Come Neve von Adriano Bolognino. Foto: Sabrina Cirillo
Tanztheater-Ultra Sylvia Staude besucht für die FR das den Produktionen des Nachwuchses gewidmete fünfte Tanzmainz-FestivalUpdate #5 im U17. Zu den vielen schönen Entdeckungen, die dort zu machen sind, zählt für sie "Come Neve" (Wie Schnee), eine Arbeit der italienischen Choreografin Adriano Bolognino: "In den mit einer Art Reifrock versehenen Kleidern (hergestellt durch einen neapolitanischen Häkelclub), kann frau keine großen Sprünge machen. Doch es genügen in 'Come Neve' kleine bis mittelgroße Gesten, es genügt die intrikate Sprache der Hände und Arme. Lesbar, interpretierbar ist das nicht, Bolognino weicht jeder konkreten Bedeutung aus. Gerade deswegen kann diese Choreografie mit schöner Fremdartigkeit bestechen. Was tun Rosaria Di Maro und Noemi Caricchia da eigentlich, meist im Unisono? Völlig egal, weil man nichts verpassen möchte von etwas, das man so noch nicht gesehen hat."
Jakob Hayner setzt in der Welt zu einer Wutrede wider zu kurz gedachte AfD-Kritik auf deutschen Bühnen an. Reine linksliberale Selbstvergewisserung betreiben laut Hayner Stücke von, unter anderem, Falk Richter und Milo Rau: "Anstatt sich mit der gescheiterten Demokratisierung als Nährboden eines rechten Populismus auseinanderzusetzen, propagieren die Polarisierungsgewinnler des linksliberalen Antifa-Theaters eine harmonische Demokratie, die allein von Rechtspopulisten gestört wird, die am besten vom Staat verboten werden sollten. Man spricht an der Anti-AfD-Front von 'unserer Demokratie', als hätte man ererbte Besitzrechte oder nennt sich 'wir Demokraten', als müsse man diesem exklusiven Club erst beitreten. Natürlich nährt das Ressentiment. Und schlimmer noch: Wer sich Demokratie ohne Konflikte vorstellt und die ihr innewohnenden Antagonismen verdrängt, ist ideologisch bereits auf dem Weg dorthin, wovor man unaufhörlich warnt." Zum Glück gibt es laut Hayner auch positive Gegenbeispiele, allen voran Tiago Rodrigues' Bochumer Produktion "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten".
Weitere Artikel: Alexander Menden besucht für die SZ die dritte Vorführung eben von "Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten", also jenem Stück, dessen Premiere nach einer Publikumsintervention gegen einen einen Faschisten spielenden Schauspieler zum Skandalon wurde. Diesmal freilich bleiben alle gesittet und vernünftig auf den Plätzen. Florian Ilies schreibt in der Zeit über neu aufgetauchte Notizen des Dramatikers Heiner Müller. Sandra Luzina berichtet im Tagesspiegel über ein Projekt, das Sasha Waltz & Guests mit der belarussischen Künstlerin und Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa auf die Beine stellen wollen. Wolfgang Behrens versucht sich auf nachtkritik in negativer Zuschauerdialektik.
Besprochen werden Sandra Schüddekopfs Inszenierung von Lisa Danulats "Ota" am Wiener Theater Drachengasse (Standard - "Spitzfindig und dabei unterhaltsam"), Leoš Janáčeks "Das schlaue Füchslein", inszeniert von Ted Huffman an der Berliner Staatsoper (van - "kurz, vergnügt und federleicht") sowie ein "Nabucco" an der Wiener Staatsoper (Presse - "Scharenweise sei das Stammpublikum in der Pause enttäuscht abgezogen, noch am Ende habe es ein paar Buhs gegeben, heißt es").
Zumindest das Kuratorium der Salzburger Festspiele ist sich nach einer fünfstündigen Sitzung einig: Sie wollen den Intendanten Markus Hinterhäuser loswerden (unsere Resümees), meldet Manuel Brug fassungslos in der Welt. Hinterhäuser kann nun entscheiden, ob er sofort nach dem Sommer oder nach Vertragsende geht: "Man lässt jetzt Hinterhäuser trotz seiner unbestrittenen, jahrzehntelangen Verdienste ungerührt über die kulturpolitische Klinge springen. So hat man es in Salzburg, diesem schillernden Amalgam aus Weltkultur und Provinz, metropolitanem Flair und Mauschelei, schon immer gehalten. Denn im längst aus der Zeit gefallenen Kuratorium sitzen nur Politiker (drei vom Bund, die Landeshauptfrau, der Bürgermeister, ein Touristikvertreter und der ambitionierte Mozarteum-Chef) und die kegeln, hoppla, gern die Salzburg-Chefs weg."
Besprochen werden Lilli-Hannah Hoepners Inszenierung von Heiner Müllers "Die Hamletmaschine" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik, taz) und Ted Huffmans Inszenierung von Leos Janaceks "Das schlaue Füchslein" an der Berliner Staatsoper (taz).
"The Lottery" in Essen. Foto: Maximilian Borchardt. Marie Schleef hat am Schauspiel EssenShirley Jacksons Kurzgeschichte "The Lottery" inszeniert: Es geht um ein Ritual, dessen Grausamkeit sich erst am Schluss offenbart - auf der Bühne wird nun kein Wort gesprochen, wie Alexander Menden in der SZ so erstaunt wie begeistert feststellt. Stattdessen hört man die Stimmen von Jackson und ihrem Sohn aus dem Off, dann wird es unheimlich: "Die Figuren, gekleidet in sektenartig uniformes Grau mit weißen Farbspritzern, bewegen sich extrem verlangsamt - ein stilistisches Markenzeichen der Regisseurin - über den leuchtend farbigen amerikanischen Dorfplatz, den Ji Hyung Nam gebaut hat ... Man begrüßt sich, schwatzt lautlos auf einer Bank, alles wirkt fast banal alltäglich. Kaum etwas deutet auf eine kollektive Untat hin. Nur eine kopflose Engelsstatue und ein Häufchen an der Rampe aufgeschichteter Steine zeugen davon, dass sich hier etwas zusammenbraut."
Für Nachtkritiker Max Florian Kühlem ist die Langsamkeit der Inszenierung "im Reizdauerfeuer des Smartphone-Zeitalters ein Luxus, ein echtes Wellness-Programm. Wie durch ein Brennglas schaut man die Beziehungen der Figuren untereinander, ihre Reaktionen auf das Geschehen, versteht es mehr intuitiv und womöglich tiefer als sonst im Sprechtheater. In dieser großartigen Bühnenkomposition stimmt einfach alles, und dazu gehören auch der tolle Soundtrack des niederländischen Theatermusikers Richard Janssen und die in grau mit weißen Sprenkeln gewendete Alltagskleidung des Kostümbilds von Lina Oanh Nguyễn. Alles zusammen spendet eine Ahnung vom Sinn dieser Erzählung, auch wenn man ihn vielleicht nicht ganz genau benennen kann."
Weitere Artikel: Der Theatermacher Benny Claessens verkündet in einer Art Trotzreaktion nach einer krachend gescheiterten Inszenierung von "Böses Glück" seinen Rückzug vom Theater, meldetNachtkritikerin Esther Slevogt. Wiebke Hüster erinnert sich an den Choreografen Tom Schilling, der im Januar im Alter von 97 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden die Uraufführung von Noah Haidles "Spirit and the Dust" in der Inszenierung von Anna Bergmann am Deutschen Theater (SZ), Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" am Staatstheater Darmstadt, Regie führt Theresa Thomasberger (FAZ, FR), Leoš Janáčeks "Das schlaue Füchslein" in der Berliner Staatsoper Unter den Linden, inszeniert von Ted Huffmann (FAZ, FR, Tagesspiegel, Berliner Zeitung), "Die Affäre auf der Straße nach Monaco" von Nele Stuhler und Jan Koslowski an den Frankfurter Kammerspielen (FR), Philipp Stölzl hat Shelly Kupferbergs Roman "Isidor" für das Burgtheater adaptiert (Nachtkritik), das niederländische Kollektiv "De Warme Winkel" inszeniert "Hamlet: R2D2 or not 2B2" am Schauspiel Hannover (Nachtkritik), "Monster's Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an der Hamburger Staatsoper (NMZ), die Inszenierung kommt im März nach Zürich, wie die NZZberichtet, Lorenz Nolting und Sofie Boiten reichern Sophokles' "Elektra" am Münchner Volkstheater mit der NS-Geschichte von BMW an (taz).
Joshua Spinks und Klara Kolonits in "Roberto Devereux" am Theater Ulm. Foto: Jochen Quast
Liebe, Lust, Todesangst, tolle Klamotten und hinreißende Musik - alles da in Gaetano Donizettis Tudor-Oper "Roberto Devereux", die Annette Wolf am Theater Ulm inszeniert hat. In der FAZ ist Lotte Thaler hin und weg - von der Inszenierung, aber vor allem von der großartigen Klára Kolonits, "das Stimmereignis in Ulm, eine Koloratur-Sopranistin von Donizettis Gnaden, die ... darüber hinaus eine atemraubende Bühnenpräsenz besitzt", und dem nicht weniger "fabelhaften kernigen Tenor Joshua Spink", der statt der Königin die Kammerzofe Sara liebt: "Für den überwältigenden Schluss mit den beiden aufeinanderfolgenden Monologen des Roberto und der Elisabetta teilt die Regisseurin die hochgefahrene Bühne horizontal: Oben liegt Elisabetta abgewandt am Rand, unten wartet Roberto im Tower auf seine Rettung. Saras Unschuld zu beweisen, ist sein letzter verzweifelter Wunsch: eine der 'mörderischsten' tenoralen Bravourszenen, Ausdruck blanker Existenznot, mit grenzsprengenden Höhenlagen die männliche Wahnsinns-Arie dieser Oper."
Koloraturen von Delibes kann Kolonits auch, wie sich hier zeigt:
Der Schauspieler Thomas Schmauser wurde in diesem Jahr mit den wichtigsten deutschen Theaterpreisen ausgezeichnet. tazlerin Sabine Leucht ist beeindruckt: "Technische Virtuosität sei ihm suspekt. Schon als Student an der Otto-Falkenberg-Schule suchte er 'nach einem Guerillaplan, um mich in diesen Beruf reinzubohren'. Da engagierte ihn Franz Xaver Kroetz für sein 'Bauerntheater'. 'Ich habe 'Olé Olé, wir sind die Champions' gebrüllt - auf Fränkisch natürlich - und gemerkt, dass das geht: Fast animalisch in einen Moment reinspringen wie in eine Manege mit sieben Tigern um dich herum… Das kann ich mir nicht ausdenken. Das geht nur über den Körper bei mir.'"
Der Standardberichtet über einen recht sinnlosen Streit des Kuratoriums der Salzburger Festspiele mit dem sehr erfolgreichen Intendanten Markus Hinterhäuser: "Wie konnte das so entgleisen?", fragt ein entgeisterter Michael Wurmitzer in einem Kommentar, in der FAZ erinnert Jan Brachmann daran, dass es meist wenig hilft, "wenn alle, die recht haben, als Rechthaber auftreten", und in der Welt empfiehlt Manuel Brug, dessen Sympathien eindeutig bei Hinterhäuser liegen: Er "sollte lieber im Sommer als gebrochener, aber künstlerisch triumphierender Festspielkönig den Hut nehmen, statt sich bis 2027 von der Kulturpolitik gängeln zu lassen".
Weitere Artikel: Simon Strauß trifft sich für die FAZ mit dem amerikanischen Dramatiker Noah Haidle, dessen neues Stück "Spirit and the Dust" am Deutschen Theater in der Inszenierung von Anna Bergmann uraufgeführt wird: Die Hauptrolle, eine Immobilienmaklerin mit einem "sechsten Sinn für die innersten Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen" spielt Corinna Harfouch: "Die New York Times verreißt seine Premieren regelmäßig, für das amerikanische Publikum seien seine Dramen zu absonderlich, zu wenig naturalistisch, argwöhnt Haidle, aber in Deutschland, da schätzt man ihn." Der Bariton Bo Skovhus spricht im Interview mit der FR über seinen Werdegang und über sein Frankfurter Debüt mit George Benjamins Oper "Written on Skin". Sylvia Staude berichtet in der FR über den Auftakt von Tanzmainz mit dem Duo von Paper Bridge.
Besprochen werden die Uraufführung von Moritz Rinkes neuem Stück "Sophia oder das Ende der Humanisten" durch Amélie Niermeyer in den Kammerspielen des Josefstadt-Theaters (Silvia Meisterle als KI Sophia ist toll, aber das Stück beschränkt sich leider auf "Schockmomente, billige Witze und theoretisches Gedankengut, das bis zum Brei wiedergekäut wird", kritisiert Helene Slancar im Standard, in der nachtkritik und der FAZ kommt es nicht viel besser weg) und Sofie Boitens und Lorenz Noltings Sophokles-Überschreibung "Elektra - 750 PS Vergangenheitsüberwältigung" am Münchner Volkstheater (nachtkritik).
Szenen aus "Macbeth". Foto: Danielle Ratti Weil Riccardo Muti immer seltener Regisseure findet, mit denen er seine künstlerischen Visionen umsetzen kann, hat es ganze neun Jahre gedauert, bis er wieder eine Verdi-Oper inszeniert hat. Nun hat er am Teatro Regio in Turin Verdis "Macbeth" mit seiner Tochter, der Regisseurin Chiara Muti auf die Bühne gebracht. Kirsten Liese (Tagesspiegel) erlebt eine Sensation: "Das raffinierte Oszillieren zwischen Schlaf, Albträumen, Halluzinationen und Tod, das zeigt, wie weit der geniale Shakespeare, auf dessen Schauspiel das Libretto von Francesco Maria Piave basiert, psychologisch seiner Zeit voraus war, harmoniert aufs Genaueste mit der Musik. Einmal mehr höchst penibel hat Riccardo Muti mit dem Ensemble am Text gearbeitet, der vor allem in Pianoregionen Nuancen verlangt, die Verdi vielfach mit der Bezeichnung 'sotto voce' (mit gedämpftem Ton) einfordert und damit Klangvorstellungen, mit denen der Komponist den Expressionismus vorwegnahm."
Besprochen werden außerdem Damiàn Dlabohas Inszenierung von Martina Clavadetschers Musiktheaterstück "Mythos" am Zuger Casinotheater (Nachtkritik), Benny Claessens Inszenierung "Böses Glück / Cult of the Daughter" nach Olga Raven und Tove Ditlevsen an der Berliner Volksbühne (nachtkritik) und Daniel Rohrs Inszenierung von Shakespeares "Richard III" am Zürcher Theater Rigiblick (NZZ).
Szene aus "Mars" am Theater Basel. Foto: Lucia Hunziker.
Eine "Urwut" spricht aus dem autobiografischen Bericht "Mars" von Fritz Zorn, findet Leander Berger in der FAZ. Das Buch erschien 1977, kurz nach dem frühen Krebstod des Autors, der in seinem Buch die Enge seiner großbürgerlichen Herkunft anklagte und diese auch für seinen Tod verantwortlich machte. Harter Tobak also, am Theater Basel hat Anne Haug das Stück nun recht minimalistisch auf die Bühne gebracht. Nicht alles gefällt Berger hier, insgesamt erlebt er aber einen "dichten" Theaterabend: "Zwei Drittel des Stücks finden auf Schweizerdeutsch statt, nur direkte Zitate aus dem Buch trägt Dominic Hartmann auf Hochdeutsch vor, das im Kontrast wie eine klinische, fast feindliche Sprache durch den Raum tönt. Die Rückwendung in die Lokalsprache verfängt jedenfalls. Wird damit doch gerade jene hausbackene Goldküsten-Bürgerlichkeit eingefangen, an der Zorn zugrunde ging."
Nachtkritiker Janis El-Bira blickt auf einen Trend zur "Rekatholisierung" im Theater. Lange scheuten die Bühnen religiöse Symbolik jeder Art, mit Künstlerinnen wie Florentina Holzinger oder Angélica Liddell wird das nun anders. Mit Glaube hat das aber eigentlich nichts zu tun: Haben wir es jetzt "mit Religion ohne Gott" zu tun, fragt er sich. "Also einem transzendenzlosen Fortleben des Christentums in Rudimenten aus Ästhetiken, Atmosphären, Bildcodes und Ritualen? Aus der jüngeren Theatervergangenheit spräche einiges dafür, schaut man auf die zunehmend häufigen Bezugnahmen auf christliche Bildtraditionen (...) Wenn etwa die spanische Performerin Angélica Liddell sich in ihrer Produktion 'Liebestod' die Wundmale Christi einritzt und anschließend ihr eigenes Menstruationsblut mit Weißbrot verzehrt, dann hat das als Provokation gewissermaßen selbst schon Tradition."
Besprochen werden Magda Szpechts Inszenierung von "She stands in the Middle of the Battlefield" (taz), eine konzertante Aufführung von György Kurtágs Oper "Die Stechardin" im Palast der Künstler (Müpa) in Budapest (FAZ) und Chiara Mutis Inszenierung von Verdis "Macbeth" am Teatro Regio in Turin (tsp).
Foto: Kiran West So kann eine Ballettkompanie im 21. Jahrhundert aussehen, staunt Wiebke Hüster (FAZ), die die Uraufführung des vierteiligen Ballettabends "Fast Forward", ausgewählt vom künstlerischen Leiter des Hamburger Balletts Lloyd Riggins, gesehen hat. Am beeindruckendsten findet Hüster "Angelin Preljocajs 'Annonciation' von 1995, ein Duett für zwei barfüßige Frauen in kurzen Kleidern, Maria und der Engel der Verkündigung. Hier sieht man zwar auch die Schwächen des französischen zeitgenössischen Tanzes der Neunzigerjahre, seinen Eklektizismus und seine unglückliche Liebe zu elektronischer Überschreibung in Kompositionen. ... Aber die Choreographie ist in ihrer klaren Anlehnung an Merce Cunningham phantastisch und abstrakt und schafft es zugleich, das Irreale, das Außerweltliche, das Religiöse der Verkündigung in den Tanz der beiden sehr irdischen Körper zu legen. Man kann es zunächst kaum glauben, aber Charlotte Kragh als Engel und Selina Appenzeller als Maria gelingt das Wunder, dass man einen Jean-Luc-Godard-Moment im Theater erlebt."
80 sei für FXK "keine Zahl, kein Ereignis, zu dem er Stellung beziehen möchte", bekommt Christine Dössel (SZ) als Antwort von einem ominösen Büro, als sie darum bat, ein Geburtstagsinterview mit Franz Xaver Kroetz zum Achtzigsten führen zu dürfen. Immerhin: "Der private Kroetz schickt dann mit einem Extragruß noch eine Beschimpfung der Zahl 80 hinterher ('flach und fett') und schreibt: '77 fand ich sexy!'" Dössel nimmt's nicht krumm, schaut noch am Residenztheater vorbei, wo derzeit "Geschichten vom Brandner Kaspar" in der Inszenierung von Philipp Stölzl gegeben werden und gratuliert im Aufmacher des Feuilletons: "Sich gemein gemacht mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft und das Rampenlicht des schönen Scheins gesucht hat Kroetz nie, dazu ist er viel zu sehr bayerischer Dickschädel, ein 'notorischerQuerschläger', wie er sich selbst nennt, zur Tobsucht neigend und zum Eigenbrötlertum. Sperrig, widerständig. Vor allem ist er mit Leib und Seele ein Dichter, einer, der ohne Schreiben nicht leben kann."
"Mit dem Kroetz ist nicht gut Kirschen essen, besser Kirschen spucken oder Kirschgeist schlucken", schreibt der Schriftsteller Albert Ostermaier in der FAZ: "Kroetz kam von ganz unten, war aber schnell ganz oben, wenn es um die Relevanz von Gegenwartsdramatik ging, ungeheuer oben, auf der gleichen Wolke wie Brecht, für uns Nachkommende, die er naturgemäß verachtete."
Weitere Artikel: Die Freie Universität Berlin richtet am Institut für Theaterwissenschaft erstmals eine René-Pollesch-Gastprofessur ein, meldet die nachtkritik: Die erste Professur wird die in Tel Aviv geborene Regisseurin Sivan Ben Yishai halten. In der Welt zeichnet Manuel Brug den Fall um Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele nach. (Mehr hier).
Besprochen werden außerdem Fritzi Haberlandts und Meike Drostes Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen Vieren" in den Berliner Sophiensälen (FAZ, mehr hier) sowie Sarah Kurzes Adaption von Miranda Julys Roman "Der erste fiese Typ" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (FAZ) und Piet Baumgartners Inszenierung "Schwuler Lehrer" am Zürcher Theater am Neumarkt (nachtkritik).
Szene aus "Der Meister und Margarita" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Arno Declair Viele Bühnenadaptionen von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" scheitern an den begrenzten Möglichkeiten der Bühne, erinnert Helene Röhnsch in der FAZ. Der im Exil lebende russische Regisseur Timofej Kuljabin hat sich nun entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen und bringt die teuflische Geschichte am Schauspiel Frankfurt in radikaler Reduktion auf die Bühne. Der Satan ist nicht mehr in der Stadt, selbst alle Hauptfiguren sind nicht mehr anwesend. Stattdessen vertraut der Regisseur auf die Kraft zu des Textes und lässt Augenzeugen im Kreuzverhör vor dem NKWD die Ereignisse wiedergeben: "Manja Kuhl, Wolfgang Vogler und Stefan Graf spielen die Ermittler mit nuancierter Selbstbeherrschung, wechselnd führt die eine das Protokoll, der andere filmt die Zeugen (...) und der Letzte stellt die Fragen (...) Doch die kollektive Schizophrenie, die sich weder protokollieren noch einhegen lässt, hat ihre eigene Wahrheit, die den Ermittlern die Grenzen ihres Staatsterrors vor Augen führen: Hin und wieder ermatten sie unter der Beweislast, die ihnen die eigene Korruptheit vor Augen führt. All das wird auf verstörend subtile Weise bis zur letzten Minute des Abends herausgearbeitet (...)."
Besprochen werden das Ballett "Become Ocean" am Staatstheater Darmstadt (FR), Ana Cuéllar Velascos Inszenierung von Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis" am Staatstheater Mainz (FR), Tilmann Köhlers Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ) und Martin Kušejs Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Vor dem Ruhestand" am Schauspiel Stuttgart (SZ).
Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" kommt in Bearbeitung von Dramatiker Jakob Nolte und Regisseurin Laura Linnenbaum auf die Bühne des Berliner Ensembles, Nachtkritiker Christian Rakow hat den Eindruck, Nolte ist dem Stück mit dem Metzgerbeil zuleibe gerückt und hat alles Lebensstiftende weggehackt. Gorkis detailfreudige Einblicke in das Leben der russischen Intelligenz werden zu einer nicht besonders gelungenen Sitcom: "Es ist bemerkenswert, wie in der Uraufführung von Laura Linnenbaum ein Spitzenklasse-Ensemble klingt, als handele es sich um eine Laienspielgruppe in der Mehrzweckhalle Gütersloh. Alles schunkelt in mittlerem Tempo, jede Geste muss sich dauernd selbst unterstreichen, wie Kegelbrüder packen die Figuren ihre schale Wahrheit auf den grafitfarbenen Drehbühnenteppich zwischen stilisierte Laternenmasten."
Hilka Dirks hingegen sieht in der taz eine "dichte Milieustudie auf schwarzem Asphalt". In dieser modernisierten Fassung ist für sie "niemand sympathisch, alle sind Antihelden. Beeindruckend ist dabei die dicht studierte Körperlichkeit der Charaktere, die insbesondere von den eher randständigeren Figuren des Vermieters und des Handwerkers mit geringem Redeanteil, dafür umso präsenterem Habitus auf die Bühne gebracht werden. Die Klassenfrage, sie wird hier zu Recht auch über den Körper verhandelt. Sich ganz in dieses Stück sinken zu lassen, fällt ob der doppelten Unerträglichkeit der gespielten und der realen Realität zunächst schwer. Gelingt es dann irgendwann doch, rinnt die Zeit plötzlich schneller. Was bleibt ist eine ausgesprochen kluge Charakterstudie der bürgerlichen Gesellschaft ohne didaktische Lösungsvorschläge."
Peter Laudenbach wünscht sich in der SZechten Streit im politischen Theater, nicht ideologische Belehrungen oder Raum für Selbstdarstellung, wie er ihn bei Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" in peinlichem Ausmaß gesehen hat, auch wenn es da zumindest den Anspruch gab, "alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Deshalb ist sein Scheitern im unverantwortlich reißerischen Krawall-Kalkül so interessant und exemplarisch. Hier lässt sich studieren, wie gerade kein Begegnungs- und Debattenraum entsteht, kein Ort bürgerlicher Öffentlichkeit, gesellschaftlicher Selbstaufklärung. Rau und Lilienthal haben das Theater mit ihrem Event zum hochkulturell veredelten Verstärker für die Ressentiment-Bewirtschaftung von Selbstdarstellern und Polarisierungsunternehmern gemacht. Die Freakshow mit schrillen Influencern vom ganz rechten Rand und bizarren Figuren wie Frauke Petry bot die Travestie einer gesellschaftlichen Debatte. Diese Akteure waren nicht am Dialog und erst recht nicht am berühmten zwanglosen Zwang des besseren Arguments interessiert. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, ihre Echoräume mit Polemik zu bedienen."
Weiteres: Lilo Weber fragt sich für die NZZ, wie das Nederlands Dans Theater es schafft, so gut mit dem Erbe des Choreografen Jiri Kylian umzugehen.
Besprochen werden: "Vor dem Ruhestand" von Thomas Bernhard, am Schauspiel Stuttgart inszeniert von Martin Kusej (Nachtkritik), Regisseur Tilmann Köhler bringt Tolstois "Krieg und Frieden" in der Fassung von Armin Petras auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses (Nachtkritik), im Staatstheater Wiesbaden läuft "Romeo und Julia", inszeniert von Charlotte Sprenger (Nachtkritik, FR), Timofej Kuljabins Inszenierung des Bulgakov-Romans "Der Meister und Margarita" am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik, FR), Dana Vowinckels Roman "Gewässer im Ziplock" wird von Regisseurin LenaBrasch am Schauspiel Hannover inszeniert (Nachtkritik), Philippe Quesnes "Le Paradoxe de John" am Hebbel am Ufer (taz), "Tamerlano" auf den Händel-Festspielen in Karlsruhe unter der Regie von Kobievan Rensburg (FR, FAZ), Julia Riedler inszeniert Shakespeares "Hamlet" am Schauspiel Freiburg (FAZ) und im Staatsballett Berlin zeigt das Ensemble unter dem Titel "Next Generation" eine Auswahl an Choregrafien (FAZ).
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