben wird - das und viel mehr erfährt Bernhard Schulz (Tagesspiegel) in einer Ausstellung ebendort. 1933 flieht Klarwein vor den Nazis nach Palästina: "In Israel lebt und arbeitet Klarwein unter beengten Verhältnissen, anfangs mit seiner (zweiten) Ehefrau in zwei Zimmern; ein drittes für seine Mitarbeiter wird erst auf Fürsprache bewilligt. 1957 gewinnt er den Wettbewerb für den Bau des Parlaments. 'Der größte Erfolg und die größte Kränkung liegen nah beieinander', heißt es im Katalog; denn Klarweins Entwurf mit seinen rings um das Gebäude angeordneten Vierkantpfeilern wird heftig angefeindet. Sein Entwurf wurde 'als unstimmig, klassizistisch und eklektisch' verleumdet, empört sich Klarwein: 'Aber daran ist nichts eklektisch - es ist zeitlos.' Tatsächlich wird sein Entwurf erheblich verändert und verwässert. 1966 wird die Knesset eingeweiht, Klarwein ist weltberühmt - und dennoch verkannt."
Weiteres: In der FAZ schreibt Falk Jaeger zur "futuristischen Edelstahlkarrosserie", mit der das Stadion von Real Madrid ausgestattet wurde. Besprochen wird die Ausstellung "WEtransFORM. Zur Zukunft des Bauens" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz).
Die Schlösser von Ludwig II. sind nun Weltkulturerbe, für Dankwart Guratzsch in der Welt eine große und gute Sache: "Ein grandioser Sieg für die Rehabilitation des Historismus, den prägenden Baustil des 19. Jahrhunderts! Mehr als hundert Jahre war er die bestgehasste 'Stilarchitektur' aller Zeiten - verfolgt, verfemt, verlästert von allen Kunst- und Denkschulen der Moderne, von der Denkmalpflege, vom Deutschen Werkbund, vom Bauhaus, von den Expressionisten und den Nazis, zuletzt von den Wiederaufbauarchitekten im Westen wie im Osten. Keine andere Bauart wurde so anhaltend und so hasserfüllt gemeinschaftlich bekämpft. Von nun an wird man nicht mehr leugnen können, dass sie Herausragendes hervorgebracht hat. (…) Die Gebäude des Historismus haben das Bild, dass wir uns heute von Deutschland machen, überhaupt erst geschaffen. Sie prägen das Selbstverständnis, das wir uns von unserem Land machen, von seiner Herkunft, Kultur und seinen Leistungen."
Für Hannes Hintermeier in der FAZ wird mit der Entscheidung, die Schlösser sozusagen in den Adelsstand zu erheben "die Intention ihres Erbauers konterkariert. Denn der Märchenkönig, der nur vierzig Jahre alt wurde, hatte nicht im Sinn, den Plebs jemals in die Nähe seiner Schlösser, geschweige denn in sein Schlafzimmer zu lassen. Im Gegenteil: Zerstört werden sollten die Schlösser nach seinem Tod, gesprengt. Ihm ging es bis zuletzt und immer radikaler um die Selbstfeier seines Ingeniums. Als Eklektiker sagte er sich vom Ahnenkult seiner Vorfahren los, inszenierte stattdessen seine Privatmythologie mit Versatzstücken aus allen Stilen und Epochen."
Weiteres: Die SZ macht sich Gedanken über die Zukunft des nachhaltigen Bauens, in der "Häuser auch aus Algen, Hanf, Moos und Kaffeesatz bestehen" können. Monopolschaut sich die Architektur von Antonio Padrón Barrera auf Fuerteventura an
Besprochen wird: Die Doku "SEP RUF - Architekt der Moderne" von Johann Betz (Welt).
Projekt: Four Frankfurt. Architekturbüro: UNStudio Bang war dem ein oder anderen Architekten, Planer oder Baubeamten zumute, als beim Urban Future Forum (UFF) in Frankfurt am Main nicht nur über die Bedeutung der KI für die Architektur gesprochen wurde, sondern Michael Müller, Mitarbeiter am "FOUR Frankfurt", einem der größten laufenden Bauprojekte Deutschlands mit vier bis zu 233 Meter hohen Wolkenkratzern und 600 Apartments, viel Werbung für das mit Hilfe von KI umgesetzte Projekt machte, weiß Dankwart Guratzsch in der Welt. Doch der Kritiker beruhigt die Gemüter, denn das nach wie vor nicht abgeschlossene Bauvorhaben überzeugt ihn nicht: In Frankfurt ist jetzt "eine 200 Meter hohe Palisadenwand eingezogen, die - von welcher Himmelsrichtung aus man die Stadt auch ansteuert - alle Zwischenräume zwischen den Türmen zu füllen scheint. Die 'Optimierung', die alle jemals entwickelten Hochhausentwürfe dahingehend ausgewertet hat, wie sie sich im Hinblick auf Rendite für den Bauherren, Staffelung und Ausnutzung von Fläche, technisch-physikalisch-klimatologische und belichtungstechnische Brillanz effektivieren lassen, lässt keine Spielräume für Fantasie, Anregung, Wohlgefühl, Ästhetik offen. KI ist brillant im Rechnen, routiniert im Nachäffen, stümperhaft im Erfinden."
Installationsansicht der Ausstellung "Schöner Wohnen" in der Kunsthalle Tübingen Foto: Ulrich Metz In der FAZ bedauert es Alexandra Wach ein wenig, dass viele der Architekturvisionen von 1900 bis heute, die die Kunsthalle Tübingen unter dem Titel "Schöner Wohnen" zeigt, nie umgesetzt wurden. Etwa die "Walking City", der "legendären Londoner Architektengruppe Archigram, die dem Fluchtbedürfnis vor Umweltverschmutzung und atomarer Verseuchung buchstäblich keine Grenzen setzte": Ihre "Entwürfe verlagerten das bessere Wohnen in schwimmende Metastädte im Meer oder träumten von einer über die Erdoberfläche auf Stelzen schreitenden mobilen Polis …. Die autarke Stadt für den globalen Arbeitsnomaden sollte sich wie ein riesiges Insekt in einer feindlichen Umwelt fortbewegen. Mit den psychedelisch bunten, aus Zeitschriftenbildern bestehenden Collagen stieg die Gruppe vom architektonischen Insider-Tipp zur Größe der Swinging Sixties auf."
Seit 1992 bastelt Berlin an einem Konzept für den einstigen Molkenmarkt - geplant ist eine mit dem Nikolai-Viertel verbundene "Berliner Altstadt", erinnert Dankwart Guratzsch seufzend in der Welt. Immerhin: Erste Grundlinien der Planung zeichnen sich ab, geplant ist vom Frankfurter Büro Mäckler Architekten ein "Musterquartier gesellschaftlicher Vielfalt, Eigeninitiative und Lebendigkeit." Aber: "An den Planungen, die noch keineswegs abgeschlossen und (vorläufig) bis 2029 terminiert sind, wird in exemplarischer Weise deutlich, was in Architektur und Städtebau in Deutschland schiefläuft. In den 32 Jahren, in denen am Molkenmarkt herumgeplant wird, sind in anderen deutschen Städten ganze Stadtteile neu entstanden ... In Berlins Innenstadt hat man es vorgezogen, stattdessen 19 über drei Jahrzehnte gestreckte Verfahrensschritte mit Senatsbeschlüssen, Werkstätten, Beteiligungsverfahren, Gutachten, Sondierungsphasen, Wettbewerben, Planwerken, Masterplänen, Qualifizierungsverfahren, Rahmenplänen und Machbarkeitsstudien auf sich zu nehmen, um eine vermeintlich 'zeitgemäße' Alternative zu entwickeln: ohne dass bis heute ein einziges Haus entstanden oder auch nur eine Baugrube ausgehoben ist."
Besprochen werden außerdem der Dokumentarfilm "Sep Ruf - Architekt der Moderne" von Johann Betz (taz) und die Ausstellung "Architecture and Energy. Bauen in Zeiten des Klimawandels" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (NZZ, mehr hier)
Aktuell beratschlagt das Unesco-Komitee, ob die Schlösser Ludwig II. Weltkulturerbe werden sollen. Kritiker wenden indes ein, "die Fieberträume eines möglicherweise an der Bausucht erkrankten Monarchen" seien purer Kitsch, weiß Gerhard Matzig in der SZ und widerspricht: Zum einen bilden die Schauarchitekturen Ludwigs II. eine Sehnsuchtsarchitektur der Gegenwart ab, meint er. Zum anderen erinnert er an den 1906 abgeräumten Wintergarten, den Ludwig sich auf dem Dach des Festsaalbaus seiner Münchner Residenz errichten ließ: "Eine fast 70 Meter lange, freitragende und verglaste Eisenskeletthalle, konstruktiv das Neueste vom Neuen, Ludwig II. als Modernisten bekundend, wurde zum absurden Landschaftsgarten umgedeutet. Es ist ein besonders groteskes Beispiel für Kulissen-und-Schein-Architektur. Ausgestattet wurde der Raum mit einem künstlichen See und tropischen Bäumen, belebt wurde er von Schwänen im Wasser und Aras in den Gehölzen. Es gab einen maurischen Kiosk und ein indisches Prunkzelt, eine beleuchtete Grotte und eine Fischerhütte. Riesige Hintergrundprospekte zeigten, weil dem König München so fad war, den Himalaja. An elektrischen Beleuchtungseffekten war vorhanden: unter anderem ein künstlicher Regenbogen."
Weitere Artikel: Für die tazbesucht Patrick Guyton die Protz-Villa des insolventen Immobilienkönigs René Benko am Gardasee, die vom Gold-WC bis zum Hubschrauberlandeplatz nun versteigert wird. Hilmar Klute (SZ) besucht derweil die heute zum Museum umgestaltete Villa des amerikanischen Zeichners Edward Gorey auf Cape Cod.
Es braucht einen "Aquatic Turn" in der Stadtplanung, glaubt Niklas Maak in der FAZ. Er geht auf verschiedene Versuche in Deutschland und anderswo ein, auf den Klimawandel mit einer stärkeren Ausrichtung des urbanen Raums auf Wasserflächen zu reagieren. Unter anderem wird darüber nachgedacht, im Zuge der Verstädterung in die Kanalisation verbannte Bäche wieder ins Stadtbild zurückkehren zu lassen: "Das Wasser der Bäche würde eine Umgebungskühlung schaffen und Bäume bewässern, die ihrerseits über den Bächen für kühlenden Schatten sorgen würden. 'Stream Restoration' ist ein großes Thema in Städten wie etwa Athen. In der Antike durchquerten drei Flüsse und nicht weniger als 700 Bächlein die griechische Metropole, Plato und Sokrates unterrichteten an den Ufern des Illissos. Jetzt wird diskutiert, ob man die noch existenten Bäche und Ströme wieder an die Erdoberfläche holen könnte, nachdem sie infolge der autogerechten Nachkriegsplanung wegbetoniert wurden."
Außerdem: Gerhard Matzig besucht für die SZ eine Diskussion der Bayerischen Architektenkammer zum Thema "Die ästhetische Gestaltung der Energiewende", zu der unter anderem Robert Habeck geladen war.
Günter Murr sucht für die FAZ am Tag der Architektur in Hessen Beispiele für das Motto "Vielfalt bauen". Insbesondere ressourcenschonendes Bauen steht im Mittelpunkt: "Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen präsentiert das Gemeinnützige Siedlungswerk (GSW) das 'Trio im Stadtgrün'. Die sanierten Wohnblocks aus den Sechzigerjahren fallen nach der Sanierung vor allem durch die bunten Fassaden auf. Entscheidend sind aber die energetischen Verbesserungen, die nach der Planung von Lang + Volkwein Architekten aus Darmstadt durch Dämmung sowie den Einsatz von Wärmepumpen und Solarthermie erreicht wurden. Dadurch wurde Effizienzklasse B erreicht, vorher fielen die Gebäude in Klasse G mit einem hohen Energieverbrauch."
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