Szene aus "Billy Budd", Opera National Lyon. Foto: Jean Louis Fernandez Jan Brachmann (FAZ) ist hin und weg: Richard BrunelsInszenierung von Benjamin Brittens Oper "Billy Budd" an der Oper Lyon gehört zum "Vorbildlichsten, was man derzeit in Europa sehen kann", meint er. Warum? Weil das Stück um den Matrosen Billy, der wegen Mordes an einem Sadisten zum Tode verurteilt wird, zwar "fromm und queer" zugleich ist, aber statt auf Identitätspolitik auf Ästhetik setzt. Und auch die Schauspieler brillieren. Etwa Sean Michael Plumb als stotternder Billy Budd: "Wie er den Captain Vere umarmt und ihm sagt, er würde sein Leben für ihn geben, das hat die stürmische Arglosigkeit von Kindern mit Down-Syndrom, mit der sie Anhänglichkeit zeigen…. Natürlich ist das ein Stück über Sadismus als Kompensation für unausgelebte Homosexualität", so Brachmann. Am Ende nehme Vere "kniend die Leiche Billys in den Arm. Es ist eine männliche Pietà, die Brunel ans Ende seiner Inszenierung setzt, eine Beweinungsszene, durch die der Regisseur zugleich den christlichen Sinnhorizont - den Widerstreit von Gesetz und Gnade sowie die Verkennung der Präsenz Gottes in einer Welt der Herzenshärte - aufscheinen lässt."
Besprochen werden außerdem Kirill Serebrennikows "Nurejew"-Inszenierung am Berliner Staatsballett (Zeit, mehr hier) und die "Parsifal"-Inszenierung des niederländischen Regisseurs Florian Visser, der die Wagner-Oper vierzig Jahre nach Theo Adams Märchenfassung erstmals wieder auf die Bühne der Dresdner Semperoper bringt (Welt).
Nicht der Rede wert ist Stefan Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Wiener Burgtheater, wenn man Welt-Autor Jakob Hayner glauben kann. Das Stück selbst ist Beckett für Arme, die Regieeinfälle sind zahlreich, aber zünden nicht. Hayner nutzt seinen Text für einen Frontalangriff auf die österreichische Bühneninstitution: "Am Burgtheater könnte all das stattfinden, was in keinem Stadttheater sonst möglich wäre. Warum nicht Stoffe auf die Bühne bringen, die alle Maße sprengen? Etwas wie Hermann Brochs 'Die Entsühnung' oder 'Die Schlafwandler'? Oder alle Shakespeare-Politdramen in einer Spielzeit? Wo, wenn nicht am Burgtheater? Doch von solchen Träumen keine Spur. So muss sich das Burgtheater im 250. Jahr seines Bestehens fragen lassen, was es sein will. Ein Ort, wo Theatergeschichte geschrieben werden kann? Oder nur ein Stadttheater mit üppigem Budget und riesigem Ensemble? Klar, am Ende wäre auch der Niedergang des Burgtheaters nicht der Untergang der Welt. Man wird auch den überleben."
Außerdem: Atif Mohammed Nour Houssein singt auf nachtkritik ein Loblied auf Provinztheater.
Besprochen werden Nestroys "Frühere Verhältnisse" in der Inszenierung Ruth Brauer-Kvams am Schauspielhaus Graz (Standard- "Es entstehen Leerläufe"), Carolina Cappellis Solo-Show "B-Movies", die beim Imagetanz-Festival des Brut-Theaters Wien aufgeführt wird (Standard- "All das kann zu nervösem Zwechfell-Zucken und irritierenden Lauten wie 'ha ha ha' im Publikum führen"), Floris Vissers Inszenierung von Wagners "Parsifal" an der Semperoper Dresden (FAZ - "Daniele Gatti am Pult der Sächsischen Staatskapelle spiegelt die Ratlosigkeit der Bühne"), Amélie Niermeyers Inszenierung von Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Wiener Theater in der Josefstadt (Welt - "grundsolides und schnörkelloses Unterhaltungstheater") und die Ballett-Biografie "Nurejew" an der Deutschen Oper Berlin (NZZ, Welt - "Immerhin, zwei berührend zarte Momente gibt es").
Szene aus "Nurejew" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Carlos Quezada Schon am Samstag in der SZ begeistert besprochen (unser Resümee), liefern heute fast alle anderen Zeitungen die Kritiken zu Yuri Possokhovs und Kirill Serebrennikovs Ballett "Nurejew" des Berliner Staatsballetts nach. Der Ton ist insgesamt etwas gedämpfter, doch taz-Kritikerin Hilka Dirks ist jedenfalls vom ersten Akt fasziniert: "Und da betritt er die Bühne: der junge Nurejew, hier noch vorsichtig, tastend verkörpert durch David Soares, dem Ersten Tänzer des Berliner Staatsballetts. Das Publikum entspannt sich merklich. Es ist die Waganowa-Ballettakademie in Leningrad, in der Nurejew sich hier versucht, er selbst zu werden. Alexander I. Puschkin bildet ihn dort aus. So wie Nurejews Leben nimmt der erste Akt nun Fahrt auf. Er zeigt den Tänzer im Begriff, den eigenen Ausdruck zu entwickeln, seinen Abschluss zu machen, zeigt seine ersten Versuche am Theater und seinen Drang nach Freiheit (...)" Einen "merkwürdigen" Beigeschmack hat das Ganze für Dirks allerdings auch: Choregraf Possokhov inszeniert immer noch am Bolschoi-Theater, an dem das Stück 2023 verboten wurde, und will sich diesbezüglich auch nicht äußern.
In der FR bewundert Sylvia Staude die aufwendige Inszenierung "mit allem Pomp und in aller Pracht". Außerdem ist "David Soares ein großartiger, strahlender Nurejew, auch wenn seine Schönheit von anderer, zarterer Art ist." FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster findet das Stück "trotz großartiger Bilder und bewegender" Augenblicke eher "tanzhistorisch".
Besprochen werden außerdem Stefan Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" am Wiener Burgtheater, Edward Clugs Inszenierung von Jean-Philippe Rameau "Castor et Pollux" an der Oper Genf (NZZ), Julia Riedlers Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Theater Freiburg (Welt) und in einer Doppelbesprechung Martin G. Bergers Inszenierung von Clémence de Grandvals Oper "Mazeppa" an der Oper Dortmund und Olivier Pys Inszenierung von Édouard Lalos Oper "Le Roi d'Ys" an der Opéra du Rhin in Straßburg (Welt).
Endlich erhält der von den Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft von den Bühnen verdrängte Komponist Walter Braunfels die ihm gebührende Aufmerksamkeit, jubelt Judith von Sternburg in der FR: angesichts von Ersan Mondtags Inszenierung der Braunfels' Oper "Die Vögel" am Staatstheater Wiesbaden: "Paul Taubitz und das Orchester haben einen luziden Klang erarbeitet, füllig und doch transparent genug, und äußerst abwechslungsreich. Braunfels schrieb sich sein Libretto selbst, fußend auf der antiken Aristophanes-Komödie. Während dort allerdings die Vögel, aufgewiegelt durch zwei Athener, durch heimlichen Städtebau ihre Herrschaft errichten - lockende Brathähnchen und drohender Vogelkot sind triftige Argumente gegenüber Göttern und Menschen -, scheitern sie bei Braunfels. Ein göttliches Unwetter der Extraklasse, musikalisch opulent, beendet den Traum vom revolutionären Vogelreich. Die Anstifter, bei Braunfels die windigen Herrn Hoffegut und Ratefreund, bleiben mit der leicht hämischen Gleichmut der Davongekommenen zurück."
Auch Nachtkritiker Jean Maurer ist froh, Braunfels wiederentdecken zu können: "Mondtags Inszenierung des lyrisch-fantastischen Spiels als Populisten-Oper ist dabei eine so offensichtliche wie überzeugende Interpretation. Hoffegut und Ratefreund werden zu Karikaturen von Trump und Musk, die uns Luftschlösser versprechen, während die Chorsänger den grotesken Porträts der Neuen Sachlichkeit entsprungen sind, denen man die Spuren des Ersten Weltkriegs noch ansieht. Grotesk und zugleich atemberaubend ist auch das von Mondtag geschaffene Bühnenbild, dessen herrschaftlicher, dunkelgrüner Saal an britische Herrenhäuser erinnert, während der Blick aus dem großen Fenster eine mit 3D-animierte Landebahn in einer öden Landschaft darstellt."
Einen "erheblichen Bedeutungsverlust unserer Bühnenkunst" beklagt Simon Strauß in der FAZ, mit Blick auf die Münchner Kammerspiele und das Zürcher Schauspielhaus, deren Intendanzen er eine Leidenschaft für Langeweile vorwirft und zu wenig Einsatz, wenn es darum geht, Einsparungen zu vermeiden. Es zeigt sich, "dass das Theater gegenwärtig nicht nur an Rückhalt im Publikum, sondern auch in der Kulturpolitik verliert. Dass es vielen Politikern mittlerweile als Institution fragwürdig und vielen Kulturbürgern offenbar als Unterhaltungsort entbehrlich geworden ist. Es steht insofern die Frage im Raum, wie das Theater sich für die Zukunft rüsten will, um seinen stadtarchitektonisch meist noch sehr zentralen Standort auch kulturell und gesellschaftlich zu behaupten. Die Zeit drängt, denn mit jeder hingenommenen Sparrunde wächst die Gewissheit: So, wie es war, wird es nie wieder werden."
Besprochen werden "Süßer Vogel Jugend" von Tennessee Williams, inszeniert von Max Lindemann am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik, FAZ), Rainald Goetz' "Baracke", inszeniert von StefanPucher am Thalia Theater in Hamburg (Nachtkritik), Peter Weiss' "Marat/Sade", auf die Bühne des Residenztheaters München gebracht von Regisseurin Claudia Bossard (Nachtkritik) und Stefan Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Burgtheater Wien (Nachtkritik, Standard, SZ).
Szene aus "Nurejew" an der Deutschen Oper in Berlin. Foto: Carlos Quezada
In der SZ ist Dorion Weickmann hin und weg vom Ballett "Nurejew", inszeniert von Regisseur Kirill Serebrennikov und choreografiert von Yuri Possokhov, das 2023 am Moskauer Bolschoi vom Spielplan genommen wurde. Nun an der Deutschen Oper in Berlin zu sehen, ist es für Weickmann "das Ballettereignis der Saison". Das Leben des explizit homosexuellen Tänzers bringen die beiden in kongenialer Weise auf die Bühne, jubelt die Kritikerin: "Possokhov und Serebrennikov haben sämtliche Theaterfäden - Musik, Tanz, Sprache - nahtlos miteinander verflochten. Elegant und leichtfüßig flanieren Choreografie und Partitur durch die Ballettgeschichte, zitieren hier einen Traditionsklassiker, dort Arnold Schönbergs 'Pierrot Lunaire.' Um zuletzt Nurejews krankheitsbedingtes Verdämmern in einen Traumkokon zu hüllen: in das sagenhafte 'Königreich der Schatten' aus dem historischen Melodram 'La Bayadère'. Tosenden Beifall hat 'Nurejew' schon in der Generalprobe geerntet: ein Triumph für das Staatsballett und seine fantastischen Tänzer."
Szene aus "Radio Sarajevo" am Landestheater Linz. Foto: Herwig Prammer. Nachhaltig beeindruckt kommt Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum aus Sara Ostertags Inszenierung von "Radio Sarajewo" nach dem gleichnamigen Roman von Tijan Sila im Landestheater Linz. Sila ist noch ein kleiner Junge als der Jugoslawienkrieg nach Sarajevo kommt. Wie Ostertag die Wahrnehmung des Krieges aus kindlicher Perspektive schildert, dabei Traurigkeit und Witz verbindet, findet der Kritiker bewegend. Und dann erst "die Musik! Sara Ostertag setzt sie ein, um die pure Erzählung auf auratisch andere Ebene zu heben. Gleich in der ersten Spielszene wandelt sich die Verkaufsbude auf der Bühne in eine 'Donnergeige'. So hat die Sängerin und Multi-Instrumentalistin Jelena Popržan das Ding genannt. Saiten zum Streichen, verbunden mit Elastikbändern, die zu aufgehängten Trommeln führen - magische wie bedrohliche Klänge einer eindrucksvollen Musik-Skulptur gleich zu Beginn."
"Erbärmlich und dumm" findet Jan Brachmann in der FAZ die Entlassung des Salzburger Intendanten Markus Hinterhäuser (unsere Resümees). Ja, man kann durchaus Kritik üben an seinen Entscheidungen, wie zum Beispiel seinem Umgang mit russischen Künstlern wie Teodor Currentzis und Anna Netrebko: "Solche Dinge kann man diskutieren: Man kann die persönlichen Vorlieben, die dahinter stehen, kritisieren, darf aber auch die Zwänge, die dazu führen, nicht ausblenden. Vor allem wären das alles keine Kündigungsgründe. Zugutehalten muss man Hinterhäuser zudem ein exzellentes Konzertprogramm, eine wohlüberlegte thematische Bündelung der Ouverture spirituelle nach Schwerpunktkomponisten und geistlichen Themen, ein Schauspielprogramm, das für die kommende Saison interessanter als bislang ist, und ganz grundsätzlich ein Festhalten an einem strengen Kunstbegriff, das dem sedierenden Gesäusel der Neoklassik und dem Verblödungspopulismus der Klassik-Influencer den Einzug in den Festspielbezirk verwehrt."
Besprochen werden außerdem Barrie Koskys Inszenierung der Wagner-Oper "Siegfried" in Covent Garden in London (FAZ) und Christian Stückls Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Volkstheater München (SZ).
Szene aus "Die große Stille". Foto: Tanja Dorendorf Eine Neu-Entdeckung von Mozart hatte der Hamburger Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber mit Christopher Rüpings in einem Raumschiff spielender Inszenierung "Die große Stille" an der Hamburger Oper im FAS-Gespräch versprochen (unser Resümee). Und Wellber nahm den Mund nicht zu voll, findet Egbert Tholl in der SZ. Allein Mozarts frühe Oper "Apollo et Hyacinthus" dürfte kaum jemandem bekannt sein, überhaupt überzeugte die Inszenierung, so Tholl. Apollo et Hyacinthus ist "ziemlich geradlinig inszeniert - da erweist sich die Oper als härter als jede Inszenierungsidee -, aber doch von Rüping und Wellber leicht aufgeraut. Hier ist eine Harmonie verschoben, dort sind die Rezitative zu einer echten Schauspielszene zusammengefügt, aber vor allem ist es das vielleicht von vielen ersehnte Sängerfest. Gerade dank Durlovski (nun Apollo, der hier Aliena heißt, ein im All aufgelesenes Wesen), Marie Maidowski und Kayleigh Decker, Protagonistinnen in dieser mythischen Mord- und Eifersuchtsgeschichte."
Wieso hat niemand dieses "sonderbare Mozart-Musiktheaterprojekt" verhindert, fragt sich indes ein aufgebrachter Manuel Brug in der Welt: "'Mozarts Musik zu erleben wie zum allerersten Mal', das ist schon ein gewaltig nassforscher Anspruch, der mit dieser dürftigen, nur lose verknüpften, überhaupt kein schlüssiges Narrativ ergebenden Geschichte samt banalem, ja dilettantischem Klangergebnis in keiner Weise eingelöst wird."
Szene aus "Requiem for Mariza". Foto: Bart Grietens Auch Jan Brachmanns (FAZ) Laune verfinstert sich mächtig, nachdem er beim Opera Forward Festival an der Oper Amsterdam erleben musste, wie man sich hier die Zukunft der Oper vorstellt: Symbolische Repräsentation von Benachteiligten steht an erster Stelle - "wie im Feudalismus wird die Oper damit wieder ausschließlich zum Träger politischer Repräsentation, nur dass der Adel jetzt queer und of colour ist". Etwa in der Oper "Requiem for Mariza" der türkisch-niederländischen Komponistin Meriç Artaç, die Mariza von zwei Frauen spielen lässt, von denen eine ihre nackten Brüste zeigt. Marizas Mann wird indes vom stets bekleideten Countertenor Maayan Licht dargestellt: "Der Mann wird also repräsentiert durch einen Stimmtyp, dem die Geschlechtsmerkmale entfernt worden sind, denn der Stimmbruch zeigt biologisch die Zeugungsfähigkeit an. Wir sehen eine Oper mit vokal ausradierter Männlichkeit, die paradoxerweise heteronormative Konventionen bestätigt: entblößte Weiblichkeit gegen verhüllte Männlichkeit - und wieder ist die Oper erst aus, wenn die Frau auf der Bühne tot ist."
Besprochen werden außerdem Moritz Rinkes Stück "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Theater in der Josefstadt Wien und am Renaissancetheater Berlin (Welt) und Christian Stückls Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" am Münchner Volkstheater (nachtkritik).
"This resting, patience" bei der Tanzplattform Hellerau. Foto: Spyrus Rennt Eine "fantastische" Entdeckung macht FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster bei der Tanzplattform 2026 in Dresden mit der Performance "This resting, patience". Das Duett, das von den Tänzerinnen Ewa Dziarnowska und Leah Marojević getanzt wird, "ist wild und demokratisch und zugleich sexy. Ihre Kräfte, ihre Energien scheinen nie abzunehmen, nie zittern ihre Oberarme, selbst wenn sie manchmal schwitzen, geraten sie drei Stunden lang nie an ihr Limit. Ihr Lächeln ist professionell, und gerade dadurch wirken sie bei aller physischen Nähe so undurchschaubar. Sie sind sie selbst und zugleich eine Verkörperung all derer, die ihnen vorangegangen sind. Sie kriechen über den Boden, legen sich unter Stühle, bitten die Zuschauer aufzustehen, damit sie die Stühle neu arrangieren können - mal zu gegenüberliegenden Reihen, als wäre die Mitte dazwischen ein Laufsteg, mal zu Kreisen. Autoerotische Gesten beweisen, dass alles, was man sehr langsam macht, eine Pathosformel wird."
"Die grauen Herren der Verwaltung entscheiden, nicht die Kreativen", ärgert sich Manuel Brug in der Welt. Erst wird der Intendant der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser rausgeworfen (mehr hier), jetzt hat es den renommierten Dirigenten Andris Nelsons getroffen, der nach zwölf Amtsjahren beim Boston Symphony Orchestra gekündigt wurde. Brug sieht hier einen fehlgeleiteten Modernisierungs- und Sparwillen durch ein inkompetentes Management: "Angeblich schwindet die Akzeptanz des Publikums, und teure Renovierungen in der vielgeliebten Symphony Hall, wie auch am Sommerspielort Tanglewood stehen an. Board und Management wollen deshalb einen neuen Chefdirigenten (vermutlich weiblich), der 'die Zukunft' verkörpert, jung, divers, alert ist und möglichst exklusiv bei diesem Orchester antritt. Da brachte es auch nichts, dass Nelsons sehr viel Moderne und zeitgenössische Komponisten, Oper und Sonderprojekte dirigiert hat, von den Musikern wie vom Publikum geliebt wurde, eine vorbildliche Zusammenarbeit zwischen seinen beiden Klangkörpern in Europa und Amerika vorangetrieben hat - er scheint eben auch schon wieder old school zu sein."
Weiteres: Esther Slevogt überlegt auf nachtkritik, was Habermas' Tod für das Regietheater bedeutet. Christoph Irrgeher beteiligt sich im Standard an den Spekulationen darüber, wer bei den Salzburger Festspielen Intendant Markus Hinterhäuser beerben wird. Matthias Wildhagen berichtet in der NZZ von den ambitionierten Plänen, die Matthias Schulz als neuer Chef des Opernhaus Zürich verwirklichen will. Besprochen wird "Große Stille", ein Opernabend nach Mozart, inszeniert von Christoph Rüping an der Hamburgerischen Staatsoper (Welt - "XXL-Flop in Mozarts Namen").
Endlich kann FAZ-Kritiker Michael Ernst wieder eine Uraufführung an der Oper Leipzig sehen und Florentine Kleppers Inszenierung von Bernd Frankes neuer Oper "Coming Up For Air" enttäuscht ihn nicht. Sie verbindet in einer komplexen "Reise durch Zeit und Raum" drei unterschiedliche Schicksale miteinander, die alle unter dem Credo "Ringen um Luft und Atem" verbunden sind: die Unbekannte aus der Seine begegnet dem Kritiker, ein Vater, der um seinen ertrunkenen Sohn trauert und Anouk, die auf eine neue Lunge wartet. Vor allem ist da aber die Musik: "Frankes Musik ist wie gutes Parfum. Man kann sich ihr nicht entziehen, sie umrauscht den Hörer und charakterisiert die Akteure. Matthias Foremny am Pult des höchst motivierten Gewandhausorchesters hat ein kongeniales Gespür dafür. Leipzigs vorzüglicher Opernchor etwa lässt eintauchen in wogende Atemvorgänge sowie in die mal sanften, dann erstickenden Fluten der Seine und des Fjords. Die namenlos bleibende Unbekannte charakterisieren singende Cello-Passagen, während Samatha Gaul die Figur vokal und spielerisch in fragiler Lebenslust darstellt, die letztlich zerbricht. Betörend!"
Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz die diesjährige Tanzplattform Deutschland in Hellerau. Besprochen werden Juan Mirandas Inszenierung von Sivan Ben Yishai Stück "Nora - Oder wie man das Herrenhaus kompostiert" am Schauspielhaus Wien (FAZ), Christopher Rüpings Mozart-Projekt "Die große Stille" an der Staatsoper Hamburg (taz), Michael Letmathes Inszenierung von Lars Werners "Gewalt erben" am Deutschen Theater Göttingen (taz), Martin G. Bergers Inszenierung von Clémence de Grandvals Oper "Mazeppa" an der Oper Dortmund (FR) und Guntbert Warns Inszenierung von Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Renaissance-Theater Berlin (SZ, tsp).
"Sommernachtstraum" in Zürich. Bild: Eike Walkenhorst. Pınar Karabuluts Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspielhaus Zürich ist fürNachtkritikerin Valeria Heintges zwar nicht ganz ein Albtraum, aber doch über lange Strecken frustrierend: Die vielen Ideen, die Karabulut in die Verwechslungs- und Verzauberungskomödie durcheinanderwirft, "stechen sich gegenseitig aus; der Funken springt nicht über. Es scheint, als sei unter all den Shakespeare-Variationen das Original vergessen gegangen. Aber wenn die Liebe der Athener nicht glaubwürdig, das Spiel der Handwerker unambitioniert, Henri Martens Zettel mit Eselskopf nur abstoßend wirkt, das Spiel der Geister nur leerer Zeitvertreib ist - dann haben Tragik und Komik nicht die nötige Fallhöhe, wird alles vorhersehbar, beliebig, austauschbar. Es überrascht kurz, ist aber bald egal. Ein Spiel um eine leere Mitte."
Überwältigt ist Ueli Bernays in der NZZ ob der von der Regisseurin kurzerhand ausgeklammerten erzählerischen Logik auch nicht, er freut sich aber über ihre lebendigen, bunten Feen und Geister: "Sie lässt den Darstellerinnen und Darstellern Raum genug für die Charakterzeichnung ihrer Rollen. Letztlich aber ist es die Orchestrierung des engagierten Ensembles, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht und in musicalartigen Szenen kulminiert: insbesondere wenn alle zusammen Lady Gagas 'Abracadabra' zum Besten geben. Wenn die Aufführung vorbei ist und die Liebenden doch noch zueinandergefunden haben, mag man sich die Augen reiben wie nach einem seltsamen Traum. Was war das gerade, was hat das eigentlich zu bedeuten, woran wird man sich erinnern? Der Verstand fühlt sich nicht gerade überfüttert mit Geist und Sinn. Dafür überzeugt dieser 'Sommernachtstraum' durch Sinnlichkeit und Amüsement."
Weitere Artikel: Im belgischen Havelange sollte ein Theaterstück auf die Bühne kommen, in dem die Muttergottes als Halbverweste dargestellt wird - eine Gruppe Katholiken hat protestiert und das veranstaltende Kulturzentrum zur Absage des Stückes gebracht, meldet der Spiegel. Timothee Chalamet hat zwar gerade behauptet, niemand interessiere sich mehr für Oper und Ballett, aber das kann der Bayerischen Staatsoper nichts anhaben: Intendant Serge Dorny freut sich über 99 Prozent Auslastung in der Opernsparte und sogar 100 Prozent beim Ballett, wie der Spiegelberichtet. Die FAZ druckt Jürgen Habermas' Kritik zur Bonner Aufführung von André Obeys Theaterstück "Ein Opfer für Wind" aus dem November 1953. Rüdiger Schaper trifft sich für den Tagesspiegel mit Kirill Serebrennikov, um über die zerstörerische Wirkung des russischen Angriffskrieges auch in der Kultur zu sprechen.
Besprochen werden "Die Schändung der Lucretia: Ein Casting", geschrieben und inszeniert von Lola Arias am Theater Basel (nachtkritik), Sivan Ben Yishais Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" am Schauspielhaus Wien (Standard), Roberto Ciullis Inszenierung von Peter Handkes Stück "Über die Dörfer" am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten", das Guntbert Warns am Renaissance-Theater in Berlin inszeniert hat (nachtkritik).
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