Endlich kann FAZ-Kritiker Michael Ernst wieder eine Uraufführung an der Oper Leipzig sehen und Florentine Kleppers Inszenierung von Bernd Frankes neuer Oper "Coming Up For Air" enttäuscht ihn nicht. Sie verbindet in einer komplexen "Reise durch Zeit und Raum" drei unterschiedliche Schicksale miteinander, die alle unter dem Credo "Ringen um Luft und Atem" verbunden sind: die Unbekannte aus der Seine begegnet dem Kritiker, ein Vater, der um seinen ertrunkenen Sohn trauert und Anouk, die auf eine neue Lunge wartet. Vor allem ist da aber die Musik: "Frankes Musik ist wie gutes Parfum. Man kann sich ihr nicht entziehen, sie umrauscht den Hörer und charakterisiert die Akteure. Matthias Foremny am Pult des höchst motivierten Gewandhausorchesters hat ein kongeniales Gespür dafür. Leipzigs vorzüglicher Opernchor etwa lässt eintauchen in wogende Atemvorgänge sowie in die mal sanften, dann erstickenden Fluten der Seine und des Fjords. Die namenlos bleibende Unbekannte charakterisieren singende Cello-Passagen, während Samatha Gaul die Figur vokal und spielerisch in fragiler Lebenslust darstellt, die letztlich zerbricht. Betörend!"
Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz die diesjährige Tanzplattform Deutschland in Hellerau. Besprochen werden Juan Mirandas Inszenierung von Sivan Ben Yishai Stück "Nora - Oder wie man das Herrenhaus kompostiert" am Schauspielhaus Wien (FAZ), Christopher Rüpings Mozart-Projekt "Die große Stille" an der Staatsoper Hamburg (taz), Michael Letmathes Inszenierung von Lars Werners "Gewalt erben" am Deutschen Theater Göttingen (taz), Martin G. Bergers Inszenierung von Clémence de Grandvals Oper "Mazeppa" an der Oper Dortmund (FR) und Guntbert Warns Inszenierung von Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Renaissance-Theater Berlin (SZ, tsp).
"Sommernachtstraum" in Zürich. Bild: Eike Walkenhorst. Pınar Karabuluts Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspielhaus Zürich ist fürNachtkritikerin Valeria Heintges zwar nicht ganz ein Albtraum, aber doch über lange Strecken frustrierend: Die vielen Ideen, die Karabulut in die Verwechslungs- und Verzauberungskomödie durcheinanderwirft, "stechen sich gegenseitig aus; der Funken springt nicht über. Es scheint, als sei unter all den Shakespeare-Variationen das Original vergessen gegangen. Aber wenn die Liebe der Athener nicht glaubwürdig, das Spiel der Handwerker unambitioniert, Henri Martens Zettel mit Eselskopf nur abstoßend wirkt, das Spiel der Geister nur leerer Zeitvertreib ist - dann haben Tragik und Komik nicht die nötige Fallhöhe, wird alles vorhersehbar, beliebig, austauschbar. Es überrascht kurz, ist aber bald egal. Ein Spiel um eine leere Mitte."
Überwältigt ist Ueli Bernays in der NZZ ob der von der Regisseurin kurzerhand ausgeklammerten erzählerischen Logik auch nicht, er freut sich aber über ihre lebendigen, bunten Feen und Geister: "Sie lässt den Darstellerinnen und Darstellern Raum genug für die Charakterzeichnung ihrer Rollen. Letztlich aber ist es die Orchestrierung des engagierten Ensembles, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht und in musicalartigen Szenen kulminiert: insbesondere wenn alle zusammen Lady Gagas 'Abracadabra' zum Besten geben. Wenn die Aufführung vorbei ist und die Liebenden doch noch zueinandergefunden haben, mag man sich die Augen reiben wie nach einem seltsamen Traum. Was war das gerade, was hat das eigentlich zu bedeuten, woran wird man sich erinnern? Der Verstand fühlt sich nicht gerade überfüttert mit Geist und Sinn. Dafür überzeugt dieser 'Sommernachtstraum' durch Sinnlichkeit und Amüsement."
Weitere Artikel: Im belgischen Havelange sollte ein Theaterstück auf die Bühne kommen, in dem die Muttergottes als Halbverweste dargestellt wird - eine Gruppe Katholiken hat protestiert und das veranstaltende Kulturzentrum zur Absage des Stückes gebracht, meldet der Spiegel. Timothee Chalamet hat zwar gerade behauptet, niemand interessiere sich mehr für Oper und Ballett, aber das kann der Bayerischen Staatsoper nichts anhaben: Intendant Serge Dorny freut sich über 99 Prozent Auslastung in der Opernsparte und sogar 100 Prozent beim Ballett, wie der Spiegelberichtet. Die FAZ druckt Jürgen Habermas' Kritik zur Bonner Aufführung von André Obeys Theaterstück "Ein Opfer für Wind" aus dem November 1953. Rüdiger Schaper trifft sich für den Tagesspiegel mit Kirill Serebrennikov, um über die zerstörerische Wirkung des russischen Angriffskrieges auch in der Kultur zu sprechen.
Besprochen werden "Die Schändung der Lucretia: Ein Casting", geschrieben und inszeniert von Lola Arias am Theater Basel (nachtkritik), Sivan Ben Yishais Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" am Schauspielhaus Wien (Standard), Roberto Ciullis Inszenierung von Peter Handkes Stück "Über die Dörfer" am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten", das Guntbert Warns am Renaissance-Theater in Berlin inszeniert hat (nachtkritik).
In der Zeit amüsiert sich Jens Balzer über die Reaktionen auf den Schauspieler Timothée Chalamet, der seit Tagen verbal verprügelt wird, weil er in einem Interview so ganz nebenbei flapste, in Oper und Ballett gehe eh niemand mehr. "Wenn alle auf einen eindreschen, hat man üblicherweise recht. So auch hier: In Wahrheit muss man Timothée Chalamet gratulieren. Endlich bekennt sich ein Popkultur-Künstler einmal wieder zu dem, woraus die Popkultur in besseren Zeiten ihre ganze Kraft und Motivation schöpfte - er bekennt sich zur Verachtung der bürgerlichen Hochkultur mit ihren versteinerten Riten, verfetteten Apparaten und angeberischen Ausschlussmechanismen. Darum ging es doch seit der Erfindung des Rock'n'Roll vor 75 Jahren. Im Konzert sitzen und beflissen irgendwelchen Leuten im Frack zuhören? Ja, spinnt ihr denn?"
Szenenbild aus "Le Roi d'Ys" aus der Opéra national du Rhin. Foto: Klara Beck
Ob nmz-Kritiker Joachim Lange Frack trug, als er an der Opéra du Rhin StrasbourgÉdouard Lalos Oper "Le Roi d'Ys" hörte, wissen wir nicht, aber gelangweilt hat er sich mit diesem melodramatischen Knaller überhaupt nicht. Es geht um Liebe, Krieg, Rache und eine Königstochter, die sich aus Wut über ihre verschmähte Liebe mit dem Feind verbündet und die ganze Stadt überfluten lässt: "Mit dem entsprechenden, ganz großen Aufbäumen des Orchesters braust die Riesenwelle auf die Stadt zu", und schon bereut Margared ihre Tat. "Schließlich opfert sie sich selbst, um die Natur und den für die Stadt zuständigen Heiligen zu besänftigen. Wie die Überlebenden den Damm danach wieder dicht kriegen, muss zum Glück in einer so dick auftragenden Oper nicht geklärt werden. Es reicht der Respekt vor der Übersetzung der Legende in eine in sich schlüssige Bühnenwirklichkeit, die sowohl die Bedrohung durch das Meer, als auch mit diversen Arkadenelementen die urbane Abwehr dagegen imaginiert. Vor allem aber das Schwelgen in der opulenten Musik für das Samy Rachid und das Orchestre national de Mulhouse das sichere Fundament eines großen, zwar wagneraffinen, aber doch originär französischen Operntons liefern, der durchweg in den Bann zieht."
Der Trailer gibt alles:
Weitere Artikel: "Um die Zukunftsfähigkeit der Oper als Kunstform ist mir nicht bange", erklärt Viktor Schoner, Intendant der Staatsoper Stuttgart, in der FAZ, um die Opernhäuser und Werkstätten stehe es allerdings schlechter. Backstage Classicalberichtet über Diskussionen um die maroden Theatergebäude in Bonn.
Besprochen werden ein Doppel-"Faust" am Theater Plauen-Zwickau: nämlich Fatma Aydemirs "Doktormutter Faust", inszeniert von Johanna Hasse, und Goethes "Urfaust" in der Inszenierung von Nora Bussenius (nachtkritik) und Klaus Gehres Mensch- und Puppenspiel "Jurassic Park: Tödliche Illusionen" am Staatstheater Darmstadt (nachtkritik).
For the time being. Sasha Waltz und Laszlo Sandig. Foto: Carlos Collado / Sasha Waltz
Mit 63 Jahren kehrt die Choreografin Sasha Waltz als Tänzerin mit "for the time being" in ihre Compagnie am Radialsystem zurück - ohne Glamour, aber mit einem "Wagnis", staunt Sandra Luzina im Tagesspiegel. Waltz ließ sich von der Methode des "Authentic Movement" inspirieren, die die amerikanische Tanzpionierin Ruth Starks Whitehouse in den Sechzigern entwickelte und die darauf beruht, "dass man sich mit geschlossenen Augen bewegt und den inneren Impulsen folgt". Berührend findet Luzina dabei vor allem das Duett von Waltz und Sigal Zouk: "Die beiden Frauen spiegeln sich in ihren Bewegungen, legen sich dann gegenseitig die Hand aufs Herz. Wenn Zouk dann zu Boden sinkt, hält Waltz sie fest und wacht über sie. Assoziationen ans Sterben werden hier wach. Die Tänzer durchlaufen verschiedene Bewusstseinszustände. Die Bühne verdunkelt sich, die dröhnenden Synthizersounds scheinen die Tänzer unter Druck zu setzen. Der Aufruhr der Körper verebbt dann wieder."
Mit Çağla Ilk übernimmt eine ehemalige Mitarbeiterin und einstige Vertraute von Shermin Langhoff zur nächsten Spielzeit die Intendanz der Berliner Volksbühne - und doch ist die Zukunft des Hauses offener denn je, befürchtet Elena Philipp in der nachtkritik. "Droht Berlin die Diskussion um eine 'Eventbude 2.0'?" Und wo ist eigentlich das plötzlich aufgetauchte und ebenso schnell wieder verschwundene Finanzloch? "Ihren Personalrat soll Shermin Langhoff eher gemieden haben, hört man aus dem Haus. Besteht dafür der direkte Draht zur Kultursenatorin? Das zuletzt diskutierte Finanzloch verschwand während einer Kulturausschusssitzung umstandslos. Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Diese Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund, dass ein nachtkritik-Antrag auf Einsicht in das bei der Ausschusssitzung erwähnte 'siebenseitige Papier' nach dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz von der Senatskulturverwaltung abgelehnt wurde: Geschäftsgeheimnis. Transparent sind die Vorgänge also nicht."
Weitere Artikel: Der bisherige Chef des Futuriums, Stefan Brandt, soll neuer Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin werden, meldet der Tagesspiegel mit dpa. Ute Büsing sendet der nachtkritik einen TheaterbriefausBulgarien, wo sich das "Ivan Vazov"-Nationaltheater mit "sozial engagiertem" Programm gegen Korruption, Vetternwirtschaft und nationalkonservative und ultranationalistische Kreise behauptet. In der NZZ applaudiert Christian Wildhagen Cecilia Bartoli, die in Davide Livermores Neuproduktion von Händels Oper "Giulio Cesare" als Cleopatra einmal mehr als Diva brilliert.
"Ella", choreografiert von Sebastian Weber. Foto: Kurt-Weill-Fest
In der FAZ ist Wiebke Hüster begeistert von Sebastian Webers neuer Choreografie "Ella" im Rahmen des Kurt-Weill-Fests in Dessau. Omas kommen ja eigentlich nicht im Tanz vor. Um so erfrischender ist das Stück, das Weber als Hommage an seine eigene Großmutter konzipiert hat und in dem "sie ihm wieder gelingt, diese unnachahmliche, und eigentlich schwer vorstellbare Fusion von Stepptanz und zeitgenössischem Tanz. Webers Verschmelzung der Stile wirkt vollkommen organisch. Auch tanzen er und sein Ensemble mit einer unfassbaren Virtuosität und Natürlichkeit. Ein Stepp-Solo, wie das schier nicht endende, von ihm selbst getanzte, bildet auch den Höhepunkt von 'Ella'. Es fügt sich organisch in das Tanztheater ein. Es ist wie ein Moment in einem Miles-Davis-Konzert, wenn der Trompeter selbst zum Solo ansetzt und seine Improvisationen den Raum davontragen."
Bei backstage classicalschlägt Joosten Ellée, Leiter des Esslinger Podiums, vor, eine Aussage wie die Timothée Chalamets, der Oper und Ballett kurzerhand für irrelevant erklärte (unsere Resümees) das nächste Mal besser zu ignorieren: "Findet die Leichtigkeit im Spiel wieder. Bohrt euch in die Tiefe eures Nerdtums. Übt wie verrückt. Inszeniert bis sich die Bretter biegen. Feiert die Schrägheit, die Komplexität, die Radikalität euer Kunst. Aber macht das alles ohne Angst. Relevanz lässt sich nicht herbei diskutieren."
Weitere Artikel: Sven Behrisch berichtet für die Zeit über die internen Streits, die Milo Raus inszenierter "Prozess" gegen die AfD am Hamburger Thalia Theater ausgelöst hat. Ebenfalls in der Zeit resümiert Peter Kümmel die Kontroverse um den Intendanten der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser (mehr hier). Besprochen wird Jan Lauwers Inszenierung von Mozarts Oper "Titus" an der Staatsoper Berlin (FAZ).
Ebenfalls eher lauwarm besprochen wird Jan Lauwers Inszenierung der Mozart-Oper "La Clemenza di Tito" an der Wiener Staatsoper, die weder Wilhelm Sinkovicz in der Presse ("Lauwers, der die Akteure in Christbaumkugel-Glitzerkostüme hüllt, kann sich nicht entscheiden für eine durchgängige - und sei es parodistische - Erzählweise") noch Christoph Irrgeher im Standard("Die kinetische Energie des Beginns ist rasch verpufft, das Tanz-Geschehen nimmt ab - und die wenigen, anderen Attraktionen auf der kargen Bühne fesseln nicht allzu lange den Blick") so recht munden mag.
Weitere Artikel: In der SZ berichtet Helmut Mauró, wie sich Bühnenkünstler der Sparten Oper und Ballett gegen Timothée Chalamets Verunglimpfung ihrer Zünfte ("interessiert niemand mehr" - siehe auch hier) wehren. Janis El-Bira fragt sich auf nachtkritik ebenfalls anlässlich des viel diskutierten Chalamet-Interviews, warum polemische Kritik an der Hochkultur nicht einfach mit souveränem Weglachen quittiert wird. In der Berliner Zeitung porträtiert Michael Maier den Zürcher Opernintendant Matthias Schulz.
Szene aus "Alphabet" am Schauspielhaus Hamburg. Foto:Katrin Ribbe Mit "höchster Vorsicht" nähert sich Thom Luz in seiner Inszenierung von "Alphabet" am Hamburger Schauspielhaus dem gleichnamigen "Jahrhundertgedicht" von Inger Christensen von 1981, versichert Philipp Theisohn in der FAZ. Poesie auf eine Theaterbühne zu bringen ist immer ein Wagnis, und dann noch so ein Gedicht, dass "zwischen Regel und Chaos, zwischen metaphysischer Spekulation und konkretem Erleben, zwischen Kobaltbombe und Kartoffelschälen oszilliert". Aber, das Experiment gelingt über weite Strecken, findet der Kritiker: "Hervorzuheben ist vor allem die Spielleistung von Ilse Ritter, der man die wohl bekanntesten Verse zugemessen hat: jene Verse, in denen von der Atombombe, von der Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis gesprochen wird. Nicht selten hat man in der Exegese des Gedichts aus ihnen friedenspolitische Allgemeinplätze abgeleitet. Die kalte Brüchigkeit, in der Ritter die Zeilen zum Vortrag bringt, lässt indessen das innere Drama zutage treten, das sie, das Orakel, in ihnen durchlebt. Da, wo die Auslöschung einmal ins Wort gelangt, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Das Wort auszusprechen, heißt - und so hat man es in dieser Szene vor sich - ins 'erste alles entscheidende Nichts' zu starren."
Er wolle nicht am Ballett oder Theater arbeiten, sagte Timothée Chalamet kürzlich in einem Gespräch mit Matthew McConaughey - es würde sich sowieso niemand mehr dafür interessieren. Die Reaktionen reichten von Ärger bis Amüsement. Wiebke Hüster reagiert in der FAZ mit freundlichem Spott und resümiert ein paar Antworten: "Megan Fairchild, Starballerina des New York City Ballet, rückte die Dinge auf ihre Weise zurecht. In einem Insta-Post sagte sie, es sei ihr nicht bewusst gewesen, dass Chalamet über die außergewöhnlichen Begabungen eines Sängers oder Tänzers verfügt und diese zugunsten seiner Schauspielkarriere vernachlässigt habe. Man sieht ihren Spitzenschuh in seinem Schauspielernacken förmlich vor sich: Physisch sind Tänzer und Opernsänger eben Athleten (...) Auf Tiktok hieß es, so wie Chalamet im Film 'Wonka' gesungen habe, sei es letzten Endes für die Opernwelt doch glimpflich ausgegangen."
Besprochen werden Julien Chavaz' Inszenierung von Alfred Schnittkes Oper 'Leben mit einem Idioten' an der Oper Magdeburg (Van), Kirsten Uttendorfs Inszenierung von Ethel Smyths Oper "The Wreckers" am Landestheater Detmold (backstage classical), Melina Spiekers Inszenierung des Stücks "Raub. Verladene Erinnerungen" am Theater Bremen (taz), die Performance "Zuhause" in Kooperation mit dem Hamburger Lichthof Theater (taz), Rolando Villazóns Inszenierung der Rossini-Oper "L'Italiana in Algeri" an der Deutschen Oper Berlin (tsp) und Elfriede Jelineks und Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise" an der Oper Zürich (NZZ).
"Krieg und Frieden" in Bremen. Foto: Jörg Landsberg.
Zeit-Kritiker Tobi Müller kommt zwiegespalten aus Armin Petras' Inszenierung von Tolstois Roman "Krieg und Frieden" am Theater Bremen: "Petras zeigt diese emotionale Zerstörungskraft theatral schlau, indem er die Figuren in eine beschleunigte Zeit schickt. Rastlos wird in den Kriegspausen Geld verspielt. Und gleich dreimal wird überstürzt Liebe geschworen, verlobt, geheiratet, duelliert. Die Zeit ist ganz buchstäblich aus den Fugen". Das hat viel Humor, lobt der Kritiker. "Umso seltsamer wirkt es, wenn Armin Petras für die letzte Stunde ein Melodram aus dem Roman schnitzt." Am Ende dreht der Regisseur die Geschlechterverhältnisse um, was Müller nicht ganz behagt: Petras errichte einfach "eine neue Front. Sie ist jetzt weiblich und steht an der Rampe. Diese Frauen saufen Blut statt Wodka, während die Männer auf dem Totenbett Transfusionen kriegen. Ob das Sterben so wirklich aufhört?"
Nachtkritiker Andreas Schnell sieht in der Geschichte um Krieg, Revolution und Menschlichkeit viele Hinweise auf die Gegenwart: "Das letzte Wort haben zwei alte weiße Männer, die sich, als der Rest der Gesellschaft sich schon wieder dem Leben widmet, auf die Suche nach der nächsten Front machen. Dass sie sich selbst kaum noch auf den Beinen halten können, macht sie nur noch gefährlicher - aber stiftet auch ein wenig Optimismus, denn ihre Zeit läuft ab. Zumindest an diesem Abend. Dass Petras diese Pointe am Vorabend des Internationalen Frauentags setzt, ist vielleicht der dringlichste Fingerzeig für unsere Gegenwart, in der sich mächtige Männer mit Elan in immer neue Kriegsabenteuer stürzen."
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper unterhält sich im Tagesspiegel mit Thomas Ostermeier über Gier im Theater. Timothée Chalamet erklärte kürzlich, für Oper und Ballett würde sich niemand mehr interessieren: Axel Brüggemann widerspricht für Backstage Classical entschieden. In Bern hat das Tanzfestival "Steps" begonnen, Lilo Weber berichtet in der NZZ.
Besprochen werden Guy Clemens Adaption von Benedict Wells' Roman "Vom Ende der Einsamkeit" am Schauspielhaus Bochum (nachtkritik), Daniela Löffners Inszenierung von Patricia Highsmiths Roman "Der talentierte Mr. Ripley" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Mareike Fallwickls Roman "Die Wut, die bleibt" wird von Sandra Strunz am Rheinischen Landestheater Neuss auf die Bühne gebracht (nachtkritik), "Die Orestie" nach Aischylos, Regie führt Adena Jacobs am Schauspiel Köln (nachtkritik), Anja M. Wohlfahrts Inszenierung "Lonely Hearts Club" am Deutschen Theater Berlin (taz), Guiseppe Verdis "Rigoletto", inszeniert von Barbara Wysocka an der Bayerischen Staatsoper (SZ), Michael Bulgakows "Meister und Margarita" an den Münchner Kammerspielen, Regie führt Jette Steckel (SZ).
Nachdem Lars Eidinger kürzlich einen Zuschauer an der Berliner Schaubühne mit einem Degen verletzte, erinnert Christine Dössel in der SZ an wahre Katastrophen im Theater. Eine Woche vor Premiere trifft Thilo Komma-Pöllath in der FAS den Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber, der den Mozart-Abend "Die große Stille" in der Inszenierung von Christoph Rüping aufführen wird, ein Raumschiff auf der Bühne landen lässt und verspricht: "Sie hören eine Stunde Mozart, und sie kennen nichts." Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Sigrid Weigel daran, dass Theodor W.Adorno und Walter Benjamin die erste Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" im Jahr 1925 besuchten und im Anschluss ein Gespräch führten, das ihren jahrelangen Austausch begründete.
Besprochen wird das Stück "FOMO. Liebeserklärung an die Angst unserer Zeit" von Ran Chai Bar-zvi am Wiener Volkstheater (Nachtkritik).
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