Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

397 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 40

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Guardian

Yohann Koshy blickt auf die Unruhen zurück, die Leicester im September 2022 erschütterten, als sich Hindus und (zumeist indischstämmige) Muslime zwei Tage lang Straßenschlachten lieferten. Er zeichnet die Rolle von Hindunationalisten und muslimischen Influencern in dem Konflikt nach und geht auch auf die Vorgeschichte ein. Leicester galt lange als eine Musterstadt des Multikulturalismus, in der das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft vergleichsweise friedlich gelang. Dennoch wurden möglicherweise schon vor Jahrzehnten entscheidende Fehler begangen: "Nach den Ausschreitungen im Jahr 1981 - innerstädtische Revolten gegen Arbeitslosigkeit und Polizeigewalt - stellten die Zentralregierung und lokale Behörden Gelder für Gruppierungen von ethnischen Minderheiten zur Verfügung; bezahlt wurden davon Gehälter, Community-Outreach-Personal und religiöse Feierlichkeiten. Manche glauben, dass dies eine zwar nicht perfekte, aber wertvolle Reaktion auf den damaligen Rassismus war. Andere argumentieren, dass dadurch die antirassistische Bewegung geschwächt wurde. Die innerstädtischen Gelder in Leicester, schreibt etwa der Politikwissenschaftler Gurharpal Singh, 'wurden zur Grundlage von Patron-Klienten-Beziehungen zwischen den lokalen Autoritäten und den ethnischen Gruppen der Gegend'. Dieses Arrangement löste die Einheit auf, die zwischen den einzelnen Minderheiten bestanden hatte, sagt Priya Thamotheram, der ein Community Center in Leicester betreibt: 'Jetzt geht es nicht mehr darum, was wir gemeinsam haben, was uns vereint, sondern eher darum, was an uns besonders ist, sodass wir uns auch melden können und an Gelder gelangen'."

Magazinrundschau vom 23.01.2024 - Guardian

Ghaith Abdul-Ahad beschäftigt sich mit Geschichte und Gegenwart des palästinensischen Flüchtlingscamps Shatila in Beirut. 1949 als Provisorium angelegt, hat es sich über die Jahrzehnte zu einer Stadt in der Stadt mit gut 14000 Einwohnern entwickelt. Möglicherweise leben aber auch doppelt so viele Menschen hier. Die Zustände sind schrecklich, Armut und Drogen prägen den Alltag. "Die Wunden vergangener Kriege sind an jeder Straßenecke sichtbar - von einarmigen ehemaligen Kämpfern, die Tomaten verkaufen bis zu Gebäudefassaden, die von schwerem Beschuss durchlöchert sind. Diese Wunden sind nie verheilt und auch die Traumata der Bewohner wurden nie anerkannt, sondern von Generation zu Generation weitergegeben - mehr Gräueltaten, mehr Unterdrückung, neue Bilder von 'Märtyrern', die zu den älteren gestellt wurden. Diese neuen Märtyrer sind Männer einer jüngeren Generation, getötet wurden sie nicht im Flüchtlingslager oder in den Kriegen im Libanon, sondern in der West Bank, in Gaza und in Israel. Neben einem Graffiti, das die letzten Worte des 18-jährigen Ibrahim al-Nabulsi, einem Kämpfer, der in Nablus durch einen israelischen Luftangriff getötet wurde, festhält - 'Niemand soll seine Waffe niederlegen' -, haben einige Schulkinder ihre Schultaschen niedergelegt, und sich in Reih und Glied aufgestellt. Einer von ihnen trägt Armeestiefel, die ihm zu groß sind, sowie Khakihosen, sein Gesicht ist in eine Kufiya gehüllt. Er gibt einen Befehl, und marschiert mit seiner Truppe von Jungen in einer Gasse auf und ab."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Guardian

Bella Bathurst besucht gemeinsam mit Heather Wildham eine Reihe britischer Bauernfamilien. Wildham arbeitet als Beraterin und versucht gemeinsam mit den Betroffenen verfahrene Situationen im Landwirtschaftsbetrieben wieder einzurenken. Viele Bauern denken derzeit darüber nach, ihren Hof zu verkaufen, insbesondere die Suche nach Nachfolgern gestaltet sich oft als schwierig. Insgesamt jedoch ist das Bild vielschichtig: "20-25 Prozent aller Verkäufe britischer Höfe werden von der Savills-Agentur abgewickelt. Die Firma und auch ihre Kontrahenten beharren darauf, dass sich weder die Anzahl der Höfe auf dem Markt, noch die Gesamtfläche an Agrarland, die zum Verkauf angeboten wird, signifikant verändert haben. Die einzige Veränderung, so Savills, besteht darin, wer die Käufer sind. Früher wurde mindestens jeder zweite Hof von Bauer zu Bauer verkauft. Heute jedoch werden Bauern, die einst Interesse gezeigt haben würden, in einigen Regionen von Leuten 'von außen' um ein Vielfaches überboten. Die Höfe nahe der Schottischen Grenze, die derzeit auf dem Markt sind, werden vermutlich von Firmen und Investoren gekauft werden, die Land erwerben, um es zwecks Karbonhandel mit Bäumen zu bepflanzen, von Hobbybauern, die ihr Geld anderswo verdient haben und sich nun selbst verwicklichen wollen, von Privatleuten, die das wilde Moor lieben, von Spekulanten, die auf Baugenehmigungen für Wohnhäuser oder Windturbinen hoffen. Wenn große Gebiete auf den Markt kommen, schlagen oft Leute zu, die Land als eine Art Geldanlage verstehen: Forstbetriebe, Baubranche, Sportveranstalter, Käufer, die dem Land nie näher kommen werden als mittels eines mit einer Drohne aufgenommenen Verkaufsvideos. Kaum jemand von diesen Leuten wird das Land landwirtschaftlich nutzen. Wenn überhaupt, werden sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Leute anstellen, um die Arbeit zu verrichten."
Stichwörter: Landwirtschaft

Magazinrundschau vom 19.12.2023 - Guardian

Meredith Shaw übersetzt Auszüge aus dem Memoiren des Schriftstellers Kim Ju-sŏng, der in Japan aufgewachsen war, 1976 mit 16 Jahren als ethnischer Koreaner nach Nordkorea zog und sich 28 Jahre später nach Südkorea absetzte. Unter anderem schreibt Kim über den nordkoreanischen Schriftstellerverband, der, anders als der Rest des Landes, in beschränktem Umfang Zugang zu ausländischer Literatur hat. Es geht jedoch auch um die politischen Mechanismen, die die Herrscherfamilie an der Macht halten. Kim schreibt über einen "carrot-and-stick approach". Die "sticks" des repressiven Regimes sind kaum zu übersehen: "Aber was ist mit den Karotten? Als Führer des Landes reisen die Kims immer wieder durch ihr Land, um 'Anleitung vor Ort' zu geben. Während diesen Touren werden Menschen, die den Führern begegnen, in zwei Kategorien eingeteilt: Zeugen und Gesprächspartner. Ein Zeuge ist jemand, der einen Führer von nahem sehen konnte, oder in einem Gruppenfoto mit ihm zu sehen ist. Einige dieser Zeugen haben die Ehre, Gesprächspartner werden zu dürfen - also zu Menschen zu werden, die tatsächlich Worte mit einem Führer wechseln. In anderen Worten der Status eines Individuums hängt davon ab, ob man tatsächlich 'mit Gott gesprochen' hat. ... Ich habe von Fabriken gehört, in denen die Arbeiter in einen Lagerraum gesperrt wurden, wenn einer der Kims unerwartet vorbeikam. Es ist also nicht so, dass einfach jeder Zeuge werden kann. Diejenigen, die es tun, werden unterschiedlich belohnt, aber ein Erinnerungsfoto mit dem Führer ist Standard. Dieses Foto dient als 'Lizenz' des Interviewten; es wird wunderschön gerahmt und wie ein Familienerbstück in der Wohnung aufgehängt. Wenn Sie ein solches Porträt erwerben, kümmert sich die örtliche Partei von diesem Moment an besonders um Ihre Familie. Das kann eine schnellere Beförderung bedeuten, ein größeres Haus oder die Erlaubnis, die Kinder auf bessere Schulen zu schicken. Für die Gesprächspartner sind die Belohnungen noch um einiges größer. Das hängt vom Inhalt des Gesprächs ab, aber zu den größten Belohnungen, von denen ich gehört habe, gehörten die Erlaubnis, nach Pjöngjang zu ziehen, eine Luxuswohnung und ein Mercedes-Benz."

Die weibliche "Stärke" im Cary-Yale-Visconti-Spiel
Jonathan Jones rekonstruiert die Geschichte der Tarot-Karten. Ursprünglich hatten diese, lernen wir, keinerlei Verbindung zu esoterischem Gedankengut. Tatsächlich handelte es sich anfangs um ein durch und durch weltliches Kartenspiel, das in der frühen Neuzeit an Fürstenhöfen gespielt wurde. Das älteste teilweise erhaltene Kartendeck, das als Cary-Yale-Visconti-Deck bekannt ist, zeichnet sich außerdem "durch kraftvolle Darstellungen von Frauen aus. Unter den dargestellten Figuren fondet sich eine mit eine schwerttragende Ritterin, die in goldenem Kleid auf dem Pferd sitzt, ihre Waffe in die Luft hält und von einer Pagin begleitet wird. Tatsächlich enthalten Karten aller vier Farben Darstellungen starker Frauen. Das ist typisch für die höfische Kultur im Italien der Renaissance, die den Hofdichter Ariosto auch dazu inspirierte, eine Ritterin, Bradamante, in sein episches Gedicht 'Orlando Furiosa' zu integrieren - Jahrhunderte vor 'Game of Thrones'. Solche ritterliche Ikonografie verweist auf die Wurzeln des Tarot, eines Spiels, das von Hofleuten zwischen Turnieren und Schönheitswettbewerben gespielt wurde. Am Hof nahmen Männer und Frauen gemeinsam an allen möglichen Aktivitäten teil. Frauen, die mit Tarotkarten spielten, wollten vermutlich sich selbst repräsentiert sehen. In einer anderen Karte des Decks kontrolliert eine Frau, die Stärke symbolisiert, problemlos einen Löwen, indem sie sein Maul mit ihren Händen geöffnet hält."

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Guardian

Die Niederlande hat ein Stickstoffproblem und in der Folge, wie Paul Tullis berichtet, auch ein Bauernproblem. Der hohe Bedarf an fossilen Brennstoffen, aber auch die Methoden der modernen Landwirtschaft, insbesondere der Viehzucht, haben zu einem Anstieg der instabilen Stickstoffverbindungen Ammoniak und Stickstoffdioxid geführt, wodurch die natürlichen Lebensgrundslagen der Menschheit massiv gefährdet sind. Natürlich nicht nur in den Niederlanden, aber dort hat ein Gesetz der Regierung des inzwischen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Mark Rutte, das auf den staatlichen Aufkauf und die anschließende Abwicklung von Viehzuchtbetrieben zielt, eine breite gesellschaftliche Krise ausgelöst. Begonnen hat alles mit Protesten wütender Bauern, aber das vermeintliche Randthema - auch in den Niederlanden ist nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt - zieht längst größere Kreise: "Rechtsextreme Gruppierungen nutzen das Chaos, um ihre eigenen Agenden durchzusetzen, und zwei rechtsgerichtete Parteien, die populistische BoerBurgerBewegin (BBB) und die zentristische Nieuw Sociaal Contract (NSC) haben hohe Umfragewerte in ländlichen Regionen. Die politische Unzufriedenheit, die durch die Stickstoff-Frage ausgelöst wurde, könnte die Parlamentswahlen, die am 22. November stattfinden, entscheiden. Die Stickstoff-Krise ist eine Geschichte über die politischen Konsequenzen die entstehen, wenn ein Problem aus Angst vor einer wichtigen Interessengruppe zuerst ignoriert wird; und wenn die Pläne, die durchgeführt werden, wenn das Ignorieren nicht länger funktioniert, schlecht ausgeführt werden. Andere Länder sollten davon Notiz nehmen. In Frankreich, Italien, Deutschland und Belgien gibt es ebenfalls bedrohte Gegenden, in denen intensive Viehzucht betrieben wird, und falls es nicht zu einer Gesetzesänderung auf Europäischer Ebene kommt, muss auch in diesen Ländern die Politik irgendwann das Problem der Stickstoffemissionen angehen. Zudem zeigt die Stickstoff-Krise, dass die Politik sich in ein Dilemma hineinmanövriert, wenn es ihr nicht gelingt, politische Lösungen für drängende Umweltprobleme zu finden: Sie muss dabei zusehen, wie die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, während gleichzeitig politische Unruhen wachsen."

Warum, wundert sich der Ethnologe Andrew Kipnis, ist der Geisterglaube in China in Städten weit verbreitet und nimmt dort gar oft intensivere Formen an als auf dem Land? "Vier Faktoren scheinen wichtig: Die Trennung von Leben und Tod in Städten, der Aufsteig einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform der 'Fremden', die simultane Idealisierung und Verkleinerung von Familien sowie die anwachsende Zahl verlassener und verfallender Gebäude. Es ist wichtig, zu betonen, dass all diese Faktoren Produkte der Urbanisierung selbst sind. Urbanisierung bringt Geister hervor. Es gibt noch einen fünften Punkt, der sich von den ersten vier unterscheidet und doch wichtig ist für den Spuk, der im modernen China umgeht: politische Repression." Über diesen fünften Punkt schreibt Kipnis: "Abriss- und Neubauprojekte gehören zu jenen Ereignissen, die zu Protesten gegen die Regierung führen könnten; und die Regierung sieht es als ihre Aufgabe, alle Formen des Protests zu unterdrücken. Die Kommunistische Partei Chinas meint, ihr eigener Geist müsse ewig leben; alle anderen Geister sind gespenstische Feinde, Fremde, die verbannt werden müssen. Aus dieser Perspektive wird klar, warum die Geister aus der Vergangenheit der Partei - dem Großen Sprung nach vorn, der Kulturrevolution, des Tiananmen-Massakers - nie wieder benannt werden dürfen. Ich glaube jedoch, dass der totalitäre Impus der Partei, alle Geister, die nicht der Partei dienen, zu verbannen, nur dazu dienen wird, den Geisterglauben des urbanen Chinas zu stärken. Wir müssen lernen, mit unseren Geistern zu leben, anstatt sie zu unterdrücken."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Guardian

Margaret Simons berichtet über die Leidensgeschichten philippinischer Arbeitsmigrantinnen, die als Hausangestellte im Ausland arbeiten, um ihre Familien zuhause zu ernähren. Ein Großteil migrantischer Hausangestellten weltweit kommt aus den Philippinen, erfahren wir, wo die "nationalen Heldinnen", die fernab der Heimat für die Ihren schuften, Teil der nationalen Ideologie sind: "In seiner jährlichen Ansprache an das Volk brachte der Präsident Ferdinand Marcos Junior - der Sohn des Diktators - das Wirtschaftswachstum des Landes in Zusammenhang mit dem 'steten Rückfluss an Überweisungen' durch Arbeitskräfte im Ausland. Er erkannte an, dass es im Land einen Mangel an Pflegekräften gibt, da viele qualifizierte Leute ins Ausland gehen - unter anderem nach Großbritannien. Er versprach, Trainingsprogramme einzurichten. Aber nachdem er davon sprach, dass er sich wünsche, Arbeit im Ausland sei eine Wahl anstatt eine Notwendigkeit, fügte er an: 'Es ist ein nobler Auftrag, den unsere Überseearbeitskräfte ausführen, er verlangt große Opfer.'" Besonders viele Filipinas arbeiten im Nahen Osten, wo sie oft misshandelt werden und vielfach de facto wie Sklaven behandelt werden. Aber auch in Europa ist ihre Lage oft äußerst schwierig. Im Mittelpunkt des Essays steht Mary, eine Arbeitsmigrantin, die für eine reiche Londoner Familie arbeitet und ihre Leidensgenossinnen als politische Aktivistin unterstützt: "Alle paar Wochen trifft sich eine kleine Gruppe Filipinas irgendwo auf den Straßen Londons. 'Wir gehen immer zusammen', erzählt Mary, 'falls es gefährlich wird'. Sie warten vor einem der Häuser in den reichsten Gegenden der Stadt, wie Hyde Park oder Notting Hill. Sie warten an einer Straßenkreuzung in der Nähe oder vor Geschäften. Sie laufen auf und ab und manchmal tun sie so, als würden sie telefonieren, um nicht aufzufallen. Sie versammeln sich, weil eine Landsfrau sie um Hilfe gerufen hat."

Längst lacht niemand mehr über UnHerd, erläutert Samuel Earle, der ein Porträt des konservativen UnHerd-Gründers und Herausgebers Sir Paul Marshall zeichnet, der nicht nur an die Tories spendet, sondern Ambitionen hat, Großbritanniens größter Medienmogul zu werden. Das politische Onlinemagazin, das einst mit einem Kuh-Logo auf der Startseite angetreten war, hat sich zu einer veritablen Erfolgsgeschichte entwickelt. Ein breites Spektrum an politischen Positionen deckt das Magazin der eigenen Darstellung zufolge ab. Doch obwohl in der Tat auch ein paar linke Stimmen unter den Autoren zu finden sind, ist die ideologische Schlagseite Earle zufolge insgesamt unübersehbar und Teil eines breiteren Trends, dem auch Publikationen wie Spiked und Quillette angehören: "UnHerds Toleranz für divergierende Sichtweisen zu einigen Themen mag ein Alleinstellungsmerkmal sein, aber alle diese Publikationen - man nenne sie ja nicht 'Herde' - bewegen sich auf derselben Weide, ernähren sich von Culture-War-Themen und bewegen den Diskurs in dieselbe Richtung. Sie behaupten, normale Menschen und freie Rede seien in Gefahr durch finstere Machenschaften der Eliten, aber ihr Zorn richtet sich fast ausschließlich gegen Progressive - weder über die wachsenden Profite der Superreichen, noch darüber, wie deren Interessen die Demokratie formen und verformen, haben sie viel zu sagen. Diese Medien ermöglichen einen Blick auf die Zukunft des Konservativismus: eine herrschende Klasse, die verzweifelt versucht, sich neu zu erfinden als Kreuzkrieger des Aufstands, während sie sich weigert, auch nur irgendeine Verantwortung für die Welt zu übernehmen, die sie entscheidend mitgestaltet hat."

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - Guardian

Andreas Pabst besucht das Intercontinental Hotel in Kabul, das einst als erstes Luxushotel Afghanistans Teil am globalen Glamour hatte, nun aber, wie das ganze Land, in der Hand der Taliban ist. Die wollen das Hotel weiterbetreiben und haben eine ganze Reihe ihrer Kämpfer in der Verwaltung platziert. Die restlichen Angestellten sollen - soweit sie nicht ins Ausland geflohen sind - mit den Islamisten zusammenarbeiten und möglichst schnell möglichst viele Profite erwirtschaften. Einer, der dafür sorgen soll, dass dies geschieht, ist der Marketingexperte Samiullah Faqiri: "Alle Einnahmen gehen an den Staat, der seinerseits Gehälter zahlt und auch für Erhalt und Renovierung sorgen muss. Obwohl Faqiri für die Taliban arbeitet, ist er keiner von ihnen. Wenn er über die Taliban spricht, redet er von 'ihnen'. So sagt er zum Beispiel: 'Wenn ich die Zielvorgabe nicht erreiche, werde ich von ihnen nicht umgebracht', und lacht. Wenn Faqiri lacht, bewegt sich erst seine Nase, dann seine Schultern, sein Bauch - ein sehr physisches, ansteckendes Lachen, das meist dann hervorbricht, wenn er gerade Sätze gesagt hat, die sich ansonsten düster anhören würden." Ein anderer Protagonist der Reportage ist Mohammed Elyas Niazai, ein junger Taliban. Auch er arbeitet im Hotel. Vorläufig. "Niazai strampelt auf dem Hometrainer. Jede Nacht trainieren er und seine Freunde hier, sagt er. Die Freunde, das sind die Talibanwächter, die um das Hotel herum platziert sind. Aber heute ist er allein. Er hat seine traditionelle Kleidung abgelegt und trägt einen Trainingsanzug, von einer Marke, die einst bei amerikanischen Soldaten in Afghanistan beliebt war. Die Mülleimer sind voller leerer Red-Bull-Dosen. Einmal meinte Niazai zu mir: 'Frieden ist gut für Afghanistan. Aber für uns ist er langweilig.' Er hat Angst, dass er sich an dieses Leben gewöhnen könnte. Er hatte nie Angst davor zu kämpfen, und jetzt hat er Angst davor, dass er sich eines Tages vor dem Krieg fürchten könnte."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - Guardian

Matthew Bremner beleuchtet die Hintergründe eines Massakers an der Spanisch-Marokkanischen Grenze, in dessen Verlauf am 24. Juni 2022 mindestens 37 afrikanische Flüchtlinge ums Leben kamen. Die EU bezahlt nordafrikanische Staaten wie Marokko dafür, die Migrationsströme zu regulieren. "Diese Politik hat hässliche Auswirkungen, wie Basir nur zu gut weiß. Seine erschütternde Reise nach Melilla begann im Alter von 15 Jahren im Sudan, nachdem er Zeuge der Ermordung seines Vaters und seines älteren Bruders in einem Stammeskonflikt geworden war. Er floh aus seinem Dorf und lebte bei seinem Onkel im Bundesstaat Sennar, wo er jedoch unter Druck gesetzt wurde, vom Christentum zum Islam zu konvertieren. Er ertrug fünf Jahre der Unruhen, bevor er genug Geld sparte, um nach Europa zu gehen. Er reiste durch Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko. Er wurde viermal festgenommen und von den algerischen Behörden zum Sterben in der Wüste zurückgelassen. Er fühlte sich in jedem der UNHCR-Büros, die er auf seiner Reise aufsuchte, mit Gleichgültigkeit behandelt. Nach der Tragödie vom 24. Juni wurde Basir zusammen mit anderen sudanesischen Migranten in einem achteinhalbstündigen Bustransport in die zentralmarokkanische Stadt Beni Mellal gebracht". Er kämpfte sich zurück an die Westküste und beschloss dann, den legalen Weg nach Europa zu suchen, indem er einen Asylantrag in der spanischen Botschaft in Rabat stellte. "Als wir miteinander sprachen, wartete Basir bereits seit Monaten auf eine Lösung. Er ist durch die Hölle gegangen und hat es bis nach Spanien geschafft, weil er dachte, das würde reichen. Doch jetzt befindet er sich in der Schwebe, ist ständig unterwegs, falls die Behörden versuchen, ihn zu verhaften, und erlebt ständig den Moment, in dem er seine Landsleute in der Nachmittagssonne sterben sieht."

Magazinrundschau vom 29.08.2023 - Guardian

Mark Olden portraitiert Patson Muzuwa, einen politischen Aktivisten aus Simbabwe, der in den 1990er Jahren in der Widerstandsbewegung gegen den Diktator Robert Mugabe aktiv war. 2001 flüchtete er, in Lebensgefahr, nach Großbritannien, wo er sich seither durchschlägt - immer noch als Aktivist, der den Kampf seiner Mitstreiter aus der Ferne unterstützt; zunehmend jedoch auch als früh gealterter, gebrechlicher Mann, dem das Leben zugesetzt hat. Was ihm all die Jahre geholfen hat, fernab der Heimat zu überleben, ist die Gemeinschaft der Exilierten: "Nachdem er einige Monate lang bei Sarah Harland gewohnt hatte, zog Muzuwa, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen und Asylbewerben aus Simbabwe, in ein Backsteinhaus in Bermondsey, in Londons Südosten. Eine lokale Kirchengemeinde half bei der Miete aus. Immer wenn ich zu Besuch kam, wurden mir Teller voller Hühnergerichte und sadza - ein Grundnahrungsmittel in Simbabwe, das aus Maismehl zubereitet wird - angeboten. Die Besucher, die in dem Haus ein- und ausgingen, formten einen Mikrokosmos des Landes selbst. 'Es war gemütlich, jeder war willkommen: die Ndebele, die Shona, die Weißen. Alle waren wir aus Zimbabwe, alle liebten wir das Essen und die Musik,' erzählte mir Muzuwa kürzlich. Ein Mitbewohner brachte ihm Ndebele bei, eine der wichtigsten Sprachen Simbabwes. Im Flur lagen stets Plastiktüten randvoll mit Second-Hand-Kleidung, die Muzuwa und seine Freunde über Spenden eingesammelt hatten, und die sie an Bedürftige in den Armenvierteln der simbabwischen Hauptstadt Harare schickten."

Magazinrundschau vom 22.08.2023 - Guardian

Der Germanist und politische Analyst Hans Kundnani stellt zentrale Thesen seines neuen Buchs "Eurowhiteness: Culture, Empire and Race in the European Project" vor. Europa definiert sich gern als Negation des Nationalismus, meint der Autor; tatsächlich sei es selbst jedoch ein regionalistisches Projekt und dieser Regionalismus habe mit dem vermeintlich überwundenen Nationalismus einiges gemeinsam: "Pro-Europäer glauben, dass Europa etwas anderes ist als eine Nation, vielleicht gar das glatte Gegenteil und dennoch reden sie oft ähnlich über Europa wie Nationalisten über Nationen reden. Ein gutes Beispiel ist die Idee von Europa als einer Schicksalsgemeinschaft. In einem nationalen Kontext wird das Konzept normalerweise als problematisch betrachtet, ganz besonders in Deutschland. Der Begriff suggeriert, ist der Konsens, eine atavistische, präpolitische Idee der Nation. Auf Europa hingegen wenden ihn die Proeuropäer häufig an, und gehen dann davon aus, dass er unproblematisch ist, solange er auf der regionalen anstatt auf der nationalen Ebene verbleibt. So schrieb der französische Philosoph Edgar Morin etwa 1990, die Europäer wären sich nach 1945 ihrer gemeinsamen Bestimmung bewusst geworden und seien 'im Augenblick der Schicksalsgemeinschaft angekommen'. Seit die Europäer sich mehr und mehr bedroht fühlen, insbesondere seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine, hat sich der Eindruck einer Schicksalsgemeinschaft verstärkt. Das kulturelle Element des europäischen Regionalismus verschwand nicht nach 1945, wie viele Proeuropäer glauben; vielmehr wirkte es in subtilerer Form fort - und beeinflusste das europäische Nachkriegseuropa, das keineswegs einen rein zivilgesellschaftlichen Regionalismus hervorbrachte."