Birgit Jürgenssen, Untitled, 1975In einer von MaurizioCattelan und MartaPapini kuratierten Ausstellung in der Wiener Galerie Hubert Winter treffen die österreichische Künstlerin BirgitJürgenssen (1949-2003) und die italienische Designerin CinziaRuggeri (1942-2019) aufeinander, schreibt Brigitte Werneburg in der taz: Letztere "zielt mit ihren Objekten und Entwürfen auf den architektonischen Raum, wie die zwei mal ein Meter messende schwarze Samthand gleich zu Beginn der Schau zeigt. ... Wahrscheinlich funktionieren Ruggeris einfache Formexperimente auch jetzt so gut, weil wir mehr denn je erleben, wie sehr - je nach der geschlechtlichen Identität des Menschen - dieser Auftritt, mit den Freiheiten, die er sich nimmt, und den Grenzen, die er wahrt, den libidinösen und kommunikativen Zusammenhalt unserer patriarchalen Gesellschaft irritiert. Jürgenssen interessieren die kollektiven Fantasien der Mode, ihre untergründigen, unheimlichen Quellen, ihr totes, morsches Material, ihre Raubzüge am schönen Tier."
Bei den OlympischenSpielen stahlen TelfarClemens' Sportdress-Entwürfe für die gerade mal drei aus Libera angereisten Sportlerinnen und Sportler wirklich allen die Show, freut sich Beate Scheder in der taz: "Ein neues Kapitel schlug Telfar damit auf, waren es bislang doch eher die großen Modenationen, die beim traditionellen Schaulaufen der Eröffnungszeremonie auf sich aufmerksam machten - Italien, wo seit 2012 Armani verantwortlich ist, oder die USA, die seit 2008 auf Ralph Lauren setzen, in diesem Jahr gemeinsam mit Kim Kardashian. Bemerkenswert sind die Designs von Telfar, zu denen auch die Sportuniformen des liberianischen Teams zählen, auch noch aus anderen Gründen, nämlich weil sie, wie alles von Telfar, keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machen."
Männer zeigen im Sommer auf der Straße nicht nur selbstverständlicher als früher Wade, sondern in jüngster Zeit sogar wagemutig vielOberschenkel, stellt Hanno Rauterberg glossierend in der Zeit fest. Womöglich mag man "im öffentlich zur Schau getragenen Stachelbeerbein des Mannes ein Zeichen zunehmenderGenderfluidität erblicken", doch vielleicht stellt das Mehr an blasser Haut oberhalb des Knies auch eine "aktualisierte Geste alter Unbeugsamkeit" dar. "Nichts kann ihm, dem Kurzbehosten, etwas anhaben, nicht die Kälte, nicht die bürgerliche Konvention, erst recht nicht der spöttelnde Blick auf sein Storchen- oder Säbelbein. Den wachsenden Zwängen der Gegenwart begegnet er mit dem Mut zur Offenlegung, lieber untenrum frei als gar keine Freiheit."
Besprochen wird die Ausstellung "Mode schauen. Fürstliche Garderobe vom 16. bis 18. Jahrhundert" im Schloss Ambras in Innsbruck (Standard).
Der große Modefotograf F.C. Gundlach ist gestorben. "Mit hinreißendem Schwung inszenierte er die Mode als Ausdruck der Lebenslust, und die Pointe dabei war: es mochten Stars sein, die vor seiner Kamera standen, bekannt aus Film und Fernsehen, aber unnahbare Göttinnen waren sie nicht", schreibt Lothar Müller in der SZ. "Er hat das Kunststück fertiggebracht, zugleich Modefotograf und Dokumentarfotograf der Bundesrepublik in jener Epoche zu sein, in der sie aus der Nachkriegszeit heraustrat." Ab den 60ern machte sich bei Gundlach die Pop-Art bemerkbar, schreibt Bernhard Schulz im Tagesspiegel: "Die elegante Dame, das Wunschbild der fünfziger Jahre, war passé. Gundlach allerdings hatte seine Modelle immer schon mal in die raue Wirklichkeit von Hamburg oder West-Berlin gestellt, außerhalb des Studios mit seiner Dekoration."
In der FAZ erinnert sich Freddy Langer gerne an den Glamour des Jet Set, für den Gundlach unter anderem stand: "Seine Modelle ließ er über die Tragfläche eines Flugzeugs balancieren, über die Schwellen endloser Gleise stöckeln oder legte sie im geblümten Kleid in eine Blumenwiese, sodass sie darin verschwanden. Ein ums andere Mal gelang es ihm dabei mit raffinierten Einfällen die Vorgabe der Redaktion zu unterlaufen, die in überzeugter Spießigkeit festgelegt hatte: 'Brigitte ist ein braves Mädchen.' Das konnte ein Fleck weißer Haut sein, eine Narbe auf der Schulter, auch zwei Berge, die am Horizont spitz wie Brüste in den Himmel ragten." ZeitOnlinebringt eine Strecke, viele weitere großartige Fotos gibt es zum Stöbern auf Instagram.
Design aus Iris van Herpens Kollektion "Earthrise" Bei Dezeenstellt Alice Finney Iris van Herpen's Kollektion "Earthrise" vor, die die niederländische Designerin gerade bei den Pariser Haute-Couture-Schauen gezeigt hat. Teile der Kollektion wurden aus recyceltem Plastik gefertigt, das aus dem Ozean gefischt wurde: "Die Kollektion basiert auf den Themen Freiheit, Abenteuer, Erkundung und Furchtlosigkeit. Für van Herpen werden diese perfekt durch die Flüge der Weltmeisterin im Fallschirmspringen Domitille Kiger verkörpert. 'Als ich Domitille am Himmel fliegen sah, fühlte ich mich von ihrer Freiheit inspiriert, wie sie Abenteuer, Erkundung und Furchtlosigkeit verkörpert, die Elemente, die ich in der Mode erforschen möchte', sagt van Herpen. 'Man muss immer eine interessante Sprache finden, wenn man zwei sehr unterschiedliche Welten zusammenbringt; Haute Couture und Fallschirmspringen, sie verkörpern beide die traditionelle Symbolik des Fliegens; alles beiseite zu lassen, was einen am Boden hält', erklärt sie."
Die Pinakothek-Ausstellung "Ki.Robotik.Design" des Robotik- und Systemintelligenz-ProfessorsSamiHaddadin macht SZ-Kritiker Andrian Kreye begreiflich, wie sehr man in München "im Mahlstrom der sich exponentiell beschleunigenden Zukunftskräfte lebt". Zu erleben gibt es unter anderem, wie sich die "Symbiose aus Robotik und künstlicher Intelligenz gerade vollzieht. Das beginnt mit der Entwicklung eines Designs für einen Stütz- und Bewegungsapparat, inspiriert von der Idee des Menschen als Homunkulus, der einen Großteil seiner Hirnkapazität für die Motorik der Hände einsetzt. Ist das geregelt, folgt die Körperwahrnehmung, die auch eine Maschine braucht, um im Raum agieren zu können. Dazu kommt dann die Fortbewegung. Das alles führt zur Fähigkeit, die Umwelt zu manipulieren, was auch eine Hand-Auge-Koordination erfordert. Ganz am Schluss steht dann die Symbiose von Mensch und Maschine über die Interfaces." Allerdings "ist der Grundtenor ein Optimismus, der fundiert in einer Philosophie wurzelt, die davon ausgeht, dass die moderne Gesellschaft es in der Regel schon hinkriegt, sich die Maschinen untertan und vor allem zu Diensten zu machen."
Außerdem erinnert Claudia Mäder in der NZZ an die Erfindung des Regenschirms im 18. Jahrhundert, der seinerzeit vor allem Frauen vorbehalten war, da anderenfalls die Auflösung der Geschlechtergrenzen im Schwange lag.
Peter Shire: Sessel "Bel-Air" (1982). Foto: Vitra Design Museum
In der NZZerinnert Gabriele Detterer an das Designerkollektiv Memphis Milano, dessen buntes Design die achtziger Jahre prägte und dem das Vitra Design Museum gerade eine Ausstellung widmet. Die Gruppe um Ettore Sottsass wollte eine Gegenposition zur "Guten Form" und Minimalismus schaffen. Kitsch, Eleganz und viel Plastiklaminat waren ihr Wahrzeichen: "Mit der locker-lässig wirkenden Entwurfspraxis, die sich um guten Geschmack nicht scherte, verband sich eine klare Ansage. So gebärdet sich auf der Einladungskarte zur Premiere der Memphis-Kollektion im September 1981 ein wildes Tier, das vor einer Gewitterfront hell zuckender Blitze das Maul weit aufreißt. Durchaus als angriffslustig wollte Memphis Milano wahrgenommen werden. Bildhaft deuten die Gewitterwolken auf eine lange aufgestaute Energie, die sich mit einem Knall entladen musste."
Freischwinger Modell S 43, Entwurf von Mart Stam von 1926/27, hier in der DDR-Ausführung der 60er. (Bild: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Sammlung industrielle Gestaltung/Johannes Kramer) Bettina Maria Brosowsky führt in der NZZ durch Leben und Wirken des niederländischen Produktgestalters MartStam, der den Freischwinger-Stuhl mit auf den Weg brachte. Im Berliner Museum der Dinge ist derzeit eine ihm gewidmete Ausstellung zu sehen, die mit vollen Händen aus seinem Archivfundus schöpft. In der jungen DDR schuf er das Institut für industrielle Gestaltung: "Es sollte mustergültige Entwürfe erarbeiten und durch Belegexemplare dokumentieren sowie als Zertifizierungsstelle die gesamte Gebrauchsgüterindustrie kontrollieren. Die Bedingungen in Berlin, der jungen Hauptstadt der DDR, schienen günstig, Stams Utopie zum Greifen nah: eine Produktkultur qualitativ hochwertiger Gebrauchsgüter für den elementarenLebensalltag - der 'Volksbedarf' im Geiste Hannes Meyers - als kollektiver Ausdrucksträger einer sozialistischen Gesellschaft." Doch "arbeitete die ideologische Indoktrination der Staatspartei SED gegen Mart Stam: Im Zuge der 'Formalismusdebatte' zu Beginn der 1950er Jahre wird er des rückwärtsgewandten Beharrens auf der ornamentlosen Form sowie des 'Kosmopolitismus' geziehen und seiner Posten enthoben."
Außerdem: Für das von Olivier SaillardproduzierteModeperformanceprojekt "Embodying Pasolini" hat sich TildaSwinton in DaniloDonatis für Pasolini entstandene Filmkostüme geworfen, berichtet Dominique Sisley in Another Mag. Zahlreiche Eindrücke gibt es aktuell hier auf Instagram:
In einem langen interessanten Essay in Monopol zum Thema Fakes schreibt Alia Lübben über die neuen Kollektionen von Gucci und Balenciaga, deren Chefdesigner Alessandro Michele und Demna Gvasalia sich auf ein "Hacker-Projekt" (Bilder hier) geeinigt haben, bei dem jeder vom anderen klauen darf - was sich im wesentlichen offenbar auf das Klauen der Logos beschränkte: "Das Kapern der anderen Marke wird beim 'Hacker-Project' zur Inspirationsquelle: 'Das, was nicht erlaubt ist, triggert auch Kreativität auf eine Weise'", zitiert Lübben Gvasalia. "'Bei Luxusmode gibt es immer die Kopie, etwas, das so sein will, das aber sehr oft sehr hässlich und schlecht verarbeitet ist. Aber manchmal sehe ich auch billige Kopien von meinen Entwürfen oder von Alessandros, die wirklich interessant sind. Und ich denke mir: Es braucht Kreativität, um so etwas zu machen, auch wenn sie es nur machen, um nicht verklagt zu werden. Ironischerweise entsteht hier durch das Kopieren Kreativität.'" Lübben bemerkt aber auch, dass mit dieser Art von Hacks - auch wenn sie nicht abgesprochen sind - nur große Labels durchkommen. Die kleinen werden immer noch verklagt.
Hier die Schau von Balenciaga:
Außerdem: In der NZZ analysiert Tilman Allert die Tattoos der Fußballstars.
Marion Löhndorf hat für die NZZ die Sneakers-Ausstellung des Design Museum London besucht und dort unter anderem erfahren, "dass in der Hip-Hop-Szene die Schuhe weißer als weiß und 'boxfresh' sein müssen, während die Skater ihre Treter gern so abgenutzt wie möglich haben. Oder welche Vielfalt es beim Binden und der Pflege der Schnürsenkel gibt. ... Die Ausstellung fragt aber nicht, wer außerhalb bestimmter urbaner Stämme und ultracooler Kids diese Schuhe sonst noch trägt." Dabei "boomt das Geschäft auch, weil die Sneakers, die ein schnelles Fortkommen versprechen, inzwischen fast von allen Gesellschaftsklassen und Altersstufen getragen werden. Man gibt sich bescheiden, fühlt sich jung, dynamisch und zeigt sich quasi solidarisch: Männer und Frauen, Ghettokinder und Konzernvorstände reihen sich ein und tragen das Ideal einer Gleichheit an den Füßen - oder wenigstens den Anschein."
Das Fishnet kehrt zurück, beobachtettazlerin Elisabeth Wagner: Gefühlt kaum ein aktueller Entwurf, kaum ein Kleidungsstück und Accessoire, das ohne auskommt. "Im Netz ist die Beute. Der Fang. Dieser offensichtliche Zusammenhang macht das Fishnet für die bürgerliche Mode kompliziert. Denn worüber sie lieber schweigen möchte, zeigt das Netz vor aller Welt her." Somit ist "das Risiko der Blamage in Bezug auf das Fishnet maximal hoch. Umso interessanter ist er ja, der Trend. Könnte es nicht sein, dass er nach eineinhalb Jahren tiefer Krise besonders geeignet ist, um über Angst und Verlust zu sprechen? Die spannenden Inszenierungen von Fishnet nehmen die Herausforderung an. ... So sehr wie kein anderes Textil in der Mode ist das Fishnet ein Phänomen der Grenze. Es gehört dazu, und auch wieder nicht. In diesem Spannungsverhältnis wird es zu einer List der Mode."
Besprochen wird NinaHolleins und PhilippSchweigers Ausstellung "Palindrome - Mode und Malerei" im Kunstverein Familie Montez in Frankurt am Main (taz).
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