Magazinrundschau

Orange wie ein unverblümtes Ende

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
23.01.2024. Wenn Hutu und Tutsi Frieden schließen können, schaffen das vielleicht auch Israelis und Palästinenser, hofft in New Lines die israelische Schriftstellerin Maya Savir nach einem Besuch in Ruanda. Der Guardian sieht künftige Märtyrer strammstehen im palästinensischen Flüchtlingscamp Shatila. Himal blickt in Pakistans Gefängnisse. Der New Yorker widmet sich zwei Künstlerinnen: Sofia Coppola und Emily Mason. Die London Review erinnert an den vergessenen Krieg in Tigray. Vice probiert Creepy Weed.

New Lines Magazine (USA), 22.01.2024

Nach den jüngsten Ereignissen ist eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern für die israelische Schriftstellerin Maya Savir eigentlich unvorstellbar. Ihre Aufenthalte in Ruanda gaben ihr jedoch den Hauch einer Hoffnung, dass es, trotz allem, eines Tages möglich sein könnte. Sie berichtet von den "Gacaca", Gemeinschaftsgerichte, die eingerichtet wurden, um nach den unvorstellbaren Grauen des Völkermordes ein Zusammenleben zwischen Hutu und Tutsi erneut möglich zu machen. Bei den Gacaca kommen Menschen zusammen und sprechen über Erlebtes, auch über ihre Verbrechen. Sie bitten um Vergebung, die ihnen dann auch meistens gewährt wird, erzählt Savir. Ein junger Mann, den sie bei einer ihrer Reisen trifft, erzählt ihr, wie er bei diesen Anhörungen dem Sohn des Mörders seiner Großmutter begegnete: "B sagte, dass auch er, wie alle anderen, an den Gacaca-Anhörungen teilgenommen habe. Ich stellte ihm dieselbe Frage, die ich jedem stellte, mit dem ich in Ruanda sprach, denn egal wie oft ich diesen Erinnerungen aus erster Hand begegnete, ich stellte fest, dass es immer noch schwer war, sie sich vorzustellen: 'Ist Eure Versöhnung echt? Ich meine, Ihr lebt zusammen, Opfer und Täter. Wie funktioniert das?' Zunächst gab er mir die routinemäßige Antwort, die man Wort für Wort von jedem bekommt, mit dem man in Ruanda spricht: 'Es ist passiert, wir haben uns versöhnt. Früher waren wir Hutu und Tutsi, jetzt sind wir alle Ruander und blicken in die Zukunft.' Aber ich bestand darauf, denn es war wirklich schwer zu begreifen, und nachdem ich noch ein paar Variationen derselben Frage gestellt hatte - 'Vertraut ihr einander?' 'Seid ihr Freunde?' - antwortete er auf alle Fragen mit Ja und schwieg dann. Ich glaube, er versuchte, einen Weg zu finden, um in meinen sturen Kopf einzudringen. Er wies diskret auf zwei junge Männer hin, die mit uns das Gewächshaus bauten und sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Hörweite von uns befanden.'Siehst du den da?' Ich nickte. 'Er ist wie ich. Er ist Tutsi. Wir sind Partner, wir haben eine Kooperative und wir züchten zusammen Pilze.' Er richtete seinen Blick auf einen anderen jungen Mann. 'Siehst du diesen Mann?' Ich nickte. 'Er ist auch unser Partner, und er ist Hutu. Aber er ist nicht nur irgendein Hutu. Sein Vater hat meine Großmutter ermordet. Ich habe gehört, wie sein Vater bei den Gacaca-Anhörungen darüber gesprochen hat, aber ich musste ihn nicht hören. Denn ich habe es gesehen. Ich habe gesehen, wie er meine Großmutter in Stücke geschnitten hat." Ich versuchte den Würgereiz zu verbergen, den die Bilder auslösten, die seine Worte in meinem Kopf erzeugten. 'OK, ich verstehe - ihr seid Partner. Aber seid ihr auch Freunde? Vertraust du ihm?' B bejahte erneut, fügte dann aber nach einem stillen Moment leise hinzu: 'Ja, natürlich. Natürlich ist es schwer für unsere Eltern. Für sie ist es fast unmöglich, aber sie tun es für uns. Verstehst du das?'"

Der Journalismus im Iran ist geschwächt, aber er lebt, ruft Kourosh Ziabari. Auch wenn die staatlichen Repressionen immer drastischer werden, darf auf keinen Fall übersehen werden, betont Ziabari, dass es immer noch unabhängige, mutige Journalisten und Zeitungen gibt, die sich gegen den Autoritarismus stellen. So wie die Zeitung Shargh Daily. "Gegründet im August 2003, ist sie eines der letzten Überbleibsel eines Kollektivs vielversprechender liberaler Zeitungen, die während der Reformära gegründet wurden und versuchten, in einer ansonsten düsteren öffentlichen Sphäre, in der es keine widersprüchlichen Stimmen gab, Hoffnung zu wecken. Seit Beginn ihrer Tätigkeit wurde Shargh viermal vorübergehend verboten. Zuletzt wurde sie 2012 geschlossen, weil sie eine Karikatur veröffentlicht hatte, die nach Ansicht der Behörden die Kämpfer des iranisch-irakischen Krieges, die im Inland als 'heilige Verteidigung' bekannt sind, verunglimpft hatte... Doch Shargh ist nach wie vor ein Bollwerk des kritischen, zukunftsorientierten Journalismus, wenn auch ein geschwächtes, das den marginalisierten intellektuellen Strömungen eine Plattform bietet und das Damoklesschwert der Rechenschaftspflicht über dem Kopf der Regierung schweben lässt. Zu den bemerkenswerten Berichten der letzten Zeit gehören die Untersuchung eines Ghettos in der Stadt Mashhad, in dem viele Leprakranke leben, die Untersuchung des Massensterbens von Grenzgängern, die von den Streitkräften angegriffen werden, die Aufdeckung der Vergiftung von Schulmädchen nach den Aufständen von 'Frau, Leben, Freiheit' und ein vernichtender Bericht über die Häufigkeit von Ehrenmorden."