Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Design und Mode

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2023 - Design

Die Halbjahreskollektion für eine wohlhabende Frau konnte bis zu einer halben Million Franken kosten. Übermantel für eine Frau (uchikake), vermutlich Kyoto, 1860-1880 © Victoria and Albert Museum, London


Wer sich für die Geschichte des Kimonos interessiert: auf nach Zürich, ins Museum Rietberg. NZZ-Kritiker Philipp Meier steht staunend vor fantastischen, leuchtend bunt bestickten Gewändern und lernt, dass die Ornamentik streng reglementiert war - je nachdem, welchem Stand man angehörte. Heute ist der Kimono eigentlich so modern wie nie, denkt sich der Kritiker: "Denn wenn es ein Kleidungsstück gibt, das im Grunde kein Geschlecht kennt, dann ist es der japanische Kimono. Für Männer wie für Frauen exakt gleich geschnitten, ist er aus einfachen Stoffbahnen zusammengenäht - so breit, oder besser: so schmal, wie es der Webstuhl vorsieht. An der Taille wird der Stoff von einem breiten Gürtel - dem 'obi' - zusammengehalten. Ein denkbar simples Gewand, geradlinig und flach wie ein Brett. Der Akzent liegt auf der Oberfläche des Tuchs. Farbe und Muster lassen den Körper irrelevant werden. Nichts betont da einen männlichen Torso. Geschweige denn weibliche Kurven: Taille, Busen verschwinden darunter. Ein Kimono unterbindet körperliche Merkmale in dem Maße, wie diese im Okzident insbesondere im Fall weiblicher Kostüme mithilfe von einschnürenden Korsetts hervorgehoben wurden. Der Kimono ist heute prädestiniert, zum Kleid fluider Identitäten zu werden."

Ebenfalls in der NZZ porträtiert Silke Wichert die Modedesignerin Phoebe Philo, die, nachdem sie die Marke Céline zu Ruhm und Ehren katapultiert hatte, bei den Septemberschauen ihr eigenes Modelabel (unter dem Dach von LVMH allerdings) vorstellen soll. Die Erwartungen sind riesig, denn was Philo bei Céline schuf, "war nicht weniger als eine Offenbarung", erklärt Wichert, "minimalistische Entwürfe, aber mit messerscharfen Schnitten und - das liebten die Frauen so an ihren Designs - kleinen, aber immer smarten Details." Selbst die Handtaschen waren "architektonisch anspruchsvolle Behältnisse - für Frauen, die ihr eigenes Geld verdienten und deshalb tatsächlich mal Unterlagen, Notizbücher oder dergleichen verstauen mussten. Philo war eine von ihnen. Eine schlaue, berufstätige Frau mit Kindern, die Wert auf gute, anziehende Kleidung legte, aber nichts mit nach Aufmerksamkeit heischender Mode anfangen konnte. Wenn in diesen Tagen ständig von Quiet Luxury die Rede ist - darauf hat Céline beziehungsweise Phoebe Philo quasi das Copyright."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2023 - Design

In Afghanistan werden nun auch die Schönheitssalons geschlossen, letztes Refugium für Frauen außerhalb ihres Hauses, erzählt auf Zeit online eine anonym bleibende Autorin. "Die Schönheitssalons waren also Orte, an denen Frauen Kontakte knüpfen und sich gegenseitig ermutigen konnten, was ihnen nun ebenfalls verwehrt wird. Einige Bürger und Bürgerinnen glauben, dass der letzte Beschluss der Taliban bezüglich der Schönheitssalons Teil eines größer angelegten Vorhabens ist, die Frauen zu Gefangenen in ihren eigenen Häusern zu machen. Die Inhaberin eines Salons in Kabul berichtet: 'Bevor die Schönheitssalons geschlossen wurden, haben uns die höheren Beamten der Taliban bereits Steuern für mehrere Jahre im Voraus zahlen lassen. Mir ist ein immenser finanzieller Schaden dadurch entstanden. Dass wir nicht einmal in Bereichen arbeiten können, die exklusiv für Frauen sind, ist einfach ungeheuerlich. Eine Unterdrückung der Frauen, wie sie in Afghanistan ausgeübt wird, wäre an jedem anderen Ort der Welt undenkbar. Im Grunde genommen sagen sie uns damit, dass wir kein Recht haben, zu leben, und sie uns alle umbringen könnten."

Szene aus dem Film "Zum weißen Rössl" mit Theo Lingen 1935


Trachten, und ganz besonders das Dirndl, werden immer beliebter, stellt Jeroen van Rooijen nach einem Rundgang auf dem Münchner Oktoberfest in der NZZ fest. Traditionell ist es nur bedingt, erzählt er. Ursprünglich hatten sich Hausfrauen zum Schutz ihrer Kleider "eine Schürze umgebunden, die oft aus alter Bettwäsche rezykliert war. Diese einfachen Grundbausteine sind tatsächlich historisch dokumentierte Kleidung des Alpenlandes - ein typisches 'Dirndl' wurde daraus aber erst später. Es waren die jüdischen Brüder Julius und Moritz Wallach, ursprünglich aus Bielefeld, die im Jahr 1900 in München ihr 'Volkstrachtengeschäft' eröffneten und damit den Grundstein für den Siegeszug der Tracht legten. ... Ein Coup gelang den Brüdern Wallach, als sie 1910, aus Anlass des 100. Oktoberfestes in München, unentgeltlich den Landestrachtenzug einkleideten und den Titel eines 'königlich-bayerischen Hoflieferanten' bekamen. Auch schneiderten die Brüder Wallach 1930 die Bühnenkostüme für die populäre Operette 'Im weißen Rössl' von Ralph Benatzky, die weltweit zu einem Trachten-Rausch führte." Wie modern!

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2023 - Design

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Für das ZeitMagazin porträtiert Gabriel Proedl die britische Modedesignerin Grace Wales Bonner, die sich für ihre Arbeit von Galionsfiguren schwarzer Geschichte inspirieren lässt - von James Baldwin etwa, aber auch von Josephine Baker. "Bei Baldwin interessiert sie, wie er in der Öffentlichkeit jenen Stil etabliert, der vorher Weißen vorbehalten war: sein dandyhaftes Auftreten, seine Stilisierung von Intellektualität - mit Paisley-Halstuch und Mustang-Sonnenbrille, Schlaghosen, Krawatte und Manschetten. Bei Baker ist es die Freiheit, die sie für sich beanspruchte, und der Stolz, mit dem sie ihre Herkunft zeigte, wenn sie auftrat. Eines von Bakers berühmtesten Kostümen etwa, ein Kleid aus Straußenfedern, übersetzt Wales Bonner in eine schwarze Stoffhose, deren Beine nach unten hin ausfransen; durch die Bewegung beim Gehen entstehen so quastenähnliche Büschel. 'In Filmaufnahmen von ihr macht es den Anschein, als würde sie schreien: Seht her, seht mich an, ich gehöre dazu - und ich gehe auch nicht mehr so schnell weg', sagt Wales Bonner über Baker."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2023 - Design

Was waren das noch für Zeiten, als Automobile schon durch ihre Gestaltung die Zukunft in die Gegenwart brachten, als Roland Barthes in seinen Essays vor dem Citroen andächtig auf die Knie ging, seufzt Gerhard Matzig in der SZ, der bei der IAA Mobility in München nicht nur deshalb ein langes Gesicht macht, weil selten zuvor eine Großveranstaltung das Stadtbild an der Isar derart "gedemütigt" hat. Sondern auch, weil die Messe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine "ziemlich ästhetikferne Idee von der Zukunft der Automobilität" präsentiert. "Es wäre schön, wenn die IAA dann demnächst wieder mal zeigt, wie es auch automobil und zugleich in Schönheit in die Zukunft geht. Bis es so weit ist, denn alt und schlaff gewordene SUV-Knitterblech-Muskeln dominieren auch in diesem Jahr eine Messe der Design-Ratlosigkeit, hilft Ironie weiter. Auf der Messe ist der Bayern-Stand mit einer Carrera-Bahn ausgerüstet. Die Modell-Landschaft besteht aus vielen kleinen Windrädern. Ausgerechnet in Bayern? Schon sehr toll, dieser Humor."

Keiner mag Grau, aber alle mögen Grau, lautet Niklas Maaks paradoxer Befund in der FAZ: Die Farbe, die wie keine zweite als trüb und trostlos gilt, rangiert zugleich in der Beliebtheitsskala ganz weit oben, sofern es um Sofas und Autos geht. "Bis vor Kurzem: Denn nun hat der italienische Autohersteller Fiat die 'Operation No Grey' gestartet und verkündet, dass es von sofort an keinen Fiat mehr in Grau zu kaufen gibt. Begründet wird die nicht marktbedarfskonforme Kundenumerziehungsmaßnahme mit dem italienischen Nationalcharakter: In einem Werbespot sieht man Fiat-Chef Olivier François durch die Straßen der italienischen Hafenstadt Lerici spazieren, vorbei an ausländischen Autos. 'Grau, die Lieblingsfarbe der Autohersteller. Deutsches Grau, japanisches Grau, französisches . . . verkauft sich immer', sagt François. 'Aber wir reden über Italien. Das ist Freude, Optimismus, Liebe, Leidenschaft, Leben. Und was hat Grau damit zu tun? Nichts.'"

Tobias Prüwer schaut derweil in der Jungle World auf die Geschichte der Farbe Rosa, die bei weitem nicht immer für Mädchen gedacht war.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2023 - Design

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Amelie Apel und Ubin Eoh haben für das ZeitMagazin aufgeschrieben, wie Leute aus dem Kulturleben ihren Kleidungsstil gefunden haben, darunter die Filmemacherin Ulrike Ottinger mit ihrer zeitlosen, durch markante Details sanft aufgebrochene Eleganz, aber auch die Modejournalistin Lynn Yaeger mit ihrer schrillen Extravaganz: "Jedes meiner Outfits enthält ein Tüll-Element. Zum Beispiel ziehe ich über einen türkis- oder pinkfarbenen Unterrock aus Tüll ein weites, schwarzes Kittelkleid. Wichtig ist, dass der farbige Tüll unten herausschaut. ... Ich finde meine Outfits einfach süß. Wer freut sich nicht über eine Gestalt in einem riesigen Tutu? Viele Frauen in meinem Alter schauen in den Spiegel und sehen nur Makel. Ich schaue meistens in den Spiegel und denke: 'Das ist hinreißend! Dieses Kleid ist hinreißend!' Mein Look ist sehr individuell, aber gleichzeitig auch nahbar und zeitlos. Ein paarmal haben sich Leute zu Halloween als Lynn Yaeger verkleidet, das hat mir sehr geschmeichelt."
Stichwörter: Mode, Yaeger, Lynn, Instagram

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2023 - Design

Ines Doujak, Foto aus der Performance Fires, 2011

Critical Consumption - klar, auf jeden Fall, nickt in der FAZ Hannes Hintermeier, inspiriert von einer kritischen Modeausstellung im Wiener MAK. Mit der Botschaft kann er sich anfreunden, allein die Umsetzung fällt schwer. Die Ausstellung "predigt einen 'hedonistischen Minimalismus', also in der Praxis einen sehr bewusst gefüllten Kleiderschrank mit wenigen, gut kombinierbaren, lange tragbaren Kleidungsstücken, im Zweifel teurer bei der Anschaffung, aber werthaltig. Kaufe nur, was du liebst, kaufe lokal, frage nach, woher die Sachen kommen, fordere Transparenz und so weiter. Doch noch wirkt Sylvie Fleurys Installation 'Acne' (2014) vertraut - ein Ensemble voller Einkaufstüten von Luxusmarken. Man muss nur vor die Tür des MAK treten, um sich in der Inneren Stadt wie in einer Liveperformance des Luxus und der Moden wiederzufinden."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2023 - Design

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Mit seiner Ausstellung "Critical Consumption" beleuchtet das Wiener Museum für angewandte Kunst die dunklen Seiten der Modebranche. Damit liegt das Haus durchaus im Zeitgeist, schreibt Anne Feldkamp im Standard. Insbesondere "junge Menschen, zerrissen zwischen der Faszination für Luxusmode, Fast Fashion und dem Willen, nachhaltiger zu konsumieren, hinterfragen die Mechanismen der Modeindustrie." Entsprechend rege diese Ausstellungen zum Diskutieren an, "so wie zwei sprechende, prominente Arbeiten aus den Zehnerjahren: Sylvie Fleurys Sammlung an Einkaufstüten von Acne und Wang Bings Dokumentarfilm '15 Hours' - so lange dauert der Arbeitstag der Näher und Näherinnen in der chinesischen Bekleidungsfabrik Huzhou. Wo sieht man sich zwischen Shoppingwahn und Konsumverzicht? Inmitten des Raumes werden hinter Glas historische Querverbindungen zur heutigen Modeproduktion hergestellt. Dort erfährt man beispielsweise, dass angesagte alternative Pflanzenfasern so neu nicht sind. Hingewiesen wird auf Aloe- und Kokosnussfasern aus dem 19. Jahrhundert in der Mak-Sammlung."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2023 - Design

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Ein Beitrag geteilt von Victoria and Albert Museum (@vamuseum)



Die "Diva"-Ausstellung des Victoria & Albert in London ist mit ihren zahlreichen versammelten Abendkleidern und Kostümen "eine Feier der unerreichbaren, dem Irdischen entrückten Superfrauen, die abgehoben von der Menge existieren", freut sich Marion Löhndorf in der NZZ. "Die Primadonna braucht die Kulisse, den Laufsteg oder den roten Teppich, um die Metamorphose zur Phantasiegestalt zu vollziehen: ohne Bühne keine Diva. Federn, Strass, Fransen, Tüll, Samt und Seide helfen, den großen Auftritt ins Mythische zu heben. Die Kleider erweitern die Ausstrahlung der Göttlichen hin zur Überlebensgröße. ... Bob Mackies Entwürfe für Cher und Tina Turner gehören zu den Höhepunkten der Ausstellung." Denn "wenn Tina tanzte, tanzten schmale Stoffbahnen mit, die um ihre Beine schwangen. Cher verwandelte er mit spektakulären Gewändern in einen Paradiesvogel und schickte sie 1986 mit einem gigantischen Federkopfschmuck zur Oscar-Verleihung. Als einzige Ausnahme unter den vielen bunten Prachtgewändern nimmt sich Edith Piafs bescheidenes, schwarzes Kleidchen in einer Vitrine aus."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2023 - Design


Shayne Oliver: Mall of Anonymous, 2023. Foto: Frank Sperling/Shayne Oliver.

Der Designer Shayne Oliver stellt im Berliner Schinkel-Pavillon aus und bereitet damit schon mal seine Rückkehr in die Welt der Mode vor, informiert uns Dennis Braatz in der SZ: "Wer in der Mode dauerhaft erfolgreich sein will, muss wissen, wie man im Gespräch bleibt - oder wieder dazu wird. Das Konzept für die Ausstellung 'Mall of Anonymous' entstand im Lockdown. 'Ich begann darüber nachzudenken, warum ich überhaupt konsumieren will. Es gibt kaum noch physischen Raum für neue Ideen', sagt er. Die Mall als Sinnbild passt nicht nur, weil Einkaufszentren heute überall auf der Welt so gut wie gleich aufgebaut und mit den gleichen Marken ausgestattet werden. Sondern auch, weil sie sich in den Vereinigten Staaten, wo sie erfunden wurden, immer häufiger zu 'Dead Malls' entwickeln. Tote Einkaufszentren, die kaum noch von Menschen genutzt werden und deshalb einen hohen Leerstand an Geschäften haben." So richtig konsumkritisch ist das nicht, meint Braatz: "Oliver lädt seine Mode so schon mal emotional und kulturell auf, bevor es sie überhaupt richtig gibt. Verkaufsfördernder kann man ein Comeback nicht angehen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2023 - Design

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Das Berliner Kunstmuseum Dahlem entreißt den von den Nazis einst verfemten Designer Paul Jaray mit einer Ausstellung dem Vergessen, freut sich Karlheinz Lüdeking in der FAZ. Jarays Pionierarbeiten kann man gar nicht genug würdigen - so schuf er unter anderem das moderne Propellerdesign. Doch "besonders folgenreich wirkten Jarays Forschungen beim Design von Automobilen. Bis 1930 sahen Autos noch mehr oder weniger aus wie Kutschen ohne Pferde. ... Die Vorstellung einer Umhüllung des Ganzen drängte sich erst dann auf, als die Autos immer schneller wurden und dabei auf zunehmenden Luftwiderstand stießen. Um ihn zu verringern, bekam das Auto immer stärker abgerundete Karosserien. Das war nicht nur nützlich, sondern auch visuell ansprechend, denn damit zeigte sich das Automobil zum ersten Mal als eine ganzheitliche und in sich geschlossene Einheit. Das Zweckmäßige harmonierte zunächst also noch ganz zwanglos mit dem Ästhetischen, und an dieser Harmonie hat Jaray auch dann noch unbeirrt festgehalten, als er feststellen musste, dass die Mehrheit seiner Zeitgenossen das nicht so sahen wie er."