Magazinrundschau - Archiv

ADN cultura

17 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 2

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - ADN cultura

EM, was für eine EM? Juan Villoro (s. a. hier) erzählt, wie er das erste Mal dabei sein durfte, "wenn in der Welt des Fußballs Weihnachten ist: beim 'Superclasico' Boca - River in der 'Bombonera', dem Sonderfall, den Canetti in 'Masse und Macht' ausgelassen hat: einzig in seiner Art, wie der Mount Everest oder die Mona Lisa, einer dieser Orte, an denen sich die Japaner ablichten. Und das einzige Stadion, wo man sich nicht vom Spielfeld entfernt, während man die - schwindelerregend steilen - Ränge hinaufsteigt: Es empfiehlt sich, vorher einen Trainingskurs gegen Höhenangst zu absolvieren. Die Bezeichnung '12. Mann' für das Publikum wurde in Argentinien erfunden, und einer der Boca-Fan-Clubs heißt dementsprechend 'Die 12'. Aber seine Mitglieder kommen nicht, um das Spiel zu sehen, sondern um es schreiend selbst auszutragen. Die Argentinier sind heute allerdings die großen Nomaden des Fußballs: 'Wenn sie gut wären, würden sie nicht hier spielen. Veron ist wieder da, weil er alt ist, und Riquelme, weil er seltsam ist', meint ein Taxifahrer. Nur die Fans harren aus in der Bombonera."

Magazinrundschau vom 29.01.2008 - ADN cultura

Wie ein Kanon entsteht, hat sich der Schriftsteller und Journalist Tomas Eloy Martinez von dem Chilenen Luis Harss erklären lassen, der vor vierzig Jahren als junger Journalist durch einen Band mit zehn Schriftstellerporträts fast im Alleingang den weltweiten "Boom" der lateinamerikanischen Literatur ausgelöst hatte: "Es gab eine 'Mafia', wie Carlos Fuentes, Julio Cortazar und Mario Vargas Llosa selbst ihren Freundeskreis bezeichneten, eine Art Autoren-Netz, das über Mexiko City, Paris, Buenos Aires verteilt lebte. Sie lasen und bewunderten sich gegenseitig. Sie lebten weniger in einem bestimmten Land als innerhalb der spanischen Sprache ... Der Erste, den ich kennen lernte, war Julio Cortazar. Er sagte zu mir: 'Hier um die Ecke wohnt ein Typ, der heißt Mario Vargas Llosa. Er hat erst ein Buch veröffentlicht, kaum jemand kennt ihn, aber er ist ein großartiger Schriftsteller. Den empfehle ich dir.' Ich suchte ihn in seinem dunklen Kämmerchen auf und wir setzten uns zusammen vor mein Aufnahmegerät. Mit den anderen ging es genauso, ich rief sie an oder klingelte bei ihnen an der Tür und sagte: 'Man hat mir erzählt, dass du ein sehr gutes Buch veröffentlicht hast.' Manchmal mussten sie mir ihre Bücher erst einmal zum Lesen geben. So kam ich von einem zum anderen."

Derweil macht sich der Architekt und Stadtplaner Fabio Grementieri große Sorgen um den Erhalt der historischen Bausubstanz der wunderschönen Stadt Buenos Aires, "in der sich auf höchst subtile Weise der Aufstieg und die nur mit wenigem vergleichbare Raffinesse einer ganzen Gesellschaft widerspiegeln."

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - ADN cultura

"Zu wem soll man heute halten? Für wen soll man noch sein?" Auch Javier Marias leidet an der neuen Unübersichtlichkeit: "Eine der hartnäckigsten Qualen unserer Zeit besteht darin, zwei Parteien zusehen zu müssen, die sich streiten oder miteinander kämpfen, ohne sich für die eine oder andere entscheiden zu können (sich auf die Seite des Schwächeren zu stellen funktioniert nicht immer, nur zu oft arbeitet der mit so faulen Tricks, dass einem übel wird). Schon seit langem benehmen sich israelische Politiker wie wilde Tiere, deshalb empfindet man aber nicht die geringste Sympathie für ihre palästinensischen Gegenspieler; die Heerscharen von Al Qaida sind eine wahre Pest, und die USA, so wie sich gegenwärtig präsentieren, die reinste Plage; das Castro-Regime ist kriminell und grotesk, aber allzu viele Castro-Gegner flößen einem kaum weniger Furcht ein. Und es hilft nicht einmal der tröstliche Gedanke: 'Na gut, irgendwann richten die sich gegenseitig zugrunde und die Welt ist auf einen Schlag zwei Ungeheuer los.' Denn die heutigen Ungeheuer richten sich nicht zugrunde, hartnäckig machen sie immer weiter und weiter und zu einem Ende kommen sie nie."

"Europa wird immer mehr zu einem riesigen abgeschotteten Privatbezirk." Die seit 1995 in Berlin ansässige argentinische Choreografin Constanza Macras (s. a. hier) spricht im Interview über ihr neues Stück Brickland, das von eben solchen privatisierten Räumen handelt.
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Magazinrundschau vom 29.12.2007 - ADN cultura

Blogs, oder "die Kunst, das Leben zu erzählen": Susana Reinoso stellt in ihrer Kolumne mehrere argentinische Blogschriftsteller bzw. -journalisten vor, deren Internetproduktionen ein zweites Leben in Buchform begonnen haben. In publizistischer Hinsicht besonders effektiv zu sein scheint Hernan Zin, der nach erfolgreichen Blogs bzw. Büchern über Kindesmissbrauch und Sextourismus in Kambodscha und über die katastrophalen Lebensbedingungen der Bewohner des Gaza-Streifens nun ein Projekt über neue Mauern weltweit in Angriff genommen hat. "Das Besondere an diesem Buch ist, dass es ganz offen die Beiträge der Blog-Leser integriert. Die Art, wie auf diese Weise Daten über die Schandmauern des 21. Jahrhunderts - zwischen Mexiko und den USA, Indien und Pakistan, Saudiarabien und dem Jemen - zusammengetragen werden, hat etwas völlig Neuartiges. Kommunikation heute ist eine beeindruckende Bewegung aus zwei Richtungen, die genau in dem Moment aufeinandertreffen, in dem es zwingend notwendig wird, das Leben zu erzählen."

Währenddessen beschreibt der Schriftsteller Javier Marias, durchaus selbstkritisch, wie unangenehm es sein kann, wenn sich auf einmal "alle Welt" für die gleichen Autoren begeistert wie man selbst: "Am schlimmsten ist es, wenn Leute, die wir für Vollidioten halten, auf einmal ausgerechnet einen unserer Lieblingsschriftsteller entdecken und anfangen, ihn ständig zu zitieren und vor sich herzutragen: Es ist, als würde man enteignet. Anderen geht es umgekehrt zweifellos genauso."

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - ADN cultura

"Nicht in meinem Namen" - der Schriftsteller Javier Marias ärgert sich über die von ihm beobachtete Unsitte vieler spanischsprachiger Kollegen, Preise neuerdings immer "im Namen der spanischen Literatur" entgegenzunehmen: "Und dabei kommen sie sich auch noch großzügig und bescheiden vor, und als gute Patrioten sowieso, während sie in Wirklichkeit einen Besorgnis erregenden Größenwahn und geradezu krankhafte Anmaßung an den Tag legen. Mit schuld daran ist natürlich die Presse, die jeden individuellen künstlerischen oder auch sportlichen Erfolg als kollektive Großtat und Grund für vaterländischen Stolz präsentiert."

Weitere Artikel: Nazila Fathi stellt Mohsen Namjoo vor, den "Bob Dylan des Iran", dessen CDs im Iran bislang nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind, obwohl sie zugleich von lokalen Radiosendern gespielt werden. (s. und höre u.a. hier, mehr hier) Offensichtlich wenig beeindruckt von den Einwänden orthodoxer Musikkritiker hat Namjoo längst weiter gehende Pläne: "Ich will mit der Musik des Westens in Kontakt treten und mich von ihr herausfordern lassen; hierzulande ging alles viel zu einfach für mich." Interessant nicht nur für Buenos Aires-Reisende: Carmen Maria Ramos stellt ein großes Festival für Musik der Jesuitenmissionen aus dem 17. und 18. Jahrhundert vor, das am 9. Oktober eröffnet wird.

Magazinrundschau vom 25.09.2007 - ADN cultura

Krise und Reflexion: Einen kleinen Boom erlebt seit kurzem 'la cronica', die literarische Reportage in Argentinien (s. a. hier und hier). Einer ihrer Protagonisten, der Schriftsteller Martin Caparros, analysiert das Phänomen: "Eine erste Definition: Reportage ist das, was unsere Tageszeitungen immer seltener anbieten. Wer nicht reich oder berühmt oder reich und berühmt ist, hat bestenfalls als Opfer einer Katastrophe die Möglichkeit, in der Zeitung zu erscheinen. Einer guten Reportage gelingt es dagegen, Leser für Fragen zu interessieren, die ihn eigentlich überhaupt nicht interessieren. Die Zeitungsprosa tut so als gäbe es keinen Erzähler, als informierte sie neutral über die 'Wahrheit'. Dagegen besteht die literarische Reportage auf einem Ich, das Verantwortung übernimmt: Ich habe es gesehen, ich habe es erlebt, ich habe mir Gedanken dazu gemacht."

Außerdem: Alicia de Arteaga stellt BerlinBuenosAiresArtXchange07 vor, die Fortsetzung einer großen deutsch-argentinischen Kunstschau, deren erster Teil 2004 unter dem Titel notango in Berlin stattfand.

Magazinrundschau vom 11.09.2007 - ADN cultura

Die argentinische Tageszeitung La Nacion bietet ihren Lesern seit kurzem ein neues Kulturmagazin: ADN (was der deutschen Abkürzung DNS entspricht).

In der aktuellen Ausgabe beklagt sich Javier Marias darüber - wie es einst Joseph Conrads Witwe durch keinen geringeren als Arthur Conan Doyle habe erleiden müssen -, von einer Hellseherin verfolgt zu werden, die behaupte, sein vor Jahren verstorbener Kollege Juan Benet wolle mit ihm Kontakt treten - zum Abschied vollführe Benet jeweils einen lustigen Knicks: "Ich glaube nicht an Geistererscheinungen und Botschaften aus dem Jenseits. Aber wenn, dann sollen sie gefälligst sprechen wie zu Lebzeiten und nicht irgendwelchen Unfug von sich geben, der ihnen vor dem Tod niemals über die Lippen gekommen wäre."

Im Interview spricht der ehemalige französische Erziehungsminister und erfolgreiche Buchautor Luc Ferry über Sinn und Zweck heutigen Philosophierens: "Ich glaube, die Zeit der philosophischen Avantgarde ist vorbei. Die Philosophie der Gegenwart sollte mit viel positiveren Begriffen arbeiten: Wie lebt man eine moderne, laizistische Spiritualität? Das ist die große Frage. Die Menschen sind heute nicht mehr gläubig, selbst die Gläubigen nicht allzusehr."

Und Susana Reinoso berichtet aus Berlin: "Eine der wichtigsten Aufgaben der Erinnerung ist es, für das, was aus dem Erinnern folgt, einzustehen. Deutschland bietet in diesen Tagen ein Beispiel politischer Reife, und zwar von einer durch nichts zu übertreffenden Bühne aus: dem Internationalen Literaturfestival Berlin."