Trotz der Farce um die Intendanz der Salzburger Festspiele, setzt Egbert Tholl (SZ) Hoffnung in Hinterhäusers Nachfolgerin Karin Bergmann, die bei der Pressekonferenz verkündete, sich stets zu fragen: "'Was wird Hinterhäuser dazu sagen?' ... 'Für mich ist ganz klar: Ich bin nicht gegen, sondern wegen Hinterhäuser hier.'" Sie sehe sich als "'Brückenbauerin', wohl auch zu jenen Künstlern, die sich gerade in einem offenen Brief gegen Hinterhäusers Rauswurf wandten. Der Brief sei unterschreiben worden, bevor jene von Bergmanns Bestallung wussten; sie habe bereits Peter Handke, Elfriede Jelinek und andere Künstler, die in diesem Sommer bei den Festspielen vertreten sein werden, angerufen." Auch Simon Strauß ist in der FAZ zumindest nicht unzufrieden mit der Wahl: "Bergmann hat sich in ihren Jahren als Burgtheater-Intendantin einen guten Ruf als besonnene Organisatorin ohne Eitelkeit und Selbstdarstellungsdrang erarbeitet, der ihr nun zugutekommt und möglicherweise sogar über fehlende Fachkenntnisse hinweghilft."
Einen ganz anderen Ton schlägt Axel Brüggemann an, der bei Backstage Classical Hinterhäuser keine Träne hinterher weint: "Im Salzburger Machtkampf ging es ... nie um Eingriffe in die Kunstfreiheit. Es ging stets um die Frage der Führung. Und ja: um Benehmen! Die letzten Monate haben gezeigt, dass ungebremste und zerstörerische Emotionalität zum Glück gegen ein mutiges und kreatives Schachspiel verliert. Testosteron ist langfristig eben kein Sieger-Hormon!"
Weitere Artikel: Benjamin Poore singt im VAN-Magazin ein Loblied auf die Wiederaufnahmeleiter, die den Spielbetrieb der Opernhäuser am Laufen halten.
Besprochen werden außerdem Thomas Ostermaiers Inszenierung von Molières "Der Geizige" an der Berliner Schaubühne (Zeit, mehr hier), ein Liederabend mit dem Tenor Joseph Calleja im Frankfurter Opernhaus (FR), Daniel Borgwardts Adaption von Alexander Kühnes Roman "Düsterbusch City Lights" im Landei Lugau (taz)
Die neue Intendantin der Salzburger Festspiele heißt Karin Bergmann. Eine Posse ist diese Besetzung, meint ebenfalls Manuel Brug in der Welt: Dem vorigen Intendanten Markus Hinterhäuser war eben deshalb gekündigt worden, weil er öffentlich erklärt hatte, Bergmann als Schauspielleiterin installieren zu wollen. Brug meldet Zweifel daran an, ob diese Kündigung rechtsmäßig war. Und fragt sich nun, "ob Hinterhäuser nicht durch diese Personalrochade sogar noch im Vorteil ist? Denn nicht nur folgt das Kuratorium jetzt seinem fachlich richtigen Besetzungsvorschlag für das Schauspiel (denn dessen Leiterin wird Bergmann zudem), man lässt die 1953 geborene Deutsche aus offenbarem Mangel an Alternativen auch gleich noch die Festspieltreppe hinauf fallen. Was dann doch etwas dürftig rüberkommt." Der Standard bringt gleich zwei Kommentare zur Berufung Bergmanns, von Michael Wurmitzer und von Ronald Pohl, der sich sicher ist: "Bergman, eine humorvolle, blitzgescheite Intellektuelle des Theaters und Mutter Courage mit Pfiff, zieht den Thespiskarren grundsolide. Und zwar jeden."
Besprochen werden Nora Abdel-Maksouds Komödie "Wokey Wokey" an den Münchner Kammerspielen (Welt - "Die Konstruktion wirkt etwas sehr simpel"), eine "Walküre" an der Oper Köln (FAZ - "eine packende Einheit"), ein "Parsifal" an der Prager Staatsoper (nmz - "stimmlich erstklassige Solistenriege") und ein Musiktheaterabend mit Werken von Benjamin Britten und Marko Nikodijević an der Opéra national de Nancy-Lorraine (nmz - "hochästhetische Performance... lässt aber letztlich kalt").
Szene aus "Everything Remains Alive". Foto: David Kaplan Christian Gampert besucht für die FAZ das Festival "Isradrama" in Tel Aviv, das mit Ausnahme Deutschlands von Theaterleuten aus Westeuropa, Lateinamerika und der Türkei boykottiert wurde, dafür von Osteuropäern, Russen, Asiaten und Kanadiern besucht wurde. Zu sehen waren vor allem Aufführungen aus der freien Szene, vielleicht weil diese sich den Traumata des 7. Oktobers widmeten, vermutet Gampert: "Die überzeugendste Arbeit dazu ist 'Everything Remains Alive' der Regisseurin Yarden Gilboa: Sie beschäftigt sich mit der posttraumatischen Belastungsstörung, die ein Soldat schon 2004 während seines Wehrdienstes in Gaza erlitten hat, als er Leichenteile von Kameraden bergen musste. Seine Ehefrau, die Schauspielerin Dana Keila, berichtet von der Verwandlung ihres Mannes - und von ihren Anstrengungen, trotz dessen Verzweiflung und Unberechenbarkeit ein Familienleben zu führen. Der Ehemann wird von einem Schauspieler gegeben, aber irgendwann kommt der echte Traumatisierte auf die Bühne. Auch das ist israelische Realität: In jeder Familie gibt es Tote und Verletzte."
Das Lied vom Bedeutungsverlust des Theaters ist vermutlich so alt wie das Theater selbst, erwidert der Dramaturg Wolfgang Behrens Simon Strauss, der eben jenen vor zwei Wochen in der FAZ beklagte (unser Resümee). Aber einen Punkt macht Strauss doch, räumt Behrens ein: Anlass zur Aufregung gibt das Theater nur noch selten. "Die Gefahr, nur noch die eigene Blase zu bedienen, wird massiv unterschätzt. Das Argumentationsmuster lautet eher: Wenn die Leute nicht mehr kommen …, haben die Leute etwas falsch gemacht und nicht wir. Es ist nur eine Frage der Kommunikation! (Die noch zynischere, hinter vorgehaltener Hand mitunter vorgebrachte Argumentation in Theatern lautet sogar: 'Gut, dass die Abonnenten schon mal weg sind. Jetzt müssen wir nur noch unser richtiges Publikum finden.')"
Weitere Artikel: Die Autorin und Regisseurin Patty Kim Hamiltonsendet der nachtkritik einen Theaterbrief aus den USA, dass viele Theater sich inzwischen zusammenschließen, um Shows zu produzieren, während viele weitere Stücke erst gar nicht mehr produziert werden.
Besprochen werden außerdem Georg Quanders Inszenierung des "Barbier von Sevilla" von Giovanni Paisiello an der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tsp), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Molières "Der Geizige" an der Berliner Schaubühne (taz, FAZ, mehr hier), Leonie Böhms Bühnenadaption von Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" an den Münchner Kammerspielen (taz) und der "Hauptmann von Köpenick" als ein Ein-Mann-Stück von Max Hopp sowie Johan Simons' Inszenierung der "Antigone" am Berliner Ensemble (NZZ).
Szene aus "Der Geizige". Foto: Gianmarco Bresadola "Der Geizige" von Molière als deutscher Boomer im Autohaus? Das ist dank Thomas OstermeiersSchaubühnen-Inszeniernung mit Lars Eidinger in der Hauptrolle über weite Strecken beste Unterhaltung, auch wenn das "Psychogramm deutscher Gesellschaftsgeschichte" irgendwann zu sehr den Vater-Sohn-Konflikt in den Vordergrund stellt, findet Jakob Hayner in der Welt. Dennoch: "Eidinger ist die Verkörperung einer Lustfeindlichkeit, die sich seit dem Protestantismus im deutschen Kleinbürgertum eingenistet hat. Einer, der den Strohhalmaus der Capri-Sonne zieht, bevor er den Raum verlässt, damit niemand unbemerkt einen Schluck nimmt. Der nur um sich selbst kreist und immer wieder ins Ressentiment kippt. Der die TikTok-Kampagne des AfD-Politikers Maximilian Krah für "echte Männer" zitiert: 'Schau keine Pornos, dann klappt es mit der Freundin.' So fies Eidinger als Harpagon auch sein mag, so viel Spaß macht es, ihm zuzuschauen."
Ähnlich urteilt Peter Laudenbach in der SZ: "Kurz erwartet man, dass jeden Augenblick Harald Juhnke über die Autohaus-Verkaufsfläche tänzelt oder Dieter Hallervorden 'Palimpalim' röchelt, was jetzt nicht als Kompliment gemeint ist. Einerseits ist die Spießer-Verhöhnung selbst astreinesSpießer-Entertainment, das trotz der Kapitalismus-Kritik im Programmheft von Horkheimer bis Nachtwey garantiert keinem weh tut. Andererseits sind Ostermeier und Eidinger natürlich viel zu clever und abgebrüht, um das nicht zu merken und den Knallchargen-Zirkus der Typenkomödie gleichzeitig sauber zu bedienen und immer wieder mal melancholisch oder böse zu brechen." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und nachtkritik.
Besprochen werden außerdem Claus Guths Inszenierung von Jean-Marie Leclairs Barockoper "Scylla et Glaucus" am Opernhaus Zürich (FAZ), Robert Teufels Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" am Anhaltischen Theater in Dessau (nachtkritik) und "Das Schweigen des Heiligen Vaters", inszeniert von Kay Voges am Schauspiel Köln nach einem Recherchestück von Correctiv über Missbrauch von Kinder und Jugendlichen durch Geistliche ("Aufsagetheater mit Teleprompter und Textkladde", ärgert sich nachtkritiker Gerhard Preußler.)
Justin Pecks Choreografie "Heatscape" an der Wiener Staatsoper. Foto: Ashley Taylor
Am liebsten zweimal hintereinander möchte Wiebke Hüster (FAZ), Twyla Tharps Tanzstück "In the Upper Room" von 1986 ansehen: Das Festival "Visionary Dances" an der Wiener Staatsoper, bei dem außerdem Choreografien von Justin Peck und Wayne McGregor zu sehen sind, zeigt Tharps Stück als "atemberaubenden" Abschluss, schwärmt Hüster: "Wozu Tanz? Die Frage beantwortet Tharp, indem sie sämtliche akademischen und nicht akademischen Freiheiten des Menschen als bewegten Tiers vor uns ausbreitet wie in einer Studie: Sie tanzen, als wäre es ein tänzelnder Boxkampf, ein Tango in einer Bar in Buenos Aires, ein Staffellauf, ein Eiskunstlauf-Paartanz, Yoga, als wäre man in den Achtzigern in der Disco, und der Lieblingssong würde aufgelegt, als flöge man mit Hubschraubern über eine Berglandschaft. Oder als wäre man noch weiter weg und würde die Erde von oben betrachten. Die Tänzer verkörpern nichts, sie fließen nur durch den Raum, sie sind nur Versenkung, nur das beständige Weiter."
Weitere Artikel: Manuel Brug erinnert in der Welt an den "Theaterherzog" Georg II. von Sachsen-Meiningen, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Meininger Bühnen zur Blüte verhalft. Besprochen wird Rieke Süßkows Inszenierung von Federico García Lorcas "Bernarda Albas Haus" im Münchner Cuvilliéstheater (FAZ).
Außerdem: Shirin Sojitrawalla schreibt auf nachtkritik über die Schultheatertage in Wiesbaden, eine Initiative, die "wir gerade verdammt gut gebrauchen" können. Und: Aprilscherzalarm bei der taz.
Besprochen werden ein "Lohengrin" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden (FR- "teils sehr reizvoll, teils blutleer"; der NZZ gefällt's), Kirill Serebrennikows "Rheingold" bei den Salzburger Osterfestspielen (Christine Lemke-Matwey schreibt für die Zeit einen zweiten Text und ist immer noch angetan, zum ersten siehe hier), "Die Theatermacherinnen" von Carmen Kirschner und Berenice Pahl im Theater am Werk, Wien (Standard- "Der ins Unendliche weisende Aufbegehrenston nützt sich ab") und Verdis "Un ballo in maschera" in der Inszenierung von Rafael Villalobos an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (Welt - "eine szenisch fade, sinnentleerte Aufführung").
Anna Netrebko in "Maskenball" an der Staatsoper unter den Linden. Foto: Stephan Rabold Mit Rafael R. Villalobos Inszenierung der Verdi-Oper "Maskenball" an der Berliner Staatsoper ist Gerald Felber in der FAZ zwar nicht zufrieden (zu viele "pseudointellektuelle Anstrengungen" und sinnlose Szenenarrangements), aber die Gesangsperformance von Anna Netrebko entschädigt den Kritiker vollends: "Da waren eben nicht nur frappierende, in Zehntelsekunden ansatzlos die gesamte Tonpalette umfärbende Registerwechsel, höchstkontrolliert gesteuerte Vibrati oder das Vermögen, ein Decrescendo bis zum hauchenden Flüstern abzusenken und dabei trotzdem noch den Raum zu füllen - es waren, mit all ihrer differenzierenden Linien- und Phrasierungskunst, die nicht nur lange Bögen, sondern auch kompakt plastische Staccati zu gestalten vermag, immer auch Ausformungen einer verletzlichen und verletzten Seele, innere Erschütterungen und Hilfeschreie."
Egbert Tholl ist in der SZ nicht so streng mit der Inszenierung, er sieht ein paar "tolle Tricks", auch, dass Villalobos das Stück näher an die Gegenwart heranrückt, gefällt ihm. Das ware Highlight ist aber auch für ihn die Netrebko: "Völlig nahe geht Netrebko einem dann im dritten Akt. Vermeintlich den Tod vor Augen bittet Amelia darum, noch einmal ihren Sohn sehen zu dürfen. Netrebko fleht um Erbarmen, die Zeit steht still, ihre Stimme fliegt unendlich frei in fernste Höhen, verlischt und bleibt doch ewig." Vor der Oper gab es derweil erneute Proteste wegen Netrebkos nicht ganz klarer Haltung zu Putin.
Kein gutes Haar lässt Manuel Brug in der Welt an diesem Abend, die Aktualisierungen Villalobos findet er sinnlos und selbst die Netrebko singt nicht mehr so gut wie vor zehn Jahren, meint er: "Vor allem ist dieser ärgerliche Abend eine szenisch fade, sinnentleerte Aufführung, die mit ein paar überflüssigen Amerika-Verweisen (CNN) aufwartet und die Sängerinnen und Sänger weitgehend solistisch und ohne überzeugende Personenführung auf der Bühne stehen lässt. Und das in einem halbzerstörten, atmosphärelosen Betoneinheitsraum, wie sie an der Staatsoper inzwischen fast die Regel sind."
Weiteres: Egbert Tholl versucht in der SZ herauszufinden, warum genau der Salzburger Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser (unsere Resümees) eigentlich gehen musste. Besprochen werden Max Hopps Lesung von Carl Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick" am Berliner Ensemble (FAZ), Ewelina Marciniaks Inszenierung von Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" an der Staatsoper Stuttgart (FR), Felix Rothenhäuslers Inszenierung des Stücks "Revue. Über das Sterben der Arten" am Theater Freiburg (taz) und Herbert Fritschs Händel-Inszenierung von "Belshazzar" am Schillertheater in Berlin (taz) und Bernhard F. Loges Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz (Van).
Kirill Serebrennikow hat Wagners "Rheingold" für die Salzburger Osterfestspiele so actionreich inszeniert, dass Zeit-Kritikerin Christine Lemke-Matwey kaum weiß wo sie hinschauen soll: "Das Gold selbst etwa thront anfangs als funkelnde Tiara auf den Häuptern der Rheintöchter - wie frisch ausdem Reliquienschrein von Santa Maria Maggiore entlehnt und sehr katholisch. Walhall scheint das süße kleine Gewächshaus zu sein, das halbrechts hinten einiger Hege und Pflege bedarf. Wotan, der Göttervater, schlurft die meiste Zeit wie ein zutiefst deprimierter Petrus durchs Geschehen, leinene Kutte und Zepter inklusive (gleichzeitig lässt er mit seiner einäugig abgedunkelten Intellektuellenbrille an Salman Rushdie denken). (…) Auf geradezu brechtsche Weise kommentiert wird dieses Panoptikum der Götzen, Rituale und magischen Selbstbeschwörungen von einem mehrfach gesplitteten, beweglichen Videoscreen über der Szene (Video: Yurii Karikh)."
taz-Kritiker Joachim Lange ist hingerissen vom Sound, den Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern zaubert: "Hier fließt ein klarer Klangstrom, fasziniert mit detailgenauer Transparenz und der packenden Dramatik eines betont zügigen Tempos. Petrenko bleibt deutlich unter den angegebenen zweieinhalb Stunden." Und auch Jan Brachmann (FAZ) lauscht mit Hingabe zum Detail der musikalischen Interpretation: "Die Kunst Kirill Petrenkos, die man kaum groß genug veranschlagen kann, besteht darin, sich im Widerstreit der unterschiedlichen musikalischen Parameter nicht einseitig für den einen und gegen den anderen zu entscheiden. Sobald nämlich die drei Rheintöchter mit ihrem Gesang einsetzen, halten auch punktierte Siciliano-Rhythmen Einzug in die Musik, zu Barkarolen beschleunigte Schaukelmuster des Wiegens, die Petrenko durch ein leichtes Stakkato auf der jeweils letzten Note der Dreiergruppen besonders plastisch macht." SZ-Kritiker Egbert Tholl erlebt "reines Wagner-Glück", für Christoph Irrgeher (Standard) ist die Inszenierung ein "Ereignis".
Weitere Artikel: Markus Hinterhäuser, bisher Chef der Salzburger Festspiele, ist bis zum Ende seines Vertrags am 30. September beurlaubt - eine Nachfolge für ihn zu finden, wird nicht einfach, ist sich Manuel Brug in der Welt sicher.
Besprochen werden außerdem die Theateradaption von Nino Haratischwilis Roman "Das achte Leben (Für Brilka)", Regie führt Alexander Nerlich am Staatstheater Mainz (FR), Felix Weingartners Oper "Kain und Abel", inszeniert von Kerem Hillel am Staatstheater Darmstadt (FR), Peter Lunds Inszenierung von Franz Lehárs "Graf von Luxemburg" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz), Luise Voigts Inszenierung von Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Kleists "Der zerbrochne Krug" am Thalia Theater Hamburg, Regie führt Lilja Rupprecht (Nachtkritik), Meo Wulfs neues Stück "Warten auf Bardot" an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik, Tagesspiegel, taz, Berliner Zeitung), Marko Stormann bringt Elfriede Jelineks Oscar-Wilde-Überschreibung "Der ideale Mann" auf die Bühne des Schauspiels Stuttgart (Nachtkritik), Jan Bosse inszeniert Anna Gmeyners "Automatenbüfett" am Deutschen Theater in Berlin (taz), das zukünftige Leipziger Intendantentrio Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander inszeniert am Theater Magdeburg Shakespeares "Was ihr wollt" (FAZ), Wagners "Lohengrin", inszeniert von Johannes Erath auf den Osterfestspielen in Baden-Baden (FAZ), Marius Petipas Ballett "La Bayadère", aufgeführt vom Niederländischen Nationalballett in Amsterdam und "Scylla et Glaucus" von Jean-Marie Leclair, inszeniert von Claus Guth auf dem Festival "Zürich Barock" (NZZ).
Im Interview mit der FAS erzählt Lars Eidinger, dass er sich für die Rolle in Molieres "Der Geizige" als sein Vater maskiert hat: Warum, erfährt man allerdings nicht, dafür hat ihn Juergen Teller bei den Proben fotografiert. Foto: Juergen Teller
Jakob Hayner trifft für die Welt den inzwischen auch schon 57-jährigen Schaubühnen-Intendanten Thomas Ostermeier, der gerade Molières "Der Geizige" mit Lars Eidinger in der Hauptrolle inszeniert - und damit ziemlich sicher einen Kassenschlager. "Ostermeier und Eidinger, das ist wie Martin Scorsese und Robert De Niro. Ein Duo, das für jahrelange Zusammenarbeit und riesige Erfolge steht. Das, ob man es nun mag oder nicht, Maßstäbe setzt. Ihr 'Hamlet' steht seit 18 Jahren auf dem Spielplan und feiert demnächst die 500. Vorstellung, 'Richard III.', die letzte Zusammenarbeit vor 'Der Geizige', immerhin schon seit elf Jahren. Die Vorstellungen sind immer innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft. ... 'Ich merke erst jetzt bei den Proben, wie gut 'Der Geizige' in unsere Gegenwart passt', erzählt Ostermeier. 'Es geht um einen Menschen, der sich weigert, alt zu werden. Der nicht akzeptieren kann, vergänglich zu sein. Der in die gleiche Frau wie sein Sohn verliebt ist. Ein Egozentriker, der es nicht rafft. Und es geht um die Macht von vermeintlichem Reichtum, um die Hoffnung aufs Erbe. Molière hat immer Geld und Liebe gleichgesetzt. Das kennen wir später auch von Rainer Werner Fassbinder oder René Pollesch."
Besprochen werden Rebekka Davids "Zeit der Monster", das Kafkas unvollendete Erzählung "Der Bau" zur Vorlage hat, am Staatstheater Braunschweig (die Moral ist etwas platt, aber der Abend dennoch "originell, unterhaltsam, hinreichend böse", lobt nachtkritiker Falk Schreiber), Anna Gmeyners Stück "Automatenbüfett", von Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Szene gesetzt (von "putzigem, gemütlichem Unterhaltungsgut aus fernen Kindertagen", spricht nachtkritiker Christian Rakow, eine "in ihrer wohlausgewogenen Kirmes-Ungemütlichkeit betulich kreisende Inszenierung", beklagt in der FAZ Irene Bazinger, BlZ), Rieke Süßkows Inszenierung von Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik, SZ), Lucia Bihlers Inszenierung von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung", die das Stück am Burgtheater in eine Fantasy-Grottenwelt verfrachtet ("doch leider überrollt das Fantasy-Konzept samt Gewicht und Opulenz die im Drama verhandelten Konfliktpunkte", meint im Standard Margarete Affenzeller, und auch nachtkritiker Jakob Hayner ist nicht ganz überzeugt) sowie Bérénice Hebenstreits Inszenierung von Barbi Marković' "Piksi-Buch" am Teata im Wiener Theater am Werk (die Inszenierung von Markovićs Buch über die Fußballbesessenheit ihres Vaters und das WM-Viertelfinale 1990, als Jugoslawien im Elfmeterschießen gegen Argentinien verlor, ist streckenweise "großes, unterhaltsames Kino", meint nachtkritikerin Julia Schafferhofer, hat aber auch arge Längen).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Christopher Balme leitete die DFG-Forschungsgruppe "Krisengefüge der Künste", die nun ihren Abschlussband vorgelegt hat. Wie steht's um die Krise im Theater, will Nachtkritikerin Elena Philipp wissen. Theater würden heute als soziale Institution positioniert, ihre Aufgabe bestehe weniger darin, Kunst auf hohem Niveau zu produzieren, erklärt er: "Die darstellenden Künste müssen soziale Probleme behandeln, Diversität reflektieren und die Stadtgesellschaft abbilden. Das ist, glaube ich, das zentrale Krisensyndrom, mit dem sich die Theater bis heute auseinandersetzen müssen. Ihre Antworten werden nicht immer positiv aufgenommen, gerade von einem Abonnentenpublikum oder der Kritik, die eher die Theaterkunst im Vordergrund sehen wollen und nicht die sozialen Fragen." Dennoch wurde festgestellt, "dass die Stadt- und Staatstheater eine sehr hohe Legitimation in der Bevölkerung genießen und dass diese allgemeine Akzeptanz sehr stabil ist, auch bei Menschen, die nicht ins Theater gehen."
Die Salzburger Festspiele und Intendant Markus Hinterhäuser haben nun eilig ihre einvernehmliche Trennung beschlossen, wie gestern bekannt wurde. Bis zum Vertragsende im September wird Hinterhäuser beurlaubt. Über weiteres wurde Stillschweigen vereinbart, weiß Jan Brachmann in der FAZ: "Das Kuratorium hat sich aber nun, zwei Jahre vor Beginn der Sanierungsarbeiten am Großen Festspielhaus und ohne definierte Areale für Ausweichspielstätten, in eine Situation gebracht, da es eine neue Intendanz, eine neue Schauspieldirektion, eine neue Festspielpräsidentschaft und eine neue kaufmännische Direktion finden muss, weil auch die Verträge der Letztgenannten enden. … Durch diese Führungskrise steuert das weltgrößte Festival für Oper, Schauspiel und Konzert auf seine größte Krise seit 1944/45 zu. Wer auch immer sich jetzt zumutet, den ganzen Laden zu retten, wird zunächst einmal Ruhe herstellen müssen in einem Klima der Intriganz, der Kälte und der Schäbigkeit im Umgang miteinander." Ähnlich sieht es Egbert Tholl in der SZ.
Weitere Artikel: Am Rande der Bühnenproben zum "Lohengrin" für die Osterfestspiele in Baden-Baden plaudert Reinhard J. Brembeck (SZ) unter anderem mit Dirigentin Joana Mallwitz und Regisseur Johannes Erath über die musikalische Herausforderung der Wagner-Oper und ihre feministische Interpretation. Jakob Hayner (Welt) ärgert sich über Stefan Bachmanns zwischen Betroffenheit, Empörung und Langweile mäandernde Inszenierung "Wir sind noch einmal davongekommen" am Wiener Burgtheater so sehr, dass er sich fragt, ob das Haus zum 250. Jubiläum seinen Niedergang einleiten möchte. Neue Hoffnung ins Burgtheaterschöpft Hayner hingegen in der nachtkritik nach dem Besuch von Luca Bihlers Inszenierung von Ödön von Horváths "Glaube, Liebe Hoffnung": "Es ist ein Abend wie eine rasante Geisterbahnfahrt, bei dem man am Ende erst einmal durchatmen muss. So schnell folgt ein Nackenschlag auf den anderen."
Besprochen werden außerdem Jan Bosses Inszenierung des Stücks "Automatenbüfett" von Anna Gmeyner am Deutschen Theater in Berlin (nachtkritik), Bérénice Hebenstreits Uraufführung von "Piksi-Buch" nach Barbi Markovic im Wiener Teata (nachtkritik) und Ersan Mondtags Inszenierung der Walter-Braunfels-Oper "Die Vögel" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik).
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