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03.11.2025. Die FAZ veröffentlicht die Büchner-Preisrede von Ursula Krechel, die an Georg Büchners Schwester und frühe Feministin LuiseBüchner erinnert. In Bochum lassen sich die Kritiker von Jette Steckels Ágota Kristóf-Inszernierung erschüttern. Bach-Enthusiasten haben sich in Leipzig versammelt, wo auch die SZ zugegen war, um Johannes Lang 22 Stunden dabei zuzuhören, wie er das komplette Orgelwerk des Komponisten aufführt. Und die Zeitungen trauern um den Schauspieler Tchéky Karyo.
Die FAZ druckt die Büchner-Preis-Rede Ursula Krechels ab. Sie erinnert an die Gemetzel der "Völkerschlacht", vor allem aber an Georg Büchners viel zu unbekannte Schwester Luise, die das Glück hatte, länger zu leben als ihr Bruder: "Ein Paukenschlag ist 1855 ihr Manifest 'Die Frauen und ihr Beruf', das sie in verschiedenen Auflagen weiterentwickelt. 'Freiheit, Selbständigkeit, Unabhängigkeit' sind Luise Büchners Ziele. Wie sollte es anders sein: Sie kämpft für Frauen aus dem Bürgertum. Dienstmägde, Markthändlerinnen, Hutmacherinnen kommen ihr nicht in den Blick. Sie schreibt, organisiert mit anderen den Allgemeinen deutschen Frauenverein, genießt das Wohlwollen der so viel jüngeren Darmstädter Großherzogin Alice, einer Tochter von Queen Victoria."
Für Mladen Gladic in der Welt war die am Vorabend der Preisverleihung stattfindende Lesung Krechels der Höhepunkt dieses langen Akademie-Wochenendes. Sie las nicht aus ihren Romanen, sondern "einen Gedichtzyklus und Kapitel aus ihrem Essay 'Vom Herzasthma des Exils' - der Titel ist von Thomas Mann geborgt. Das Kapitel über die Prager Journalistin Milena Jesenská, 1944 im KZ Ravensbrück gestorben und 'gemeinhin bekannt als Kafkas Milena', die 1937 über Flüchtlinge aus Nazideutschland schrieb - 'verordnete Nichtarbeit, systembedingte Arbeitslosigkeit, isoliert, deprimiert, diskriminiert' - machte deutlich, was Laudatorin Sabine Küchler am Samstag über Krechels Schreiben sagte: Es ist der Versuch, 'den vergessenen Menschen mit allen literarischen Mitteln ein Gesicht zu geben, einen Verstand und ein pochendes Herz.'" In der FAZ resümiert Tilman Spreckelsen die Veranstaltungen rund um die Preisverleihung: In den Reden ging es unter anderem auch um die prekäre Finanzlage der Akademie.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In einem "Vorwort" stellt Angela Schader den libyschen Autor Hisham Matar vor, dessen neuer Roman "Meine Freunde" demnächst erscheint (Leseprobe): "Matar war zwanzig, als sein Vater Jaballa der Familie auf grausame Art entrissen wurde: Er hatte sich im Widerstand gegen das libysche Regime engagiert, wurde 1990 von Gaddafis Schergen entführt und kam wahrscheinlich im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis um. Während die Umstände seines Todes bis heute ungeklärt sind, weiß der Schriftsteller, dass der Vater aufs Grausamste gefoltert wurde - und unter der Tortur nicht brach. Diese Erfahrung wird, allerdings stark verfremdet, seine ersten Romane prägen. Und die Vermutung liegt nahe, dass sie auch seinem generellen Interesse an Männlichkeit und Männerbeziehungen den Boden bereitet haben könnte."
Besprochen werden unter anderem Ping Lus Taiwan-Thriller "Dunkle Gewässser" (FAZ), Kevin Chens Roman "Geisterdämmerung" (NZZ), die Autobiografie von Ex-Greenpeace-Chef und Foodwatch-Gründer Thilo Bode mit dem Titel "Resist. Aufruf zum Widerstand" (SZ) und Alexander Clapps Buch "Der Krieg um unseren Müll" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
"Das große Heft." Foto: Armin Smailovic. "Eine schrecklich grandiose Aufführung", ruftNachtkritiker Martin Krumbholz, hingerissen von Jette Steckels Adaption von Ágota Kristófs Roman "Das große Heft" am Schauspielhaus Bochum. Es geht um "Zwei Heranwachsende, Zwillinge, im Krieg. Es ist der Zweite Weltkrieg, und es ist Ungarn, aber nicht einmal das teilt Ágota Kristóf in ihrem Text mit, der auf Französisch geschrieben und aufs Äußerste reduziert ist, spartanisch karg, man möchte fast sagen: brutal." Fünf Schauspieler spielen die Zwillinge, ihre Großmutter, ein Nachbarsmädchen, den missbrauchenden Pfarrer, Figuren, die durch Kargheit und Gewalt geprägt sind: "Wichtige Rollen in dieser schrecklichen und schrecklich grandiosen Aufführung spielen aber auch die Lichtregie, die genau gesetzten Lichtschneisen, die die Bühne (Florian Lösche) scharf illuminieren, sowieso die Livemusik, Schlagwerk und (teils elektronisch verstärkte) Violine (Matthias Jakisic, Karsten Riedel). Das Licht ist (oft) grell, die Musik (oft) laut, beides unterminiert jede Form von Sentimentalität, von Einfühlung. Wenn es im heutigen Theater ein Pendant zur Brecht'schen Ästhetik gibt, dann in dieser Inszenierung."
Das Nachbarsmädchen, das von allen Hasenscharte genannt wird, beeindruckt Hubert Spiegel in der FAZ in dieser überzeugenden Inszenierung ganz besonders: Gespielt von Risto Kübar zieht sie "sich eine Strumpfmaske übers Gesicht und bewegt sich rücklings auf allen Vieren vorwärts, mit den weit gespreizten Beinen voran. In dieser Fortbewegungsweise ist die ganze Figur enthalten, in einer Geste, in der Unterwerfung, Selbsterniedrigung und das Betteln um Zuwendung im Gewand sexueller Verfügbarkeit zusammenfallen. Und zugleich weist die Obszönität dieser Geste unweigerlich zurück auf diejenigen, denen sie gilt."
Weiteres: Chris Schinke nimmt für die taz am Programmschwerpunkt "Wohin jetzt?" an den Münchner Kammerspielen teil, der sich mit jüdischem Leben in München beschäftigt. Besprochen werden Antú Romero Nunes' Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (FAZ, Nachtkritik), das Geistermusical "Grand Finale" von Philipp Stölzl, Christoph Israel und Jan Dvořák am Theater Basel (Nachtkritik), Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" am Volkstheater Wien, inszeniert von Johanna Wehner (Nachtkritik), "Goodbye Berlin" von Constanza Macras und dem Ensemble Dorky Park an der Berliner Volksbühne (taz, Monopol, SZ), Christian Stückes Inszenierung von "Appropriate" von Branden Jacob-Jenkins am Münchner Volkstheater (SZ), Wagners "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Michael Thalheimer an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel) und Marlon Tarnow Inszenierung von Joe Ortons "Seid nett zu Mr. Sloane" am Staatstheater Darmstadt (FR).
FAZ-Kritiker Stefan Trinks fühlt sich in der Marina Abramović-Retrospektive in der Wiener Albertina Modern geläutert durch den Schmerz und die extremen Situationen, in die sich die Performance-Künstlerin mit ihrem Körper begibt: "Wie sehr dies alles innere Ausgleichsprozesse sind, die damit auch jeder Betrachter unmittelbar nachvollziehen kann, erweist sich in der Arbeit 'Artist Portrait with a Candle' von 2012. Vor pechschwarzem Hintergrund sitzt Abramović allein mit einer Kerze in der Hand wie die Lesende auf dem meditativen Bild Gerhard Richters. Die absolute Stille ist ohrenbetäubend. Dieses spürbare In-sich-Hineinhorchen und die Selbstbesinnung markieren ebenso wie Abramovićs meditativer großer Marsch auf der chinesischen Mauer nach der Trennung vom Partner Ulay einen Stilwechsel, hin zu mehr Ruhe und Innerlichkeit. Totale körperliche Verausgabung wird seither durch psychische Intensivierung ersetzt."
Weiteres: Die Louvre-Diebe sind offenbar Kleinkriminelle aus der Pariser Umgebung und nicht Teil organisierter Verbindungen, meldet die Zeit. Dass die diversen Sicherheitslücken des Museums geradezu zum Überfall einluden, darüber macht sich Annika Joeres ebenfalls in der Zeit Gedanken. Das Grand Egyptian Museum in Gizeh feiert die Wiedereröffnung, weiß die FAZ. Besprochen wird die Ausstellung "O Mensch! Wilhelm Lehmbruck - Die letzten Jahre. Dialog mit Yves Netzhammer" im Kunsthaus Zürich (NZZ).
Mit "Sitzkissen und teils sogar mit Schlafsack" ausgerüstet kamen Bach-Enthusiasten am Samstag in die Leipziger Thomaskirche, wo der Organist Johannes Lang 22 Stunden lang das komplette Orgelwerk von Bach spielte, das heißt "235 Stücke nonstop"- "das ist irre", ruft SZ-Kritiker Helmut Mauró: "Die großen Fugen sind natürlich das Beste von Bach, von den bescheidensten Titeln - Präludium und Fuge - kann man das Größte erwarten. Wie das durch die engmaschig verwobenen Melodiefäden donnert und pfeift und strahlt und zirpt, man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und wenn die ganz tiefen Register kommen, dann knattert das in die Magengrube, als schwebte ein Helikopter über der Kirche.Solche Klangwucht würde man von einer Barockorgel nicht unbedingt erwarten, aber die Bach-Orgel in der Thomaskirche ist ein besonderes Instrument, ein historisch bestens informierter Neubau."
Hier eine etwas ältere Aufnahme von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, die Lang auf der Bachorgel in der Thomaskirche spielt:
Weiteres: Jan Brachmann stellt in der FAZ den neuen Chefdirigenten der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern, den Katalanen Josep Pons, vor. Harry Nutt hat sich die Bootlegserie Nummer 18 "Through the Open Windows" mit den allerersten Songs von Bob Dylan angehört. Rolf Thomas war für die FAZ beim Jazzfest Berlin und hat die Auftritte von Marc Ribot und Mary Halvorson angesehen. In der SZ schließt sich Anna Weiß dem Jubel über das neue Album von "Florence + the Machine" an (unser Resümee).
Der türkisch-französische Schauspieler Tchéky Karyo ist mit 72 Jahren gestorben. In der FAZ geht Andreas Kilb die Stationen seiner Karriere durch: "Als er seinen Ruhm in Frankreich in den Neunzigerjahren zu einer Hollywood-Karriere ausbaute, kehrte er auch bald wieder zu diesem Genre zurück, als Bösewicht im Bond-Film 'Golden Eye' ebenso wie neben Will Smith in 'Bad Boys', als böser Cop in 'Kiss of the Dragon' wie als guter Cop in Neil Jordans 'The Good Thief'. Doch davor und dazwischen gab es einige bemerkenswerte Ausnahmen. Etwa Luc Bessons 'Nikita', wo er den nur scheinbar hartherzigen Ausbilder der Profikillerin Anne Parillaud verkörpert. Oder seinen Auftritt als Molière in 'Der König tanzt'. Den Jäger in Jean-Jacques Annauds 'Der Bär'."
"Wenn man ihn auf der Leinwand sah, war der Tod meist nicht fern", erinnert Christian Buß bei SpOn. Waffen brauchten seine Charakter nicht unbedingt, er "tötete vor allem mit Blicken". "Jemand wie Karyo brauchte keine langen Monologe, um Eindruck zu hinterlassen. Seiner Rolle als Nebendarsteller der Extraklasse huldigte er ironisch mit seinem Auftritt in 'Die fabelhafte Welt der Amélie' aus dem Jahr 2001, einem der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten. Da war nur kurz sein Gesicht auf einem Passfoto zu sehen."
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