Im Kino

Grandios schrill vollzogener Riss

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
08.10.2025. Mit smoothem Flow nähert sich die Nuklearkatastrophe. Kathryn Bigelow dreht mit "A House of Dynamite" einen weiteren exquisiten prozessualen Thriller ohne heroisches Zentrum.

"Gebt Bescheid, wenn die Welt endet", sagt ein leitender Beamter im Situation Room des Weißen Hauses (Jason Clarke) müde zu seinen Mitarbeitern, als aus einer militärischen Basis in Alaska die Meldung kommt, dass eine Interkontinentalrakete unbekannten Ursprungs über den Pazifik auf die USA zusteuert. In der Krisenmanagementzentrale der amerikanischen Regierung sind unvorhergesehene Katastrophen an der Tagesordnung: Das morgendliche Briefing dreht sich um News aus Teheran und Pjöngjang, auf den überlebensgroßen Monitoren laufen ununterbrochen Bilder von einem verheerenden Waldbrand an der Westküste. Wahrscheinlich handelt es sich also lediglich um eine fehlerhafte Testzündung, die sich alsbald aufklären wird und den seit dem Ende des Kalten Krieges international aufrechterhaltenen Konsens, dass nukleare Konfrontationen der Vergangenheit angehören, nicht umittelbar gefährdet.

Doch dann eskaliert der Vorfall am Anfang von Kathryn Bigelows "A House Of Dynamite" innerhalb von wenigen Minuten: Der dafür zuständige DSP-Satellit hat den ursprünglichen Start des Flugkörpers nicht registriert, eine Berechnung der Objektflugbahn - das Ineinandergreifen von Daten zum Steigungskurs, zur Geschwindigkeit und Neigung - deutet unmissverständlich darauf hin, dass die nukleare Rakete suborbital fliegt, den Weltraum demnach wieder verlassen wird, um schließlich in den amerikanischen Flugraum einzudringen und dort am Boden aufzuschlagen.

Der Verteidigungsminister (Jared Harris) wird zwecks Beratung hinzugeschaltet, ein hochrangiger Militärangehöriger der für Nuklearwaffen zuständigen Streitkräfte (Tracy Letts) spielt Möglichkeiten durch, wie unter Zeitdruck adäquat reagiert werden kann, der Präsident (Idris Elba) wird aus einer Benefizveranstaltung für Kinder herausgeholt, die Bundesbehörde für Katastrophenschutz bekommt Evakuierungsanweisungen und da der Nationale Sicherheitsberater gerade bei der Darmspiegelung ist, muss dessen Stellvertreter (Gabriel Basso) mit brüchigem Handyempfang einspringen.


Dreimal erzählt "A House Of Dynamite" dieses Szenario aufs Neue, aus unterschiedlichen Perspektiven und Kommunikationsnetzen der jeweiligen Entscheidungsträger heraus. Bereits nach rund 30 Minuten ist klar, dass der Aufprall der Bombe in der Großstadt Chicago nicht aufhaltbar sein wird und 10 Millionen Menschen das Leben kostet. Ob der Präsident darauf mit einem vorgreifenden Vergeltungsschlag reagieren wird, lässt der Film auch am Ende offen.

Seit "K-19: The Widowmaker", einem Übergangswerk zwischen ihren klassischeren Studio-Genrearbeiten der 80er- und 90er-Jahre und den unabhängig produzierten prozessualen Thrillern im 21. Jahrhundert, arbeitet Kathryn Bigelow an einem Kino ohne heroisches Zentrum, einer Spannungskonzentration ohne Entladung oder Abschluss. Die Bombenentschärfer zu Zeiten der Besetzung des Irak in "The Hurt Locker" arbeiten sich ad infinitum von einer Bedrohung zur nächsten, die rassistischen Übergriffe und Morde in "Detroit" durch konkret benennbare Täter lösen sich in einem Netzwerk systemischer Duldung und Absolution auf und bleiben letztlich nicht ahndbar.

Wie bei vorhergehenden Filmen Bigelows ist die Arbeit des Kameramanns Ben Ackroyd in "A House Of Dynamite" virtuos, aber ohne technische Auftrumpferei zweckdienlich. In mal lange fortlaufenden, mal rasant geschnittenen Steadicam-Aufnahmen ordnet die Kamera bei aller immersiven Dynamik stets das unüberschaubar scheinende Geschehen. Trotz einer sich immer weiter multiplizierenden Zahl an Kommandozentralen und Sicherheitsbunkern wahrt der Film für die Zuschauenden den Überblick über die Räume, hält die Fäden zwischen unterschiedlichen Ebenen der zuständigen Behörden präzise und nachvollziehbar geordnet.

Bei aller betont nüchternen Beobachtung scheut Bigelow gleichwohl nicht gezielt gesetzte pathetische Spitzen: In einer einstmals stark kritisierten Szene verharrte "Zero Dark Thirty" lange auf dem tränenüberströmten Gesicht Jessica Chastains, die nach der obsessiven, eine Dekade währenden Jagd auf Osama Bin Laden schließlich vor dessen Leichnam erkennen muss, dass die für sie abgeschlossene Arbeit lediglich der Beginn für die Arbeit anderer ist. In "A House Of Dynamite" wählt einer der Entscheidungsträger innerhalb von Sekunden den Freitod gegenüber der Verantwortung und springt vom Dach eines Hochhauses - ein grandios schrill vollzogener Riss im ansonsten smoothen Flow des professionalen Umgangs mit unabdingbarer Überforderung.

Die planspielartige Eskalation eines Nuklearkriegs erzählt der Film in seiner Unausweichlichkeit nicht als berufliches Versagen, sondern als ein Endspiel, das aufgrund einer Myriade von abzuwägenden Details nicht beherrschbar gemacht werden kann. Was hat unter immensem Zeitdruck eher Priorität: das taktische Gespräch mit einem führenden STRATCOM-Offizier oder die beschwichtigende Unterredung mit dem russischen Außenminister?

Im Helikopterflug über Washington muss der von Idris Elba mit nonchalantem Swag gespielte Präsident zuletzt eine Entscheidung fällen, die auf widerstreitenden Anordnungen und schlichten Impulsen gründet. Ein Berater für Verteidigungsstrategien erklärt ihm anhand eines Ordners die verschiedenen Optionen eines Vergeltungsschlag und sagt: Das Ausmaß der militärischen Reaktion muss man sich wohl als die unterschiedlichen Stufen der Zubereitung eines Steaks vorstellen, rare, medium und well done also. Ein Konflikt, der trotz der reibungslos ablaufenden Arbeit Hunderter Professionals und Experten auf eine solche vereinfachende Abstraktion hinausläuft, zeigt "A House Of Dynamite" durchaus rhetorisch argumentierend, ist einer, der nicht steuerbar, sondern von Anfang an, durch eine vorsorgende, rigorose Abrüstung unvorstellbar gemacht werden sollte.

Kamil Moll

A House of Dynamite - USA 2025 - Regie: Kathryn Bigelow - Darsteller: Idris Elba, Rebecca Ferguson, Gabriel Basso, Jared Herris, Tracy Letts u.a. - Laufzeit: 112 Minuten.