Magazinrundschau - Archiv

Esquire

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Esquire

Lili Anolik erinnert sich an eine dekadente Zeit am Bennington College in Vermont Mitte der 1980er, als einige Frischlinge dort wilde Kokspartys feierten - und ihre Schriftstellerkarrieren begannen: "Was das Café du Dôme für die Lost Generation war, war der Speisesaal des Bennington College für die Generation X, das heißt, die Lost Generation Revisited. Das Gelage hatte sich sechs Jahrzehnte und über den Atlantik hinweg weiterentwickelt, und obwohl der Südwesten von Vermont natürlich nicht Paris war, war es in den frühen bis mittleren achtziger Jahren genauso schlau, durchgeknallt, niedergeschlagen und dunkel perdu. Apropos Schlauheit, Faulheit, Niedergeschlagenheit, Dunkelheit - schauen wir uns einmal die Gäste an. Die Baskenmützen gegen Sonnenbrillen eingetauscht, saßen um den Tisch, bereit, im Gespräch zu schwelgen, wenn schon nicht im Essen (Kokain, der Absinth unserer Zeit, war ein berüchtigter Appetitdämpfer): der Neo F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Djuna Barnes: Bret Easton Ellis, künftiger Autor von 'American Psycho' und Gründungsmitglied des literarischen Brat Pack; Jonathan Lethem, künftiger Verfasser von 'The Fortress of Solitude' und Donna Tartt, künftige Autorin von 'The Secret History' und Gewinnerin des Pulitzer-Preises für 'The Goldfinch'. Alle drei waren in der Klasse von 1986. Alle drei waren weit weg von zu Hause - Los Angeles, Brooklyn bzw. Grenada, Mississippi. Alle drei waren zu verschiedenen Zeiten betört und enttäuscht voneinander, ihre Freundschaften waren durch Rivalität befeuert. Und alle drei würden Bennington in ihren Büchern mythologisieren, die nicht nur Fiktion sind und dadurch selbst mythisch wurden - die barocke Verruchtheit, den bösartigen Glamour, eine Verderbtheit, die so abgrundtief ist, dass sie genau das darstellt, was mit dem Wort Dekadenz gemeint ist."

Nach dieser Einleitung tauschen sich eine Reihe ehemaliger Studenten, darunter Ellis und Lethem, über ihre Zeit in Bennington aus. So in dieser Art: "Lethem: Brets Mitbewohner Miles war der Sohn des berühmten Galeristen Richard Bellamy und in der Gegenkultur der New Yorker Kunstwelt aufgewachsen. Ich identifizierte mich mit Miles, aber ich fühlte mich mehr zu Bret hingezogen. Sie kamen nicht miteinander aus. Der Raum wurde durch eine Reihe zerbrochener Flaschen in zwei Hälften geteilt. Es war wie eine Berliner Mauer aus Glasscherben."

Magazinrundschau vom 31.10.2017 - Esquire

Im aktuellen Esquire regt sich der britische Schriftsteller Martin Amis, der gern über Kapitalismus-Exzesse ätzt, über den "Rüpel mit dem Mikrofon" auf. Gemeint ist Donald Trump, den Amis live in Youngstown, Ohio, miterlebt: "Die Trump-Transfusion, die Art und Weise, wie der ungeheuer kaltschnäuzige Plutokrat das gestrandete Proletariat herzt, war hier gut zu sehen. Eine quälend verzweifelte Attraktion. Einige sensible Seelen, Nabokov gehörte dazu, zeigen sich abgestoßen vom Zirkus, Zoo oder anderen Spektakeln, wo Tiere von Menschen trainiert werden. Was sie so abstößt, ist die Beleidigung der tierischen Würde. Das Publikum in Youngstown bestand aus Menschen, aber diese Menschen hatten ihre Individualität an die Menge abgegeben. Es ist also schwer zu sagen, zu welchem Tier sie sich selbst reduziert hatten. Eine tausenfüßige Hydra von der Größe eines Riesen vielleicht. Und in die Richtung seines Dompteurs performte das kolossale Biest seine Party-Tricks, Gesänge, Buh-Rufe, Zischen, Jubel, Geschrei - alles für ein Stück Zucker. Die Buhs gehen gegen die Demokraten, Waffengesetze, Obamacare, Einwanderung und alles, was mit Poltical Correctness zu tun hat. Der Jubel gilt dem Gesetzesvollzug, der Armee, dem Second Amendment, Jobs, Amerika first, Grenzsicherung, Familie, Treue und Gottesglaube  … Niemand behauptet, immer politisch korrekt zu zu sein, aber jeden Tag werden wir daran erinnert, was wir dieser einfachen und nicht länger besonders launischen oder repressiven Ideologie schulden. Ihre zivilisatorischen Effekte haben das evolutionäre Fortkommen gestärkt, zum Wohl der Frauen, der Minderheiten und der Gesellschaft als Ganzes. Mit anderen Worten, der status quo war sicher nicht das Gemetzel, das uns der Rüpel am Mikrofon weißmachen will."

Magazinrundschau vom 14.01.2014 - Esquire

Mike Brown trifft den Underground-Filmemacher Kenneth Anger, der mit ihm Rückblick auf ein bewegtes Leben zwischen Crowley'schem Satanismus, Hollywood-Exzessen hinter den Kulissen und chronisch unterfinanzierten Experimentalfilmen, die Luzifer beschwören sollen, hält. Auch um die Entstehung von Angers legendärer Hollywood-Skandalbibel "Hollywood Babylon" geht es dabei: "Bereits in jungen Jahren entwickelte Anger ein reges Interesse an Hollywoods makabren Seiten. Die Schauspielerin Thelma Todd lebte nur wenige Blocks von Angers Familie entfernt und als man sie 1935 in ihrer Garage tot aufgefunden wurde - offensichtlich ein Erstickungstod (das Blut auf ihrem Gesicht konnte freilich niemand erklären... -, machte er sich auf, um dabei zuzusehen, wie die Leiche abtransportiert wurde. 'So etwas habe ich die ganze Zeit getan. Nun, andere Jungs sammelten Briefmarken... Aber Fakt ist, ich war in Hollywood und rund um mich herum geschahen all diese Dinge. Ich hielt sie für bizarr und interessant.' Er begann damit, eine einzigartige Sammlung von Zeitungsberichten und Fotos zusammenzustellen - Gefasel aus den Klatschkolumnen, Polizeidurchschläge, Pressefotos, Obduktionsaufnahmen, etc. Als er 1959 in Paris einen Film finanzieren musste, ging Anger seine Sammlung durch und formte dabei jenen haarsträubenden Katalog aus Drogenmissbrauch, Sittenverfall und frühzeitigen Todesfällen, der 'Hollywood Babylon' werden sollte." Auf Youtube finden wir seinen "Lucifer Rising":

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Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Esquire

Für die russische Ausgabe des Esquires hat der Schriftsteller Boris Akunin den in Sibirien inhaftierten Öl-Magnaten und Dissidenten Michail Chodorkowski interviewt, wofür dieser prompt in Einzelhaft gesteckt wurde. Akunin beschreibt die Verurteilung Chodorkowskis als den Fall, "bei dem wir die Unabhängigkeit unserer Justiz verloren haben". Chodorkowski selbst sagt dazu: "Die heutige Nomenklatura bildet sich nach dem Gesichtspunkt, ob kompromittierendes Material gegen jemanden vorliegt, also die Möglichkeit, ihn zu vernichten, wenn er aus der Reihe tanzt. Kann das gut sein? Es ist widerwärtig. Befördert werden diejenigen mit der schmutzigsten Weste, und ihre verdrehten moralischen Prinzipien übertragen sich nach unten und in die Gesellschaft. Was kann man über solche Menschen sagen? Bemitleidenswerte Geschöpfe, die in ihrem Alter Todesangst ausstehen werden. Was sich mir in dem Prozess aber am meisten einprägte, war etwas anderes. Die Staatsanwaltschaft hatte mehr als 1500 Menschen befragt, vielen mit Anzeigen gedroht (und einige tatsächlich angezeigt). Für den Prozess haben sie 80 ausgewählt, und von diesen Menschen, die wirklich um ihr Schicksal Angst haben mussten, hat niemand Schuld auf sich geladen. Kein einziger hat gegen mich oder Platon ausgesagt."