Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2025 - Bühne

Teatro alla Scala: Lady Macbeth von Mzensk. Credit: Bescia e Amisano

Welt-Autor Manuel Brug kann einiges anfangen mit Vasily Barkhatovs Inszenierung der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala. Musikalisch ist die Aufführung ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und auch die szenische Umsetzung sticht: "Das Stück wird realistisch ernst genommen, nie ironisiert, aber immer wieder in die Klammer des Als-ob gestellt - und gewinnt so an Poesie. Dafür bricht dann in der eisigen Steppe des Finales ein riesiger Gefangentransporter durch die Glaswand, die filigranen Lüster senken sich als Eiskristalle herab. Die neue Geliebte ihres Lovers Sergej, den die rachsüchtige Katerina mit ins Wasser zieht, wird hier zum Brandopfer als flackerndes Fanal. Sehr tarkowskihaft all das." Max Nyffeler ist in der FAZ nicht gar so begeistert und vermutet angesichts eines Plots voller Heimtücke und - vor allem - Vergewaltigungen: "Es ist wohl die Faszination des Bösen, die den Theaterbesucher in Atem hält."

Einen denkwürdigen Ballettabend erlebt FAZ-lerin Wiebke Hüster an der Hamburger Staatsoper. "La Sylphide", eine Sternstunde des Tanztheaters der Romantik, überzeugt ebenso wie Aleix Martinez' "Äther", eine zeitgenössische Antwort auf August Bournonvilles Klassiker. Der neue Ballettdirektor Lloyd Riggins, der das schwere Erbe Demis Volpis antritt, startet mit einem Volltreffer. Tatsächlich "wurden nicht nur die guten Tänzer, sondern auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, seine Solisten und sein Dirigent Markus Lehtinen gefeiert, weil sie wie die Tänzer den ästhetischen Sprung über fast zwei Jahrhunderte hinweg nahmen, als wäre es gar nichts. Es ist großartig zu erleben, dass Musiker und Tänzer beides können und beides lieben, die Romantik und das Zeitgenössische, und zwei in den Mitteln und Anforderungen so weit voneinander entfernten Epochen an einem Abend Gerechtigkeit widerfahren lassen."

Außerdem: Manuel Brug schaut sich für die Welt in der Pariser Musical-Szene um. Mit dem arg braven Emanzipationsspektakel "La Cage Aux Folles" im Théâtre du Châtelet kann er wenig anfangen, Jacques Offenbachs "Robinson Crusoe" am Théâtre des Champs-Élysées kommt besser weg. Nicht nur in Berlin, auch in Baden-Württemberg wird im Kulturbereich fleißig gekürztberichtet Björn Hayer in der taz. Esther Slevogt erinnert auf nachtkritik an den jüdischen Theaterkritiker Arthur Kürschner. Ebenfalls auf nachtkritik gedenkt Christian Rakow seines 2022 verstorbenen Kollegen Nikolaus Merck, der das Online-Theatermagazin einst mitgegründet hatte. Und noch einmal nachtkritik: Martin Thomas Pesl schaut sich in der Wiener Theaterszene um.

Besprochen werden eine "Madame Butterfly" an der Wiener Staatsoper (Walter Dobner hat in der Presse weder für die Sopranistin Eleonora Buratto noch für Dirigent Giampaolo Bisanti viel lobende Worte übrig) und "Dinner for one" von Guillaume Poix und Rebekka Kricheldorf am Theater Neumarkt Zürich (nachtkritik; "Eigentlich geht hier gar nichts auf, aber mit gewissem Witz").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2025 - Bühne

Szene aus "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!". Foto: Luna Zscharnt

Ein Krippenspiel an der anarchistischen Volksbühne? Das passt dank Christian Filips Stück "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!" ganz hervorragend, jubeln die Kritiker. Wenn Sophie Rois als Franz von Assisi in den Klassenkampf zieht, um gegen Kapitalismus, Klickfarmen und "Tech-Feudalismus" zu kämpfen, amüsiert sich nicht nur Peter Laudenbach in der SZ: "Die Revue hangelt sich an zwei Themensträngen entlang: Franz von Assisi predigt Armut, spricht mit den Vögeln und wird vom Papst (großartig: Kerstin Graßmann) als 'Kommunistenschwein' verdammt. Weil Franz von Assisis Liebe zu den Vögeln zwar schön ist, vor allem wenn Messiaen sie vertont, der Abend aber bitte nicht in den Erbauungskitsch abrutschen soll, verspeist Sophie Rois mit Genuss ein Brathähnchen. Margarita Breitkreiz spielt eine menschliche Horrorkrähe, und Hitchcocks Vögel jagen auf den Videowänden unschuldige Amerikaner."

Im Tagesspiegel ächzt Rüdiger Schaper zwar unter all den "existenziellen Themen", die Musik findet er aber grandios: "In einer unsäglichen Szene über Krieg und Pazifismus mokiert [Regisseur Filip] sich über Aufrüstung und inszeniert einen ausgelassenen folkloristischen Russentanz, begleitet von dem fulminanten Orchester unten an der Rampe. Kleine Weihnachtsaufmerksamkeit für Putin." Welt-Kritiker Jakob Hayner erlebt "nicht nur das schönste und wohl opulenteste Krippenspiel des Jahres, sondern (es) folgt als Metakrippenspiel auch einem heiligen Ernst. Es ist die Suche nach der ungeteilten Welt in einer Gesellschaft auf dem Privatisierungstrip." Auch Nachtkritiker Christian Rakow ist begeistert: "Heiligsprechungen, Wunderglaube, Aufruhr, Revolutionswehen! Ein feuerrot strahlendes Giotto-Bühnenbild! Also Opulenz gar kein Ausdruck." Nur in der FAZ schimpft Simon Strauss: "Zu viel Aufwand…, um den Gedanken der Heiligkeit der Einfachheit zu überführen".

Besprochen werden außerdem Mozarts im zarten Alter von 14 Jahren komponierte Oper "Mitridate, re di Ponto" an der Oper Frankfurt (ein "atemberaubend spannendes musiktheatralisches Ereignis", ruft Judith Sternburg in der FR, in der FAZ ist auch Jan Brachmann angetan), ein Tanzstück von Maciej Kuźmińskis "Cantos" am Hessischen Staatsballett (FR), Rabih Mroués und Lina Majdalanies Lecture Performance "Vier Wände und ein Dach" im Frankfurter Mousonturm (FR), Yael Ronens Stück "Sabotage" an der Berliner Schaubühne (taz) und Anna Bernreitners Inszenierung der Strauss-Oper "Die Fledermaus" mit neuen Texten von Patti Basler an der Oper Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2025 - Bühne

"Hamlet". Foto: Toni Suter.


Judith von Sternburg erlebt in "Hamlet", inszeniert von Burkhard C. Kosminski, für die FR auch einen Protest gegen Kulturkürzungen, denen das Schauspiel Stuttgart entschieden, manchmal fast ein bisschen zu effektreich, entgegentritt: "Kälte geht hier vor Leidenschaft. Hamlet selbst, der Schauspieler Franz Pätzold als Gaststar, ist aggressiv wie ein aufgeklapptes Messer und hält den Ball zugleich flach. Imposant, eisig, nonchalant. Entsprechend kraftvoll das Finale mit Degen und Gift, von Annette Bauer choreografiert. Der Rest ist ein Song. Nein, der Rest ist ein eindrucksvoller Protest gegen drohende massive Einsparungen in der Kultur seitens der Stuttgarter Stadtpolitik."
 
Für Nachtkritikerin Verena Großkreutz eiert das Stück ziemlich durch die Gegend, so richtig zusammenpassen will da nichts wirklich: "Hier wird gealbert, dort maßlos übertrieben. Wann dringt man vor zum ernsten, zeitlosen, bedeutenden Kern des Stücks? Im Umfeld des klamottig Inszenierten verlieren die Monologe Hamlets jedenfalls flugs ihre Bedeutsamkeit. Und nicht nur der Wahnsinn Ophelias (eigentlich einfühlsam gespielt von Pauline Großmann) wird dadurch zur Farce. Entscheidet man sich für Schenkelklopfer, begeht man gleichzeitig einen Verrat am Wahrhaftigen: an den Figuren, die echte Gefühle zeigen."

Auch die SZ macht auf die Budgetkürzungen aufmerksam, die dem Theater bevorstehen und gegen die protestiert wird.
 
Weiteres: Gerald Felber feiert in der FAZ hundert Jahre seit der Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck". Sabine Küper-Busch und Shahzad Mudasir porträtieren den Kabuler Tänzer Vantace für Jungle World.

Besprochen werden: Ilker Cataks "Das Lehrerzimmer", inszeniert von Adrian Figueroa am Nationaltheater Mannheim (taz), "Alles Liebe" von Misha Cvijovic und Philipp Amelungsen, inszeniert von Anna Weber am Staatstheater Wiesbaden (Nachtkritik), "Proprietà Privata: Die Influencer Gottes kommen!", geschrieben und inszeniert von Christian Filips an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik) und "Eine perfekte Hochzeit" von Matthew Lopéz, inszeniert von Christian Brey am Theater Oberhausen (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2025 - Bühne

Szene aus "Play Auerbach". Foto: Julian Baumann

Das tragische Leben des Holocaust-Überlebenden Philipp Auerbach, der von den Amerikanern 1945 als "Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte" eingesetzt und von allen Seiten angefeindet wurde, bis er sich schließlich das Leben nahm - als Revue auf der Bühne? Funktioniert wunderbar, meint Christine Dössel (SZ), nachdem sie Sandra Strunz' Inszenierung von Avishai Milsteins Stück "Play Auerbach" an den Münchner Kammerspielen gesehen hat: "Milstein lässt sein Stück im Jahr 2045 spielen. Hundert Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in Deutschland kein jüdisches Leben mehr, auch kein Theater. Aber es gibt - schöner Sarkasmus - noch eine Antisemitismusbeauftragte. Die heißt Beate und ist bei Wiebke Puls eine Beflissene von maximal komischem Überkorrektheitseifer: 'Erinnerungskultur ist meine Mission'. Mit einer Laienspielgruppe studiert sie eine Gedenkrevue für den vergessenen Auerbach ein. Das ist die Rahmenhandlung. Eine clevere Setzung, denn so kann - und soll - in dieser Inszenierung alles ein bisschen schief und roh und unperfekt sein."

Auch nachtkritikerin Sabine Leucht amüsiert sich über "schwarzen Humor und eklektische, aber pointierte Detailansichten", etwa wenn die eifrige Antisemitismusbeauftragte Beate zu einem Juden "Sätze sagt wie 'Aber wenn Sie das so darstellen, sind definitiv Sie für den Ausbruch der neuen antisemitischen Welle seinerzeit verantwortlich gewesen', ist man mitten im nächsten, megafetten Fettnäpfchen gelandet. Denn der so Angesprochene kontert nur knapp: 'Sagen Sie gerade, die Juden sind Schuld am Antisemitismus?'"

Szene aus "El barberillo de Lavapiès". Foto: Ingo Hoehn

Nietzsche liebte die Zarzuela - und doch erreichte die spanische Form der Operette außerhalb Spaniens nie größere Bekanntheit. Das will der Regisseur Christof Loy nun ändern, freut sich Michael Stallknecht in der NZZ, der bereits Loys aktuelle Inszenierung "El barberillo de Lavapiès" von Francisco Asenjo Barbieri am Theater Basel gesehen hat. Für Loy liegt der Schwerpunkt der Zarzuela vor allem im "im sozialkritischen Element, bei den starken Frauenfiguren, beim freizügigen Spiel mit Geschlechterrollen." Und Stallknecht ergänzt: "Lebensfreude paart sich hier oft mit inniger Religiosität, rauschende Feste schlagen in verzückte Andacht um, was der mitteleuropäischen Operette denn doch fremd ist. Selbst der Volksaufstand des kleinen Barbiers aus Lavapiès folgt keiner Weltanschauung, wie sie deutschsprachige Theatermacher lieben. Er richtet sich konkret gegen jene Einzelnen, die dem Volk zu sehr auf den Pelz rücken, egal von welcher Seite."

Besprochen werden Jacques Offenbachs "Die schöne Helena" an der Frankfurter Volksbühne (FR), Nicola Hümpels Inszenierung "Quartett zum Quadrat" von Nico and the Navigators im Berliner Radialsystem (nachtkritik), Alexander Vaasens Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns "Muttersprache Mameloschn" am WLB Esslingen (nachtkritik), Liesbeth Coltofs Inszenierung "The Drop - Beat. Break. Believe" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Guy Weizmans Inszenierung "Hope" mit Texten von Maria Milisavljević und Ensemble am Hamburger Thalia-Theater (nachtkritik), Kelly Coppers und Pavol Liskas "Pizza oder Eine Tür in der Dunkelheit tanzt nicht" von Nature Theater of Oklahoma am Gold & Pech Theater Höf-Präbach (nachtkritik) und Yael Ronens "Sabotage" an der Berliner Schaubühne ("die Aufführung wirkt verspannt und innerlich hohl", meint Irene Bazinger in der FAZ, Tsp, SZ mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2025 - Bühne

Szene aus "Sabotage". Foto: © Ivan Kravtsov

Gestern feierte Yael Ronens neues Stück "Paradox" über einen jüdischen Filmemacher, der sein Schweigen zu Gaza brechen will, von seiner Frau aus Angst vor einem Karriereschaden sabotiert wird und sich in Psychotherapie begibt, an der Berliner Schaubühne Premiere. Und es scheint, als platze es auch aus Yael Ronen heraus, nachdem im eröffnenden Monolog sofort von von Genozid und Gaza, von Holocaust und Auschwitz die Rede ist, kommentiert Janis El-Bira in der nachtkritik: "Ausgerechnet mit seinem israelkritischen Leibowitz-Filmprojekt will er die deutsche Gesellschaft und ihre stolze Vergangenheitsbewältigung einem Liebestest unterziehen: Was gilt euch der Jude, der nicht mehr mitspielt? Der ausbricht aus der Rolle? Und wenn ihr ihm die Liebe entzieht, ihn einen 'selbsthassenden Antisemiten' nennt, muss er dann fort? Nach Israel? Darin hätte 'Sabotage' Potenzial, einige Schmerzpunkte zu drücken. Dass es nur ansatzweise gelingt, liegt daran, dass Ronen rund um die Jona-Figur einen kruden Plot aus Spiegelungen, schrägen Liebesverstrickungen und tiefenpsychologischem Klimbim konstruiert, in dem sich die ganze Sache trotz blendender Unterhaltungswerte ziemlich verheddert."

Das Stück beleuchte das "Dilemma jüdischer Künstler", erklärt der Schauspieler Dimitrij Schaad, der eine der Hauptrollen spielt, derweil im Tagesspiegel: "'Die Position eines jüdischen Künstlers innerhalb der deutschen Gesellschaft ist eine paradoxe', sagt Schaad. 'Meine Figur hat das Gefühl, mal 'der Gute Jude' sein zu müssen, mal 'der Schiedsrichter, der pfeifen soll bei antisemitischem Abseits', wie es im Stück heißt, mal das Feigenblatt für deutsche Debatten. Wir leben in einer erhitzten Zeit, in der weltpolitische Konflikte im Wohnzimmer ausgetragen werden."

Weitere Artikel: Im Standard gibt Christoph Irrgeher einen ersten Ausblick auf das Programm der kommenden Salzburger Festspiele, die mit zwei Sensationen aufwarten: Stücke von Peter Handke und Elfriede Jelinek werden uraufgeführt. Im FAZ-Interview mit Wiebke Hüster spricht Lloyd Riggins, aktuell Künstlerischer Ballettdirektor beim Hamburger Ballett, über das Erbe der Tanzgeschichte und seine Pläne.

Besprochen werden eine Musical-Adaption von Paddington am Savoy Theatre im Londoner West End (SZ) und Mateja Mededs Inszenierung von Thomas Köcks Stück "KI essen Seele auf" am Theater Stuttgart (SZ).
Stichwörter: Ronen, Yael, Schaad, Dimitrij

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2025 - Bühne

Szene aus "Antichristie". Foto: Birgit Hupfeld

"Niemand verlässt diese dreistündige Inszenierung, ohne über die genozidale Kolonialgewalt dazugelernt zu haben", versichert Benjamin Trilling (taz) nachdem er Kieran Joels Bühnenadaption von Mithu Sanyals Roman "Antichristie", der vom indischen Unabhängigkeitskampf auf zwei Zeitebenen erzählt, am Schauspielhaus Dortmund gesehen hat: "Scharfe Reißzähne ragen aus dem Maul dieses Königstigers, der überdimensional auf der Bühne thront, verziert mit glitzernden Lianenvorhängen. Wohl für den Glamourfaktor dieses Showgenres: It's Quiztime. Und so treten die Beteiligten aus dem Raubtierrachen heraus und versammeln sich um einen Buzzer zu einer postkolonialen Neuinszenierung eines TV-Formats, in dem das Wissen über die Geschichte fragmentarisch und eurozentrisch durchgespielt werde. Eine der Fragen: Wie viele Inder:innen starben während der britischen Kolonialherrschaft? Die Antwort: hundert Millionen Menschen."

Im Jahr 2015 hatten sich sieben Spielstätten der Freien Szene in Deutschland zum Bündnis internationaler Produktionshäuser zusammengeschlossen, unter anderem ermöglichte es viele internationale Koproduktionen. Nach zehn Jahren streicht der Bund dem Bündnis die Förderung. Die Nachtkritik hat mit den drei Intendantinnen Carena Schlewitt, Annemie Vanackere und Anna Wagner über die Folgen gesprochen. Wagner erklärt: "Das ist wie ein Schneeballeffekt: Wir können für Künstler*innen, die wir seit Jahren begleiten und die in teils bedrohten Kontexten arbeiten, wie etwa Lia Rodrigues aus Brasilien, Eisa Jocson von den Philippinen oder die israelische Choreographin Yasmeen Godder, keine verlässlichen Partner mehr sein. Das Wegfallen unseres Engagements destabilisiert ihre Arbeit noch mehr. Auch die für den Mousonturm zentrale Arbeit mit Künstler*innen mit Behinderung, die wir durch das Bündnis anstoßen und weiterentwickeln konnten, ist gefährdet."

Derweil berichten Imke Baumann und Felix Koch vom Berliner Spielplan Audiodeskription", der Oper und Theater einem blinden Publikum zugänglich macht, im taz-Gespräch, wie die Kürzungen im Kulturetat ihrem Projekt schaden.

Besprochen wird außerdem Martin Grubers Stück "SPEED (kills content)" am Wiener Aktionstheater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2025 - Bühne

1500 Theaterleute, darunter die Regisseurin Angela Richter, warfen dem Dramaturgen Bernd Stegemann 2021 in einem offenen Brief Rassismus vor. Richter hat sich bei Stegemannn entschuldigt, im Welt-Gespräch mit Jakob Hayner pflichtet sie ihm nun bei, dass die künstlerische Freiheit durch "moralische und ideologische Regeln" begrenzt werde: "Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater." Stegemann sekundiert: "Der Neoliberalismus hat uns die interessante Figur des 'Unternehmers seiner selbst' eingebrockt. Wer erfolgreich sein will, muss sein eigener Herr und Knecht sein. Im woken Theater bedeutet das vor allem, sein eigener Tugendwächter zu sein. Die Selbstkontrolle wird durch das Einschüchterungspotenzial moralischer Gemeinschaften gesteigert. ... Und deswegen haben Gesellschaften üblicherweise eine ethische Aufsichtsinstanz, die sagt: Ihr müsst aufpassen, dass ihr mit dem Mittel der Moral nicht unmoralisch handelt!"

Christine Dössel kann in der SZ indes nur den Kopf schütteln über die Blackfacing-Debatte, die ausgelöst wurde durch ein nachtkritik-Interview mit der Regisseurin Isabelle Redfern, die dem Hamburger Schauspielhaus "bewusste Herabsetzung" vorwarf (unser Resümee). Dennoch fragt auch Dössel: "Ist das Stück 'Othello' angesichts heutiger Be- und Empfindlichkeiten überhaupt noch spielbar? Natürlich. Es ist nur nicht mehr unreflektiert spielbar. Neben der Besetzung mit einem schwarzen Schauspieler oder einer Schauspielerin praktizieren viele Theater Modelle wie Mehrfachbesetzungen, kollektive Textarbeit, postkoloniale Dekonstruktionen oder das sogenannte Color-blind Casting, bei dem die Besetzung nicht nach Aussehen und Ethnizität erfolgt, sondern nach Talent und Eignung. Umgekehrt gibt es das Color-conscious Casting, das Herkunft ganz bewusst thematisiert." In der nachtkritik kann sich Janis El-Bira indes nur wundern, mit welcher Leidenschaft Jürgen Kaube (FAZ) und Peter Kümmel (Zeit) die angesprochenen Inszenierungen verteidigen.

Weitere Artikel: Von MeToo-Vorwürfen am Théâtre du Soleil in Frankreich, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ: In  der Pariser Onlinezeitung Mediapart werfen acht Frauen zwei langjährigen Mitglieder der Truppe von Ariane Mnouchkine unter anderem sexuelle Gewalt vor.

Besprochen werden die Ballet Brilliance Gala in der Jahrhunderthalle in Frankfurt (FR), Anita Vusicas Inszenierung von Stanislaw Lems Essay "Eine Minute der Menschheit" am Deutschen Theater in Berlin (taz, FAZ, mehr hier), Yana Eva Thönnes' Inszenierung von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Theater Freiburg (taz) und Franz Hilbrichs Inszenierung der "Sissy" von Fritz Kreisler am Theater Bremen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2025 - Bühne


1983 veröffentlichte der polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem seinen Prosatext "Eine Minute der Menschheit", in dem er eine fiktive Buchrezension über einen nicht existierenden Big-Data-Band verfasste. Anita Vulesica geht am Deutschen Theater in Berlin das Wagnis ein, den Text auf die Bühne zu bringen und Nachtkritikerin Elena Philipp staunt, wie gut das gelingt: "Den inneren Disput, welchen in Lems Kurzprosa der fiktive Rezensent mit sich selbst führt, verteilt sie in ihrer mit der Dramaturgin Lilly Busch entstandenen Theaterfassung auf die schrägen Figuren einer Diskussionsrunde beim '76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik'. (…) Gedankliche Positionen aus Stanisław Lems Vorlage werden in den hitzigen Dialogen kontrastiert. Gemäß Anita Vulesica-Stil geschieht das in Form einer musikalisch getimten Humoreske."

Auch Christine Wahl amüsiert sich im Tagesspiegel mit der Inszenierung, nur Peter Laudenbach schimpft in der SZ: "Vulesica, eine auf absurde Komik spezialisierte Regisseurin, interessiert sich weniger für Lems Gedankenexperiment und die darin gelegte Tech-Dystopie, hinter tausend Daten keine Welt. Stattdessen inszeniert sie eine klamaukige Literaturbetriebssatire. In ihrem literarischen Sextett mühen sich sechs durchgedrehte Kasperfiguren in einer Kultur-Talkshow mit einer Besprechung des Buchs über die Menschheitsminute."

Weitere Artikel: Ein Kulturboykott alles Russischen hat sich zum Glück nicht durchgesetzt, atmet Manuel Brug in der Welt auf. Russen inszenieren, werden inszeniert und stehen auf der Bühne: "Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die meist (und bis heute) exzellent ausgebildeten osteuropäischen Sänger international im Kommen. Erst wurden die dramatischeren Stimmen in italienischen Opern unentbehrlich, inzwischen gibt es Belcanto-Spezialisten, Countertenöre." Arno Widmann macht sich in der FR Gedanken nach Milo Raus Inszenierung der "Seherin" an der Berliner Schaubühne über Empathie.

Besprochen werden außerdem Carolin Millners Inszenierung "Ich bin kein Fall: die Leben von Anna O., Bertha Pappenheim und P. Berthold" im Produktionshaus Naxos in Frankfurt (FR), Rossinis "La Cenerentola" in einer Inszenierung von Stephanie Kuhlmann am Staatstheater Mainz (FR), Anna-Sophie Mahlers "Requiem für eine marode Brücke" im Kolumba-Museum in Köln (SZ), Luca De Fuscos Inszenierung "Samstag, Sonntag, Montag" von Eduardo De Filippo am Teatro Argentina in Rom (FAZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" im Münchner Cuvilliéstheater (FAZ, Welt) und "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.12.2025 - Bühne

"Let Them Eat Chaos" am Deutschen Theater. Foto: Thomas Aurin.


Kae Tempests Langgedicht "Let Them Eat Chaos" wird am Deutschen Theater Berlin von Sebastian Nübling inszeniert, Eva Behrendt sieht für die taz die nachtwandelnden Bewohner einer Londoner Straße über eine Bühne gehen, die an eine riesige Dunstabzugshaube erinnert. Die geschriebene (und auch als Album mit musikalischen Einsprengseln erschienene) Variante des Gedichts gefällt ihr zwar besser als die gespielte, aber die Botschaft kommt rüber: "Auch wenn die apokalpytischen Reiter es namentlich nicht in die Inszenierung geschafft haben, hat Kae Tempest mit 'Let them eat Chaos' doch schon fast alles abgesteckt, was uns 2025 umtreibt: der Niedergang des Westens, die Dämonen der kolonialen Vergangenheit, die Ausdehnung des Neoliberalismus bis in die letzten Winkel des digitalen Medienkonsums. Die Wolfsstunde hat sich breitgemacht - auch wenn das Theater hier dafür noch keine überzeugenden Bilder gefunden hat."
 
Und nochmal zur Debatte um Blackfacing bei Othello-Inszenierungen, aus denen beim 125. Geburtstag des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Bilder gezeigt wurden (unser Resümee). In der FAZ meldet sich Jürgen Kaube zu Wort und gibt einen Vortrag des ersten schwarzen Schauspielers zu bedenken, der Othello gespielt hat, Hugh Quarshie: "Ein schwarzer Schauspieler, heißt es darin, verstehe die Rolle nicht besser als ein Däne Hamlet. Schauspieler geben fast immer jemanden, der sie nicht sind, und spielen fast immer etwas, das in jedem steckt. Den Othello Schwarzen zu reservieren, riskiere die Aussage, es sei etwas an den rassistischen Stereotypen dran. Umgekehrt sei es kein herabsetzendes Blackfacing, wenn ein Weißer den Schwarzen spiele, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Weißer einen Schwarzen verkörpern kann. So wie ein Schwarzer einen Weißen. So wie eine Frau einen Mann und umgekehrt, so wie ein Arbeiterkind einen Adligen und umgekehrt, so wie ein Einheimischer einen Fremden und umgekehrt. Man nennt es spielen."
 
Peter Kümmel schließt sich diesem Tenor in der Zeit an und gibt den Kontext von einer der beanstandeten Inszenierungen von Peter Zadek zu bedenken: "Zadeks Othello enthielt eine Aggression, die nicht rassistisch geladen war, sondern die Verlogenheit des Nachkriegsbildungsbürgertums aufstören sollte: Sie zielte nicht gegen das Fremde, sondern nach innen, gegen das Eigene. Zadeks Othello, der wild bemalte Ulrich Wildgruber, gab, indem er die weiße Frau, Desdemona, umarmte, immer mehr Farbe an sie ab - je weniger fremd er uns wurde, desto fremder wurde sie, die weiße Person. Eine Ahnung von all dem hätte man dem Publikum von heute vermitteln sollen. Man hat es stattdessen, in dieser Gala, als lustige Kuriosität vorbeirauschen lassen."
  
Der britische Dramatiker Tom Stoppard ist tot, er wurde 88 Jahre alt. Sebastian Borgner findet für den Standard Trost "in einem der unsterblichen Sätze, die der Dramatiker der Nachwelt hinterlässt: 'Jeder Ausgang ist ein Eingang irgendwo anders.' Das Zitat stammt aus 'Rosenkranz und Güldenstern', jenem Bühnenstück, mit dem Stoppard 1966 auf einen Schlag berühmt wurde. Im Stile Samuel Becketts machte der Autor darin die beiden Nebenfiguren aus Shakespeares Hamlet zu Protagonisten. Der englische Nationaldichter begleitete Stoppard durch sein Berufsleben, für die Mitarbeit am Drehbuch für Shakespeare in Love erhielt er 1998 den Oscar. Sein Stil aber war ganz eigen - so besonders, dass 'stoppardian' 1993 ins Oxford English Dictionary aufgenommen wurde, Synonym für witzige Eloquenz und intellektuelle Tiefe." Als kleines Kind musste er mit seiner jüdischen Familie aus Tschechien emigrieren: "Stoppard war längst erwachsen und erfolgreich, ehe er seine verschlossene Mutter auf ihr Leben in Zlín ansprach und seine Herkunft erforschte." Weitere Nachrufe in SZ, FAZ, Tagesspiegel, Zeit. Im Guardian schreiben Claire Armitstead und Chris Wiegand.
 
Weiteres: Am Theater Magdeburg geht die Diskussion um das Stück über den Anschlag am Weihnachtsmarkt (unser Resümee) erbittert weiter (taz).

Besprochen werden: Barrie Kosky inszeniert Nikolaj Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ, SZ), Kleists "Der zerbrochne Krug" unter der Regie von Mateja Koleznik Martina Eisenreich (SZ), und Axel Ranisch inszenieren Johann Strauß' "Aschenbrödels Traum" an der Wiener Volksoper (Standard), Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Il Gattopardo", inszeniert von Pinar Karabulut am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik, NZZ), "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik) und "Requiem für eine marode Brücke" von Anna-Sophie Mahler und Viola Köster, inszeniert von ersterer am Schauspiel Köln (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2025 - Bühne

Szene aus "Der Girschkarten". Foto: Rolf Arnold.


FAZ
-Kritiker Andreas Platthaus amüsiert sich mit der "Verwirrung des Vertrauten", die Lukas Rietzschels Komödie "Der Girschkarten" (frei nach Anton Tschechow), stiftet. Enrico Lübbe bringt das Stück am Schauspiel Leipzig auf die Bühne - mit tollen Schauspielern, wie Platthaus hervorhebt: "Komödiantentum erfordert mehr Schauspielgeschick als Tragödiendarstellung. Weil wir eh mit dem Schlimmsten rechnen, das Lustige also für gekünstelt halten. Wenn es dann natürlich daherkommt, ist es große Kunst. Und die beherrscht das Septett im 'Girschkarten' in Vollendung. Allen voran Katja Gaudard als Großmutter. Gaudard ist wie Lisa-Katrina Mayer als Dunja frei engagiert worden für diese Leipziger Inszenierung, während die anderen fünf Schauspieler dem festen Ensemble des Hauses angehören. Und Gaudard, im wahren Leben noch keine fünfzig, gibt ihre alte Dame mit einer greisen Zerbrechlichkeit voller winziger Manierismen, die man nicht anders nennen kann als eine Sensation."


Auch Nachtkritiker Tobias Prüwer ist sehr zufrieden mit der Entwicklung Rietzschels als Dramatiker: "Es geht um Retrotopien, die Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, Zukunfts- und Veränderungsängste und den Aufschub von Entscheidungen. All das wird dem Publikum nicht aufs Auge gedrückt, sondern vielmehr gestreift innerhalb der Verhandlungen dieses Familienkonflikts. Das ist klug, weil nicht bevormundend. Rietzschel will kein Erklärstück zeigen, hat sich von der Feuilleton-Zuschreibung emanzipiert, erst Erklärbär für Ostdeutschland sein zu sollen, dann Stimme einer Generation. Er gibt Anstöße, ohne Antworten zu servieren. Das ist intellektuell anregend, kitzelt hermeneutisch."

Besprochen werden: Golda Bartons "Porneia" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), Walter Moers' "Die Stadt der träumenden Bücher", inszeniert von Viktor Bodo am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und Umberto Giordanos "Fedora" an der Deutschen Oper, Regie führt John Fiore (Tagesspiegel).