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16.03.2026. In der Nacht wurden die Oscars verliehen - Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" hat die meisten Auszeichnungen abgeräumt. David Borenstein, der für seinen Dokumentarfilm über Putin ausgezeichnet wurde, warnt vor der Gleichschaltung der Medien. Der Zürcher "Sommernachtstraum" in Pinar Karabuluts Regie wartet laut Nachtkritik mit seltsam schönen Feen und Geistern auf. Der frühere Rapper Kollegah betreibt nun ein Fitnessstudio mit dem Rechtsextremen Heidrich Kopelke, hat die SZ recherchiert. In der Welt plädiert die Germanistin Inge Blatt für schwierige Literatur an Schulen. Der Perlentaucher empfiehlt Abdellah Taias neuen Roman über Schwulsein in Marokko.
In der Nacht wurden die Oscars verliehen. Mit sechs Auszeichnungen - darunter die zentralen Kategorien "Bester Regisseur", "Bester Film" und "bestes adaptiertes Drehbuch" - ist Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) an Ryan Cooglers "Blood & Sinners" (unser Resümee) mit vier Auszeichnungen vorbeigezogen. Letzterer war mit 16 Nominierungen ins Rennen gegangen - historischer Rekord. Und man will es eigentlich nicht glauben, aber tatsächlich: Es ist Paul Thomas Andersons erster Oscarsegen - auch wenn er seit mittlerweile Jahrzehnten regelmäßig in den wichtigsten Kategorien dauernominiert war. Hier alle Auszeichnungen und Nominierungen auf einen Blick.
Hollywood scheint aus seiner Trump-Schockstarre erwacht. Andersons und Coogler "Filmen war gemein, dass sie temporeiche Erzählung mit politischenThemen verbanden und großeZuschauererfolge im Kino erzielt hatten", freut sich Maria Wiesner in der FAZ. Geben sich die Oscars in Sachen Politik sonst eher (und im letzten Jahr: sehr demonstrativ) bedeckt, war es diesmal "anders", nicht zuletzt wegen ConanO'Briens von der Kritik im Allgemeinen gelobten Moderation: Der einstige Talkshowmaster setzte zahlreiche Spitzen ab. "Der Name Trump fiel nicht, einige Spitzen konnte man trotzdem als gegen den Präsidenten gerichtet verstehen. So spielte O'Briens Late-Night-Kollege JimmyKimmel, der die Oscars für Dokumentarfilmer präsentierte, unter anderem auf die kurzfristige Absetzung seiner Show 2025 an, als er sagte: 'Es gibt einige Länder, deren Führer die Meinungsfreiheit nicht unterstützen. Ich darf nicht sagen, welche.' Filmemacher DavidBorenstein, der danach den Oscar für seinen Dokumentarfilm 'Mr. Nobody Against Putin' entgegennahm, warnte seine amerikanischen Landsleute vor der Gleichschaltung von Medien und mahnte die Bürger, etwas dagegen zu tun, wenn 'eine Regierung Menschen auf den Straßen unserer Großstädte ermordet' - ein kaum verhohlener Hinweis auf die ICE-SchüsseinMinneapolis."
"Der große Gewinner im Hintergrund" ist das Filmstudio WarnerBros., das Andersons und Cooglers Filme produziert hat, meint David Steinitz in der SZ: "Es unterstreicht fulminant seinen Ruf als Heimat von großen Autorenfilmern mit reichlich Boxoffice-Power." Ja, eben jenes Studio, um das sich Paramount und Netflix gerade einen Bieterstreit zugunsten von ersterem geboten haben. "Der Oscar-Erfolg ist ein starkes Argument für die gerade anstehenden Verhandlungen, um so viele Jobs und so viel Eigenständigkeit wie möglich in die Zukunft zu retten." Einen großen Verlierer gab es auch: "Das Ping-Pong-Drama 'Marty Supreme'", informiert Tobias Sedlmaier in der NZZ: "Neun Nominierungen, null Gewinne. Und Hauptdarsteller TimothéeChalamet dürfte von der Veranstaltung vor allem der Spott über seine flapsige Opern- und Ballettschelte in Erinnerung bleiben." Der Tagesspiegelbringt eine Strecke mit den extravagantesten Kostümen des Abends.
Die im Filmbusiness übliche politische Blödheit manifestierte sich selbstverständlich auch.
Javier Bardem says "no to war and free Palestine" at the #Oscars, earning a huge round of applause from everyone in the room.
Weiteres: Volker Schmidt resümiert in der FR einen Abend mit WimWenders und WolfgangNiedecken. Besprochen werden die Amazon-Serie "Scarpetta" mit NicoleKidman und JamieLeeCurtis (Welt, taz), MagdalenaChmielewskas bei der Diagonale in Wien gezeigter Film "Teresas Körper" (Standard) und TaylorSheridans auf Paramount gezeigte Serie "The Madison" mit Michelle Pfeiffer (FAZ).
"Sommernachtstraum" in Zürich. Bild: Eike Walkenhorst. Pınar Karabuluts Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspielhaus Zürich ist fürNachtkritikerin Valeria Heintges zwar nicht ganz ein Albtraum, aber doch über lange Strecken frustrierend: Die vielen Ideen, die Karabulut in die Verwechslungs- und Verzauberungskomödie durcheinanderwirft, "stechen sich gegenseitig aus; der Funken springt nicht über. Es scheint, als sei unter all den Shakespeare-Variationen das Original vergessen gegangen. Aber wenn die Liebe der Athener nicht glaubwürdig, das Spiel der Handwerker unambitioniert, Henri Martens Zettel mit Eselskopf nur abstoßend wirkt, das Spiel der Geister nur leerer Zeitvertreib ist - dann haben Tragik und Komik nicht die nötige Fallhöhe, wird alles vorhersehbar, beliebig, austauschbar. Es überrascht kurz, ist aber bald egal. Ein Spiel um eine leere Mitte."
Überwältigt ist Ueli Bernays in der NZZ ob der von der Regisseurin kurzerhand ausgeklammerten erzählerischen Logik auch nicht, er freut sich aber über ihre lebendigen, bunten Feen und Geister: "Sie lässt den Darstellerinnen und Darstellern Raum genug für die Charakterzeichnung ihrer Rollen. Letztlich aber ist es die Orchestrierung des engagierten Ensembles, die den Reiz dieser Inszenierung ausmacht und in musicalartigen Szenen kulminiert: insbesondere wenn alle zusammen Lady Gagas 'Abracadabra' zum Besten geben. Wenn die Aufführung vorbei ist und die Liebenden doch noch zueinandergefunden haben, mag man sich die Augen reiben wie nach einem seltsamen Traum. Was war das gerade, was hat das eigentlich zu bedeuten, woran wird man sich erinnern? Der Verstand fühlt sich nicht gerade überfüttert mit Geist und Sinn. Dafür überzeugt dieser 'Sommernachtstraum' durch Sinnlichkeit und Amüsement."
Weitere Artikel: Im belgischen Havelange sollte ein Theaterstück auf die Bühne kommen, in dem die Muttergottes als Halbverweste dargestellt wird - eine Gruppe Katholiken hat protestiert und das veranstaltende Kulturzentrum zur Absage des Stückes gebracht, meldet der Spiegel. Timothee Chalamet hat zwar gerade behauptet, niemand interessiere sich mehr für Oper und Ballett, aber das kann der Bayerischen Staatsoper nichts anhaben: Intendant Serge Dorny freut sich über 99 Prozent Auslastung in der Opernsparte und sogar 100 Prozent beim Ballett, wie der Spiegelberichtet. Die FAZ druckt Jürgen Habermas' Kritik zur Bonner Aufführung von André Obeys Theaterstück "Ein Opfer für Wind" aus dem November 1953. Rüdiger Schaper trifft sich für den Tagesspiegel mit Kirill Serebrennikov, um über die zerstörerische Wirkung des russischen Angriffskrieges auch in der Kultur zu sprechen.
Besprochen werden "Die Schändung der Lucretia: Ein Casting", geschrieben und inszeniert von Lola Arias am Theater Basel (nachtkritik), Sivan Ben Yishais Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" am Schauspielhaus Wien (Standard), Roberto Ciullis Inszenierung von Peter Handkes Stück "Über die Dörfer" am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten", das Guntbert Warns am Renaissance-Theater in Berlin inszeniert hat (nachtkritik).
Jerrit Schloßer berichtet im Wirtschaftsteil der SZ von seinen Recherchen zu den geschäftlichen Umtrieben FelixBlumes, der vor einigen Jahren unter seinem mittlerweile abgelegten Künstlernamen Kollegah antisemitische Texte im Gangsta-Rap installierte, mittlerweile nach eigener Aussage "Patrioten-Rap" macht und auf seinem letzten Album 2025 erneut zahlreiche Verschwörungstheorien platzierte. Blume betreibt nun ein Fitness-Studio - gemeinsam mit einem gewissen HeidrichKopelke, der laut Schloßer wohl der Sohn des Mitgründer der in rechtsextremen Kreisen sehr beliebten Kleidungsmarke "Thor Steinar" ist: "Wer etwas tiefer gräbt, stößt auf Fotos vom rechtspopulistischen 'Neuen Hambacher Fest' aus dem Jahr 2018, auf denen Heidrich Kopelke auftaucht. Zudem kommentiert Landogar Höcke, Sohn des AfD-Politikers Björn Höcke, regelmäßig unter Heidrich Kopelkes Beiträgen in den sozialen Medien. Julian Walder, Vorstand der Jungen Alternative in Leipzig und Mitglied der rechtsextremen Identitären Bewegung, ist ebenfalls sein Follower. Zudem bewegt sich Heidrich Kopelke in der rechten Szene: Ein Besucher etwa, der auf dem Geheimtreffen von Rechtsextremisten in Potsdam Ende 2023 nachweislich anwesend war, versichert der SZ an Eides statt, Heidrich Kopelke zusammen mit seinem Vater Axel Kopelke dort gesehen zu haben."
Weiteres: Marco Schreuder plaudert für den Standard mit Cosmó, der Österreich beim ESC vertritt. Besprochen werden MaryOchers neues Album "Weimar" ("ein schön verspulter Kessel Buntes", meint Stephanie Grimm in der taz) und das neue Album "Crooked Stile" von CrookedMan, der darauf House und Northern Soul miteinander vermählt (taz).
In Giulia Andreanis Bildern im Hamburger Bahnhofentdeckttaz-Kritiker Tom Mustroph Künstlerinnen wie Georgia O'Keeffe oder Leda Rafanelli in einem neuen Licht - beziehungsweise in einer neuen Farbe, die Andreani für fast alle Bilder verwendet: "Sie benutzt dafür vorwiegend einen Farbton, das sogenannte Paynesgrau. Es ist eine Mischfarbe, einst vom britischen Landschaftsmaler William Payne für schöne Wolkentöne aus den Komponenten Ultramarin, Schwarz und Siena entwickelt. Je nach Untergrund sticht mal mehr das Blau, der Rotton oder eben das Schwarz heraus. Stets aber mutet dem Pinselstrich etwas Geisterhaftes und Mystisches an. Und so erinnert Andreanis Maltechnik denn auch an alchimistische Praktiken und Experimente mit Fixierlösungen, bei denen Schemen, Silhouetten und komplette Figuren hervorgezaubert werden."
Weitere Artikel: Das Museum Hamburger Bahnhof hat am Samstag eine Fundraising-Gala unter dem Titel "A Night in Berlin" veranstaltet, man wolle die Finanzen für künftige Ausstellungen etwas aufbessern, weiß Birgit Rieger im Tagesspiegel. Auf der Gala wurde die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum mit dem Lifetime Achievement Award geehrt, Ingeborg Ruthe berichtet für die Berliner Zeitung von der Preisverleihung. An der Stuttgarter Merz-Akademie wird Barbara Yelin die erste deutsche Comic-Professorin, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Gustave Courbet. Realist und Rebell", im Leopold Museum in Wien (Monopol) und "Schöne neue Arbeitswelt" im LVR-Landesmuseum in Bonn (FAZ).
Die emeritierte Sprachdidaktik-Professorin Inge Blatt erkennt in der Welt wohl das Ziel, dass mit einer von "anstößigen Wörtern" bereinigtenLiteratur Schülerinnen und Schüler respektvolles Verhalten lernen sollen. Allein, ihr fehlt der Glaube: "Sollten die Schüler nicht besser mit unterschiedlichen Weltsichten, die sich in Sprache manifestieren, konfrontiert werden, um auch auf die Wirklichkeit vorbereitet zu werden? In den sozialen Medien begegnen sie dieser Wirklichkeit, was Inhalte und Sprache betrifft, zum Teil in brutaler Weise." Und "wenn eine heute nicht mehr als politisch korrekt eingestufte Wortwahl oder Darstellung dazu führt, einen Dichter aus dem Literaturkanon zu streichen, so kann damit viel wertvolles Kulturgut verloren gehen. Sollte etwa die Ringparabel in Lessings 'Nathan der Weise' nicht mehr als das zentrale Zeugnis der Aufklärung für Toleranz verstanden und gelesen werden, weil der kostbare Ring nur auf die Söhne vererbt wurde?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind" stellt Thekla Dannenberg den neuen Roman des französisch-marokkanische Autor Abdellah Taïa vor, der von einer schwulen Jugend in Marokko und seinen Schwestern erzählt, einer "Gang aus sechs Mädchen und einem selig hinterherstolpernden Jungen. Die Hübschen bezirzten die Händler, während die Flinken Bonbons und Schokolade, Kopftücher und BHs stahlen. Einzig der Gemüsehändler mit dem Hang zur Poesie und einem Faible für die anmutige Samira konnte ihrem Treiben ein Ende setzen. Doch was ist aus den rebellischen Mädchen geworden? Unterwürfige Ehefrauen und Mütter, die sich als Hüterinnen von Tradition und Familie gefallen, dabei doch ganz und gar unter der Kuratel ihrer Ehemänner stehen. Nun drohen sie sogar, ihren schwulen Bruder der Polizei auszuliefern, wenn er ihnen nicht das Haus überlässt: 'Frauen sollten niemals heiraten', seufzt Youssef in seiner Hymne auf die skandalöse Jugend seiner Schwestern: 'Heiraten bedeutet den augenblicklichen Tod.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Standardunterhält sich Bernadette Redl mit BirgitBirnbacher über deren Roman "Sie wollen uns erzählen", der von einer Mutter mit einem ADHS-Kind erzählt. "Literatur ist keine Sozialarbeit", sagt die Schriftstellerin, obwohl es im Interview dann doch nur um soziale Fragen geht. Sie sehe ihre Aufgabe darin, "präzise zu sein. Ich möchte, dass man wirklich erfahren kann, was in so einem Menschen vorgeht, und zwar ohne, dass man andauernd soeinenElends-Porno-Blick hat und sich denken muss: Das arme Kind, die armen Leut'. Sprache ist für mich das Instrument, um mich gesellschaftlichen Phänomenen zu nähern, die irgendwie rätselhaft geblieben sind".
Weiteres: Die ComiczeichnerinBarbaraYelin wird ab Sommer Deutschlands erste Comicprofessorin, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel. Besprochen werden unter anderem SiriHustvedts "Ghost Stories" mit Erinnerungen an PaulAuster (NZZ), ThomasHettches "Liebe" (Welt), MichaelKrügers "Unter Dichtern" (Standard), JacquelineHarpmans "Ich, die ich Männer nicht kannte" (online nachgereicht von der WamS), NorbertGstreins "Im ersten Licht" (taz) und EvavonRedeckers "Dieser Drang nach Härte" (Standard). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Safae el Khannoussi: Oroppa Aus dem Niederländischen vpn Stefanie Ochel. "Oroppa" ist der europäische Roman der Stunde: Salomé Abergel, eine jüdisch-marokkanische Künstlerin und ehemalige politische…
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Tupoka Ogette: Trotzdem zuhause "So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit…
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