Wenn das Modedesign in die heiligen Hallen der Kunstmuseen abwandert - wie jetzt in Paris zu sehen, wo sich eine Yves-Saint-Laurent-Schau über gleich sechs Häuser verteilt (unser Resümee) -, dann vollzieht das Modedesign nach, was der Kunst seit der Renaissance gelang: sich vom schnöden Handwerk abnabeln, kommentiert Catrin Lorch in der SZ. "Es ist die Aura des Genies, des einsamen Künstlers, die auf das Label abstrahlen soll. Und die gibt es nur im Kunstmuseum. Ein so außergewöhnlicher, hochbegabter Designer wie Yves Saint Laurent hat zu Lebzeiten bei aller Arroganz nie beansprucht, Künstler zu sein." So bleibe in Paris "bei aller Euphorie eben auch unübersehbar: Piet Mondrians so reduzierte, blaupausenflache Gemälde stellen sich nach einem knappen Jahrhundert im Museum ihren Nachbarn aus Impressionismus, Fauvismus, Expressionismus immer noch mit schlichter Kühle in den Weg. Sie sind ein neuer Entwurf des Sehens und Fühlens. Mondrian wusste, dass wenn diese Reduktion gelingt, die Verhältnisse neu gemischt werden. Und die so ähnlichen Linien und Farbflächen auf dem Kleid sind eben doch nur ein Muster. Gemacht für Schaufenster, Boulevards oder Restaurants."
"Ein fantastisches Vergnügen" ist diese Ausstellung aber eben doch, schreibt Tanja Rest ebenfalls in der SZ und unterstreicht: "Es schadet einem Picasso-Cape des Göttlichen nicht, wenn es neben einem echten Picasso hängt und von ihm ein klein wenig zurechtgestutzt wird. Sie sind ja auch keine Zwillinge, sondern entfernte Verwandte." Eindrücke der Ausstellung finden sich unter diesemInstagram-Hashtag.
Besprochen wird außerdem KonstantinGrcics Ausstellung "New Normals" im Berliner Haus am Waldsee (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Dem Verhältnis zwischen Mode und Kunst geht die Ausstellung "Modebilder - Kunstkleider" in der Berlinischen Galerie nach. Die Reise geht aus dem frühen 20. Jahrhundert, als AnnaMuthesius mit dem "Eigenkleid" die Frau aus dem Korsett befreien sollte, bis zum Berlin der Achtziger und darüber hinaus, schreibt Jenni Zylka in der taz. "Bilder von Sibylle Bergemann undbeeindruckende vestimentäre Kostümoriginale aus dem Netzwerk 'Allerleirauh' dokumentieren dazu die Szene Ost-Berlins. Und Künstler:innen wie Wiebke Sim, deren Hüte skulpturale, bunte Objekte sind, holen die Kunst nah an den menschlichen Körper der Gegenwart. ... Käthe Kruse hatte 2013 ein 'neues Kostüm' für das 'Naturkatastrophenballett' gebastelt, das die Gruppe Die Tödliche Doris in den 80er-Jahren auf dem unbebauten, mit Pfützen übersäten Potsdamer Platz aufführte. Jetzt werden die Katastrophen anscheinend mit blauen Lackgummistiefeln losgetreten. Das sieht, man darf es ruhig sagen, eh fast noch besser aus."
Paris feiert YvesSaintLaurent - gleich fünf Museen widmen sich an sechs Standorten dem 2008 verstorbenen Modedesigner. Eine "postmodern eklektische Suite" in sechs Sätzen, deren Stationen FAZ-Kritiker Marc Zitzmann im einzelnen zwar gern abgeschritten hat, wenngleich er das über die Stadt verstreute Konzept - zehn Kilometer Fußmarsch, über 70 Euro an Eintrittspreisen - für verfehlt hält. Visuelle Eindrücke liefert der zur Ausstellung passende Instagram-Hashtag.
Weiteres: Sabine von Fischer hat den Schweizer Designer AlfredoHäberli für die NZZ in dessen Atelier besucht. Die Mode wird wieder flauschig, stellt Tillmann Prüfer in seiner Kolumne im ZeitMagazin fest. Besprochen wird eine Ausstellung über den Bauhäusler ErichDieckmann in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Halle (FAZ).
"Die Schleppe wird offenbar erneut attraktiv", beobachtet Tillmann Prüfer in seiner Kolumne fürs ZeitMagazin mit Blick auf aktuelle Kollektionen von Fendi, Gucci und Missoni. "Auch Miuccia Prada kleidet die Frau ganz ähnlich ein - in knappe pinkfarbene Miniröcke, die gleichsam ein Schwänzchen aus Chiffon hinter sich herführen. Bei dieser sehr dezenten Schleppe ist die Gefahr freilich groß, dass jemand versehentlich drauftritt. Dafür schwebt sie in der Luft, wenn ihre Trägerin nur schnell genug schreitet. Was wiederum sehr für die mobile Frau spricht."
Ja sind wir denn hier in Brandenburg? Stuhl von Konstantin Grcic (Foto: Florian Böhm) Eher verschnupft kommtSZ-Kritiker Peter Richter von der KonstantinGrcic gewidmeten Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee nach Hause. Zwar ist Grcic "recht sicher der bekannteste lebende Industriedesigner in diesem Land", aber seinen ikonischen Arbeiten wie dem Chair_One oder der Mayday-Lampe werden in der Ausstellung mit einer etwas überhand genommenen Fantasie beim Re-Kombinieren der Zauber genommen: So begegne "einem dieser eigentlich so dynamische Sitz im Haus am Waldsee praktisch als sein Gegenteil: nebeneinander aufgeschraubt auf eine Bank, die an einer selten bedienten Bushaltestelle irgendwo in Brandenburg zu stehen scheint. Jemand hat Kabelbinder um jede einzelne Strebe gezogen - als klares Werk der Langeweile." Was "auf den ersten Blick zwar mild erheiternd, auf den zweiten und alle weiteren dann aber eher deprimierend" wirkt. "Den Designer, der sich seine Berliner Willkommensausstellung selber einrichten durfte, trieb dabei sichtlich die Angst, dass seine Arbeiten in der Zehlendorfer Fabrikantenvilla als das zu stehen kommen, was sie nun einmal im Alltag meistens sind: zeitgenössische Möblierungen von Altbauwohnungen."
In Deutschland gehasst, in der Dritten Welt geschätzt: der Monobloc (Pier 53) Buch, Film und Podcast: Gerhard Matzig staunt in der SZ darüber, wie "besessen" der Dokumentarfilmer Hauke Wendler vom Billig-Plastikstuhl-Design Monobloc ist, obwohl er ihn im Podcast mit "Stuhl. Weiß. Plastik. Scheiße" sehr eindeutig anmoderiert. Aber faszinierend ist das ikonische Ungetüm, dieser "imSchattenreich darbende Quasimodo unter den Möbeln" allemal: "Vielleicht muss man diesen Stuhl als späte Rache am Minimalismus deuten. Als Vergeltung für die Ornamentlosigkeit der Moderne. Der Monobloc sieht aus wie ein verkitschter Sonnenuntergang am Meer. Aus Plastik. ... So billig und daher auch so ubiquitär wurde aus dem Stuhl eine Ausgeburt des Schäbigen. Ramschware. Plunder. Tinnef. Der, das gehört zu den Pointen der Stilgeschichte, ursprünglich mondän sein sollte und daher als Pool-ZubehörmitschönenMenschen im kleinen Schwarzen oder im Smoking inszeniert wurde."
SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier hat sich derweil Wendlers Film angesehen, der auch seine eigene Entstehung dokumentiert - denn auf sehr viel mehr als auf den schlechten Ruf des Stuhls stößt Wendler in Deutschland nicht. So bleibt ihm nur "zu beweisen, dass Menschen in anderen Teilen der Welt mehr Interesse an dem Monobloc haben als die Deutschen. Weil er für sie einen anderen Wert hat. Im Internet stößt Wendler auf Bilder aus Afrika, auf denen sich der Monobloc in ein fahrbares Gefährt verwandelt hat. ... Nehmt das, ihr deutschen Billigstuhl-Hasser. Hierzulande mag man außerhalb von Designmuseen voller Verachtung auf den Monobloc herabblicken, während die Leute im globalen Süden kreativ mit ihm umgehen und sogar Rollstühle mit ihm bauen."
Ziemlich begeistert kommtSZ-Kritikerin Isabel Pfaff von der Ausstellung "Cambio. Baum, Holz, Mensch" im Museum für Gestaltung Zürich nach Hause. Zusammengestellt hat die Ausstellung das italienische DuoStudioFormafantasma in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Experten. Nicht so sehr Design aus Holz steht im Mittelpunkt der Schau, vielmehr "dominiert der Rohstoff Holz in all den verschiedenen Stadien und Formen, die der Stoff vom Baum bis zum fertigen Produkt durchläuft. ... Die Installation namens '51 Jahre' versammelt Einweg-Holzprodukte - Paletten, Papier, Umzugskartons - , deren CO₂-Ausstoß im Wegwerffall so hoch ist, dass eine mitteleuropäische Kiefer 51 Jahre braucht, um die Emissionen wieder aufzunehmen." Doch "bei aller Informationsdichte, politischer Aufladung und fast pädagogischem Impetus verlieren Farresin und Trimarchi nie die Schönheit und Leichtigkeit aus den Augen. Die wenigen Objekte, die sie für 'Cambio' entworfen haben, sind schlanke, puristische Regale und Tische aus Fichte."
Besprochen wird die wiedereröffnete Ausstellung "Deutsches Design 1949 - 1989" im Lipsiusbau in Dresden (Tsp).
Die Feuilletons trauern um ThierryMugler. Er war "einer der größten Modedesigner unserer Zeit", schreibt Tania Martini in der taz. Seine "Entwürfe und Fetischfantasien erzählen von Selbstermächtigung. Ähnlich wie bei Helmut Newton oder Jean Paul Gaultier sollten die Frauen nicht Objekt und Opfer der Blicke, sondern kraftvolle und machtbewusste Subjekte sein. Das brachte Mugler am deutlichsten mit Hartschalencorsagen zum Ausdruck, wie sie dann Grace Jones trug. Überhaupt war Mugler dem Pop näher als dem Modealltag - David Bowie, Diana Ross und auch Lady Gaga griffen für ihre Fashion-Statements zu Muglers Entwürfen." Mugler war wie die Achtziger, in denen er seinen Durchbruch feierte, schreibt Jürg Zbinden in der NZZ: Überlebensgroß, wuchtig, exzessiv. Er war "Tänzer, Märchenprinz, Akrobat, Provokateur, Scherzbold, Impresario, Direktor. Ein Designer, der die Zukunft erdachte, ein Astronaut und Visionär der Mode, Bodybuilder und vagabundierender Planet: Thierry Mugler war unermesslich und unergründlich wie das Universum."
In der SZ erinnern sich Anne Goebel und Tanja Rest an eine Mugler-Schau, die 2020 in München Halt gemacht hatte. Dort bot sich ihnen ein "Pandämonium der Schönheit und des Wahnsinns: bevölkert von Tierwesen und Latex-Dominas, von Dragqueens, Eisköniginnen, Motorrad-Pin-ups und Superheldinnen mit Riesenschultern, Riesenbrüsten und Wespentaille. Da war die Harley-Corsage von 1992, aus Metall über den Torso gegossen, verchromt, mit Blinklichtern und Rückspiegeln verlötet. Da war das Abendkleid von 1995 mit herzförmigem Guckloch, durch das man auf einen blanken Hintern starrte. Da war der Bodysuit aus transparenter Gaze von 1998, auf dem gerade so viele Eiskristalle prangten, dass man nichts sah und alles ahnte." ZeitOnlineerinnert mit einer Strecke an Mugler. Zahlreiche weitere Eindrücke liefert der offizielle Instagram-Account.
Alfons Kaiser schreibt in der FAZ einen Nachruf auf André Leon Talley, der in den späten Achtzigern Naomi Campbell als erstes schwarzes Modell aufs Cover der Vogue hob und später die Obamas in Modefragen beriet. Er "hatte immer gegen Verachtung zu kämpfen. Dass er zu einer der wichtigsten Figuren in der Modeszene wurde, hatte damit zu tun: Er musste sich eine Autorität erarbeiten, die er mit donnernden Worten auch ausübte, um über den Hass gegen einen schwulen Schwarzen hinauszuwachsen. Und weil der Zwei-Meter-und-drei-Zentner-Mann so gar nicht dem Einheitsbild entsprach, das in der ersten Reihe der Modenschauen und in der Vogue-Redaktion an der 42. Straße allzu lange gepflegt wurde." Im Dlf Kulturunterstreicht Jan Kedves Talleys Bedeutung als Impresario.
Hauspflanzen sind unsere Freunde und Verbündete, nimmtNZZ-Kritikerin Sabine von Fischer aus der Ausstellung "Plant Fever. Design aus der Pflanzenperspektive" im Zürcher Museum für Gestaltung als Erkenntnis mit. Wie sich dieses Verhältnis gestalten lässt, dazu zeigen die ausgestellten "Industrieobjekte und Prototypen aus Produktdesign, Textil, Mode und digitaler Kommunikation die Vielfalt" möglicher Strategien. "Manche der gezeigten Projekte sind spekulativ und untersuchen beispielsweise, wie Pflanzen- und Computersprache verknüpft werden können." Es "reihen sich Töpfe mit schwenkbaren Armen, Kübel mit Spinnenbeinen und gestapelte Tongefässe. Sie imitieren die Pflanzenformen und steuern auch, wie die Pflanze wächst. Aus dem Material wachsen auch alle möglichen Alltagsgegenstände, so ein Wurzelkleid und ein ganzer Stuhl, der auf einem Hof im englischen Chesterfield aus einem Holzspalier in seine Form gezüchtet wurde."
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