Hysteria von Mehmet Akif Büyükatalay. Mit Devrim Lingnau. Mehmet Akif Büyükatalay ist bereits seit seinem Debüt "Oray" als "differenzierte Stimme des postmigrantischen Kinos" in Deutschland bekannt, erinnert Gunda Bartels im Tagesspiegel. Sein neues Werk, "Hysteria", das diese Woche ins Kino kommt, ist ein Thriller, der seinen Ausgangspunkt bei einem Filmdreh nimmt, bei dem ein Koran verbrannt wird. "Hysteria" verknüpft "gekonnt Suspense-Motive wie das Rätselraten um einen geheimnisvollen Einbrecher mit dem Diskursfeuer um Koranverbrennungen, Migranten und kulturellen Ressentiments. Themen, die neben der hell lodernen Empörung, wie sie die in den Film integrierten Nachrichtenbilder muslimischer Proteste transportieren, Ängste triggern, von denen die vielen, oft von bedrohlichen Streichern untermalten Nachtaufnahmen in 'Hysteria' sprechen."
Laura Laabs wiederum bringt diese Woche ihren Erstling "Rote Sterne überm Feld" ins Kino, eine Politkomödie, die, wie Bert Rebhandl in der FAZ schreibt, im mecklenburg-vorpommerischen Bad Kleinen spielt und diverse Linke Diskurse aufgreift; in der allerdings auch Rammstein-Sänger Till Lindemann, für viele Linke ein rotes Tuch, in einer kleinen Rolle zu sehen ist. "Für Laabs gehört Lindemann auch zum Geschichtsort Bad Kleinen, sie macht allerdings durchaus deutlich, dass sie den mythologischen Leerlauf, der in Rammstein-Videos herrscht, in Aufklärung überführen möchte. 'Rote Sterne überm Feld" steht auf eine originelle Weise quer zu vielen politischen und kulturkämpferischen Frontverläufen im heutigen Deutschland. Als Manifest einer ästhetischen Linken, aber auch als Abenteuer einer Begegnung zwischen 'Heimkehrern' und 'Zurückgebliebenen' verdient der Film ein großes Publikum."
Außerdem: Die Schauspielerin Diane Ladd, bekannt unter anderem aus David Lynchs "Wild at Heart", ist tot, wie Zeit Onlinemeldet. Susanne Gietl zeichnet im Filmdienst nach, wie der Regisseur Heinrich Sabl 25 Jahre lang an seinem Animationsfilm "Memory Hotel" gebastelt hat.
Besprochen werden Ira Sachs' "Peter Hujar's Diary" (taz), die Disney+-Serie "Habibi Baba Boom" (Welt), Jan Komasas Revolutionsfilme "The Change" (SZ), die Serie "All's Fair" mit Kim Kardashian (Zeit Online), Lynne Ramsays "Die, My Love" (NZZ) und Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" (critic.de).
Der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho gewann mit "The Secret Agent" im Mai die Goldene Palme von Cannes. Jetzt kommt der Film, der 1977 während der Militärdiktatur spielt, bei uns in die Kinos. Vordergründig geht es um eine kleine Gruppe Außenseiter, die einemFremden (Wagner Mouros) helfen, ein Verbrechen aufzuklären. Doch dieser Film ist viel mehr als ein Politthriller, versichert ein begeisterter Andreas Busche im Tagesspiegel: "Eine paranoide Grundstimmung schwingt in den panoramischen Panavision-Bildern von Kamerafrau Evgenia Alexandrova mit. Konterkariert wird das latente Unbehagen durch die saturierten Farben, die eher an den gegenkulturellen Idealismus der Tropicalismo-Bewegung der späten 1960er Jahre denken lassen. So wie mit den Stimmungen spielt Mendonça auch mit den Genres: Die Verunsicherung ist auf allen Ebenen von 'The Secret Agent' intendiert."
Auch SZ-Kritikerin Aurelie von Blazekovic ist schwer beeindruckt von der Welt, die ihr Mendonça eröffnet: "In 'The Secret Agent' entsteht ein kompositorisches Ganzes aus Siebzigerjahre-Farben und Musik, beeindruckend sind aber vor allem die Details. Der deutsche Schneider Hans und seine Geheimlyrik! Das Paar aus Angola! Die Nachbarin! Wie dieser Film Szene für Szene Welten eröffnet, wie er einen einnimmt, hineinzieht, staunen lässt - die Fähigkeit des Kinos, das zu vollbringen, ist Teil der Geschichte. Marcelos Schwiegervater betreibt in Recife ein Stadtkino. Da rennen die Leute panisch aus den Horrorfilmen oder haben Sex im Kinosessel. Der kleine Sohn von Marcelo lebt bei diesen Kinobetreiber-Großeltern und hat Albträume vom Filmplakat für 'Der Weiße Hai'. Er malt es in einer kindlichen Bewältigungsstrategie immer wieder ab, will den Film sehen, darf aber nicht, wenn es nach dem Vater geht."
Weiteres: In der tazresümiert Fabian Tietke das Dokumentarfilmfestival in Leipzig. Besprochen werden eine ARD-Serie zum Cybermobbing, "Schattenseite" (Welt), Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (NZZ) und Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" (NZZ).
Der türkisch-französische Schauspieler Tchéky Karyo ist mit 72 Jahren gestorben. In der FAZ geht Andreas Kilb die Stationen seiner Karriere durch: "Als er seinen Ruhm in Frankreich in den Neunzigerjahren zu einer Hollywood-Karriere ausbaute, kehrte er auch bald wieder zu diesem Genre zurück, als Bösewicht im Bond-Film 'Golden Eye' ebenso wie neben Will Smith in 'Bad Boys', als böser Cop in 'Kiss of the Dragon' wie als guter Cop in Neil Jordans 'The Good Thief'. Doch davor und dazwischen gab es einige bemerkenswerte Ausnahmen. Etwa Luc Bessons 'Nikita', wo er den nur scheinbar hartherzigen Ausbilder der Profikillerin Anne Parillaud verkörpert. Oder seinen Auftritt als Molière in 'Der König tanzt'. Den Jäger in Jean-Jacques Annauds 'Der Bär'."
"Wenn man ihn auf der Leinwand sah, war der Tod meist nicht fern", erinnert Christian Buß bei SpOn. Waffen brauchten seine Charakter nicht unbedingt, er "tötete vor allem mit Blicken". "Jemand wie Karyo brauchte keine langen Monologe, um Eindruck zu hinterlassen. Seiner Rolle als Nebendarsteller der Extraklasse huldigte er ironisch mit seinem Auftritt in 'Die fabelhafte Welt der Amélie' aus dem Jahr 2001, einem der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten. Da war nur kurz sein Gesicht auf einem Passfoto zu sehen."
Geheimagent Marcelo in Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" Voll des Lobes sind die Feuilletons für Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent", der im Jahr 1977 spielt, zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Im Zentrum steht Marcelo, ein Agent mit linker Vergangenheit. Vor allem, so Richard Kämmerlings in der Welt, brilliert der Noir-Thriller als Porträt einer Gesellschaft am Abgrund: "Die Solidarität und Menschlichkeit der verfolgten Opfer und ihrer selbstlosen Helfer bildet das Gegengewicht zu der restlos kaputten Sphäre von Politik und Medien. Der Karneval symbolisiert das Chaos, in dem die Vernunft eines Technikers wie Marcelo unterzugehen droht, die von Abgründen der Gewalt bedrohte Zivilisation. 'Ordem e Progresso', 'Ordnung und Fortschritt', lautet die Losung auf der brasilianischen Nationalflagge, die hier nur zynisch wirkt. Tatsächlich sind die Menschen getrieben von ihren Ängsten, ihrer Gier und irrationalen, postfaktischen Überzeugungen. Als Running Gag geistert ein abgeschnittenes, menschliches Bein durch den Film, das im Maul eines Hais gefunden wurde."
Bert Rebhandl trifft sich für die FAS mit Mendonça Filho und fragt ihn unter anderem nach der Bedeutung der Stadt Recife für seine Filme. Der Regisseur erläutert: "Recife war immer schon eine Stadt der Avantgarde. Hier gab es die erste juristische Ausbildung in Brasilien, hier gab es frühe Filmbewegungen." Rebhandl selbst ist ebenfalls außerordentlich angetan vom Film - und interpretiert ihn zumindest mit Blick auf die Rolle des Karnevals ganz anders als Kämmerlings: "Gegen die Identitätspolitik von rechts setzt 'The Secret Agent' auf eine Heterogenität, die im Karneval ihren höchsten Ausdruck findet." In der tazspricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur.
Christian Meier zeichnet in der FAS die Kontroversen um Shai Carmeli-Pollaks "Das Meer" nach. Der Film über einen palästinensischen Jungen, der sich in Richtung Meer aufmacht und dessen Vater, der sich um seinen Sohn Sorgen macht, startet demnächst in den israelischen Kinos und muss sich schon im Vorfeld einer Kampagne von Seiten der politischen Rechten erwehren. Dabei hat Carmeli-Pollak keine politische Kampfschrift verfilmt, sondern setzt, in der Tradition des Neorealismus, auf universelle Werte. "Gleichzeitig", stellt Meier klar, "sind die Besatzung und die damit einhergehende Gewalt in 'Das Meer' stets präsent, auch wenn sie im Hintergrund bleiben. Je mehr der Film auf der Oberfläche so tut, als erzähle er eine Geschichte ohne nennenswerte Eskalation, desto mehr wird die Unnatürlichkeit der Besatzungssituation dadurch erst richtig scharf gestellt. (...) Die politische Botschaft von 'Das Meer' lautet: Selbst wenn alles vergleichsweise gut geht, bleibt doch eine grundlegende Ungleichheit zwischen Israelis und Palästinensern bestehen."
Außerdem: Sigrid Weigel beschäftigt sich in der FAS mit einem unverfilmten Drehbuch Pier Paolo Pasolinis, das sich um den Apostel Paulus dreht. Die Filmredaktion der Presse schaut sich diverse Filme und Serien zum Thema Beerdigungen an. Ebenfalls in der Presse unterhält sich Patrick Heidmann mit Ben Stiller über dessen neuen Film "Stiller & Meara: Nothing Is Lost", der sich den Eltern des Filmemachers widmet. Im Tagesspiegel wiederum spricht Kai Müller mit Richard Gere. Noch ein Interview: Jan Küveler redet in der Welt mit "Predator: Badlands"-Regisseur Dan Trachtenberg. Marius Nobach würdigt im Filmdienst den Stummfilmkomiker Max Linder zu dessen 100. Todestag. Die aktuelle Folge des critic.de-Podcasts "Framing" widmet sich Filmen von Paul Thomas Anderson, Kelly Reichardt und Kathryn Bigelow.
Besprochen werden Luc Bessons "Dracula" (Standard) und Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (critic.de, artechock).
"It Was Just An Accident" von Jafar Panahi Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit JafarPanahi beim Filmfestival Locarno, wo der Regisseur seinen neuen Film "It Was Just An Accident" präsentierte. Darin geht es um ein Opfer des iranischen Regimes, das meint, einen alten Peiniger wiedererkannt zu haben und diesen stellt (mehr zum Film bereits hier). "Als Inspirationsquelle nennt Panahi auch VaclavHavels Essay 'Die Macht der Machtlosen', namentlich die Passagen über die Mechanismen totalitärer Regime: Die Gewalt gegen die Bürger führt zu Gegengewalt, die wiederum dem Staat als Vorwand dient, seine eigene Gewalt zu erhöhen. ... Paradox erscheint, dass" Panahi "partout nicht als politischer Filmemacher gelten will. ... Er verteidige keine Partei oder Ideologie, erklärt er. ... 'Als sozialer Filmemacher halte ich niemanden für grundsätzlich gut oder böse. Wer in diesem System weiterkommen oder überleben will, muss in einer Weise handeln, wie er es außerhalb niemals täte. ... Werden eines Tages die Regeln nicht mehr befolgt, wird das System zwangsläufigkollabieren. Und unsere Aufgabe als Filmemacher und Künstler ist es, die Dinge so weit zu bringen, dass diese Verletzungen stattfinden können, diese kleinen Revolutionen.'"
Außerdem: Fritz Göttler erinnert in der SZ an PierPaoloPasolini, der heute vor fünfzig Jahren ermordet wurde. Marc Beise berichtet in der SZ vom Andenken an Pasolini in Italien. Jörg Gerle resümiert im Filmdienst vom auf filmischePhantastik spezialisierten Festival im spanischen Sitges. Besprochen werden BenLeonbergs Hundefilm "Good Boy" (Standard), Marcus H. Rosenmüllers "Pumuckl und das große Missverständnis" (SZ) und die "Simpsons"-Ausstellung im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen bei Saarbrücken (Welt).
Andauernd erregt: "Dracula" von Luc Besson Dracula bleibt im Kino ein Dauerbrenner. Nun hat der auf effektreichen Bombast spezialisierte Franzose LucBesson seine (allerdings von London nach Paris verlegte) Vision des Mythos auf die Leinwand gebracht. Den Kritiken nach zu urteilen stand für den Film aber offenbar nicht so sehr Bram Stokers Roman von 1897 Pate, sondern dessen Interpretation durch Francis Ford Coppola von 1992. Es ist "ein Film, der sich dezidiert als Spektakel ausweist", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Überall findet Besson exaltierte Bilder", seine "Kamera kopuliert mit seinen Erfindungen, er kennt nur eine andauernde Erregung. ... Besson arbeitet nicht auf der Ebene der Psychologie, sondern auf der von Klischees. Er trägt den Mythos Dracula ein in Vorstellungen von Europa und Moderne, die er aber nur als Zwischenstadium sieht für seine Wiederverzauberung der Welt. Sein Bezugspunkt ist nicht 'Die Traumdeutung', die 1900 erschien, er schürft vielmehr in den Träumen und extrahiert sie."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht in dieser Opulenz nicht viel mehr als Tand: "Fokussiert allein auf sein tragisch-unerfüllbares Liebesglück, fehlt dem Vampir die Komplexität früherer Verkörperungen. Und so gern man ihn in seinem dandyhaften Auftreten im Umfeld eines Oscar Wilde verorten würde, fehlen ihm wiederum die entsprechend feinsinnigen Dialoge. So folgt man seiner von ihm selbst einmal als gewundenem Leidensweg beklagten Existenz zwar durchaus mit ästhetischem Vergnügen, aber nicht unbedingt gefangen." Tazlerin Jenni Zylka zerfällt "aus Langeweile fast zu Staub". Robert Wagner hat auf critic.de Spaß an dem Film, auch wenn Dracula gelegentlich "gecockblockt" wird.
Immer mehr Neustarts prügeln sich zu immer teureren Ticketpreisen um immer weniger Leinwände und ein immer häufiger lieber zuhause bleibendes Publikum, stellt Rüdiger Suchsland auf Artechock nach einem Blick auf die aktuellen Startlisten fest: Alleine diese Woche gibt es annähernd 30 Kinostarts, im November drücken fast 90 hinterher. Eine Verschlankung des Angebots "wäre trotzdem falsch", findet er. "Umgekehrt wäre es nötig, im Prinzip viel mehr Kinos und neue Spielflächen zu schaffen", auch brauche es "dringend niedrigere Preise und eine bundesweiteKino-Flatrate. ... Das Kino sollte weg von der Tendenz, eine zweite Oper zu werden. Es muss ein Jahrmarkts- und Alltags-Vergnügen sein, das, was man schnell noch mal am Abend für zwei Stunden tut."
Außerdem verweist Suchsland auf einen Bericht in Variety, demzufolge das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam israelischenBranchenvertretern samt und sonders die Akkreditierungverweigert hat - und zwar mit fadenscheinigen Begründung, sei seien "am Völkermord mitschuldig", was nicht nur, aber insbesondere im Fall des linken, traditionell regierungskritischen DocAviv-Festivals komplett an den Haaren herbeigezogener Blödsinn ist. "Dies alles entspricht leider der unglücklichen Tendenz, dass sich Filmfestivals als Polit-Zensoren und Aktivisten aufspielen, anstatt einfach offene Bühnen für künstlerische und kulturpolitische Auseinandersetzungen zu sein", kommentiert Suchsland. "Damit maßen sich Festivals eine Expertise und Kompetenz an, die sie schlicht und einfach nicht haben. Sie werden zu Treibern einer Zensur durch die Hintertür, die demokratische Gesellschaften und Öffentlichkeiten nachhaltigbeschädigt."
Weiteres: Silvia Hallensleben (taz) und Fabian Lutz (critic.de) resümieren die Viennale. Thomas Ribi schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler BjörnAndrésen. Besprochen werden YorgosLanthimos' "Bugonia" (Perlentaucher, Artechock, Standard, FR, ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), KathrynBigelows auf Netflix gezeigter Atomkriegs-Thriller "A House of Dynamite" (Standard, unsere Kritik), KirillSerebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (Standard), FlorianDietrichs "No Hit Wonder" (Perlentaucher), StefanHaupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit PaulaBeer (Welt, Artechock), ClaireSimons bei DOK-Leipzig gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Artechock), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Down Cemetery Road" mit Emma Thompson (FAZ), MarcusH. Rosenmüllers neuer Pumuckl-Film (Artechock), ReemKhericis "Miau und Wau" (Artechock), BenLeonbergs "Good Boy" (Artechock) und AndyMuschiettisStephen-King-Serie "Es: Willkommen in Derry" (Welt).
Emma Stone gibt ihren Entführern Konferenzteflon-Paroli: "Bugonia" von Yorgos Lanthimos Der griechische Autorenfilmer YorgosLanthimos nimmt in seinen jüngeren Filmen "den Umweg des Absurden, um in Areale vorzudringen, in denen sich die Konturen der Wirklichkeit bisweilen umso klarer zeigen", schreibt Arabella Wintermayr in der taz. Von der Fantastik macht er sich dabei mit jedem Film etwas mehr frei: "Wenn man so will, arbeitet sich Yorgos Lanthimos also zunehmend direkter zu den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit vor - oder ist es andersherum, und eine immer entrückter wirkende Welt kommt Yorgos Lanthimos entgegen?" Sein neuer Film "Bugonia" jedenfalls widmet sich "den ganz realen Weltentrückten unserer Zeit, den Verschwörungsgläubigen, den Misstrauensmissionaren im digitalen Endzeitalter."
EmmaStone, die künstlerisch mittlerweile eng mit Lanthimos verbandelt und auch die Produzentin seiner Filme ist, gibt in diesem losen Remake von Jang Joon-Hwans südkoreanischer Groteske "Save the Green Planet" von 2003 eine smarte Pharma-Unternehmerin, die von Durchgeknallten entführt wird, die in ihr ein Alien erkannt zu haben meinen, das eine Invasion vorbereitet. Doch "gegenüber ihren Entführern behält sie den kühlen Ton der Businessfrau bei, die gewohnt ist, dass es nach ihrem Willen geht", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sie antwortet auf Teddys Alien-Beweisargumentationsketten also mit: 'I hear where you're coming from, and I respectfully disagree.' An diesem Konferenzteflon perlt alles ab. Die Mauer der verdrehten Argumente des Fake-News-Gläubigen kann aber auch dieser neuartige Dialekt nicht einreißen. Wörter sind verdreht, Sprache ist ohnmächtig." SZ-Kritikerin Sofia Glasl beobachtet in diesem Film eine "Weltuntergangsstimmung", welche "sich kaum noch von der realen Gesamtsituation unterscheidet. ... Verschwörungsideologen und Tech-Milliardäre teilen die Welt offenbar nun schon lange genug untereinander auf."
Weiteres: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit EvaLibertad über deren Film "Sorda", in dem eine gehörlose Frau ein Kind zur Welt bringt. Die Film und Medien Stiftung NRW gibt die fünf Nominierten für die besten Filmkritiken des Jahres bekannt: Auch unser Kritiker Lukas Foerster ist auf der Liste - wenngleich für eine Kritik beim Filmdienst. Wir wünschen viel Erfolg!
Besprochen werden unter anderem HongSangsoos auf der Viennale gezeigter "What Does that Nature Say To You?" (Standard), StefanHauptsFrisch-Verfilmung "Stiller" mit PaulaBeer (Tsp), MarcusH. Rosenmüllers neuer "Pumuckl"-Film (Standard) und Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (SZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Matthias Kalle verzweifelt auf Zeit Online über der Sky-Serie "Es: Welcome to Derry", die zwar auf StephenKings Horror-Epos "Es" basiert, zugleich aber auch ein Prequel zu dessen Verfilmungs-Zweiteiler von 2017 und 2019 darstellt. Kings Roman, unterstreicht Kalle, ist ein großes literarisches Meisterwerk, von dem Film- wie Serienschöpfer "AndyMuschietti, der von allem, was 'Es' tatsächlich ist, erstaunlich wenig zu verstehen scheint. Was den Roman so unvergleichlich macht, ist seine emotionaleTopografie - das Ineinanderfallen von Kindheit und Erwachsensein, das Flirren zwischen Erinnerung und Angst, das Wissen, dass man das, was man liebt, nicht festhalten kann. In 'Es: Welcome to Derry' ist dieses Gefühl bestenfalls Kulisse. Die Serie weiß, wie Horror aussieht, aber nicht, wie er sich anfühlt."
Außerdem: Bert Rebhandl resümiert im Standard die Viennale. Andreas Kilb (FAZ) schreibt einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen, den die Filmgeschichte seit Viscontis "Tod in Venedig" als schönsten Jungen der Welt kennt.
Besprochen werden BenStillers auf AppleTV+ gezeigtes Doku-Porträt über seine Eltern, das Komiker-Duo Stiller and Meara ("bisweilen wird all dies ein bisschen zu viel Selbstbespiegelung", meint Nina Rehfeld in der FAZ), JulienColonnas "Kingdom - Die Zeit, die zählt" (taz), StefanHaupts Verfilmung von MaxFrischs Roman "Stiller", die laut dem ziemlich enttäuschten SZ-Kritiker Marc Hoch so "wirkt, als habe jemand versucht, Auszüge einer Wagner-Oper auf dem Klavier nachzuspielen", und die Netflix-Serie "Boots" (FAZ).
Jan Küveler spricht für die Welt mit dem Schauspieler AugustDiehl, der aktuell in KirillSerebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" zu sehen ist. Ursprünglich hatte er kein Interesse, den fürchterlichen KZ-Arzt zu spielen, sagt er. "Warum sollte man jemandem wie Mengele eine Plattform geben? Warum sollte man sich an den erinnern?" Doch dann "dachte ich: Ist das nicht eigentlich gefährlich, so zu denken? Sich nicht erinnern zu wollen." Aber "vielleicht ist das gar nicht wahr. Dass zwar, was er getan hat, monströs ist, aber das ganze Problem doch darin liegt, dass diese Menschen eben nicht nur Monster sind, sondern Menschen" und "diese Menschen wären als Einzelpersonen gar nicht so groß geworden, hätte es nicht ein System gegeben, das sie gebraucht und auch nach dem Krieg unterstützt hat. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, Kirill, Olivier und ich: dass bestimmte Systeme bestimmte Menschentypen brauchen. Oft Menschen, die leer sind, ohne Vision, ohne Empathie - Psychopathen. In solchen Systemen werden sie zu Ärzten, Polizisten, Richtern. Sie bekommen eine Funktion."
Überall sterben die Kinos, in Berlin werden welche gegründet. Oder zumindest vor zehn Jahren noch, denn da gingen Il Kino, Wolf und Kino Zukunft an den Start, die sich seitdem als feste Bank der Berliner Arthouse- und Indie-Kinolandschaft etabliert haben. Katharina Böhm hat für die taz mit Carla Molino, Verena von Stackelberg und Sven Loose gesprochen, die die drei unabhängigen Kinos jeweils betreiben - über Fallstricke und Risiken, aber auch unerfüllte Hoffnungen beim Kinomachen, etwa die, dass durch die Digitaliserung Klassiker greifbarer werden könnten: "Das ist kaum möglich, weil die Sachen nicht digitalisiert worden sind oder eine einmalige Vorführung um die 150 Euro kostet für Verschlüsselung und digitales Cinema Package. Dazu die Rechte für den Film selbst. Einen Klassiker einmal zu zeigen, kann bis zu 500 Euro kosten. Das macht meine Vorstellung davon, wie wir mit Filmgeschichte umgehen, schon etwas kaputt. ... An die analogen Kopien kommt man wiederum nicht ran, weil sie nur noch an Museen verliehen werden. Viele Kopien wurden zerstört, weil sie Platz brauchen und die Filmlager nicht mehr da sind. So passieren ständig kleine Tode und Neuentstehungen in der Kinowelt."
Weiteres: Marian Wilhelm fragt sich im Standard bange, wie lange das Wiener HotelInterconti noch als Festivalzentrale für die Viennale genutzt werden kann. Besprochen werden LauraPoitras' auf der Viennale gezeigtes Porträt "Cover-Up" des Journalisten Sy Hersh (Standard), AgnieszkaHollands Kafka-Biopic "Franz K." (Standard) und ScottCoopersSpringsteen-Biopic "Deliver Me From Nowhere" (Welt).
August Diehl als Josef Mengele in dessen "Verschwinden" von Kirill Serebrennikov Für den Filmdienstporträtiert Karsten Munt den Schauspieler AugustDiehl, der aktuell in KirillSerebrennikovs (auf Artechockdoppel-besprochenem) "Das Verschwinden des Josef Mengele" nach dem gleichnamigen Roman von OlivierGuez zu sehen ist. Im Lauf der letzten knapp 30 Jahre hat Diehl international mit so ziemlich allen zusammengearbeitet, die in Arthaus und ambitioniertem Hollywoodkino einen Namen haben. "Die Faszination, die Diehls Spiel aus seinen Figuren holt, liegt dabei nicht in der Offenbarung, sondern im Verbergen. Bereits in seinem Kinodebüt '23 - Nichts ist so wie es scheint' (1998) unterlegt Diehl seine Figur, den Hacker Karl Koch, mit einer Melancholie, die sich zunächst nicht zeigen will. ... Als junger Aufsteiger und als dahinsiechender Choleriker zeigt Diehl seine erstaunliche Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren gegen den eigenen Körper anbranden zu lassen."
Jeremy Allen White denkt als Bruce Springsteen nach "Es muss jetzt mal Schluss sein mit den Biopics", ächzt Joachim Hentschel in der SZ, nachdem er "Deliver Me from Nowhere" über den jungen BruceSpringsteen über sich ergehen lassen musste. Der Film fokussiert auf die Entstehung von Springsteens Früh-80er-Album "Nebraska": Aber "wer sich eine Filmgeschichte über einen kreativen Schaffensprozess vornimmt, sollte aber ein paar Ideen, Bilder oder Erzählstrategien zur Hand haben, um sichtbar zu machen, was im Kopf des geplagten Genies vor sich geht." Diesbezüglich scheitert der Film "spektakulär. ... So schauen wir Springsteen unendlich lange beim halbdunklen Denken zu, während der Fernseher weiß rauscht." Rüdiger Suchsland zeigt sich in seiner Artechock-Kolumne nicht weniger genervt vom Biopic-Trend.
Karen Krüger unterhält sich in der FAZ mit Alejandro G. Iñárritu über dessen Film "Amores Perros", der vor 25 Jahren in die Kinos kam und über den er nun in der Fondazione Prada in Mailand eine Installation eingerichtet hat. Zu diesem Zweck hat der mexikanische Autorenfilmer das Filmmaterial von damals noch einmal neu gesichtet: "Wir haben damals 304 Kilometer Filmmaterial gedreht. Die endgültige Fassung enthält weniger als zwei Prozent davon. ... Ich schaute mir alles an, und mir gefielen auf einmal Dinge, die ich früher nicht bemerkt hatte. Das Material kam mir vor wie eine Plazenta: Es hatte einen Film genährt, der vor 25 Jahren entstand. Aus diesem Fluss an Bildern entstand die Installation. Es gibt keine Erzählung, nur bildliche und akustische Fragmente. 'Sueño Perro' ist alles, was 'Amores Perros' nicht war, und doch trägt sie dessen emotionale DNA in sich und Bilder, Worte, Gefühle, die damals prägend für uns in Mexiko waren."
Weitere Artikel: Für die FAS unterhält sich Mariam Schaghaghi mit ChristophWaltz, der in GuillermodelToros "Frankenstein"-Adaption (unsere Kritik) zu sehen ist. Katrin Hillgruber berichtet auf Artechock vom Filmfestival in Warschau.
Besprochen werden Claire Simons auf der Viennale gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Standard), PamelaHogans Dokumentarfilm "Ein Tag ohne Frauen" (Artechock), Guillermo del Toros "Frankenstein" (critic.de, Artechock, NZZ), Agnieszka Hollands "Franz K" (Artechock, Jungle World), JulienColonnas "Kingdom - Die Zeit, die zählt" (Artechock), Bernd Sahlings "Ab morgen bin ich mutig" (Artechock) und die ARD-Serie "Schattenseite" (FAZ).
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