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21.05.2025. Die Feuilletons erinnern an Yuri Grigorovich, den nun verstorbenen langjährigen Leiter des Bolschoi-Balletts. Zu seinem Erbe, weiß die Welt, gehört nicht zuletzt das fragwürdige Frauenbild sowjetischer Tanzkunst. Der Künstler Leon Kahane fragt im SZ-Interview: Warum muss Gerhard Richter ausgerechnet in Auschwitz einen Götzen in Form eines Museumspavillons errichten? Jafar Panahi, dessen neuer Film "Ein einfaches Urteil" in Cannes uraufgeführt wird, sieht im Zeit-Gespräch das Ende des iranischen Regimes nahen. Die FR begeistert sich in Frankfurt für die zartfühlenden Pressefotos von Werner Bischof.
Der jüdische Künstler Leon Kahane erklärt Johanna Adorján in der SZ, warum er Gerhard Richters künstlerische Beschäftigung mit Auschwitz, etwa in einem direkt dort vor Ort aufgebauten Museumspavillon, für falsch hält: "Du sollst dir kein Bildnis machen, so lautet gleich das zweite mosaische Gebot. (...) Von nun an sollte man keinen Götzen mehr heiligen wie in allen anderen Religionen, sondern Gott war alles und zugleich nichts, hatte nicht mal einen richtigen Namen, fand allein in der intellektuellen Auseinandersetzung statt. Dieses Gebot hat das Judentum seinem Wesen nach zutiefst geprägt. Was aber ist ein neu errichteter Museumspavillon in Auschwitz, errichtet für die Kunst eines der bedeutendsten, teuersten lebenden Künstler, anderes als ein Götze? Und wie kommt man auf die Idee, einem der wichtigsten jüdischen Gesetze ausgerechnet an diesem Ort mit einem eigens ausgesuchten Zitat zu widersprechen?"
Außerdem: Christo und Jeanne-Claudes "Verhüllter Reichstag" kommt wieder - als Lichtprojektion, wie Jörg Häntzschel in der SZ vermeldet. Wurde ein Klimt-Gemälde rechtswidrig aus Ungarn ausgeführt? Diesem von ungarischer Seite erhobenen Vorwurf geht Olga Kronsteiner im Standard nach. Matthias Heine meint in der Welt: Wenn Gleichstellungsbeauftragte, wie zuletzt im "Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen", Venusstatuen abmontieren lassen, dann sollte man das zum Anlass nehmen, Gleichstellungsbeauftragte zu demontieren. Marcus Boxler spricht auf monopol mit der Künstlerin Charlie Stein über SUVs. Die Art Basel gründet mit Investorenhilfe einen Ableger in Doha, erfahren wir auf monopol von Stefan Kobel. Leonie March unterhält sich in der FR mit der Künstlerin Tuli Mekondjo über deren Kunstwerk zum ersten Artikel des Grundgesetzes und die Rückführung toter Vorfahren aus Deutschland nach Namibia.
Besprochen werden die Performancekunst-Schau "The Cynics Republic - Plac Defilad" im Museum für Moderne Kunst Warschau (monopol), die Ausstellung "Prachtstücke - Paul Kleinschmidt. Malerei 1922-1939" im Hamburger Ernst-Barlach-Haus (taz), die antisemitischen Bildern gewidmete Schau "#FakeImages - Gefahren von Stereotypen erkennen" an der TU Berlin (BZ) und Thomas Lanigan-Schmidts Schau "Lemon Sour Balls in Cherry Syrup" in der Berliner Galerie Buzzer Reeves (taz).
Gestern zirkulierte auf Twitter die Meldung, dass der Berufungsprozess gegen Boualem Sansal noch am Tag selbst stattfinden sollte. Nun nennt Youcef Khedim, Korrespondent des algerisch-französischen Portals rupture-mag.fr, dass die Verhandlung auf den 24. Juni verschoben wurde. Das Urteil wird für den 1. Juli erwartet. Der Staatsanwalt war in Berufung gegangen, weil ihm die fünf Jahre Haft, die Sansal für seine Meinungsäußerung erhalten hatte, zu wenig waren - aber auch Sansal selbst soll in Berufung gegangen sein. Khedim zieht aus den neuen Daten eine gewisse Hoffnung: "Zu den Terminen des Berufungsverfahrens ist anzumerken, dass der von uns angekündigte Termin für die Urteilsverkündung am 1. Juli aufschlussreich für den weiteren Verlauf der Ereignisse sein kann, wenn man bedenkt, dass vier Tage später, am 5. Juli, der algerische Nationalfeiertag ist, an dem es üblich ist, dass Gefangene vom Präsidenten begnadigt werden." Das Urteil wäre dann rechtskräftig, erst dann ist auch eine Begnadigung möglich.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Perlentaucherstellt Angela Schader in einem "Vorwort" den afroamerikanischen Autor William Gardner Smith vor, dessen Roman "Gesicht aus Stein" demnächst auf Deutsch erscheint. Smith lebte in den 50er und 60er Jahren in Paris, das ihm weniger rassistisch erschien als sein Heimatland. Doch auch Frankreich verlor für ihn Anfang der 60er viel von seinem Glanz: "Grund war der eskalierende Konflikt zwischen der Kolonialmacht und der algerischen Befreiungsbewegung; Smith realisierte, dass die Grande Nation gegenüber den Arabern praktisch dieselben Mechanismen der Diskriminierung und Repression einsetzte, denen er mit seinem Weggang aus den USA hatte entkommen wollen. In Frankreich gipfelte die Gewalt im 'Massaker von Paris' vom 17. Oktober 1961", bei dem die Polizei mehrere hundert Demonstranten tötete. "Den staatlichen Gewaltakt überträgt Smith mit leicht veränderter Datumsangabe ins Schlusskapitel seines Romans. Er mag dessen dramatischer Höhepunkt sein, aber die interessanteste Bewegung findet auf einer breiter ausgesteckten Ebene statt. Als Hauptfigur schickt der Autor Simeon Brown vor, dessen Geschichte er eigene Erfahrungen einschreibt - nicht nur den Weg von der Euphorie zur Ernüchterung in Paris, sondern auch frühere, gewaltsame Konfrontationen mit dem amerikanischen Rassismus."
Weiteres: Die indische Autorin und Frauenrechtsaktivistin BanuMushtaq und ihrer Übersetzerin DeepaBhasti wurden für die Kurzgeschichtensammlung "Heart Lamp" gestern Abend mit dem InternationalBookerPrize ausgezeichnet, meldet die FAZ. In der FAZgratuliert Andreas Platthaus dem SchriftstellerMatthiasPolitycki zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Luz' Comic "Zwei weibliche Halbakte" (NZZ), RuthZylbermans "Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten" (Standard), TarjeiVesaass "Frühlingsnacht" (online nachgereicht von der FAS), AndreasMaiers "Der Teufel" (FR), der von FelixLindner zusammengestellte Zitateschatz "Mit ThomasMann durch das Jahr" (FR), TilmannLahmesThomas-Mann-Biografie (FAZ) und UrszulaHoneks "Die weißen Nächte" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Szene aus Jafar Panahis "Ein einfaches Urteil" Beim Filmfestival in Cannes hat JafarPanahi seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall" vorgestellt, der (erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehte) Film handelt von einem iranischen Gefängnisaufseher, der dem Mann wiederbegegnet, den er im Gefängnis gequält hat. Katja Nicodemus konnte für die Zeit mit dem selbst lange vom Teheraner Regime weggesperrten Regisseur sprechen. Dieser zeigt sich sehr zuversichtlich, dass es mit den islamistischen Machthabern eher bald als spät zu Ende geht: Sie haben Angst, "nicht nur vor dem Kino, vor Büchern, Musik. Sie stecken Musiker und Wissenschaftler ins Gefängnis, Journalisten und Soziologen, weil sie spüren, dass ihre Macht ein Ende hat. Der Schrecken, den sie verspüren, ist der Schrecken des nahenden Zusammenbruchs, der Schrecken der eigenen Schwäche. Eine leere Hülse, das ist es, was von der Islamischen Republik geblieben ist. Diese Republik existiert nicht mehr, sie hat für die Mehrheit der Bevölkerung jede Legitimation verloren. Und weil das Regime das sehr genau weiß, verwandelt es seine Angst in Repression. Allein die Tatsache, dass sich das Regime so obsessiv an der Frage aufhängt, wie Frauen ihre Haare zu tragen haben, ist das Zeichen seines nahenden Zusammenbruchs."
Auf der ans Festival angedockten Kinomesse in Cannes präsentierte das MuseumAuschwitz-Birkenau erste Eindrücke seines unter anderem von der polnischen Autorenfilmerin Agnieszka Holland betreuten Projekts "Picture from Auschwitz", berichtet David Steinitz in der SZ. Dabei stellt das Museum einen hochauflösenden3D-ScanderRäumlichkeiten des früheren Konzentrationslagers zur Verfügung, der als digitale Filmkulisse verwendet werden kann - das reale Gelände ist für große Filmcrews seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich, nur kleine Doku-Teams haben Zugang. Diese Lösung "mag durchaus einfacher sein", schreibt Steinitz, sieht aber die Diskussionen bereits heraufdämmern. "Denn die Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit, die industrielle Vernichtung von Millionen Juden bebildern zu können, sorgt seit jeher für Streit." Auch "wenn die Filmemacher deutlich skrupulöser mit dem 'Stoff' umgehen: Die am Fließband Ermordeten sind nun mal kein Material für Geschichten, an deren Ende man zufrieden denken kann, das Wesentliche gesehen zu haben. Wofür es keine Versöhnung geben kann, wofür es kein Verständnis geben darf, entzieht sich dem engen Korsett der filmischen Erzählkonventionen."
Ansonsten ist beim Festival eher durchhängen angesagt. Entgegen landläufigen Auffassungen laufen in Cannes nämlich keineswegs "ausnahmslos Meisterwerke", wie Tim Caspar Boehme in der tazversichert. Die neuen Filme von JuliaDucournau (Cannes-Gewinnerin 2021) und TarikSaleh konnten ihn jedenfalls nicht überzeugen. Ja, "Cannes wartet immer noch auf sein diesjähriges Meisterwerk", seufzt auch Rüdiger Suchsland auf Artechock. DenzelWashington wurde nach der Cannes-Premiere des neuen Spike-Lee-Films "Highest 2 Lowest" für alle und insbesondere für ihn überraschend mit einer Ehrenpalme honoriert, berichtet Valerie Dirk im Standard. Am Rande von Cannes - und auf einer Veranstaltung, die mit dem Festival nicht affiniert ist - wird der seit MeToo verfemte KevinSpacey für sein Lebenswerk geehrt, berichtet Jan Küveler in der Welt. Fernerhin ist in Cannes eine Palme umgefallen (und, okay, hat eine Person dabei verletzt), berichtet Andreas Scheiner in der NZZ.
Weiteres: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin AthinaRachelTsangari über ihren Film "Harvest" nachdem gleichnamigen Roman von JimCrace. Im Filmdienstblickt Susanne Gietl zurück auf 50 Jahre IndustrialLight & Magic, der Special-Effects-Schmiede von GeorgeLucas. Hanns-Georg Rodek ärgert sich in der Welt über das Ende der FilmbewertungsstelleWiesbaden: Ja wollen denn wirklich alle nur noch selbst bestimmen, in welche Filme sie gehen, zählt das objektive Urteil von Fachleuten denn überhaupt nichts mehr?
Besprochen werden MehdiIdirs und GrandCorpsMalades Biopic über CharlesAznavour (critic.de, Presse) sowie JenniferMallmanns Dokumentarfilm "Moria Six" über den Brand im FlüchtlingslagerMoria auf der griechischen Insel Lesbos im Jahr 2020 (critic.de, SZ).
Andreas Danzer plaudert für den Standard mit YonasFarag, der abends in der Punkband Montreal singt und tagsüber am Berliner Sozialgericht als Richter arbeitet. Martin Fischer zerbricht sich im Tages-Anzeiger den Kopf darüber, warum die Schweiz beim ESC zwar bei den Jurys ziemlich gut abgeschnitten, beim Publikumsvoting aber komplett versagt hat. Besprochen werden ein Konzert von FazilSay in Frankfurt (FR), DamianoDavids Album "Funny Little Fears" (Standard) und der Auftakt von DuaLipas Deutschlandtour in Hamburg (taz).
Keine Frage, Grigorovich hat Spuren in der Geschichte der Tanzkunst hinterlassen, meint Dorion Weickmann in der SZ. Aber er hatte in gut drei Jahrzehnten am Bolschoi eben auch "Zeit genug, jeden nur denkbaren Fauxpas zu begehen: falsche Tänzer zu promovieren, öde Ballettschinken zu produzieren und daneben rundum für Furcht und Stagnation zu sorgen." In der FAZ erinnert Wiebke Hüster an Grigorovich.
Außerdem: Merle Kralfeld unterhält sich auf van mit Annina Machaz, die in Florentina Holzingers "Sancta" auf der Bühne steht. Die Berliner Bühnen sind Spitzenklasse, freut sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel anlässlich eines Rückblicks aufs Theatertreffen. Patricia Kornfeld befragt auf nachtkritik den Schauspieler Matthias Leja über seine Rolle in Dea Lohrers "Frau Yamamoto ist noch da". Ebenfalls für die nachtkritikmacht sich Atif Mohammed Nour Hussein Gedanken über Adornos Text "Jene Zwanziger Jahre" und dessen Aktualität unter anderem für theaterpolitische Debatten. Bojan Budisavljevic schreibt auf nmz über die Zwischenspielzeit 2025/26 an der Deutschen Oper Berlin.
Besprochen werden eine Bühnenversion von Annie Ernaux' "Die Jahre" am Thalia Theater Hamburg (FAZ, "Bei Ernaux sprechen die Dinge, bei Jette Steckel dagegen plappern sie so vor sich hin"), die Uraufführung von Unsuk Chins Oper "Die dunkle Seite des Mondes" an der Staatsoper Hamburg (FAZ, "Von Zauber, Poesie oder Anlass zur Ergriffenheit ist an diesem Abend aber keine Spur", Anno Schreiers Oper "Die blaue Sau" am Theater Bonn (nmz, "ein großer Spaß", auch wenn die Handlung etwas arg sprunghaft geraten ist) und Johann Adolph Hasses Oper "Serpentes ignei in deserto" an der Berliner Philharmonie (BZ, "musikalisch reichhaltig und differenziert gegliedert").
Bestellen Sie bei eichendorff21!Michael Mönninger bespricht in der FAZ einen von Philipp Meuser und Kassem Taher Saleh herausgegebenen Sammelband mit Texten, die für eine Wende in der Baupolitik plädieren - weg von Neu-, hin zu Umbauten. Die Vorteile insbesondere für die Umwelt liegen auf der Hand. Warum tut sich bislang nichts? "Die in Berlin lehrende Architektin Elisabeth Broermann von der Initiative 'Architects for Future' zeigt eingangs, wie schwer es ist, Umbau gegen Abriss durchzusetzen. Anstelle der auf Jahrhunderte angelegten Lebensdauer vormoderner Gebäude werden Neubauten heute nach spätestens vierzig Jahren Nutzung entsorgt. Denn aktuelle Baugesetze und Vorschriften sind laut Broermann für neue Gebäude standardisiert, wogegen Um-, An- und Ausbauten im Bestand stets Sondergenehmigungen brauchen und häufig an hohen technischen und energetischen Neubaustandards scheitern. Besser sei ein 'Bestandsschutz', damit Umbauten nur den Schall-, Brand- und Wärmedämmauflagen des Altbaujahres unterliegen."
Die Frankfurter Küche war, lernen wir von Matthias Alexander in der FAZ, nicht, wie bisher angenommen, ein Werk Margarete Schütte-Lihotzkys. Verantwortlich war vielmehr, wie die Kunsthistorikerin Christina Treutlein herausgefunden hat, ein Kollektiv unter Leitung von Carl-Hermann Rudloff.
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