Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

343 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 35

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Guardian

Jacob Kushner zieht eine recht desaströse Bilanz aus dem amerikanischen Hilfsplan für Haiti, der unter der Ägide von Bill und Hillary Clinton nach dem schweren Erdbeben Diplomatie, Aufbauhilfe und ausländische Investionen kombinieren sollte. Dabei sollten vor allem große Infrastrukturprojekte wie Industrieparks oder der Hafen von Port-au-Prince vorangebracht werden. Was die Clintons als "ökonomische Staatskunst" feierten, nennt Kushner Katastrophenkapitalismus: "Nachdem die USA zweistellige Millionenbeträge in den Aufbau des Hafens versenkt hatten, ließen sie das Projekt im vorigen Jahr stillschweigend fallen. Der Hafen ist der Schlusspunkt in Amerikas Aufbauplan, der von Anfang an von Enttäuschungen geprägt war ... Nach dem Erdbeben gab es so viele Dinge, für die die USA hätten Geld geben können. Sie hätten das Geld nutzen können, um Haitis Landwirtschaft zu stärken. In einem Land, in dem nur ein Viertel der Menschen über Anschluss an grundlegende sanitäre Anlagen verfügen, hätten die USA in den Bau von Kanalisation, Abwasseranlagen und  Toiletten investieren können. In einem Land, in dem 59 Prozent der Bevölkerung von weniger als 2,41 Dollar am Tag lebt, hätten die USA den Menschen auch einfach Geld geben können. Studien haben gezeigt, dass bedingungsloser Bargeld-Transfer effektiver sein kann, um Einkommen, Bildung und Wohnen zu erhöhen als viele Arten von 'projekt-bezogener' Hilfe. Cash-Transfers würden den Ansatz unterminieren, den reiche Länder einfach die 'Lösung' für arme Länder nennen, anstatt einfach den Menschen zu erlauben, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen."
Stichwörter: Haiti, Aufbauhilfe

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Guardian

Kann man auch zu skeptisch sein? Die kritische, medienkompetente Öffentlichkeit sollte weniger manipulierbar sein, erinnert William Davies an die Verheißung des modernen Medienzeitalters. Doch je leichter der Zugang zu Informationen wird, umso weniger können wir uns auf Wahrheiten einigen: "Fake News und die Echokammern des Internets, heißt es, ghettoisieren und manipulieren bestimmte Communities für zwielichtige Zwecke. Einzelnen Gruppen - den Millienials oder der weißen Arbeiterschaft - wird vorgeworfen, sich dank ihrer überzogener Sentimentalität leicht überreden zu lassen. Diese Diagnose bewertet alte Bedrohungsmuster über und übersieht neue Phänomene. Sie verlässt sich zu sehr auf Analogien zum Totalitarismus des 20. Jahrhundert, wenn es die Gegenwart als moralischen Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge zeichnet, mit einer unreflektierten Öffentlichkeit, die nur passiv den Ausgang konsumiert. Doch unser Verhältnis zu Informationen und Nachrichten ist heute ganz anders: es ist aktiv, kritisch und äußerst skeptisch gegenüber jeder offiziellen Linie. Jeder ist heute bei der Hand, Propaganda in der einen oder anderen Form zu aufzudecken, sich selbst den News Feed zu gestalten, der anderen Seite Framing vorzuwerfen und der Manipulation zu widerstehen. Wir sorgen uns in gewisser Weise zu viel um die Wahrheit, so dass wir uns nicht mehr auf sie einigen können... Unser Problem ist nicht, dass manche Leute den Mainstream-Medien nicht glauben oder auf Fake News hereinfallen, sondern dass wir alle glauben, die Fakten zu durchschauen oder die Informationen, die von öffentlichen Institutionen kommen. Fakten und offizielle Berichte sind nicht mehr das Ende der Geschichte. Diese Skepsis ist gesund und in vielerlei Hinsicht die gerechte Wüste eines Establishments, das zu oft dabei erwischt wurde, die Wahrheit zu verdrehen. Aber politische Probleme entstehen, wenn wir uns gegen alle Darstellungen der Realität wenden, weil diese angeblich kompromittiert und voreingenommen seien - als ob stattdessen ein reinerer, unvermittelter Zugang zur Wahrheit möglich wäre. Das ist ein verführerisches, aber irreführendes Ideal."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Guardian

Nahezu unbemerkt haben die amerikanischen Streamingdienste einen großen Gegenspieler auf dem internationalen Fernsehmarkt bekommen: Die Türkei. Türkische Serien verkaufen sich wie verrückt, berichtet Fatima Bhutto, von Russland über China und Saudi-Arabien bis nach Lateinamerika. Auf keinen Fall darf man sie Seifenopern nennen. Es sind Dizi: "In Dizi geht es um alles, von Gruppenvergewaltigungen bis zu den Intrigen osmanischer Königinnen, sie sind Dickens und die Bronte-Schwester in einem, sagt Eset, ein junger Istanbuler Drehbuchautor und Regisseur: 'Pro Jahr erzählen wir im türkischen Fernsehen mindestens zwei Aschenputtel-Versionen. Mal ist Aschenputtel eine 35 Jahre alte alleinerziehende Mutter, mal ist sie eine 22-jährige verhungernde Schauspielerin.' Eset arbeitet für die vielleicht berühmteste Dizi, 'Das osmanische Imperium', und er fasst die immer befolgten Grundzüge der Geschichten  so zusammen: Der Held darf keine Waffe in die Hand bekommen. Der Mittelpunkt des Dramas ist die Familie. Ein Außenseiter betritt ein gesellschaftliches Setting, das seinem eigenen entgegengesetzt ist, jemand kommt zum Beispiel vom Land in die Stadt. Der Schwarm hat ein gebrochenes Herz und will nichts mehr von der Liebe wissen. Nichts geht über ein Beziehungsdreieck." Aber warum trägt eigentlich keine einzige Frau Kopftuch? "'Es wurde versucht', sagt Eset, 'aber nicht einmal die Konservativen wollen konservative Frauen im Fernsehen. Sie dürfen nicht küssen, nicht gegen ihren Vater aufbegehren, nicht weglaufen, nichts von dem tun, was ein Drama ausmacht.'"

Ian Urbina führt uns am Beispiel der koreanischen Reederei Sajo die ungeheure Rechtlosigkeit auf hoher See vor Augen. Er erzählt die Geschichte des Trawlers Oyang 70, eines wahren Seelenverkäufers, der von seinem betrunkenen Kapitän zum Kentern gebracht wurde: Fünf Seeleute ertranken, die Überlebenden berichteten von systematischer Ausbeutung und Misshandlung durch die tyrannischen Offizieren. "An Land hätte ein solches Desaster das Ende des Unternehmens bedeutet, nicht so auf hoher See", berichtet Urbina weiter. Die berüchtigte Reederei schickte einfach die Oyang 75 los, als neues Modellschiff. In Neuseeland gelang 32 Seeleuten die Flucht: "Als die Indonesier morgens um vier Uhr aufwachten, schlichen sie von Bord, während der Kapitän noch schlief. Weil sie Muslime waren, zogen die Männer durch die Straßen auf der Suche nach einer Moschee; weil sie keine fanden, nahmen sie stattdessen Zuflucht zu einer Kirche. Einer nach dem anderen beschrieben sie den Kirchenmitarbeitern und später Regierungsvertretern ihre Gefangenschaft auf dem Horrorschiff. Ein Chefingenieur brach einem Deckmann die Nase, weil dieser versehentlich mit ihm zusammengestoßen war. Ein anderer Offizier schlug ein Besatzungsmitglied so heftig, dass dieser einen Teil seines Augenlichts verlor. Wer Befehlen nicht Folge leistete, wurde in den Kühlraum gesperrt. Andere wurden gezwungen, verdorbene Fischköder zu essen. An guten Tagen dauerte eine Schicht zwanzig Stunden. Manchmal arbeiteten sie 48 Stunden durch. 'Ich dachte oft daran, um Hilfe zu bitten', sagte Andi Sukendar, einer der indonesischen Seeleute laut Gerichtsprotokoll, 'aber ich wusste nicht, wen'."
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Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Guardian

Der Anarchismus hat durchaus seinen Anteil am politischen Terrorismus, doch für den britischen Literaturwissenschaftler Terry Eagleton gehört er auch zu den sympathischsten und erfindungsreichsten Bewegungen. Leider ist er mit seiner strikten Ablehnung von Regierung, Macht und Hierarchie absolut dysfunktional, wie Eagleton Ruth Kinnas hervorragender Geschichte "The Government of No One ends" entnimmt: "Regeln behindern Freiheit nicht nur, sie können sie auch erleichtern: Wenn alle auf der gleichen Seite der Straße fahren, ende ich weniger wahrscheinlich im Rollstuhl. Der Staat ist natürlich eine Quelle tödlicher Gewalt, aber er lässt auch Kinder lernen, wie sie sich die Schuhe zubinden. Nicht jede Macht ist repressiv, nicht jede Autorität abstoßend. Es gibt die Autorität derer, die im Kampf gegen das Patriarchat erfahren sind, die zu respektieren hilfreich sein könnte. Jemandem etwas zu erklären, was er wissen sollte, ist nicht immer hierarchisch. Auch Wissen ist es nicht, wie manche verrückte Libertäre behaupten. Einige antihierarchische Anarchisten glauben, dass alle Meinungen gleich viel wert seien, also auch die Meinung, dass es nicht alle sind. Als der junge Anarchist Noam Chomsky in den späten sechziger Jahren nach Europa kam, mit wichtigen Informationen über die politischen Verwerfungen in den USA, lehnten es einigen Studenten ab, ihm zuzuhören, weil Vorlesungen eine Form von Gewalt seien."

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Guardian

Dass Religion nicht vor Barbarei schützt, lernt man aufs Neue aus dieser Reportage von den Philippinen. In dem streng katholischen Land regiert Präsident Duterte, berüchtigt für das wahllose Abschlachten angeblicher Drogenhändler, mit einer Zustimmungsrate von rund achtzig Prozent. Nur wenige lehnen sich offen gegen das Morden auf, darunter eine kleine Gruppe Katholiken. Einer von ihnen, Jun, ist im Gespräch mit dem Reporter Adam Willis überzeugt, "das Töten würde aufhören", würde die Kirche die Morde geschlossen verurteilen. Als Leser ist man sich da nicht so sicher, denn Duterte konnte öffentlich Papst und Gott verhöhnen, ohne dass ihm das geschadet hätte: "Das selbe Land, das überall auf den Straßen mit Ornamenten des Glaubens geschmückt ist, unterstützt auch mehrheitlich einen frauenfeindlichen und mörderischen Demagogen. ... Als wolle er die Grenzen seiner Blasphemie bis zum letzten austesten, hat Duterte jedes katholische Dogma, eins immer heiliger als das vorherige, verflucht. Während einer Rede 2016 in Laos sagte er den Filipinos eine Zukunft voraus, in der die katholische Kirche irrelevant wäre, und signalisierte seinen Landsleuten eine 'iglesia ni Duterte' (eine 'Kirche des Duterte'). Im vergangenen Jahr verspottete er an Allerheiligen die katholischen Heiligen als Heuchler und Irre und pries sich selbst als geeignetes Objekt der Anbetung an: 'Santo Rodrigo'. Im vergangenen Oktober zielte er noch höher, nannte Gott selbst einen 'Hurensohn' und fragte: 'Wer ist dieser dumme Gott?'"

Außerdem: Wendell Steavenson verfolgt die Aufs und Abs der französischen Küche in den letzten Jahrzehnten.

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - Guardian

Wer in Südafrika etwas werden will, braucht einen Auftrag, eine Lizenz oder einen Posten vom Staat. Wer Zugang zum Staat will, braucht den ANC, und Zugang zum ANC bekommt, wer das nötige Geld aufbringt. Unter Jacob Zuma hat der ANC den Staat gekapert, berichtet Mark Gevisser mit leichter Verzweiflung. Wie allumfassend die Korruption in Südafrika ist, zeigt der Fall der Brüder Watson, der im Land gerade für größte Aufregung sorgt. Gavin Watson und seine jüngere Brüder waren Heroen des Anti-Apartheid-Kampfes, sie gaben ihre Rugby-Karriere bei den Springboks auf, weil sie nicht in einem Club spielen wollten, der keine Schwarzen aufnahm. Jetzt kursiert ein Video, auf dem Angestellte von Watsons Firma Bosasa Millionen zählen, angeblich Schmiergelder: "Den Aussagen von vier Whistleblowern zufolge, alles frühere Bosasa-Manager, wurden rund fünf Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt, um Aufträge zu sichern. Sie sprechen von einer Unternehmung in industriellem Maßstab, bei der Gelder erst gewaschen und dann verteilt wurden, um Einfluss zu kaufen, Verträge zu sichern und der Strafverfolgung zu entkommen. Sie berichten von Bargeld, das in Louis-Vuitton-Taschen gestopft und als Geschenk oder in monatlichen Raten neben der Autobahn übergeben wurde. Staatsbeamte erhielten Autos und Häuser, kostenlose Sicherheitsausstattungen oder Schulbesuche für ihre Kinder - sogar monatliche Fleischvorräte. Der frühere Präsident Jacob Zuma wurde in einer Aussage namentlich genannt als Empfänger von Geschenken, und er soll derjenige gewesen sein, der die 2007 begonnenen Ermittlungen gegen die Firma gestoppt hat. Selbst der derzeitige Präsident Cyril Ramaphosa, der sich mit dem Versprechen wählen ließ, der Korruption den Garaus zu machen, akzeptierte unwissentlich für seinen Wahlkampf gegen Zuma eine Spende von Watson: Bosasa hatte Ramaphosas Sohn Andile ein Honorar für 'beratende Dienste' gezahlt."

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - Guardian

Voriges Jahre enthüllte der Bankangestellte Howard Wilkinson einen der größten Geldwäscheskandale der Geschichte: Über den estnischen Zweig der Dänischen Bank waren 200 Milliarden Euro gewaschen worden, das meiste stammte aus ominösen postsowjetische Quellen. (Die lateinamerikanischen Drogenkartelle kamen über die HSBC gerademal auf 880 Millionen Dollar.) Alle beteiligten Firmen waren in Britannien registriert. Oliver Bullough weiß, wie man am besten so ein Geschäft aufzieht. Das ist in London kinderleicht, und viel praktischer als auf den Jungferninseln! "Wenn es um Finanzdelikte geht, ist Britannien Ihr bester Freund. Hier liegt das Geheimnis, dass Sie wissen müssen, um eine Scheinfirma zu gründen: Das britische Firmenregister birgt ein riesiges Schlupfloch, eines, durch das Sie, ohne anzuecken, Milliarden Euro jagen können. Damit ermöglichen britische Scheinfirmen Finanzverbrechen auf der ganzen Welt, vom traurig-schmutzigen Trickbetrug, der Rentner um ihre Ersparnisse bringt, bis zum gigantischen Akt kleptokratischer Plünderung." Schon für zwölf Pfund, schreibt Burroughs, könne man auf der Website Companies House seine Firma eintragen, man soll Name und Adresse nennen, aber überprüft werden die Angaben nicht: "Als ich kürzlich auf der Website stöberte, stieß ich auf Eigentümer wie Mr Xxx Stalin, angeblich ein in Ost-London wohnhafter Franzose. Es ist natürlich technisch möglich, dass Mr Stalin von seinen exzentrischen Eltern den Vornamen Xxx bekam, - aber wenn, dann wäre solch Exzentrik weit verbreitet: Xxx Stalin führte mich zu dem Besitzer einer anderen Firma, der Mr Kwan Xxx hieß, ein in Deutschland wohnhafter Kasache"; dann stieß ich auf Xxx Raven, auf Miss Tracy Dean Xxx, auf Jet Xxx und schließlich (vielleicht auf ihren entfernter Cousin?) Mr XxxXxx. Diese Wunderwelt ist wirklich spannend, und es dauerte nicht lang, da entdeckte ich Mr Mmmmmmm Yyyyyyyyyyyyyyyyyy und Mr Mmmmmm Xxxxxxxxxxx (passende Adresse: Mmmmmmm, Mmmmmm, Mmm, MMM). Da reichte es mir."

Außerdem: Die pakistanische Journalistin Sanam Maher erzählt im Guardian noch einmal die Geschichte der Social-Media-Diva Qandeel Baloch, die im Jahr 2016 von ihrem Bruder umgebracht wurde, der fand, dass sie mit ihren freizügigen Videos Schande über ihre Familie gebracht habe. Der Guardian hat zu diesem Thema auch ein halbstündiges Video-Feature produziert.

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - Guardian

Heute dient die englische Grafschaft Essex vor allem als Karikatur des rechten Englands: Trash-Serien wie "The Only Way is Essex" (Towie) verbreiten das Bild konsumgeiler Prolls, die den ganzen Tag über am Strand in der Sonne brutzeln und über Ausländer herziehen. Dabei war Essex mal ein Ort progressiver Sehnsucht. Die Labour-Regierungen der fünfziger und sechziger Jahre ließen Städte bauen, um der Arbeiterschaft aus London günstige Häuser mit Küchen und Badezimmern zu ermöglichen. Tim Burrows rekapituliert, wie die Tories unter Margaret Thatcher - auch mit dem Recht, die eigene Sozialbauwohnung zu kaufen - die neuen Aufsteiger schufen, die sie dann umso herzlicher verachteten: "1990 prägte Simon Heffner, ein Journalist des Sunday Telegraph, den Begriff 'Essex Man' (der im Englischen wie 'Neanderthal Man' klingt, also wie Neanderthaler), um einen neuen Wählertypus zu beschreiben: 'den jungen, fleißigen, leicht brutalen und unkultivierten Angestellten in Londons Finanzzentrum, dessen Wurzeln im Eastend der Stadt lagen und dessen politische Ansichten atemberaubend konservativ waren'. Der Artikel war illustriert mit einem engstirnigen Typen, in einem teuren, aber schlecht sitzenden Anzug, der vor dem neuen Auto und dem einst städtischen Haus eine Dose Lager trinkt. Dazu eine Satellitenschüssel, um Rupert Murdochs Sky TV zu empfangen, das 1989 in Britannien gestartet war. Obwohl der Essexianer konservativ wählte, betrachteten ihn die Konservativen selbst mit einer Mischung aus Furcht und Schrecken. Eine neue Spezies Engländer schien das Ruder zu übernehmen und mit seinem Aufstieg, der die traditionellen Erfordernissen wie Privatschule und Respekt vor den Hierarchien außer Acht ließ, das Gewebe der etablierten Gesellschaft zu gefährden. 1992 verzweifelte das von der British Society herausgegebene Magazin Harpers & Queen darüber, wie sich 'Manieren aus Essex verbreiten'. Der Essexianer, bemerkte das Magazin, verkörpere einen vulgären Kapitalismus, der das Vertrauen der herrschenden Klasse angenagt und seine heiligsten Enklaven erobert habe'."
Stichwörter: Essex, Trash

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Guardian

Im Süden Italiens arbeiten mehr als hunderttausend Migranten vor allem bei der Tomatenernte unter sklavenähnlichen Bedingungen für mafiotische Organsiationen. Afrikanische Migranten schuften zwölf Stunden am Tag für einen Hungerlohn und leben in Barackensiedlungen ohne Trinkwasser. Die Migration mag chaotisch und unkontrolliert verlaufen, die Ausbeutung der Migranten läuft aber wie geschmiert, erfahren Tobias Jones und Ayo Awokoya, die sich in Testa dell'Acqua umgesehen haben, einem Elendsviertel in der Nähe von San Ferdinando in Kalabrien: "Hier leben vor allem Nigerianer, Gambier, Ghanaer, Sudanesen, Somalier und Burkinabé. Fünf Prozent sind Frauen. Es gibt einen Wasserhahn, aber das Wasser ist nicht trinkbar. Die Toiletten sind nur ein Loch im Boden. Es gibt ein paar Generatoren und verschiedene Gasflaschen zum Kochen. Niemand weiß, wie viele Menschen um San Ferdinando herum unter diesen Bedingungen leben, aber in der Erntesaison sind es wahrscheinlich zweitausend. Eine Wohltätigkeitsorganisation bietet medizinische Unterstützung in dieser Siedlung. MEDU zufolge haben 21 Prozent Magen-Darm-Beschwerden, 17 Prozent Atemprobleme und 22 Prozent Knochen- oder Gelenkschmerzen. Viele haben psychische Probelem, und die Schrekcen, die sie auf ihrem Weg erlebten, haben sie traumatisiert. Während wir herumgehen ruft eine junge Nigerianerin: 'Ihr müsst uns helfen!'. Sie zeigt den Ausschlag auf ihrem Arm, ob er von dem Kontakt mit Pestiziden, von Mücken oder Bremsen kommt, weiß sie nicht. Eines der vielen Mikrogeschäfte hier ist der Handel mit Schmerzmitteln, besonders Ketoprofen. Manche müssen ein oder zwei Stunden mit dem Rad zur Arbeit fahren und viele sind danach so erschöpft, dass sie, wenn sie fertig sind mit der Arbeit, nichts anderes tun können als zu schlafen."

Arron Merat hat für einen großen Report recherchiert, welche Rolle die britische Regierung im Krieg Saudi-Arabiens gegen die Huthi-Rebellen spielt: "Britannien liefert nicht nur Waffen für diesen Krieg, sie verschaffen ihm auch das nötige Personal und die erforderliche Expertise. Die britische Regierung hat Militärs der Royal Air Force abgestellt, die als Ingenieure arbeiten, saudische Piloten und Aufklärer trainieren - während BAE System, der größe britische Waffenkonzern, sogar eine noch wichtigere Rolle spielt. Die Regierung hat ihn beauftragt, Saudi-Arabien mit Waffen, Wartung und Ingenieure zu versorgen."

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Guardian

Seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan war der Konservatismus aufs Regieren geeicht. Er versprach zugleich Fortschritt, sachten Wandel und Bewahrung des Guten, verachtete Ideologie und verteidigte Privilegien. Doch überall werden die Wahlsiege knapper, die Allianzen heikler, stellt Andy Beckett fest und sieht den Konservativismus der westlichen Welt in der Krise: "Der britische Philosoph John Gray, ein enger und mitunter sympathisierender Beobachter der globalen Rechten seit den siebziger Jahren, sieht in dem neuen Rechtspopulismus - wie auch in den Versuchen der etablierten konservativen Parteien, ihm nachzueifern -, ein Anzeichen dafür, dass der uralte konservative Herrschaftsanspruch ins Wanken gerät. 'Die Konservativen glauben noch immer, dass ihre Vorstellungen über die Welt natürlich seien', meint Gray, 'aber sie spüren, dass ihnen die Wählerschaft entgleitet'. Das Ergebnis sei 'eine Politik wilder, unzusammenhängender Gesten' - Versuche, die Zuneigung der Wähler zurückzugewinnen. Als Boris Johnson letztes Jahr 'Scheiß auf die Wirtschaft' posaunte, als Antwort auf die Ablehnung des Brexits durch die Unternehmen, erlebten wir, wie der wahrscheinlich künftige Chef einer Partei, die seit Jahrhunderten eng mit der Wirtschaft verbunden ist, mit einer Rücksichtslosigkeit agierte, die so kontraproduktiv wie bedeutsam erschien. Sie könnte darauf hindeuten, dass die Allianz zwischen Kapitalismus und Konservatismus zu Ende geht. 'Konservative waren immer stolz auf ihre Kompetenz', sagt Gray, 'jetzt kann es zwanzig Jahre dauern, um die Vorstellung wiederzubeleben, dass sie die Erwachsenen seien.'"

Außerdem: Nicola Davison beschreibt die Schwierigkeiten, das Anthropozän als neues Zeitalter auch unter Geologen durchzusetzen.