Ein begeisterter Axel Christoph Gampp bewundert in Palermo eine Privatsammlung von Majolika-Böden. So modern erscheinen ihm die Muster, dass sich vielleicht endlich auch Kunsthistoriker für diese Spielart interessieren könnten, schreibt er in der NZZ. Von heutigen Innendesignern ganz zu schweigen: "Die Möglichkeiten der Abstraktion, auch die Möglichkeiten zur Abstrahierung, lassen sich im Medium der Matonelle in unzähligen Facetten fassen. Bald wird vom Floralen abstrahiert, bald wird Marmor in flüchtiger Weise imitiert. Der Abstraktionsgrad auf der einzelnen Kachel spielt dabei ebenso eine Rolle wie der Umstand, dass mehrere von ihnen zu einem größeren Ornament komponiert werden können. In der Regel sind es seit dem 19. Jahrhundert deren vier, die sich meistens zu einer runden oder rhomboiden Form zusammenfügen. Potenziell ist ihr Rapport unendlich..." (Fotos: Stanze al Genio, Facebook)
Nun folgt auch Google mit seinem gestern präsentierten, neuen Logo dem unter IT-Konzernen zu beobachtenden Trend zur serifenlosen, eher etwas charakterarmen Schrift. Begründet wird dies damit, dass serifenlose Schriften sich besser für mobile Endgeräte eignen. Für Andrian Kreye (SZ) zugleich Offenbarungseid und Ausdruck von Weltmachtsanspruch: "Google signalisiert als Marktführer mit seinem neuen Logo also den endgültigen Abschied vom World Wide Web und dem Computer, geht aber noch einen Schritt weiter. Denn seine Markenzeichenfamilie besteht neben dem Schriftzug auch aus einem vierfarbigen Gund aus vier Punkten. ... Google versteht sich als digitaler Konzern mit Monopolanspruch auf die Zukunft insgesamt. Deshalb sind die Anwendungsmöglichkeiten dieser Punkte nahezu unbegrenzt. Sie können als prägnantes Logo auf Produkten jeder Größe und Form aufgebracht werden." Allenfalls vor den Interpretationskünsten deutscher Feuilletons könnte Google jetzt noch kapitulieren!
Camouflage eines Schlachtschiffs aus dem Ersten Weltkrieg und ein von Zebrastreifen inspiriertes Muster von Patternity. Foto: Imperial War Museum/Patternity
Im Guardianstellt Amy Fleming die Designerinnen Anna Murray und Grace Winteringham vor, die für ihr Blog "Patternity" überall nach Mustern suchen: "While the pair are fascinated by nature"s grand designs, they hold a special reverence for finding symmetry in the mundane, or as they put it, "the spaces between things, as much as things themselves". Manhole covers, the dusty cables running along the walls of the London Underground, and undulating stripes cast by stacks of plastic sun loungers are celebrated alongside the iconic Giant"s Causeway and a cross-section of the Large Hadron Collider. "It"s almost meditative," says Murray. "You"re finding connections, and there"s something very satisfying about that.""
In ihrem Buch Zwei beklagt die SZ den Niedergang des Automobils zu einem reinen Funktionsgegenstand. Wo bleibt da die Form, die Sinnlichkeit, die Eleganz? David Pfeier sieht sich im Alltag auf der Straße gar von "Monstrositäten" umzingelt. Unter Verweis auf die täglichen Vier-Stunden-Staus in Mega-Citys wie Jakarta, wo das Auto längst Quasi-Wohnraum ist, schreibt er: "Die Straßen und die Autos, die auf ihnen fahren, prägen unseren visuellen Alltag. Je mehr aus einem Automobil also ein Immobil wird, desto wichtiger wäre eigentlich eine schöne Außenhaut."
In der großen, begleitenden Reportage sucht Thomas Steinfeld in Italien nach Spuren des legendären Autoklassikers Aurelia, der auf ihn eine fast schon erotische Anziehung ausübt: "lang, schlank und elegant, mit gerundeten Flanken, die in den Scheinwerfern begannen und hinter den Sitzen noch einmal ansetzten, so als bekomme sie von den Hinterachsen noch einmal neuen Schub, mit einem Kühlergrill wie eine große, teure Brosche und einer lang gestreckten Haube, unter der man sich gern ein Meisterstück der Mechanik vorstellt, und einem kleinen Cockpit mit wenigen Instrumenten, sodass offensichtlich war, dass dieses Auto nicht einfach bedient werden konnte, sondern im strengen Sinne gefahren werden musste." Eine große Rolle spielte der Wagen auch in Dino Risis vergessenem und großartigem Film "Il Sorpasso":
Peter Richter berichtet in der SZ von seinem Besuch der großen Sneakers-Ausstellung im Brooklyn Museum. Dass diese sich von einem üblichen Sneaker-Store kaum unterscheidet - immerhin will ihm das anwesende Sicherheitspersonal nichts andrehen - nimmt er ihr kaum krumm, schließlich kommen ihm hier prächtige Gedanken über das Verhältnis zwischen Sportschuh-Design und zeitgenössischer Architektur: "High-Tops aus den Achtzigerjahren und Erich Mendelsohns Einsteinturm in Potsdam beispielsweise sind Verwandte, die nur nichts von einander wissen. Bei Reebok wachsen eine Zeitlang Oscar Niemeyer"sche Piloti aus den Sohlen, die den Schuh luftig nach oben bocken. Und was in den Neunzigern bei den Air Jordans von Nike los war, lässt sich nur mit der Entfesselung der "Cad Cam"-Architektur vergleichen, als alles irgendwie baubar wurde, was man am Computer zusammenmalte. Sneakers begannen den Bauten mal von Frank Gehry, mal von Zaha Hadid zu gleichen; sie wurden zu dröhnenden Superzeichen voller Schwellkörper, Materialkontraste und schlingernder Schlieren."
Gabriele Detter (NZZ) lernt in der Schau des Südtiroler Designers Martino Gamper im Museion Bozen, der Regale neu aus der Kombination von Ordnungssinn und Sammelleidenschaft denkt: "Die Ästhetik der Regalklassiker bewahrt die Maxime der Moderne, "Design is Function". Diesem Ziel eiferten vor allem Architekten nach - auch der große Ignazio Gardella, dessen Scaffale (1970) aus einer Minimal-Struktur besteht. Gamper, ein "Enkel" jener Designer-Generation, hingegen setzt industriell gefertigten Modulsystemen ein gefühlsbetontes, an der Schnittstelle von Kunst und Design positioniertes Formendenken entgegen. In diesem Punkt deckt sich sein von Zufall und Instinkt geleiteter, antitechnizistischer Gestaltungsansatz mit der Tätigkeit des Sammelns, die sich dem Perfekten im Sinne von "vollendet" und "abgeschlossen" entzieht."
Und weil alle drüber reden: Hellmuth Karasekrezensiert in einem Werbeclip den Katalog eines bekannten Möbeldiscounters.
Shirin Sojitrawalla besucht für die taz die Kostas Murkudis" Ausstellung "Tuchfühlung" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Dass Murkudis nicht einfach Mode macht, versteht sich vor den Pinnwänden von selbst: "Seine Frühjahr-/Sommerkollektion 2014 widmete er dem Künstler Franz Erhard Walther, der in den 60er Jahren vom Betrachter auf vielfältige Weise zu benutzende textile Arbeiten schuf. Man sollte, konnte und durfte sie betreten, aufheben, am Körper tragen. Diesen, in Walthers "1. Werksatz" formulierten Anspruch nimmt Murkudis beim Wort, indem er seine eigenen Unikate zu einer Bodeninstallation aus geometrischen Formen arrangiert." (Schade, dass der Museumslink zur Ausstellung nicht funktioniert!)
Sehr bezaubert berichtet Annabelle Hirsch von ihrem Besuch der Jeanne Lanvin gewidmeten Ausstellung im Pariser Palais Galliera: Deren von den 10er bis 30er Jahren entstandene Mode-Entwürfe "wirken, als hätte man sie gerade von den Laufstegen dieser Welt heruntergeholt. Kein bisschen staubig, so gar nicht von gestern."
Besprochen werden eine Ausstellung von Tapisserien aus dem 16. Jahrhundert im Kunsthistorischen Museum Wien (Standard) und die Ausstellung "Shoes: Pleasure and Pain" des Victoria and Albert Museums in London (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort Kann in Schwäche Stärke liegen? Es beginnt in der Morgendämmerung. Alva bricht auf, um den Churer Hausberg Calanda zu besteigen. Vor ihr liegen knapp zweitausend Höhenmeter.…
Dirk Laabs: Armee der Einzeltäter Der neue Terror - warum Minderjährige tötenImmer mehr Anschläge werden von jungen frustrierten Männern verübt. Sie radikalisieren sich inzwischen fast ausschließlich im Internet,…
Madeline Cash: Verlorene Schäfchen Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz. Eigentlich könnte die Familie Flynn eine Vorbild-Vorstadt-Familie sein: Mutter, Vater und drei Töchter, sonntags geht man in die…
Hans-Ulrich Treichel: Das Karussell Bernhard ist siebzig, geschieden, kinderlos, und seit er im Ruhestand ist, fehlt ihm etwas: eine neue Beziehung, ein Hobby oder vielleicht doch ein Ehrenamt? Nichts will…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier