Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

376 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 38

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - Guardian

Dayanita Singh, File Museum, 2012. © Dayanita Singh


Orhan Pamuk singt im Guardian ein Liebeslied auf Dayanita Singhs Fotografien von Indiens zerfallenden Papierarchiven, die gerade mit dem Hasselblad Award ausgezeichnet wurde. Wenn er sie ansieht, steigt ihm sofort ein Geruch aus Flussschlamm und Fischschleim in die Nase, der ihn in die Vergangenheit beamt: "Ich sah dieselben Schränke, riesigen Ordner und Berge von Akten in den türkischen Behörden, die ich in den 1960er Jahren mit meiner Mutter und meinem Bruder besuchte, wann immer wir Impfunterlagen oder Eigentumsurkunden abholen oder eine Geburt registrieren mussten. Schon als Kind spürte ich, dass der Zauber dieses riesigen und monströsen Gebildes, das wir 'den Staat' nannten, an diesen Orten eine viel stärkere Anziehungskraft ausübte als in der Schule, bei militärischen Zeremonien oder bei den Feiern zum Tag der Republik. Was den Staat in erster Linie zu einem Staat machte, waren nicht seine Soldaten und Polizisten, sondern diese Ordner, Akten, Dokumente und Papiere. ... Der strenge, herrische Ton, in dem die meisten Beamten in den Ämtern zu uns sprachen, sowie die Tatsache, dass nie etwas reibungslos ablief (es schien immer ein Fehler vorzuliegen oder etwas zu fehlen), verstärkten unsere Wahrnehmung, dass der Staat mächtig und wir schwach waren." (Eine Ausstellung von Fotografien Singhs ist derzeit noch bis 7. August im Berliner Gropius Bau zu sehen.)

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Guardian

Die jüdische Diaspora im Norden und Süden Afrikas ist bekannt, doch auch in vorwiegend christlich und muslimisch geprägten Ländern Afrikas wie Nigeria haben sich in den vergangenen Jahren Gemeinden gebildet, die in ihrer Tradition Gemeinsamkeiten mit dem Judentum sehen, was sie aus ihrer Sicht als Israeliten legitimiert, berichtet Samanth Subramanian, der einige dieser Gemeinden besucht hat. Israel erkennt sie nicht an, liberalere Rabbiner aus den USA sehen in ihnen jedoch eine Chance für das Judentum, sich vielfältiger weiterzuentwickeln und zu verbreiten: "Neun von zehn nigerianischen Juden sind Igbo, fragt man sie nach dieser fast schon totalen Übereinstimmung, geben alle die gleiche Antwort: Laut ihrer traditionellen Erzählung stammen die Igbo von Gad ab, einem der Söhne Jakobs und Anführer von einem der zehn verlorenen Stämme Israels. Als Beweis verweisen sie auch auf die Bräuche der Igbo, die jene der Tora widerspiegelten: die Beschneidung eines männlichen Kindes acht Tage nach der Geburt, zum Beispiel, oder die Regelungen, wann eine menstruierende Frau als 'rein' oder 'unrein' gilt. Ein Mann, den ich in Abuja traf, hatte eine Liste mit hunderten Igbo-Wörtern zusammengestellt, die ähnlich wie ihre hebräischen Synonyme klangen. Ein anderer zeigte mir ein Video eines traditionellen Igbo-Tanzes, in dem ein Mann einen blau-weiß karierten Umhang trug - die gleichen Farben wie der jüdische Gebetsmantel. Ben Avraham, dessen Bart an schwarze Stahlwolle erinnert und der seine Schläfenlocken bis über den Kiefer trägt, ist auch ein Igbo. Als seine Unzufriedenheit mit der Kirche wuchs, glaubte er, der Judaismus könnte sich ungehindert mit seiner Igbo-Identität verweben. Doch er musste noch herausfinden, wie das Judentum praktiziert wird, dafür war sein Timing perfekt. In den 1990er und 2000er Jahren verkleinerte sich die Welt so stark und schnell, dass Igbo-Juden mit Hilfe ferner Ratschläge und dem Internet in der Lage waren, sich selbst ihren erwählten Glauben beizubringen. Während Ben Avraham lernte, jüdische Websites studierte, E-Mails an Rabbis im Ausland sendete und sich mit jüdischen Besuchern in Port Harcourt befreundete, um sie nach Informationen auszufragen, fühlte er sich mehr und mehr zu Hause. Jüdisch werden, sagte er, ist für die Igbo 'keine Entdeckung. Es ist eine Rückkehr'."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - Guardian

Während die Welt mit Corona beschäftigt war, sah sich Kenia mit einem unerklärlichen Phänomen konfrontiert: Die Pegel der großen Seen des Landes steigen in enormer Geschwindigkeit, wie Carey Baraka berichtet: Lake Baringo, Nakuru oder Naivasha haben sich um bis zu 50 Prozent ausgebreitet, zehntausende Familien mussten bereits umgesiedelt werden. Ein Regierungsbericht macht die durch den Klimawandel gestiegenen Regenfälle verantwortlich, Geologen tippen auf tektonischen Verschiebungen im Rift Valley. Doch selbst der in der Wüste gelegenen Lake Turkana weitet sich auch: "In einem Dorf an seinen Ufern beklagten die El Molo das Ansteigen des Sees. Die Dorfältesten erzählten mir, dass sie gezwungen waren, ihr Dorf Luyeni umzusiedeln, indem sie ihre Strohhäuser vorsichtig entwurzelten und sie weiter vom Wasser entfernt aufstellten. Während wir sprachen, schwebten weiße Möwen träge über dem Wasser, wie von einem Zephir getragen. Die Ältesten hatten bemerkt, dass der See immer größer wurde, und durch ihre Fischzüge wussten sie, dass er auch immer tiefer wurde. Sie erzählten mir von einer Straße, die zuletzt vor zehn Jahren benutzt worden war, bevor sie unter dem Wasser versank, und sagten voraus, dass die Straße, die ich genommen hatte, um nach Luyeni zu kommen, ebenfalls bald unter Wasser stehen würde. Sie wussten auch, dass dies nicht nur ein Phänomen der Turkana ist; sie hatten gehört, dass dasselbe in anderen Seen des Rifttals, sogar in Kisumu, passierte. Die Ältesten hatten ihre eigenen Theorien darüber, was mit ihrem See, Mpaso, in der lokalen Sprache der El Molo, geschah. 'Vielleicht gibt es eine gebrochene Quelle im Boden, vielleicht sind die Felsen zerbrochen, so dass das Wasser hochschießt', sagte einer von ihnen. Vielleicht ist der Fluss Omo in Äthiopien derjenige mit dem Riss, schlug ein anderer Älterer vor."
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Magazinrundschau vom 15.03.2022 - Guardian

Sehr lesenswert ist Keith Gessens kurze Geschichte der Ukraine, die auch durchaus kritisch die Expansion der Nato beleuchtet, ohne damit Putins Angriffskrieg zu rechtfertigen. Schön vor allem, wie Gessen der Ukraine das Recht zugesteht, eine imperfekte Demokratie zu sein: "Die Ukraine erlebte unter den Geburtswehen einer Nation. Viele der postsowjetischen Staaten hatten ihre Probleme - korrupte Eliten, ethnische Minderheiten, eine Grenze mit Russland. Die Ukraine hatten von all dem immer noch ein bisschen mehr. Weil sie groß und industrialisiert war, gab es viel, das man stehlen konnte. Weil sie mit Odessa einen großen Hafen am Schwarzen Meer hatte, gab es einen leicht zugänglichen Seeweg, über den man stehlen konnte. Als die ukrainische Armee 2014 gebraucht wurde, zeigte sich, dass ein Großteil ihrer Ausrüstung aus diesem Hafen hinausgeschmuggelt worden war. Zu all dem kam, dass die Ukraine vielleicht nicht unbedingt gespalten war, aber doch auch nicht unmittelbar als ein geeintes Gesamtes zu erkennen war. Weil das Land so oft erobert und geteilt worden war, war sein geschichtliches Gedächtnis fragmentiert. In den Wortes eines Historikers: 'Verschiedene Gegenwarten hatten unterschiedliche Vergangenheiten.' Ursprünglich waren die Kosaken Kämpfer, die der Leibeigenschaft entkommen waren. Ihr politisches System war eine radikale Demokratie. Darin lag durchaus etwas Schönes. Doch in Sachen moderner Staatlichkeit hatte dies Nachteile. In einer kurz nach der Unabhängigkeit der Ukraine verfassten, mittlerweile berüchtigten Analyse sagte die CIA voraus, dass das Land wahrscheinlich auseinanderfallen würde. Zwei Jahrzehnte lang tat sie es nicht. Auf Gedeih und Verderb war die Demokratie tief in der politischen Kultur der Ukraine verwurzelt, und während in Russland die Macht noch nie an eine Opposition übergegangen war, tat sie es in der Ukraine andauernd."

Außerdem bringt der Guardian einen Auszug aus Oliver Bulloughs Aufsehen erregendem Buch "Butler to the World", das nacherzählt, wie sich die britische Regierung den den Oligarchen andiente und sie gegen Cash mit Immobilien, Ritterschlag und Aufenthaltsrechten ausstattete. Hier geht es um den ukrainischen Geschäftsmann Dmitry Firtash, der dank eines Deals mit Gasprom quasi über Nacht zum Multimilliardär geworden war, sich dann aber doch lieber nach London abseilte.

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - Guardian

Selbst Mazar-i-Sharif, einst die liberalste Stadt in Afghanistan, hat sich ohne Widerstand den Taliban ergeben, berichtet Ghaith Abdul-Ahad in einer spannenden Reportage, für die er etwa den Polizeichef der Taliban traf, eine oppositionelle Politikerin und einen verarmten Bauern, der aus Not seine beiden Töchter verkauft hat. Ein früherer Kommandant der regierungstreuen Truppen erzählt ihm sogar freimütig, wie am Ende die Warlords, die mit ihrer Korruption die jungen Männer in die Arme der Taliban trieben, auch noch die Regierung verkauften: "Im Jahr 2020, nachdem die Trump-Administration den Abzug angekündigt hatte, verstärkte sich der Feldzug der Taliban, und die Sicherheitsstrukturen der afghanischen Regierung begannen zu bröckeln. Soldaten erhielten monatelang keinen Sold, und diejenigen, die in isolierten Stützpunkten stationiert waren, hatten manchmal kaum noch militärische Unterstützung. 'Wenn Soldaten während der Kämpfe um Hilfe baten oder tagelang ohne Nahrung und Munition belagert wurden, logen wir und sagten ihnen, dass die Hilfe unterwegs sei und sie warten müssten', so Babak. 'Ich hatte 100 Soldaten in meiner Gruppe, aber sie bekamen ihren Sold nicht. Sogar ich musste mir manchmal Geld leihen. Die Soldaten waren gezwungen, ihre Munition zu verkaufen. Die Taliban haben sie gekauft. Manchmal kauften sie sogar Kontrollpunkte oder Militärposten von Armee- und Polizeibeamten. Sie heuerten jemanden in den Stützpunkten an, um Informationen zu sammeln und die Soldaten davon zu überzeugen, nicht zu kämpfen', sagte er. 'In den letzten Tagen haben die Soldaten einfach aufgehört zu kämpfen.' Er hielt eine Weile inne, bevor er hinzufügte: 'Wir waren diejenigen, die die Regierung mit unserer Korruption zu Fall gebracht haben. Die Taliban haben sie nicht erobert, wir haben sie zum Einsturz gebracht. Wir konnten nicht kämpfen, wir haben sie verkauft.' Zum ersten Mal in der langen Kriegsgeschichte von Mazar folgten auf eine Niederlage keine Massaker. Babak und andere Kommandeure erklären sich den neuen Pragmatismus der Taliban mit ihrem schnellen Sieg: 'In den letzten Tagen haben die Taliban eine neue Politik der Diplomatie betrieben, die uns sehr beeindruckt hat - sie verkündeten eine Amnestie für alle, ließen Gefangene frei und gaben ihnen Geld, etwa 5.000 Afghani, umgerechnet 40 Pfund.'"
Stichwörter: Afghanistan, Taliban

Magazinrundschau vom 08.02.2022 - Guardian

Der amerikanische Historiker Daniel Immerwahr blickt auf die verheerenden Waldbrände und Buschfeuer, die in den vergangenen Jahren Australien oder Sibirien heimsuchten und stellt fest, dass auch in der Klimakrise der Planet nicht "in Flammen aufgeht". Die Wahrheit sei komplizierter, meint er: "Feuer hat einen langen und produktiven Platz in der Geschichte der Menschheit, aber es gibt jetzt weniger als jemals zuvor seit der Antike. Wir verdrängen das Feuer aus dem Land und aus unserem täglichen Leben, wo es einst ständig präsent war. Aus der einst harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Feuer ist eine feindliche geworden. Heute wüten weniger Brände, aber die, die übrig sind, sind gewaltig. Unsere Pyrolandschaft ist aus den Fugen geraten, das Feuer nimmt neue Formen an, sucht neue Orte auf und verzehrt neue Brennstoffe. Die Ergebnisse sind ebenso verwirrend wie beunruhigend, und unsere Instinkte sind dabei schlechte Ratgeber. Obwohl wir oft von Bränden in reichen Gegenden wie dem Süden Australiens und dem Westen der USA hören, fordern Brände dort, wo arme Menschen leben, wie in Südostasien und Afrika südlich der Sahara, mit Abstand die meisten Opfer. Die tödlichsten Brände sind nicht die größten und spektakulärsten, sondern die kleineren, regelmäßigen Brände, über die die internationalen Medien selten berichten. Sie töten eher durch Rauch als durch Flammen, und ihre Hauptursache ist nicht die globale Erwärmung. Viele werden sie durch die von Unternehmen betriebene Landrodung entfacht."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Guardian

Als Isaac Newton seine Gravitationsgesetze formulierte, verließ er sich nicht nur auf seine Beobachtung, sondern auch auf seinen Verstand und seine Imagination. Künstliche Intelligenz kann aufgrund von Unmengen an Rohdaten Korrelationen erkennen und Vorhersagen machen, die ganz ohne theoretisches Fundament auskommen. Frederick Jelinek, ein Pionier der Spracherkennung, tönte einst sogar: "Jedes Mal wenn ich einen Linguisten rausschmeiße, wird die Software leistungsfähiger". Laura Spinney sieht die Erfolge der KI in der Verhaltensforschung oder der Medizin, aber auch ein Problem: "Wenn eine KI verlässlichere Vorhersagen liefert als eine Theorie, kann man zwar kaum behaupten, dass die Maschine voreingenommener ist. Ein größeres Hindernis für die neue Wissenschaft könnte aber unser menschliches Bedürfnis sein, die Welt zu erklären - in Begriffen von Ursache und Wirkung. Im Jahr 2019 schrieben die Neurowissenschaftler Bingni Brunton und Michael Beyeler von der University of Washington in Seattle, dass dieses Bedürfnis nach Interpretierbarkeit Wissenschaftler davon abgehalten haben könnte, neue Erkenntnisse über das Gehirn zu gewinnen, wie sie nur aus großen Datensätzen gewonnen werden können. Aber sie hatten auch Verständnis dafür. Wenn diese Erkenntnisse in nützliche Dinge wie Medikamente und Geräte umgesetzt werden sollen, so schreiben sie, 'ist es unerlässlich, dass Computermodelle Erkenntnisse liefern, die für Kliniker, Endanwender und die Industrie erklärbar sind und denen diese vertrauen'. 'Erklärbare KI', die sich mit der Überbrückung der Kluft bei der Interpretierbarkeit befasst, ist gerade sehr angesagt. Diese Kluft wird jedoch nur noch größer werden, und wir könnten stattdessen mit einem Kompromiss konfrontiert werden: Wie viel Vorhersagbarkeit sind wir bereit, für Interpretierbarkeit aufzugeben?"

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Guardian

200 Jahre nach seiner Gründung in Manchester und hundert Jahre nach der berühmten Serie "Reconstruction in Europe" startet der Guardian die Reihe "Reconstruction after Covid" mit Texten der Großdenker unserer Zeit. Die amerikanische Historikerin Jill Lepore zeichnet nach, wie sich im zwanzigsten Jahrhundert in den USA Liberale und Konservative gegenseitig die Schuld am Zerfall der Gesellschaft zuschoben, sie für tot erklärten oder von der Universität aus umwälzen wollten. Am Ende meint sie, dass weder die Neue Linke noch Ronald Reagan oder Margaret Thatcher ("There is no such thing!") so schädlich für die Gesellschaft waren wie Mark Zuckerberg mit seinem Facebook und andere Soziale Netzwerke: "Der Liberalismus hat die Gesellschaft nicht zerstört, und auch nicht der Konservatismus. Denn sie ist noch nicht tot, aber so blass und übellaunig wie jemand, der den ganzen Tag vor seinem Bildschirm hockt und den Spiegel mit einem Fenster verwechselt. Drinnen, online, gibt es keine Gesellschaft, nur eine Simulation von ihr. Aber draußen, auf Bürgersteigen und Wiesen, in Wäldern, auf Spielplätzen und Schulhöfen, in Geschäften, Kneipen und Sozialwohnungen, auf Landwirtschaftsmessen und Gewerkschaftstreffen, da summt und brummt sie noch, wenn auch nicht mit dem ohrenbetäubenden Dröhnen einer Dampfmaschine, so mit dem handgeölten, knarrenden Rattern eines altmodischen hölzernen Webstuhls."

Und der Philosoph Kwame Anthony Appiah schreibt über die Verheerungen, die Corona  für den globalen Süden bedeuten: Die Blumenindustrie in Kenia ist ebenso zusammengebrochen wie die Schokoladenernten in Ghana und der Elfenbeinküste. Aber auch gesundheitlich werden die afrikanischen Länder indirekt, aber schwer getroffen werden: "Eine tödliche Gefahr ist Covid vor allem, weil es das Management anderer Krankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose einschränkt. Allein in Afrika leben 26 Millionen Menschen mit HIV, in einem ganz normalen Jahr sterben mehreren hunderttausend daran, während Malaria, die besonders für Säuglinge und Kleinkinder tödlich ist, annähernd 400.000 Leben fordert... Experten der Öffentliche Gesundheit erwarten als indirekte Folge der Pandemie, dass an Malaria doppelte so viele sterben könnten. An Tuberkulose könnten in den nächsten Jahren zusätzlich 400.000 Menschen sterben, eine halbe Million mehr an HIV. Kurz gesagt, die Reaktionen auf das Coronavirus haben in der ganzen Welt eine Schattenpandemie eingeleitet. Die wahre Todesrate des Coronavirus sollte daher nicht nur die einbeziehen, die an Covid gestorben sind, sondern auch die, deren Sterben an Malaria, TB, HIV oder Diabetes hätte verhindert werden können."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - Guardian

In einem langen Beitrag fragt sich Marisa McGlinchey, was die weiterhin kampfbereiten militanten republikanischen Dissidentengruppierungen in Irland eigentlich bezwecken: "Obwohl verglichen mit Sinn Fein eher klein, wird die dissidente Neue IRA nicht so schnell verschwinden. In den zwei Jahren nach McKees Tod (die Journalistin Lyra McKee wurde 2019 in Derry von einem republikanischen Schützen ermordet, d. Red.) hat der Brexit die Grenze in Irland wieder in den Fokus gerückt, und die verschiedenen Gruppen beobachten die Entwicklungen sehr genau, auch wenn sie die Grenze in jedem Fall fallen sehen wollen. An der republikanischen Basis hat sich eine Debatte entsponnen darüber, ob es in Irland heute bewaffnete Aktionen geben sollte oder nicht. Einige fragen sich, was solche sporadischen Aktionen, meist gegen die Polizei, bewirken können. Damien (Dee) Fennell, Taxifahrer aus Nord-Belfast, ist ein prominenter dissidenter Republikaner und Gründungsmitglied der Partei Saoradh, die als der politische Arm der Neuen IRA gilt (die Partei bestreitet das). Sich des Ärgers bewusst, den seine Partei nach der Ermordung von McKee auf sich zog, sagt Fennell: 'Saoradh hat damit nichts zu tun' … In einem Bekennerschreiben an die Irish News übernahm die Neue IRA die Verantwortung für die Ermordung … Sie wird oft dafür kritisiert, ohnehin keine Chance zu haben, Irland zu einen. Fennell meint: 'Was sonst hat eine Chance? Jeder nationalistischen Partei in Irland kann man diese Frage stellen' … Ein Ziel der bewaffneten Gruppen ist es, die Etablierung der Normalität in Nordirland zu sabotieren. Nach 1998 wurde Nordirland demilitarisiert, Baracken der britische Armee wurden abgebaut, Schutztruppen abgezogen. Heute fühlt es sich nicht wie ein Kriegsgebiet an. Für die dissidenten Gruppen heißt Normalisierung, die weiter bestehende Teilung Irlands aus dem Blick zu verlieren. Angriffe auf Polizeikräfte sollen demonstrieren, dass Nordirland keine normale Gesellschaft ist; niemand soll sich sicher fühlen."

Magazinrundschau vom 27.04.2021 - Guardian

Noch 2008 landete Christian Landler mit seinem Blog "Stuff White People Like", wo das schlimmste Vergehen weißer Amerikaner ihr schlechter Geschmack war, einen Riesenerfolg. 2017 erklärte Ta-Nehisi Coates Whiteness zur einer "existenziellen Gefahr für die USA und die Welt". Robert P Baird rekapituliert die lange und wechselvolle Geschichte der Whiteness, also die Vorstellung weißer Überlegenheit, von ihrer Erfindung zur Rechtfertigung der Sklaverei über ihre Entlarvung durch W.E.B. Du Bois, die Epochen der Farbenblindheit bis zu den Critical Race Theories. Am Ende hält es Baird mit den Machern der Zeitschrift Race Traitor, die ein für alle mal "die Weißen abschaffen" wollten: "Whiteness als Gruppenidentität muss bedeutungslos werden, Whiteness muss so in der Zeit versinken werden wie das Preußentum oder die etruskische Kultur. Am Ende seines Lebens beschrieb James Baldwin Whiteness als moralische Entscheidung, um zu betonen, dass es nicht nur eine natürliche Tatsache sei. Aber Whiteness ist vielleicht mehr als eine moralische Entscheidung: Es ist ein dichtes Gewebe aus moralischen Entscheidungen, von denen eine große Mehrheit bereits für uns getroffen wurde, oft ohne eigenes Zutun. So gesehen wäre Whiteness ein Problem wie der Klimawandel oder ökonomische Ungleichheit: Sie ist so gründlich in die Struktur unseres alltäglichen Lebens eingearbeitet, dass die Vorstellung einzelner moralischer Entscheidungen ein wenig entrückt erscheint."