Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2026 - Film

Alexander Kluge, 2020 (Bild: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0)
Einen wie ihn wird es wohl kein zweites Mal geben: Der unvergleichliche Alexander Kluge ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Filmemacher, Autor, Soziologe, Philosoph, Jurist, Kulturhistoriker, Hörspielautor, Medienkünstler, Fernsehmacher - die Feuilletons verabschieden sich vom vielleicht letzten wirklichen Renaissance-Menschen unserer Gegenwart. Er, der bei einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg nur denkbar knapp mit dem Leben davonkam, "war ein Geschichtenerzähler, einer der in allen möglichen Genres vom Überleben berichtete", schreibt Arno Widmann in der FR. Nach Enzensberger und Habermas tritt mit Kluge eine intellektuelle Generation der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nun endgültig ab, schreibt Jürgen Kaube in der FAZ: "Dieser Seele fiel zu allem etwas ein, sie entzündete sich an allem. ... Das macht sein Werk zu einem Bau mit hundert Gängen und Öffnungen. Er handelte von chinesischen Schriftzeichen und von der Inquisition, von Waffenherstellern und der Eigentümlichkeit von Viren, von King Kong und von Fontane."

Oder wie es Andrian Kreye in der SZ auf den Punkt bringt: "Alexander Kluge war der neugierigste Mensch der Welt". Zuletzt beschäftigte er sich enthusiastisch mit Künstlicher Intelligenz. Sie "war für ihn ein Füllhorn, aus dem er die gesamte Geistes- und Kulturgeschichte der Menschheit herausdestillieren wollte". Und er hoffte auf die Vermählung der Künstlichen Intelligenz mit der Quantenphysik: "Dann würden sich Körper, Geist und Verstand, Logik, Informatik und Quantenphysik, Biologie und Astronomie, die gesamte Ideengeschichte zu etwas Wunderbarem vereinen - einem 'Konzert der Intelligenzen'. Dann wäre die Menschheit einen Schritt weiter und nicht einmal die Profiteure des Silicon Valley könnten das aufhalten. 'Es sind eben nur Zauberlehrlinge, die da etwas versuchen, das sie gar nicht erst beherrschen können.'"

Bekannt machte ihn aber sein Engagement für den Film, erst als Unterzeichner des Oberhausener Manifests, später mit eigenen Filmen - "Abschied von gestern", "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos", "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit", allesamt Klassiker des Jungen Deutschen Films. "Oft entsprach das schnelle, filmische, assoziative Denken seinem Denken mehr als die langsame Schrift", meint Peter Neumann auf Zeit Online. Es war "eine unverwechselbare Handschrift", schreibt Cosima Lutz in der Welt, "eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, assoziativ, schweifend und sinnbildlich selbst dann, wenn nicht genau erklärt wurde, wofür". Auch war Kluge ein Aktivist in Sachen Filmförderung, deren Ursprünge in Deutschland er maßgeblich mitgestaltete, erinnert Claudia Lenssen in der taz: "Er erkannte die Tücken des schwächelnden deutschen Kommerzkinos, organisierte Bündnisse mit der Filmkritik und Autoren/Produzenten und verfasste mit anderen flammende filmpolitische Analysen, vor allem in Richtung der mächtigen Fernsehanstalten, deren Beteiligung an der Autorenfilmförderung er einforderte."

Andreas Platthaus spricht in der FAZ Kluges schier unüberschaubare Fernseharbeit seit den späten Achtzigern. Durch eine gewiefte juristische Finte konnte Kluge den Privaten Programminseln abluchsen, in denen er auf redaktionell eigene Verantwortung Kulturfernsehen betrieb, wie es eigentlich die Öffentlich-Rechtlichen leisten sollten: "Das war Fernsehen, wie man es noch nie gesehen hatte, ohne Rücksicht auf Sehgewohnheiten oder Halbbildung." Auch Willi Winkler schwärmt auf Seite Drei der SZ von diesen quotenkillenden TV-Sternstunden: "Das Leitmedium musste die schöpferische Zerstörung ertragen." Kluge "entfaltete in diesen Zweiergesprächen eine ähnlich raunende Präsenz, verstärkt durch das Nachfragen, das sokratische Immernochmehrwissenwollen", bei dem er sich "in oft schwindelnde intellektuelle Höhen schraubte". Online sind die Arbeiten auf dctp.tv archiviert - ein Füllhorn, das zum endlosen Stöbern und Staunen einlädt.

Weitere Nachrufe in Standard und NZZ. Der Merkur hat ein paar Kluge-Texte aus seinem historischen Archiv für die Online-Lektüre freigeschaltet, darunter Kluges "Die Utopie Film" von 1964. Archivgespräche mit Kluge finden sich hier in der ARD Mediathek sowie hier und dort bei Dlf Kultur. In der ARD Audiothek finden sich zahlreiche Gespräche, Hörspiele, Nachrufe und Features. Auf Eichendorff21 haben wir für Sie einen Büchertisch mit aktuell lieferbaren Büchern Kluges zusammengestellt.

Weitere Artikel: Dunja Bialas schreibt auf Artechock einen Nachruf auf die Münchner Kinobetreiberin Marlies Kirchner. Anna Edelmann berichtet für Artechock über das Münchner Jugendfilmfestival "flimmern&rauschen". Und in seiner Artechock-Kolumne notiert Rüdiger Suchsland, über was er sich in dieser Woche geärgert hat.

Besprochen werden Ratchapoom Boonbunchachokes "A Useful Ghost" (Perlentaucher), Harry Lightons SM-Drama "Pillion" (critic.de, SZ),  Richard Linklaters "Blue Moon" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Maryam Touzanis "Calle Málaga" (Artechock), Sven Unterwaldt jrs "Horst Schlämmer sucht das Glück" (Artechock) und Antoine Lanciauxs "Die Schatzsuche im Blaumeistental" (Artechock).
Stichwörter: Kluge, Alexander

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2026 - Film

Margaret Qualley und Ethan Hawke in "Blue Moon"

Gerade erst lief Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (unsere Kritik) in den Kinos, da kommt mit "Blue Moon" auch schon ein weiterer neuer Film des US-Regisseurs ins Kino. Ethan Hawke spielt darin den homosexuellen, sich nach Liebe verzehrenden und dabei hocheloquenten Songdichter Lorenz Hart am Kipppunkt seiner Karriere. Dem Regisseur ist mit diesem nur an einem Abend in einer Bar in den Vierzigern spielenden Kammerstück "eine Reflexion über die größte Qualität der Hart-Lyrik" geglückt, nämlich "sich in die menschliche Sehnsucht nach Liebe einzudenken, aber sich keine Illusionen zu machen über die Seltenheit ihrer Erfüllung", schreibt ein von diesem Schauspielerfilm sehr beglückter Daniel Kothenschulte in der FR. "Wie oft ist sich das alte Hollywood in disproportionalen Liebesbeziehungen ergangen; dieser Film wischt den falschen Schmalz beiseite. Was nicht heißt, dass nicht fünfzigmal das Pathos großer Songs anklingt."

Susan Vahabzadeh ist in der SZ hin und weg von Hawkes Spiel: "Er hat ungeheuer viel Text, und er spielt einen Mann, mit dem er fast keine Gemeinsamkeiten hat. Lorenz Hart ist einer, der aus lauter Eigenschaften ohne Körper besteht. Er ist klug und witzig und charmant und der weltbeste Anbeter von Schönheit. Aber anders als Hawke ist er zu klein geraten, hat eine lange, geölte Haarsträhne über seine Glatze gelegt und trägt einen schlecht sitzenden Anzug, vielleicht, damit Hawke darin etwas kleiner wirkt. Es ist egal, ob Lorenz Hart tatsächlich so wenig physisch ansprechend war. Er hat sich jedenfalls so gefühlt." Weitere Kritiken in Standard, Welt und Zeit.

Weitere Artikel: Frankreich diskutiert Xavier Giannolis Kollaborations-Drama "Les Rayons et les Ombres", berichtet Martina Meister in der Welt - auch, weil diese "große Kino-Freske" das ausschweifende Leben in der deutschen Botschaft während der Besatzung von Paris zeigt, während das Leid der franzöischen Bevölkerung ausgespart bleibt. Robert Matthies schreibt in der taz einen Nachruf auf den Hamburger Underground-Filmemacher Peter Sempel.

Besprochen werden Ratchapoom Boonbunchachokes thailändischer Debütfilm "A Useful Ghost" (taz, critic.de), Kamal Aljafadis Dokumentarfilm "With Hasan in Gaza" (FR), Ric Roman Waughs Actionfilm "Shelter" mit Jason Statham (taz), die DVD-Ausgabe von Dan Trachtenbergs SF-Horror-Actionsause "Predator: Badlands" (taz), Sven Unterwaldts "Horst Schlämmer sucht das Glück" mit Hape Kerkeling (FAZ) sowie die Netflix-Adaption von Jo Nesbøs Kriminalroman "Das fünfte Zeichen" unter dem Titel "Harry Hole" (FAZ). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2026 - Film

Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Underground-Filmemachers Peter Sempel. Patrick Heidmann spricht in der taz mit Harry Lighton über dessen Langfilmdebüt "Pillion", das von einer schwulen SM-Beziehung erzählt. Silvia Hallensleben resümiert in der taz die Diagonale in Wien. Andrea Burtz spricht für den Filmdienst mit Hape Kerkeling über dessen (in FD und SZ besprochenes) Kino-Comeback als Horst Schlämmer. Im Filmdienst verneigt sich Alexander Brüggemann vor William Shatner, der am 22. März 95 Jahre alt geworden ist. Besprochen werden Lee Sang-ils Kabuki-Drama "Kokuho" (FAZ), Louis Therouxs Netflix-Dokumentation "Inside the Manosphere" (NZZ), die ZDF-Dokuserie "Die Diplomaten - Inside Auswärtiges Amt" (FAZ, ZeitOnline) und Ric Roman Waughs Actionfilm "Shelter" mit Jason Statham (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2026 - Film

Marie-Luise Goldmann resümiert in der Welt die Wiener Diagonale, wo österreichische Filme laufen. Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah bei dem Festival unter anderem Gregor Centners Dokumentarfilm über den rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek, der darin immer mal wieder "seinen simplen Geist entlarvt". Die FR spricht mit Laura Dern, die aktuell in der Beziehungskomödie "Is this Thing On?" zu sehen ist. Besprochen wird Paolo Sorrentinos "La Grazia" (Standard, mehr dazu hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2026 - Film

Songwriter und Zeichner Daniel Blumberg hat nicht nur letztes Jahr einen Oscar für die Filmmusik zu "The Brutalist" gewonnen, er hat auch die Songs zu dem Shakerfilm "The Testament of Ann Lee" geschrieben. Im Interview mit der FR erzählt er, wie er dabei vorging: "Die Shaker tanzten und sangen nicht in Kirchen, sondern in von ihnen gebauten Holzhäusern. Sie waren Tischler und entwarfen auch Möbel. Und Mona Fastvold hat mich sehr ermutigt, einfach so weiterzuarbeiten, wie ich sonst an meinen eigenen Songs arbeite. Sie kennt ja meine Musik. Und ich begann, mit der Choreografin zusammenzuarbeiten und zu sehen, wie sie die Bewegungen der Shaker, die man auf den überlieferten Zeichnungen sieht, mit einem zeitgenössischeren Gefühl verband. Also gingen wir gemeinsam in diese Richtung, in der wir keinen Dokumentarfilm drehten. Wir haben wirklich eine Übersetzung geschaffen. Für mich ist der Film fast wie ein Gedicht."

Weiteres: Patrick Cernoch annonciert in der NZZ die zehnte Staffel der amerikanischen Krankenhausserie "Scrubs". Besprochen werden Bradley Coopers Liebeskomödie "Is This Thing On?" (taz) und Harry Lighton SM-Komödie "Pillion" mit Alexander Skarsgård als sexy Biker (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2026 - Film

"Calle Málaga". Bild: Pandorafilm.de


Maryam Touzanis "Calle Málaga" kommt ins Kino - die Regisseurin hat zuvor mit "Das Blau des Kaftans" den erfolgreichsten marokkanischen Film aller Zeiten gedreht, weiß Mariam Schaghaghi in der FAS, die Touzani interviewt. Eines ist der Filmemacherin ein besonderes Anliegen: "Ganz vorne stand für mich die gesellschaftliche Sicht auf das Alter, oder, besser gesagt, wie wir heute das Altern verbergen und dabei die Sinnlichkeit des Alters negieren. In der Figur der María Ángeles manifestiert sich eine andere Perspektive: Altern ist hier ein Privileg. Die Falten, die sich in unsere Haut graben, sind Symbole des Lebens, das wir führen durften. Für mich bedeutet, gut zu altern, vor allem, frei altern zu können. Und auch nach außen die Person zu bleiben, die man im Inneren ist; die Veränderungen an deinem Körper als Zeichen der Zeit zu akzeptieren. Leider wird das lieber verborgen, versteckt, ausradiert - vor allem im Kino, als ob es alternde Frauenkörper gar nicht gäbe."

Weiteres: Der Schauspieler Chuck Norris ist am Donnerstag gestorben, melden FAZ und Zeit. Thomas Wochnik würdigt ihn im Tagesspiegel mit einem Nachruf, Andrian Kreye in der SZ. Valerie Dirk vom Standard sieht auf der Diagonale Graz eine so politische wie witzige Eröffnungsfeier. Maria Wiesner denkt auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ über "Gaslight" mit Ingrid Bergman und Charley Boyer nach, ein Film, der dem heute so bekannten Phänomen seinen Namen gegeben hat. Frédéric Schwilden interviewt Hape Kerkeling anlässlich seines neuen Films "Horst Schlämmer sucht das Glück" für die Wams. Jörg Marsilius denkt für Filmdienst anlässlich einer neuen Studie zu den Finanzlogiken der Filmstudios nach. Für die NZZ interviewt Karin Hofer Ruth Hirschfeld, "die erste professionelle Casterin der Schweiz".
 
Besprochen werden "Is This Thing On?" von Bradley Cooper (SZ), Paolo Sorrentinos "La Grazia" (SZ), Birgit Heins "Baby, I Will Make You Sweat", der auf der Diagonale Graz läuft (Critic), die Doku "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden", abrufbar in der ZDF-Mediathek (FAS), die ARD-Doku "Tödlicher Himalaya" über Extrembergsteiger (FAZ), der am Sonntag laufende Tatort "Fackel", dritter Fall der neuen Frankfurter Ermittler (NZZFAZ, FR), die Dokus "Louis Theroux: Inside the Manosphere" (taz) und "Barbara - Becoming Shirin David", beide auf Netflix (taz) und Richard Linklaters "Blue Moon" über den amerikanischen Songtexter Lorenz Hart (Wams).
Stichwörter: Touzani, Maryam

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2026 - Film

Besprochen werden Phil Lords und Chris Millers Film "Hail Mary" mit Sandra Hüller und Ryan Gosling (NZZ) und Paolo Sorrentinos "La Grazia" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2026 - Film

Mäandert akribisch: "sr" von Lea Hartlaub

"Man könnte in aller Knappheit sagen, dass Lea Hartlaubs eigenwillig faszinierender 'sr' ein Film über Giraffen ist, das wäre aber falsch, zu kurz gegriffen oder zumindest irreführend", schreibt Sebastian Markt im Perlentaucher. "Der Film erzählt vielmehr episodisch Geschichten, in denen Giraffen ein wiederkehrendes Motiv bilden. ... Es geht um koloniales Sammlungswesen und Jagdtraditionen, um neuzeitliche Gelehrte und zeitgenössische Jagdpraktiken, um mythologische und ausgestopfte Tiere. ... Es ist eine Wunderkammer des Giraffenwissens, die der Film in einen dramaturgischen Ablauf bringt. Er folgt dabei keiner linearen Chronologie, geographischen Systematik oder eindeutigen Logik der Recherche, vollzieht vielmehr eine Bewegung des akribischen Mäanderns, immer wieder eng verzahnt mit der Gewaltgeschichte der europäischen Moderne." In der taz spricht Michael Meyns von "einem filmischen Organigramm".

Betont intimer Rahmen: Bradley Cooper in Bradley Coopers "Is This Thing On?"

Ein Ü50-Jähriger will es in Bradley Coopers neuer Komödie "Is This Thing On?" nochmal wissen und wendet sich der Stand-Up-Comedy zu. "In allen Regiearbeiten Bradley Coopers artikuliert sich eine naive, geradezu heilige Ehrfurcht vor der Erhabenheit öffentlicher Performances", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Seine ersten beiden Filme besaßen eine Anfälligkeit für aufrichtigen Glamour, den er durch sein eigenes Schauspiel bisweilen in aufdringliche Grandiosität kippeln ließ. ... Auf solche überspannt dramatischen Gesten verzichtet 'Is This Thing On?' vollends. Seinen eher kleinen, betont intimen Rahmen durchschreitet der Film in einem zwanglosen, freien Rhythmus, der an die wundersam sentimentalen Komödiendramen eines James L. Brooks erinnert (mit denen er auch eine Vorliebe für liebevoll ausgestaltete Nebenrollen teilt)."

Weitere Artikel: Christof Siemes spricht in der Zeit mit Hape Kerkeling über das Comeback dessen Horst-Schlämmer-Figur. In der NZZ gratuliert Martin Berz der Schauspielerin Ursula Andress zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Paolo Sorrentinos "La Grazia" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Phil Lords und Chris Millers Science-Fiction-Film "Der Astronaut" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller (taz, SZ, mehr dazu bereits hier), Flo Opitz' ab morgen beim ZDF online stehende Dokuserie über Mesut Özil (taz), Nadja Köllings und Vanessa Nöckers Kinodoku "Ein Sommer in Italien" über die Fußball-WM 1990, bei der Deutschland Weltmeister wurde (Tsp, FAZ), Markus Schleinzers Diagonale-Eröffnungsfilm "Rose" mit Sandra Hüller (Standard), der Netflix-Film "Peaky Blinders - The Immortal Man" mit Cilian Murphy (SZ) und der auf Pro7 gezeigte Doku-Zweiteiler "On and Off the Catwalk" über Heidi Klum (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2026 - Film

Hier wirkt alles wunderschön: "La Grazia" von Paolo Sorrentino


Mit "La Grazia" schließt Paolo Sorrentino seine Trilogie über Machtpolitiker ab. In diesen Filmen "schiebt sich die Macht ... zwischen die Figuren und ihre Welt", schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. "Machtvoll sein steht hier immer in Bezug zum Lieben- und Nichtliebenkönnen der entweder traurigen oder abstoßenden Helden Sorrentinos." Von den ersten beiden Filmen unterscheidet sich dieser aber "durch seine Titelheldin, die Gnade. Sie steht im Kern der Geschichte und ihr Begriff wird in den zwei Stunden, die dieser Film dauert, durchdekliniert in der Mehrdeutigkeit, die er in der italienischen Sprache hat: als Verzeihen (sich selbst und anderen), als Begnadigung im juristischen Sinn, in seiner religiösen Bedeutung, als göttliche Gnade, als Anmut, Eleganz und eben Schönheit und als Dankbarkeit." Doch "durch das selbstverliebte Kameraauge dieser Filme betrachtet, wirkt alles wunderschön. Und die universelle und damit auch wahllos anmutende Ästhetisierung von allem ist in ihrem Glorifizierungspotenzial schon auch problematisch."

Anrührend plausibel: "Der Astronaut" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller


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Mit Phil Lords und Christopher Millers gleichnamiger Verfilmung von Andy Weirs Science-Fiction-Roman "Der Astronaut" kommt Sandra Hüllers Hollywood-Debüt in die Kinos. Der eigentliche Hauptdarsteller ist aber Ryan Gosling als einziger Überlebender einer Raummission, deren Gelingen für den Fortbestand der Menschen auf der Erde entscheidend ist. Der Film handelt von Solidarität, schreibt Dietmar Dath (FAZ) über diesen "klugen, in der Mitte ein bisschen länglichen, insgesamt aber sehr schönen und stellenweise superlustigen" Film. "Sprache und Schrift sind ... oftmals graziös durch allerlei Musik hindurchgeflochten, vom schmiegsamen Soundtrack über melancholisch singende Figuren bis zu den berühmten fünf Tönen aus Steven Spielbergs 'Close Encounters of the Third Kind' (1977), die an einer Stelle erklingen, die das fragile Kunststück fertigbringt, medienhistorische Cleverness mit tiefhumaner Komik zu vermählen. Den kalten kosmischen Schauplatz belebt das Drehbuch von Drew Goddard fortwährend mit emotionaler Wärme, manchmal auch mit ein bisschen zu viel Süße, aber in den ernsten Passagen ausnahmslos anrührend plausibel." Bert Rebhandl stößt sich derweil im Standard daran, dass diese Verfilmung "sich nicht so richtig entscheiden kann, ob sie es eher mit Stanley Kubrick ('2001 - Odysee im Weltraum') oder mit Steven Spielberg ('E.T. - Der Außerirdische') halten soll".

Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Busche Sandra Hüller: "Das ist das Schöne an den Rollen, die Sandra Hüller spielt: Man hat immer den Eindruck, dass ihre Figuren ein Geheimnis verbergen, von dem sie selbst nicht mal ahnen, dass es überhaupt eins gibt. Sie schafft es, dass diese unartikulierte Leerstelle wie eine Irritation stets im Hintergrund mitschwingt, durch eine kleine Veränderung in der Körpersprache oder eine leichte Verschiebung bei der Betonung eines Satzes."

Außerdem: Carolin Gasteiger spricht für die SZ mit Cilian Murphy, der im abschließenden Spielfilm zum Netflix-Serienhit "Peaky Blinders" wieder als Tommy Shelby zu sehen ist. Besprochen wird Nancy Biniadakis "Maysoon" (critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2026 - Film

Die Oscars beschäftigen die Feuilletons weiterhin (hier unser erstes Resümee). Angesichts dessen, wie wild entschlossen politisch die beiden zentralen Filme "One Battle After Another" und "Blood Sinners" sind, findet es Jan Küveler in der Welt "umso bemerkenswerter, wie politisch zahm die Oscar-Nacht selbst blieb. ... Hollywood wirkt vorsichtiger als früher, fast verzagt, und auf keinen Fall bereit, moralische Gewissheiten laut zu verkünden, es sei denn, künstlerisch vermittelt in seinen Filmen. Ob aus politischer Müdigkeit, wirtschaftlicher Vorsicht oder schlicht aus Angst vor einem Publikum, das moralische Lektionen von Prominenten zunehmend skeptisch betrachtet - schwer zu sagen."

"Die Wirklichkeit 2026: Trump, Inflation, Krieg, Naturverwüstung, Unrecht", schreibt Dietmar Dath in der FAZ (die 30.000 Toten im Iran hat er vergessen). "Die Oscar-Zeremonie 2026: Witzbolde, Schauspiel- und Regietalente, die ein paar Stunden lang so tun dürfen, als könnten sie auf heiter-feierliche Distanz zu besagter Wirklichkeit gehen, mit kleinen Spitzen gegen sie." Auch Bert Rebhandl stellt im Standard fest, "dass die Zeremonie sich in politischer Hinsicht vor allem ratlos zeigte. ... Die amerikanische Filmindustrie, die so gern für die ganze Welt sprechen würde, findet im zweiten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit keinen gemeinschaftlichen Ton mehr." Oder wie Peter Kümmel auf Zeit Online schreibt: "Offenbar haben sie alle Angst vor ihm" - und man weiß sofort, wer gemeint ist.

Eine große Ausnahme bildete allerdings David Borenstein, der in der Doku-Sparte für "Mr Nobody Against Putin" ausgezeichnet wurde, berichtet Kathleen Hildebrand in der SZ. "Man verliert sein Land durch viele kleine Akte der Beihilfe", sagte er in seiner Dankesrede, also wenn "Bürger schweigen, sich angepasst verhalten, obwohl bereits Schreckliches passiert. Sein Film "erzählt von einem russischen Grundschullehrer" namens Pawel Talankin, "der gegen die Indoktrinierung von Kindern in Putins Schulsystem kämpft. Aber man muss gar nicht so weit ins Land des Erzfeindes schauen, um diesen Mechanismus zu beobachten. Sind die USA längst selbst so ein Land geworden? Borenstein weiter: 'Wenn wir uns wie Komplizen verhalten, wenn eine Regierung Menschen auf der Straße ermordet. Wenn wir nichts sagen, während Oligarchen die Medien übernehmen und bestimmen, wie wir sie bespielen und konsumieren. Wir alle müssen eine moralische Entscheidung treffen.'"

"Ein Film über Wladimir Putin hat einen Oscar bekommen", titelte im Anschluss eine kremltreue Internetplattform im Delirium. Daran "lässt sich der Mechanismus ablesen, den Pawel Talankin mit seinem 'Mr. Nobody against Putin'so präzise wie erschreckend auf die Leinwände der Welt bringt, wenn auch nicht auf die Leinwände in Russland selbst", schreibt Inna Hartwich in der NZZ: "Das Regime im Land fasst die Realität neu, in allen Bereichen. Es verdreht sie und verkauft seine Version als die einzig richtige."

Marian Wilhelm verweist im Standard auf den Umstand, dass mit Autumn Durald Arkapaw erstmals eine Frau für die "beste Kamera" (und zwar für ihre Arbeit an "Blood & Sinners") ausgezeichnet worden ist. Und im Tagesspiegel notiert Andreas Busche, dass die Oscars immerhin wieder zu einer gewissen Publikumsnähe zurückfinden, während sie die letzten Jahre sich doch vor allem sehr auf Filme fokussierten, von denen zumindest in den USA wahrscheinlich kaum jemand gehört hat. Weitere Resümees in FR, taz und Filmdienst.

Weiteres: Bert Rebhandl stellt im Standard Patric Chihas bei der Diagonale gezeigten Dokumentarfilm "Un hiver russe" vor, in dem es um unangepasste junge Russen geht, die vor Putin geflohen sind. Besprochen werden Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" (Standard, unser Resümee) und Richard Linklaters "Nouvelle Vague" (Standard, unsere Kritik).