"Beuys Dress" aus der Kollektion "Suit Up" der Modedesignerin Nina Hollein. Bild courtesy Nina Hollein; Kunstverein Familie Montez
Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit der Modedesignerin Nina Hollein, die ihre neue Kollektion gerade zusammen mit Kunstwerken ihres Bruders, dem Wiener Maler Philipp Schweiger, im Frankfurter Kunstverein Familie Montez zeigt: "Mir ist der Anspruch wichtig, dass der ethische Hintergrund eines Kleidungsstückes richtig und vernünftig ist. Nachhaltigkeit und Upcycling sind enorm relevant. Das ist aber nicht genug für ein starkes Modestatement. Man muss auch eine gewisse Lust und Extravaganz verspüren, die Mode für mich auslösen kann. Deshalb habe ich versucht, besondere Stücke hervorzubringen und den ökologischen Aspekt in etwas ästhetisch Spannendes, Unerwartetes, vielleicht auch Verspieltes zu entwickeln." Das gilt auch für ihr Beuys-Kleid, das mit großen Taschen besetzt ist: "Beuys' Anglerweste ist eine klare Referenz, aber es ist auch ein Kleid, das getragen tolle Schultern macht, ein bisschen wie eine Rüstung."
Sich in der Öffentlichkeit über sichtbare Männerwaden zu echauffieren, ist auf Social Media eine so beliebte wie günstige Strategie, über das Sommerloch zu kommen und sich vor seiner Community als geschmackssicherer Mensch von Welt in Szene zu setzen. In seinem 54books-Essay über die subversive Sprengkraft von kurzen Hosen für Männerdeutet Oliver Pöttgen die Lage allerdings sanft um: Nicht die Meckerer sind das Problem, sondern all die Männer, die aus schierer Angst vor Unmännlichkeit auch bei unmenschlichen Temperaturen in lange Hosen schlüpfen. "Die kurze Hose provoziert, vor allem die sehr kurze, die nicht an der Demarkationslinie Knie endet, sondern Mitte der Oberschenkel oder noch höher, noch näher am darunter vermuteten Penis. Denn das sind Hosen ja auch: Penisverhüller und Penisschützer. Die lange Hose als Burg des Mannes, die kurze Hose als Burgruine? Wie soll, mögen sich manche denken, der Mann seiner tradierten Geschlechterrolle als 'Beschützer' nachkommen, wenn die kurze Hose ihn und seine Geschlechtsteile selbst schutzloser macht, ihm einen Teil seiner Rüstung nimmt?"
Warum ist die Kleidung von Politikern eigentlich so konventionell, während Politikerinnen mit jedem Auftritt Statements setzen können, fragt sich Claudia Mäder in der NZZ. Früher kleideten sich die Mächtigen beiderlei Geschlechts prunkvoll, erfährt sie in einer Ausstellung im Textilmuseum St. Gallen. "Solche Zurschaustellungen aber verschwanden bei den Männern im bürgerlichen Zeitalter. Nicht mehr der Körper des Herrschers stand jetzt für die Stärke des Staats, die Souveränität lag nunmehr im Volk, das heißt: Sie war verteilt auf die Gesamtheit der rechtlich gleichen Männer. ... Aus dem neuen Raum der Gleichheit blieben die Frauen bekanntlich ausgeschlossen, und folglich haben sie auch die Abkehr von der adligen Tradition der Körperinszenierung nicht gleich wie die Männer vollzogen. Eher wurden sie in der geschlechtergetrennten Ordnung des 19. Jahrhunderts verbreitet darauf festgeschrieben: Sich schön zu präsentieren, die Reize zu betonen, Sorgfalt auf den Auftritt zu verwenden."
Das japanische Modelabel Comme des Garçons greift für einige Entwürfe seiner neuen Herrenkollektion die Schweizer Type Helvetica auf, freut sich Sabine von Fischer in der NZZ. Ein Katalog des Schweizer Verlegers LarsMüller hatte den Designer JunyaWatanabe auf die Idee gebracht: "Aber waren die Helvetica-Schriftzüge nicht in erster Linie dem Alltag verpflichtet? Wenn die Haute Couture sich nun ihrer bedient, kommt einiges durcheinander. ... Die Gemengelage ist unübersichtlich: Die Haute Couture lässt sich inspirieren vom Gewöhnlichen, der Alltag wird als exklusives Sujet zur Attraktion. So schräg dies nun alles erscheinen mag: Die Kollektion von Comme des Garçons mit den Text- und Bildcollagen verschiedener Helvetica-Applikationen demonstriert in skurril-charmanter Weise eine jüngere Errungenschaft, nämlich die Durchlässigkeit zwischen 'high' und 'low', und darüber hinaus auch eine ältere, die zwischen Ost und West."
Nils Moormann: "Vorstand"Ein schlichter Schrank, der ein ganzes Arbeitszimmer fürs Home Office in kleinen Räumen in sich trägt: Gerhard Matzig staunt in der SZ nicht schlecht über den "Vorstand", den Nils Holger Moormann, der "Ironiker der sonst lustbefreiten Design-Szene", entworfen hat. Dieses Möbel "sieht im Normalfall aus wie ein besserer Schuhschrank und steht dort, wo er das Wohnen nicht weiter stört. Wenn aber das Leben dieses schöne Wohnen doch einmal stören sollte, etwa in Form eines Anrufs von der Chefin, die das Home-Office-Wesen zu mehr Office und weniger Home anleiten möchte, dann ist die Stunde des Vorstands gekommen. Auf Rollen lässt sich die Front herausfahren, sichtbar wird ein im Korpus verankerter Sekretär mit herausklappbarer Tischplatte. ... Das Raumwunder auf Vollgummi-Rollen misst im sozusagen erigierten Zustand 170 Zentimeter in der Tiefe. Zum Schrank geschrumpft sind es gerade mal knapp 37,5 Zentimeter. Das Möbel ist knapp einen Meter breit und gut zwei Meter hoch. Das Tiny House Movement ist um einen winzigen Arbeitsraum reicher."
Die Mode pflegt derzeit den Trend zur Marmorierung, ist ZeitMagazin-Kolumnist Tillmann Prüfer aufgefallen. Darin liegt auch eine gewisse Ironie der Geschichte: "Während wir heute Marmor als ein Muster sehen, das wir auf Textilien aufbringen können, damit sie zeitlos edel wie in Stein gehauen aussehen, war er in der Antike vor allem ein Untergrund, um Farbe aufzubringen, damit ein in Stein gemeißelter Gott einen möglichst schrillen Fummel tragen konnte."
Außerdem: In Pirmasens, wo mal die Hälfte der Bevölkerung in den einst 330 Schuhfabriken der Stadt gearbeitet hat, schließt nun auch Peter Kaisers Fabrik, mit der mal alles angefangen hat, berichtet Gianna Niewel in ihrer Reportage für die Seite Drei der SZ.
Emre Çaylak berichtet in einer Reportage für Dlf Kultur von der bitteren Lage der Textilarbeiterinnen in der Türkei, wo zahlreiche internationale Modefirmen produzieren lassen: Viele Unternehmen vor Ort haben ihre Näherinnen aufgrund der pandemiebedingt eingebrochenen Auftragslage in "unbezahlten Urlaub" geschickt, den der türkische Staat - mit einer lachhaft geringen Summe von 140Euro - kompensiert. Auch Coronahilfen der beauftragenden Modekonzerne kamen offenbar nicht bei der Basis an. "Eine beliebte Masche sei auch, bei der Kurzarbeit zu betrügen, erklärt Gewerkschaftschef Arslanoğlu. Ähnlich wie in Deutschland zahlt der Staat den Firmen bei Kurzarbeit 60 Prozent des Lohns für ihre Angestellten, 40 Prozent muss der Arbeitgeber in der Türkei weiterbezahlen. Arslanoğlu weiß aus Erfahrung, wie der Betrug funktioniert: 'Die Firma meldet einen Auftragseinbruch an. Die Angestellten kommen zwar weiter zur Arbeit und die Produktion läuft ganz normal weiter. Aber die Firma stellt es so dar, als würden sie zu Hause bleiben.' ... In einem Fall, über den türkische Zeitungen berichteten, hatte eine Firma, die für den schwedischen Modekonzern H&M produziert, ihre Angestellten gezwungen zur Arbeit zu kommen, inklusive dem coronainfizierten Vorarbeiter. Immer auf der Jagd nach Aufträgen. Das Ergebnis: Dutzende wurden krank, zwei Menschenstarben."
Weiteres: Der Trend der Sommermode geht zur einseitigenSchulterfreiheit, schreibt Tillmann Prüfer in seiner ZeitMagazin-Kolumne. Und: Wenn Sie den Spargel auf Ihrem Teller über haben: Werfen Sie ihn über die Schulter:
Im großen 54books-Gespräch mit der ModetheoretikerinBarbara Vinken geht es auch um das geringe Standing, das Mode außerhalb der einschlägigen Bubble hat: "Hierzulande interessieren an der Mode hauptsächlich zwei Aspekte: 1. People, also Klatsch und Tratsch und der Schauder vor der Verworfenheit dieser Welt, und 2. eine moralische Kritik der Mode als umweltschädliche, als ausbeuterischeIndustrie. ... In Deutschland hält man es für Verschwendung, etwas für den perfekten Moment vielleicht gar aus purem caprice zu kaufen." Nicht zuletzt werde auch "völlig vergessen, dass die Mode Protest ist gegen die Politik des quadratisch, praktisch, guten und überhaupt gegen den Utilitarismus. Letzten Endes ist sie auch Protest gegen eine Politik des vernünftigen, gesunden Menschenverstandes."
Besprochen wird VirgilAblohs Bildband über Nike-Sneakers (NZZ).
Das "Senftenberger Ei": Von Peter Ghyczy im Westen gestaltet, aus Kostengründen aber in der DDR produziert (Jürgen Hans/Vitra Design Museum) Begeistert kehrtSZ-Kritiker Kito Nedo von seinem Ausflug ins Vitra-Design-Museum zurück, wo sich eine Ausstellung der Geschichte des deutsch-deutschenDesigns widmet: DDR und BRD hatten demnach mehr miteinander zu tun, als es Kalten Kriegern seinerzeit lieb gewesen sein dürfte. Die Schau "mutet in ihrer gelassenen deutsch-deutschenSachlichkeit und der paritätischen Gewichtung von Ost- und Westdesign geradezu revolutionär an" und "funktioniert vor allem deshalb so gut, weil die komplexe Verwobenheit von Politik, Ökonomie, gemeinsamen Traditionen (Werkbund und Bauhaus), Zeitgeist und Kultur ernst genommen wird. ... Noch in den avantgardistischen Verästelungen der Achtziger wirkt manches unglaublich wesensverwandt. Der Punk-Chic des Ostberliner Untergrund-Modekollektivs Allerleirauh um die beiden Designerinnen Katharina Reinwald und Angelika Kroker schien aus einer ähnlichen Haltung zu kommen wie die unglaublichen Strickdesigns der Westberliner Modemacherin ClaudiaSkoda, deren Mode auch in New York gefeiert wurde. Beide, das Ost-Kollektiv wie die West-Designerin, inszenierten ihre Modeschauen in den Achtzigern wie hedonistisch ausufernde Kunst-Happenings."
Marina Razumovskaya erinnert in der taz an den Modedesigner Halston, dessen Leben gerade eine (von der Kritik - siehe hier und dort - allerdings nicht sonderlich goutierte) Netflix-Serie Revue passieren lässt. Immerhin: Die Serie findet Razumovskaya einigermaßen authentisch, wenngleich Frédéric Tchengs Doku von 2019 authentischer ist. Erst diese "zeigt, how to do it. Das Fashion Institut of Technology bewahrt eine große Menge Schnittbögen von Halston auf. Es sind eigentlich keine Schnitte, sondern es ist meist ein einziges Stück Papier, mit seltsamen Umrissen wie ein Puzzleteil, in dem Pfeile und kurze Anweisungen notieren, wo und wie zu falten ist, wo zusammenzunähen, zu knoten oder zu verdrehen. Halston scheint eine eigene Drapier-Sprache entwickelt zu haben."
Kragstuhl von Mart Stam, entworfen 1926Katrin Bettina Müller hat für die taz im Werkbundarchiv eine Ausstellung über die "frühen jahre" des Instituts für industrielle Gestaltung in der DDR besucht, die sie künstlerisch, aber auch historisch interessant fand: "Die Ausstellung erzählt eine Geschichte über den Kalten Krieg in den Künsten, über Moderne und Design, über Internationalismus und nationales Erbe. In ihrem Mittelpunkt steht Mart Stam, niederländischer Architekt, ehemaliger Bauhaus-Dozent, Kommunist und Entwerfer eines hinterbeinlosen Kragstuhls aus Gasrohren, der Vorläufer des berühmten Freischwingers. ... Heute gilt diese Ästhetik als klassische Moderne. Kulturfunktionären der jungen DDR aber schien ihre Nähe zum International Style, der von ehemaligen Bauhauslehrern und -lehrerinnen in die USA getragen worden war und sich im Exil erfolgreich entwickelte, als äußerst verdächtig."
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