Im Kino

Durch eine Laune des Cine-Gottes

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
11.03.2026. Auch Namedropping will gekonnt sein. Richard Linklater arbeitet sich in "Nouvelle Vague" durch einen regelrechten Dschungel an cinephil wohlklingenden Namen und filmhistorischem Trivia-Wissen. Und hat trotzdem einen ästhetisch autarken Film gedreht.

Schnell, sehr schnell wird es zu einem Spiel: Wie wird wohl der Jean-Paul Belmondo dieses Films aussehen? Wie seine Jean Seberg? Wie sein Raoul Coutard? Wann taucht Agnes Varda auf? Aber auch: Wer zur Hölle ist Claude Beausoleil? Und wer Raymond Cauchetier? Nicht zuletzt: Warum steht da ausgerechnet José Bénazéraf rum? 

Auch Namedropping ist eine Kunst, und Richard Linklaters "Nouvelle Vague" beherrscht sie souverän, beziehungsweise eben: spielerisch. Tatsächlich werden die diversen mal mehr mal weniger prominenten Namen in dem Film, der die Produktion von Jean-Luc Godards erstem Langfilm "Außer Atem" - geradlinig und über weite Strecken tatsächlich Drehtag für Drehtag - nachinszeniert, genauso nonchalant und gewitzt "gedroppt" wie in einer cinephilen Liebhaberdiskussion: Am Anfang einer Szene werden Figuren, die bisher noch nicht aufgetaucht waren, mit kurzem Porträtbild und Namenseinblendung vorgestellt. Manche machen im Folgenden kaum mehr, als im Bildhintergrund herum zu stehen. So ist das nun mal: Filmgeschichte wird von vielen geschrieben. Nicht alle können Hauptrollen übernehmen.

Also der Reihe nach: In Godards an amerikanischen B-Movies geschultem Gangsterfilm übernahmen die Hauptrollen Jean Seberg, ein ehrgeiziger amerikanischer Shooting Star und Jean-Paul Belmondo, ein aufstrebendes junges französisches Großmaul. Bei Linklater spielt Seberg Zoey Deutch, ebenfalls Amerikanerin und ebenfalls schon gut im Geschäft, während Belmondo von Aubry Dullin verkörpert wird, einem unbekannten Franzosen. Der ist in seiner schlacksigen, ein bisschen grotesken Halbstarken-Coolness die größte Entdeckung in einem an Entdeckungen nicht armen Ensemblecast. Auch für alle anderen nicht-Seberg-Rollen hat Linklater Newcomer aufgetan. Für den "Außer Atem"-Kameramann Raoul Coutard zum Beispiel jemand namens Matthieu Penchinat. Der ist stets die Ruhe selbst.


Weiter im Text: Wer zur Hölle ist Claude Beausoleil? Also jener verträumte Typ, der in "Nouvelle Vague" vielleicht zwei-, dreimal durchs Bild läuft, aber eine eigene Namenseinblendung erhält, die ihn auf eine Stufe zu stellen scheint mit Leuten wie Jean Cocteau oder Robert Bresson, die in Linklaters Film teils ziemlich lustige Cameoauftritte haben? Wikipedia verrät: Beausiloeil war ein kanadischer Dichter, bei "Außer Atem" fungierte er als Kameraoperateur. Raymond Cauchetier wiederum war damals der Setfotograf. José Bénazéraf schließlich, legendärer Schmuddelfilmer mit dem Spitznamen "Godard du X", hat in Godards Film einen Cameo-Auftritt und hing vielleicht tatsächlich, wie bei Linklater, auch sonst oft am Set herum, vor allem dann, wenn Frauen sich vor der Kamera auszogen.

Warum sich durch diesen Dschungel der Namen und des Trivia-Wissens schlagen? Weil all das einmal gar nicht mal so wenigen Menschen gar nicht mal so wenig bedeutet hat. Für die Generation von Filmemachern, denen der inzwischen (man glaubt es kaum) 65-jährige Linklater angehört, ist die französische Nouvelle Vague ein lebendiger Mythos, wie der wilde Westen für John Ford oder Howard Hawks einer war. Die Nachwirkungen der Kämpfe um ein freieres, persönlicheres Kino, die im Paris der 1960er zunächst so lässig und stilbewußt ausgefochten wurden (gerade bei Godard wurde es später verbiesterter) sind im Austin der 1980er, wo Linklater seine ersten filmischen Gehversuche unternimmt, noch fühlbar. Für die Nachgeborenen ist das alles nur noch historisch, ein abgeschlossenes Kapitel. Was war da noch mal mit den Jump Cuts? Warum genau war das damals ein Skandal? 

"Nouvelle Vague", der Film, vermittelt gewissermaßen zwischen beiden Perspektiven. Praktische Filmbildung für die Netflix-Generation, aber gleichzeitig Reminiszenz an eine Jugend, die, wie auch immer vermittelt, doch ein kleines bisschen die eigene ist. Ein mit viel Herzblut verfilmter Wikipedia-Artikel. Dass das Ergebnis wunderschön leichtfüßig und großzügig geraten ist und nicht etwa pedantisch besserwisserisch und steril, liegt einerseits am Linklater Touch, der alles, was er berührt, in ein hangout movie verwandelt. "Außer Atem" entstand, wenn wir Linklater glauben können, primär nicht am Set oder gar am Schreibtisch, sondern in einem Pariser Bistro zwischen den Drehpausen, wo Jean-Luc, Jean, Jean-Paul und die anderen wertvolle Drehzeit mit Sprücheklopfen und gutmütig genervten Geldgebern auf die Nerven gehen (Jean-Luc), beziehungsweise Flirten (Jean und Jean-Paul) totschlugen; und dabei durch eine Laune des Cine-Gottes genau in die richtige Stimmung versetzt wurden, um wie nebenbei ein Meisterwerk herunter zu kurbeln.


Andererseits liegt es freilich auch daran, dass Linklater sowie seine Drebuchautoren Holy Gent und Vincent Palmo die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zum Godard-Klassiker (der ausschaut, als wollte er nie Klassiker sein; der aber selbstverständlich sehr wohl einer sein wollte, von Anfang an) finden. Die Spiegelung im Casting von Seberg und Deutch als prominente Amerikanerinnen, die unter die französischen Nobodies geraten, stiftet eine Verbindung zwischen "A bout de souffle" und "Nouvelle Vague"; ebenso wie der adrette schwarzweiße vintage look - Linklater drehte seinen Film nicht nur auf 35mm, sondern tatsächlich mit der gleichen leichtgewichtigen Cameflex-Kamera, die Coutard und Godard damals benutzten und er verwendet wie der alte Film das schon damals fürs Kino faktisch obsolete 1.37:1-Format.

Stilistisch hingegen bewahrt Linklater Abstand zu "Außer Atem", die low-fi-Produktionsbedingungen übersetzen sich nicht in nervöses, flirrendes Cut-up, in Godard'sche diskursiv-monologische Atemlosigkeit, sondern in ein geschmeidiges, seelenruhiges conversation piece - definitiv näher an Rohmer oder Truffaut als an Godard. Vor allem jedoch ist: Linklaters Film ist ästhetisch autark insofern weder Originalszenen aus "Außer Atem" noch nachinszenierte Szenen aus dem Originalfilm und auch keine Fotografien der historischen Schauspieler, Filmemacher und so weiter in ihm auftauchen. Selbst, wenn er die Dreharbeiten zu Godards Film direkt ins Bild setzt, tut Linklater nicht so, als wäre er Godard, beharrt auf der Differenz zwischen seiner eigenen Kamera und der seines fiktiven Raoul Coutard.

Das ist deshalb wichtig, weil es den Schauspielern ermöglicht, ihre eigenen Versionen der historischen Figuren zu kreieren. Deutch konkurriert nicht mit Seberg, Dullin nicht mit Belmondo und auch der gleichfalls phänomenale Hauptdarsteller Guillaume Marbeck, ein geborener Sonnenbrillenträger, konkurriert nicht mit Godard. Die Nouvelle Vague, das war erst einmal schlicht eine Gruppe junger Menschen, die inspiriert und enthusiastisch amerikanisches Kino nachspielte. Linklaters "Nouvelle Vague" zeigt nun, fern von jeglicher Fetischisierung, junge Menschen, die inspiriert und enthusiastisch junge Menschen verkörpern, die inspiriert und enthusiastisch amerikanisches Kino nachspielen.

Lukas Foerster

Nouvelle Vague - Frankreich 2025 - Regie: Richard Linklater - Darsteller: Zoey Deutch, Guillaume Marbeck, Aubry Dullin, Matthieu Penchinat - Laufzeit: 105 Minuten.