Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

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Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Guardian

Hat sich Europa vom Mittelmeer abgewendet? Die in Marokko aufgewachsene, französische Schriftstellerin Leila Slimani erinnert daran, welche positive Bedeutung der mediterrane Raum noch vor zehn Jahren hatte: "Für mich war Mare nostrum keine Grenze und kein Friedhof, es war eine Gemeinschaft. Bei Homer ist das Mittelmehr die hygra keleutha, die flüssige Straße, ein Raum des Gemeinsamen und des Übergangs. Es ist unser gemeinsames Erbe. Odysseus hielt auf seiner Fahrt an der Küste Afrikas ebenso wie auf den griechischen Inseln. Als ich das erste Mal Spanien, Portugal und Italien besuchte, war ich überwältigt von einem Gefühl der Vertrautheit. Wie lässt sich Europas gegenwärtige Unfähigkeit erklären, auf dieses Meer zu blicken? Wie lässt sich verstehen, dass es dem Mittelmeer bewusst den Rücken zukehrt, wo doch die Wendung nach Süden eine der glücklichsten Aspekte unseres Kontinents ist? Wir haben das Meer verloren und diesen wesentlichen Teil unserer Identität verraten. Wie verheerend, dass sich die Jugend im Maghreb und in Afrika nun von dem Kontinent abwendet, der sie abgelehnt und hängengelassen hat." Slimanis Forderung am Ende: "Europa darf nicht mehr durch das Christentum oder durch exklusive, unvereinbare nationale Identitäten definiert werden, sondern muss zu der griechischen Matrix zurückkehren, die die beiden Seiten des Mare nostrum vereint."

Außerdem: Christopher de Bellaigue blickt in einem riesigen Report auf die britische Landschaft, wo Kleinbauern nach dem Brexit um ihre Existenz bangen, Agrarkonzerne Riesengewinne einfahren und jetzt auch noch Milliardäre riesige Ländereien in Reservate umwandeln, die sie für den Jagdsport verwildern lassen. Kirean Morris jubelt dagegen über die Erfolge des New Nordic, das mit hyperlokaler, mikrosaisonaler Sterneküche wie im Kopenhagener Noma nicht nur die Spitzengastronomie umkrempelt, sondern die Welt des Essens insgesamt.

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - Guardian

In einem lesenswerten longread beleuchtet Samanth Subramanian die Hintergründe des wachsenden Hindu-Radikalismus in Indien, der sich auch in den Gewalttaten der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einer hinduistisch-nationalistischen Organisation, spiegelt: "Diese wurde vor 94 Jahren von Anhängern Mussolinis gegründet und vertritt heute die größte Organisation Indiens, die für eine Vorherrschaft der Hindus kämpft: Die Vorherrschaft der sogenannten Hindutva. Angesichts ihrer Rolle und Größe lässt sich auf der ganzen Welt kein Äquivalent für die RSS finden. Der Kern jeder konservativen Theologie besteht in einem hierarchischen, zentral organisierten Klerus; Anderorts wurde dieses theologische Konzept von Parteien zum Projekt religiöser Staatskunst gemacht. Der Hinduismus hingegen hat keine Kirche im strengen Sinn, keinen Papst oder eine geistliche Regierungsinstanz. An diesem Punkt hat sich die RSS selbst zum Religionsvermittler und Architekten eines hinduistischen Nationalstaats ernannt. Die Organisation zählt mindestens vier Millionen Freiwillige, die auf Gefolgschaftstreue Eide schwören und an militärsähnlichen Übungen teilnehmen. Häufig wird das Wort 'paramilitärisch' gebraucht, um die RSS zu beschreiben. Seit fast einem Jahrhundert wird sie für gezielte Tötungen und terroristische Angriffe gegen Minderheiten verantwortlich gemacht. (Mahatma Ghandi wurde 1948 von einem RSS-Mann erschossen, obwohl behauptet wird, der Täter hätte die Organisation zu diesem Zeitpunkt verlassen.) Die RSS selbst stellt sich nicht für politische Wahlen auf. Doch zu den ihr nahestehenden Parteien zählt auch die Bharatiya Janata party (BJP), die Indien nun seit sechs Jahren mit dem Premierminister Narendra Modi regiert und Indien als autoritären, hinduistischen Nationalstaat sieht."

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - Guardian

William Gibson zählt zu den zentralen Autoren der literarischen Science-Fiction der 80er, dessen Romane zumindest den 90ern das entscheidende Vokabular bereitstellten, um die aufkommende Digitalisierung zu begreifen. Seinen neuen Roman "Agency" musste er unter dem Eindruck der globalpolitischen Verschiebungen der jüngsten Jahre allerdings über weite Strecken neu  schreiben, um glaubwürdig zu bleiben, gesteht er im großen Guardian-Gespräch. Früher war er da gelassener: ''Neuromancer' konnte ich tatsächlich nur deshalb schreiben, weil ich von Computern keinen blassen Schimmer hatte. Ich wusste buchstäblich nichts. Was ich allerdings tat: Ich dekonstruierte die Poetik der Sprache jener Leute, die bereits in dem Feld tätig waren. Ich stand da in Seattle in einer Hotelbar auf einer Science-Fiction-Tagung und hörte diesen Leuten zu, den allerersten Programmierern, die über ihre Arbeit sprachen. Ich hatte keine Ahnung, über was die da sprachen, aber es war das erste Mal, dass ich hörte, wie das Wort 'interface' als Verb verwendet wurde. Ich war entzückt. Wow, das ist ein Verb. Poetisch betrachtet war das wunderbar. ... Aus diesen Steinen baute ich eine Welt. Entsprechend gibt es in 'Neuromancer' einige Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Was macht Case, als sich die Lage im Cyberspace zuspitzt? Er verlangt nach einem Modem. ... Ich wusste nicht, was ein Modem ist, aber ich hatte das Wort gerade aufgeschnappt. Und ich dachte, wow, das ist sexy. Das klingt einfach nach richtig schlechten Nachrichten. Ich hatte niemanden, der es gegenlesen konnte. Und googeln konnte ich das auch nicht.' Tatsächlich räumt Gibson später ein: 'Ich denke, Google hat mein Schreiben durchaus verändert. Mir ist heutzutage klar, dass jeder, der sich wirklich in den Text stürzt, alles bei Google nachschlagen wird - oder zumindest alles, was ins Auge sticht. Das fügt dem Ganzen eine neue Ebene der Verantwortung hinzu. Ich kann heutzutage nicht mehr so beliebig schreiben.' Er muss sich davon überzeugen, dass das erfundene Zeug auch definitiv und wasserdicht erfunden ist, und das echte, ergoogelbare Zeug akkurat."

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Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Guardian

Foto © Ministère de la Culture/Centre National de la Préhistoire/Norbert Aujoulat von der Webseite Lascaux

Vor allem als Gegengift zum überbordenen Narzissmus der Selfie-Gesellschaft empfindet Barbara Ehrenreich die prähistorische Höhlenmalerei, die in geradezu übernatürlicher Genauigkeit die Welt der Fleisch- und Pflanzenfresser an die Wände projizierte und den Menschen als kleine Strichfigur an den Rand drängte. Welche Wohltat! "Es war ein Moment von 'großer spiritueller Symbolik', proklamierte ein berühmter Kunsthistoriker, als der Mensch aus seiner rein zoologischen Exitenz heraustrat und begann, das Tier zu beherrschen, statt von ihm beherrscht zu werden. Die Strichmännchen in den Höhlen von Lascaux und Chauvet strahlen keinen Triumph aus. Nach heutigen Maßstäben sind sie von exzessiver Bescheidenheit und verglichen mit den porträtierten Tieren um sie herum schrecklich schwach. Ob diese gesichtslosen Schöpfungen triumphierend grinsen sollten, können wir nicht wissen. Wir haben einen spärlichen Hinweis darauf, wie die Höhlenkünstler ihren eigenen Status im steinzeitlichen Universum empfunden haben. Während Archäologen prähistorische Kunst als 'magisch-religiös' oder 'schamanisch' feierten, entdecken heute eher säkulare Betrachter einen Hauch von blanker Albernheit. Indiens mittelsteinzeitliche Felsenkunst zum Beispiel zeigt wenige menschliche Strichmännchen; wer sie gesehen hat, beschreibt sie als komisch, tierähnlich oder grotesk. Oder nehmen wir das berühmte Vogelmenschen-Bild von Lascaux, auf dem eine Figur mit einer langen dünnen Erektion beim Anblick eines Bisons hintenüber fällt. Ganz im Sinne des magisch-religiösen Paradigmas schrieb Joseph Campbell: 'Ein riesiger Bisonbulle, von einem Speer durchbohrt, der durch den Anus ein- und seine Sexualorgane wieder austritt, steht vor einem ausgestreckten Mann. Dieser - die einzige schlicht gemalte Figur und die einzige menschliche Gestalt in der Höhle - ist von einer schamanischen Trance ergriffen. Er trägt eine Vogelmaske, sein eregierter Phallus zeigt auf den aufgespießten Bullen; ein Wurfholz liegt auf dem Boden zu seinen Füßen; und daneben ein Stab, der an der Spitze das Bild eines Vogels trägt. Und hinter diesem ausgetreckten Schamanen sehen wir ein großes Nashorn, das sich defäkierend abwendet."

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Guardian

In keinem anderen Land in Europa leben so viele Chinesen wie in Frankreich, wahrscheinlich bis zu siebenhundertausend Menschen, viele davon ohne Papiere. In einem persönlich geprägten Text beschreibt Tash Aw das Leben junger Chinesen, die inzwischen nicht nur gegen staatliche Repression opponieren, sondern auch gegen die Maxime ihrer Eltern, hart zu arbeiten und nicht aufzufallen. An der Kreuzung Quatre Chemin, an der Grenze von Aubervilliers und Pantin erzählt der 32-jährige Rui, wie er 1995 mit seinen Eltern nach Paris kam: "Bevor wir Papiere bekamen, lebten wir mit der Scham meines Vaters, ein armer Illegaler zu sein. Wir lebten ausschließlich in der chinesischen Community, die eigentlich eine Wenzhou Community ist. Einige haben Papiere, viele nicht. Es gab eine klare Hierarchie zwischen Legalen und Illegalen. In jenen Tagen hatten nicht viele von uns einen Reisepass, Franzosen zu heiraten war das große Los, als hätte man sich Bill Gates oder Hillary Clinton geangelt - das Privilegierteste auf der Welt. Mein Vater war das genaue Gegenteil. Er arbeitete in den niedrigsten Scheißjobs, als Tellerwäscher in chinesischen Restaurants und so. Ich spürte seine Scham jedes Mal, wenn er mit jemanden sprach. Ich konnte es in seiner Stimme hören, er fühlte sich von der Welt niedergewalzt. Warum?, fragte ich mich. Warum müssen wir mit dieser Scham leben? Nachts weinte ich mich in den Schlaf. Als Illegale waren meine Eltern gezwungen, ihre Position auf der untersten Stufe zu akzeptieren, und ihre Minderwertigkeitsgefühl bestimmte mein Leben von klein auf. Jedes Mal wenn meine Eltern das Haus verließen, nahmen sie mich mit: 'In Frankreich verhaftet einen die Polizei nicht, wenn man ein Kind dabei hat, sagten sie immer."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - Guardian

Ivan Krastev und Stephen Holmes erklären sich den Illiberalismus in Osteuropa - wie kürzlich schon Timothy Garton Ash in der New York Review of Books - vor allem mit der enormen Emigration, die Länder wie Polen, Ungarn oder Lettland aushalten müssen und mit einer panischen Angst vor dem demografischen Kollaps. "Die ganze Diskussion bringt uns zur Kernidee des gegenwärtigen Illiberalismus. Entgegen vieler Annahmen, richtet sich der Zorn der Populisten weniger gegen den Multikulturalismus als gegen Individualismus und Kosmopolitismus. Das ist ein wichtiger Punkt, denn wenn er stimmen sollte, kann der Populismus nicht bekämpft werden, indem wir zugunsten des kosmopolitischen Individuums die Idee des Multikulturalismus aufgeben. Für die Verfechter der illiberalen Demokratie in Ost- und Mitteleuropa liegt die größte Gefahr für das Überleben der weißen christlichen Mehrheit in der Unfähigkeit der westlichen Gesellschaft, sich selbst zu verteidigen. Sie sind unfähig dazu, weil der herrschende Individualismus sie blind macht für die drohenden Gefahren."

Weiteres: Lisa Allardice unterhält sich mit Julian Barnes, dessen neuer Roman "The Man in the Red Coat" gerade erscheint, über den Brexit und die englische Elite. Patrick Barkham will dem allseits verehrten Naturfilmer David Attenborough die lange Ignoranz gegenüber dem Klimawandel nicht so leicht durchgehen lassen.

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - Guardian

In dieser Woche eröffnet in London der erste Ableger von Audrey Gelmans exklusivem amerikanischen Frauenclub The Wing, der gern und viel von sich reden macht, aber natürlich nicht jede Frau hereinlässt. Linda Kinstler hat sich die amerikanischen Klubs des Unternehmens angesehen, die der Verbreitung von Karriere-Netzwerken, Frauenrechtsliteratur und feministischen Stickern dienen. Wohlfühlen mochte sie sich dort nicht: "Ein Raum nur für Frauen hat etwas Schönes und Machtvolles, sogar Alchemistisches. Für einige Frauen ist es ein Ort, an dem sie Unterstützung, Freundschaft und Inspiration finden, wo sie sich für nichts entschuldigen müssen, wo ihnen nichts gestohlen und nichts in die Drinks geträufelt wird. Bei allen Ablegern gibt es Räume, in denen junge Mütter stillen können, bei zweien Kinderbetreuung. Jeder Flügel bietet zudem einen luxuriösen Kosmetik-Raum mit einer breiten Palette von Hairstyling- und Make-up-Produkten. Diese Kosmetikräume sind, wie mir Angestellte berichteten, eine wichtiges Element im Storytelling des Unternehmens. Sie sollen das Leben einfacher machen, wie Gelman einst sagte, und zwar für jene Frauen, für die 'der Erfolg nicht nur erforderte, die Nachrichtenlage zu kennen, jede einzelne E-Mail beantwortet zu haben und zu Hause nichts anbrennen zu lassen, sondern auch gut auszusehen, weil das nun mal von einer Frau erwartet wird und weil es mir mehr Sicherheit gibt'. Und genau das ist der Punkt, an dem für die Kritiker die Alchemie zerfällt: The Wing ist kein Ort, der allen Freuen zugute kommt, sondern einer, an dem man ständig darüber nachdenken muss, wie gut man performt, und zwar Feminismus und Femininität. Und wie jede Performance kann auch diese erschöpfen und die Gefahr des Versagens in sich tragen. Während ich Zeit in The Wing verbrachte, musste ich an jene 'ideale Frau' denken, die Jia Tolentino kürzlich in einem Essay beschrieb: Sie hat einen teuren Haarschnitt und teure Haut, sie ist schlank und erfolgreich. 'Die ideale Frau von heute pflegt einen markt-freundlichen Mainstream-Feminismus', schreibt sie. 'Dieser Feminismus hat sich so organisiert, dass er so für viele Menschen sichtbar und ansprechend wie möglich ist. Er überbewertet den individuellen Erfolg von Frauen.'"

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Guardian

Jacob Kushner zieht eine recht desaströse Bilanz aus dem amerikanischen Hilfsplan für Haiti, der unter der Ägide von Bill und Hillary Clinton nach dem schweren Erdbeben Diplomatie, Aufbauhilfe und ausländische Investionen kombinieren sollte. Dabei sollten vor allem große Infrastrukturprojekte wie Industrieparks oder der Hafen von Port-au-Prince vorangebracht werden. Was die Clintons als "ökonomische Staatskunst" feierten, nennt Kushner Katastrophenkapitalismus: "Nachdem die USA zweistellige Millionenbeträge in den Aufbau des Hafens versenkt hatten, ließen sie das Projekt im vorigen Jahr stillschweigend fallen. Der Hafen ist der Schlusspunkt in Amerikas Aufbauplan, der von Anfang an von Enttäuschungen geprägt war ... Nach dem Erdbeben gab es so viele Dinge, für die die USA hätten Geld geben können. Sie hätten das Geld nutzen können, um Haitis Landwirtschaft zu stärken. In einem Land, in dem nur ein Viertel der Menschen über Anschluss an grundlegende sanitäre Anlagen verfügen, hätten die USA in den Bau von Kanalisation, Abwasseranlagen und  Toiletten investieren können. In einem Land, in dem 59 Prozent der Bevölkerung von weniger als 2,41 Dollar am Tag lebt, hätten die USA den Menschen auch einfach Geld geben können. Studien haben gezeigt, dass bedingungsloser Bargeld-Transfer effektiver sein kann, um Einkommen, Bildung und Wohnen zu erhöhen als viele Arten von 'projekt-bezogener' Hilfe. Cash-Transfers würden den Ansatz unterminieren, den reiche Länder einfach die 'Lösung' für arme Länder nennen, anstatt einfach den Menschen zu erlauben, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen."

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Guardian

Kann man auch zu skeptisch sein? Die kritische, medienkompetente Öffentlichkeit sollte weniger manipulierbar sein, erinnert William Davies an die Verheißung des modernen Medienzeitalters. Doch je leichter der Zugang zu Informationen wird, umso weniger können wir uns auf Wahrheiten einigen: "Fake News und die Echokammern des Internets, heißt es, ghettoisieren und manipulieren bestimmte Communities für zwielichtige Zwecke. Einzelnen Gruppen - den Millienials oder der weißen Arbeiterschaft - wird vorgeworfen, sich dank ihrer überzogener Sentimentalität leicht überreden zu lassen. Diese Diagnose bewertet alte Bedrohungsmuster über und übersieht neue Phänomene. Sie verlässt sich zu sehr auf Analogien zum Totalitarismus des 20. Jahrhundert, wenn es die Gegenwart als moralischen Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge zeichnet, mit einer unreflektierten Öffentlichkeit, die nur passiv den Ausgang konsumiert. Doch unser Verhältnis zu Informationen und Nachrichten ist heute ganz anders: es ist aktiv, kritisch und äußerst skeptisch gegenüber jeder offiziellen Linie. Jeder ist heute bei der Hand, Propaganda in der einen oder anderen Form zu aufzudecken, sich selbst den News Feed zu gestalten, der anderen Seite Framing vorzuwerfen und der Manipulation zu widerstehen. Wir sorgen uns in gewisser Weise zu viel um die Wahrheit, so dass wir uns nicht mehr auf sie einigen können... Unser Problem ist nicht, dass manche Leute den Mainstream-Medien nicht glauben oder auf Fake News hereinfallen, sondern dass wir alle glauben, die Fakten zu durchschauen oder die Informationen, die von öffentlichen Institutionen kommen. Fakten und offizielle Berichte sind nicht mehr das Ende der Geschichte. Diese Skepsis ist gesund und in vielerlei Hinsicht die gerechte Wüste eines Establishments, das zu oft dabei erwischt wurde, die Wahrheit zu verdrehen. Aber politische Probleme entstehen, wenn wir uns gegen alle Darstellungen der Realität wenden, weil diese angeblich kompromittiert und voreingenommen seien - als ob stattdessen ein reinerer, unvermittelter Zugang zur Wahrheit möglich wäre. Das ist ein verführerisches, aber irreführendes Ideal."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Guardian

Nahezu unbemerkt haben die amerikanischen Streamingdienste einen großen Gegenspieler auf dem internationalen Fernsehmarkt bekommen: Die Türkei. Türkische Serien verkaufen sich wie verrückt, berichtet Fatima Bhutto, von Russland über China und Saudi-Arabien bis nach Lateinamerika. Auf keinen Fall darf man sie Seifenopern nennen. Es sind Dizi: "In Dizi geht es um alles, von Gruppenvergewaltigungen bis zu den Intrigen osmanischer Königinnen, sie sind Dickens und die Bronte-Schwester in einem, sagt Eset, ein junger Istanbuler Drehbuchautor und Regisseur: 'Pro Jahr erzählen wir im türkischen Fernsehen mindestens zwei Aschenputtel-Versionen. Mal ist Aschenputtel eine 35 Jahre alte alleinerziehende Mutter, mal ist sie eine 22-jährige verhungernde Schauspielerin.' Eset arbeitet für die vielleicht berühmteste Dizi, 'Das osmanische Imperium', und er fasst die immer befolgten Grundzüge der Geschichten  so zusammen: Der Held darf keine Waffe in die Hand bekommen. Der Mittelpunkt des Dramas ist die Familie. Ein Außenseiter betritt ein gesellschaftliches Setting, das seinem eigenen entgegengesetzt ist, jemand kommt zum Beispiel vom Land in die Stadt. Der Schwarm hat ein gebrochenes Herz und will nichts mehr von der Liebe wissen. Nichts geht über ein Beziehungsdreieck." Aber warum trägt eigentlich keine einzige Frau Kopftuch? "'Es wurde versucht', sagt Eset, 'aber nicht einmal die Konservativen wollen konservative Frauen im Fernsehen. Sie dürfen nicht küssen, nicht gegen ihren Vater aufbegehren, nicht weglaufen, nichts von dem tun, was ein Drama ausmacht.'"

Ian Urbina führt uns am Beispiel der koreanischen Reederei Sajo die ungeheure Rechtlosigkeit auf hoher See vor Augen. Er erzählt die Geschichte des Trawlers Oyang 70, eines wahren Seelenverkäufers, der von seinem betrunkenen Kapitän zum Kentern gebracht wurde: Fünf Seeleute ertranken, die Überlebenden berichteten von systematischer Ausbeutung und Misshandlung durch die tyrannischen Offizieren. "An Land hätte ein solches Desaster das Ende des Unternehmens bedeutet, nicht so auf hoher See", berichtet Urbina weiter. Die berüchtigte Reederei schickte einfach die Oyang 75 los, als neues Modellschiff. In Neuseeland gelang 32 Seeleuten die Flucht: "Als die Indonesier morgens um vier Uhr aufwachten, schlichen sie von Bord, während der Kapitän noch schlief. Weil sie Muslime waren, zogen die Männer durch die Straßen auf der Suche nach einer Moschee; weil sie keine fanden, nahmen sie stattdessen Zuflucht zu einer Kirche. Einer nach dem anderen beschrieben sie den Kirchenmitarbeitern und später Regierungsvertretern ihre Gefangenschaft auf dem Horrorschiff. Ein Chefingenieur brach einem Deckmann die Nase, weil dieser versehentlich mit ihm zusammengestoßen war. Ein anderer Offizier schlug ein Besatzungsmitglied so heftig, dass dieser einen Teil seines Augenlichts verlor. Wer Befehlen nicht Folge leistete, wurde in den Kühlraum gesperrt. Andere wurden gezwungen, verdorbene Fischköder zu essen. An guten Tagen dauerte eine Schicht zwanzig Stunden. Manchmal arbeiteten sie 48 Stunden durch. 'Ich dachte oft daran, um Hilfe zu bitten', sagte Andi Sukendar, einer der indonesischen Seeleute laut Gerichtsprotokoll, 'aber ich wusste nicht, wen'."