Magazinrundschau - Archiv

Hakai

19 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - Hakai

Tristan McConnell erkundigt sich nach dem Stand der Dinge in der archäologischen Forschung zu Doggerland, also jener Landmasse, die einst Großbritannien und das europäische Festland verband und seit dem Abtauen der Eiszeitgletscher unter der Nordsee liegt. Früher lediglich als Landbrücke eingeschätzt, ist man sich heute ziemlich sicher, dass die beträchtliche Landfläche für unsere prähistorischen Vorfahren als Lebensraum zuweilen durchaus von Reiz gewesen sein dürfte. Mit Bodengaten aus der Ölindustrie und neuen Technologien lässt sich die Landschaft heute in 3D rekonstruieren, sodass man gezielt Ausschau nach Regionen halten kann, in denen Menschen lebten oder gar früheste Formen von Sesshaftigkeit entwickelten. Doch "Doggerland erinnert uns auch daran, dass die Welt nicht statisch ist, dass die Landschaft, die wir heute kennen, anders ist als in der Vergangenheit und auch in der Zukunft nicht diesselbe sein wird. ... Weil sich die Landschaft in einem anhaltenden Wandel befindet, sorgt sich der Landschaftsarchäologe Vincent Gaffney, dass wir die Vergangenheit aus dem Blick verlieren. Ein ironischer Aspekt seiner Arbeit besteht darin, dass Doggerland mittels jener seismischen Daten entdeckt wurde, die bei der Extraktion fossiler Treibstoffe erhoben wurden, die den Klimawandel vorantreiben, der uns alle bedroht. Aber auch die erneuerbare Energie, die so wichtig ist, um das Ziel der Klimaneutralität zu erlangen, droht Doggerland für immer unzugänglich zu machen. Das Gewimmel von Seekabeln, Ankern, Pfahlwerken und Sicherheitszonen könnte es unmöglich machen, nach Proben zu baggern. Schon jetzt sind tausende Windräder im Einsatz, und tausende weitere werden dazukommen. Doch Gaffney sieht in der Windenergie-Infrastruktur gleichermaßen Möglichkeiten wie Ǵefahren. Wie die Ölfelder fördert die Entwicklung im Bereich der Windfarmen erhebliche Mengen neuer Daten über die Geologie und den nicht allzu tiefen Meeresboden zutage. Diese Informationen könnten das Verständnis von Doggerland vertiefen. Gaffney hat vor, die Windfarm-Entwickler und die nationalen Regierungen von Doggerlands Relevanz als Natur- und Kulturerbe zu überzeugen und ebenso von der Dringlichkeit, dass Daten geteilt werden müssen und archäologische Forschung stattfinden muss, bevor neue Windfarmen errichtet werden und der Zugang zum Meeresboden versiegelt ist. 'Das ist eine zeitlich begrenzte Möglichkeit, eine der letzten großen vormals bewohnten Landschaften der Erde zu erforschen und wir haben gerade erst einmal angefangen, den Code zu knacken', sagt Gaffney."

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - Hakai

Die riesigen Galapagos-Schildkröten haben ihre ganz eigenen Pfade auf der Insel Santa Cruz, wo sie sich je nach Jahreszeit am Meer oder auf den Bergen aufhalten. Allerdings werden diese Routen werden immer mehr von Menschen verbaut oder durch invasive Pflanzenarten wie Zedrelen oder Schwarzbeeren gestört, berichtet Kevin Gepford. Diese wurden einst von Siedlern mitgebracht, sind aber erst vor kurzem als Gefahr identifiziert worden: Die Schildkröten kommen an ihnen nicht vorbei und "werden nun durch die drei einzig im Wald verbliebenen Lücken geschleust, die je einen Kilometer breit sind. Da sich die Zedrelen und die Himalayaische Schwarzbeere immer weiter ausbreiten, könnten sich diese Lücken schließen. ... Nach Ansicht der Ökologin Heinke Jäger ist es unmöglich, die Schwarzbeere wieder loszuwerden. Die Samen werden von Vögeln weitergetragen und auch wenn es im kleinen Rahmen möglich sein kann, sie auszujäten, ist dieser Aufwand im großen Stil nicht zu leisten. ... Sie fürchtet, dass die verbliebenen Scalesia-Wälder in weniger als 20 Jahren verschwunden sein werden. 'In den letzten zehn Jahren haben wir dort, wo die Schwarzbeeren eindringen, keinen einzigen Scalesia-Setzling beobachten können.'" Aber "was würde geschehen, wenn diese Schildkröten von ihren Wanderungen abgehalten werden? Die Tiere selbst werden ein entbehrungsreiches Leben führen. Wenn sie über oder unter der Barriere invasiver Arten gefangen sind, können sie ihrer saisonalen Futtersuche nicht mehr nachgehen. Ihre Fettpolster schwinden. Schlechte Gesundheit beeinträchtigt die Fortpflanzung. Und weil Schildkröten sich langsamen bewegen und fortfplanzen, könnte es noch ein Jahrhundert oder länger dauern, bis der Schwund in Zahlen messbar wird. 'Eines der Probleme mit Riesenschildkröten besteht darin, dass sie einem völlig anderen Zeitmaßstab unterworfen sind", sagt der Forscher Stephen Blake. 'Man wird Jahrhunderte lang nicht sehen, dass sie ihrer Ausrottung entgegen gehen. Aber das heißt nicht, dass die negativen Folgen auch nur in irgendeiner Hinsicht weniger katastrophal sind."

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - Hakai

CO2-Kompensationen sind bei Konzernen mit hohem C02-Ausstoß sehr beliebt: Die Emissionszertifikate dafür, dass sie Projekte finanzieren, die andernorts auf der Welt CO2 reduzieren, gestatten es ihnen, ihr Produktion auch weiterhin erst einmal nicht signifikant umzustellen. Ob die jeweiligen Projekte tatsächlich wirksam sind, ist laut einigen Recherchen nicht immer ohne weiteres zu sagen, hält Jack Thompson in seiner Reportage aus dem Senegal über eine über Kompensationen finanzierte Aufforstung von Mangrovenbäumen fest - und oft sind auch die gesellschaftlichen Kosten hoch: Die Arbeiterinnen erhalten einen Hungerlohn, sind bei der Arbeit einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt und wissen in der Regel nicht, woher das Geld für ihre Arbeit eigentlich stammt.  Außerdem "erfuhr ich, dass den Gemeinden 10.000 Kongo-Francs (22 Dollar) pro wiederhergestelltem Hektar gezahlt wurden. Dies summiert sich auf gerade einmal 5.2 Prozent des gesamten Budgets von 4,4 Millionen Dollar. Wohin ist das restliche Geld geflossen?" Ein Mitarbeiter von Oceanium, der anonym bleiben will, "erzählt mir, dass ein beträchtlicher Teil des Geldes für C02-Prüfer ausgegeben wird, die bis zu 2000 Dollar pro Tag berechnen. Um Emissionszertifikate von Verra zu registrieren, werden weitere Hunderttausende Dollar fällig, sagt er. ... Die Kosten, die mit der Aufsicht und Prüfung von Emissionszertifikaten verbunden sind, wären sinnvoll investiert, wenn sie CO2 und andere Treibhausgase in der Atmosphäre tatsächlich senken, aber das ist offenbar nur selten der Fall. Eine Studie ... kam zu dem Ergebnis, dass nur 12 Prozent der Projekte tatsächlich C02 reduzieren." Manche "Experten halten den Handel mit Emissionszertifikate daher auch für keine Lösung. Viel besser wäre es, wenn man Firmen, die die Umwelt verschmutzen, höher besteuern und das Geld dafür nutzen würde, um soziale Ungerechtigkeiten zu beheben, argumentiert Frédéric Mousseau, strategischer Leiter des amerikanischen Think-Tanks Oakland Institute."

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - Hakai

Das Sicherheitsnetz des Versicherungswesens ist über Jahrhunderte gewachsen - und fragiler als man vielleicht denken würde. Der Klimawandel führt auch hier zu enormen Auswirkungen, insbesondere in den USA, die mit ihren zahlreichen Klimazonen deutlich schwerer davon betroffen sind als viele andere Nationen: Mit der Klimakrise häufen sich nicht nur Naturkatastrophen, sie nehmen auch in ihrer Vehemenz zu, schreibt Lois Parshley: "Das System ist gehörig in Unordnung geraten. Versicherte Schäden von Naturkatastrophen türmen sich nun üblicherweise zu 100 Milliarden im Jahr auf - im Gegensatz zu 4,6 Milliarden im Jahr 2000. Eine Folge: Der durchschnittliche Hausbesitzer hat seit 2015 21 Prozent höhere Aufschläge zu leisten. Es überrascht vielleicht nicht, dass jene Bundesstaaten wie Texas und Florida, in denen Katastrophen am wahrscheinlichsten sind, auch die höchsten Raten haben. Das bedeutet: Immer mehr Menschen verzichten auf einen Versicherungsschutz und werden damit verwundbar. Außerdem treibt dies die Preise zusätzlich nach oben, da die Zahl derjenigen sinkt, die mit ihren Einzahlungen das Risiko untereinander aufteilen. Dieser Teufelskreis lässt auch die Raten der Rückversicherer steigen. Weltweit ließen diese ihre Preise für Immobilienversicherer 2023 um 37 Prozent ansteigen. Dies begünstigt, dass sich Versicherungsfirmen aus riskanten Bundesstaaten wie Kalifornien oder Florida zurückziehen. ... Im schlimmsten Fall staut sich dies zu einem massiven Wirtschaftsproblem auf: Die Raten werden so hoch, dass Immobilienwerte abstürzen, Familieninvestitionen sich in Luft auflösen und die Banken sich mit dem zufriedengeben müssen, was übrig geblieben ist. Oder einfacher gesagt: Der globale Prozess, um Lebensrisiken zu handhaben, bricht zusammen und hinterlässt jene, die es sich am wenigsten leisten können, ohne Schutz."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Hakai

In Texas werden, unterstützt von vielen Förder-Millionen, Projekte getestet, bei denen CO2 an entsprechenden Industriequellen abgefangen, mittels chemischer Prozesse verflüssigt und schließlich tief unter dem Meeresboden eingelagert werden soll. Was bei oberflächlicher Betrachtung nach einer guten Klimaschutzmaßnahme klingt, lässt bei Wissenschaftlern und Umweltschützern die Alarmglocken klingeln, berichtet Amal Ahmed: "Lecks sind eine große Sorge. Eine Studie lässt Zweifel an der Langlebigkeit dieser Technologie entstehen: Italienische Forscher schätzen darin, dass 25 zusätzliche Gigatonnen C02 bis zum Jahr 2100 in die Atmosphäre gelangen, wenn die Einlagerungen auch nur 0,1 Prozent pro Jahr lecken - nach wissenschaftlichen Beobachtungen ein wahrscheinliches Szenario. Wissenschaftler, Umweltschützer und Gemeinden an Ort und Stelle sorgen sich weiterhin, dass die Leitungen mit dem unter Hochdruck stehenden Karbondioxid beim Transport in die Einlagerungshöhlen explodieren könnten - eine Gefahr für die Siedlungen in der Nähe: Als vor drei Jahren eine CO2-Leitung in Satartia, Mississippi, aufgebrochen war, mussten Dutzende Menschen ins Krankenhaus gebracht und Hunderte evakuiert werden. Erschwerend kam hinzu, dass die Rettungswägen der Sanitärer durch die hohe Konzentration von Karbondioxid in der Luft nicht richtig funktionierten. ... Unausweichlich werden die bislang angekündigten Fragen aufwerfen, ob sie die Öl- und Gasindustrie nicht auf Jahre stützen würden anstatt den Versuch zu beschleunigen, aus fossilen Treibstoffen auszusteigen. Angesichts anhaltender Zweifel an der Effizienz dieser Technologie und des Potential von Lecks, fragen sich Kritiker, ob die staatlichen Anreize nicht eher schaden als nützen. 'Was wir hier beobachten, ist ein enormer, von der Industrie lancierter Vorstoß, CO2-Einfangtechnologien als Rettungsanker zu bewerben', sagt Nikki Reisch, Direktorin des Klima- und Energieprogramm des Zentrums für Internationales Umweltrechts. '"Für sie ist das eine 'Du kommst aus dem Gefängnis frei'-Karte. Die Auffassung, dass wir mit fossilen Treibstoffen einfach so weiter machen könnten wie bisher, wird damit gefestigt.'"

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - Hakai

Abigail Geiger und Gabriela Tejeda werfen einen sorgenvollen Blick auf die Florida Bay, die zwar für ihre herrlichen Sommer bekannt ist, aber von krassen Hitzewellen ökologisch existenziell gefährdet ist. In den zurückliegenden Monaten ließ sich das gut beobachten. "Mit der Bucht und der Gegend ringsum ging es im frühen Juli 2023 rapide nach unten, als die Erde an vier aufeinanderfolgenden Tagen die höchste globale Durchschnittstemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen erlebte. Wochen intensiver Hitze, verschlimmert von den ausbleibenden Sommerregenduschen, führten in den flacheren Stellen der Florida Bay zu Temperaturen von 38 Grad. Während des brütenden Wetters verzeichnete die benachbarte Manatee Bay eine alarmierende Wassertemperatur von 38,4 Grad - wohl ein Weltrekord. Der Forscher Jerry Lorenz erinnert sich, dass er es beim Schnorcheln in der Florida Bay zu heiß fürs Schwimmen fand. 'Es war unangenehm', sagt er. 'Als ich unter den Mangroven schwamm, war einfach alles voller Fische. Mir ging einfach nur der Gedanke durch den Kopf, dass die Kerle versuchen, im Schatten zu bleiben.' ... Die frappierenden Effekte der Hitzewelle auf die Bay mögen zum Teil dafür verantwortlich sein, dass weite Flächen der Korallen ausgebleicht sind und auf der atlantischen Seite des Korallenriffs eine hohe Sterblichkeit vorliegt. Die hohe Hitze dieses Jahre ließ einen großen Teil des Buchtwassers verdunsten, das damit sehr salzig und dicht wurde. Unter normalen Bedingungen, wenn die natürlichen Gezeiten das Buchtwasser in den Atlantik ziehen, sitzt das warme Wasser der Ozeanoberfläche oben auf. Doch dieses Mal geschah etwas Ungewöhnliches: Das extrem heiße und salzige Wasser sank unter das kühlere Wasser des Atlantiks - ein Phänomen namens umgekehrte Thermokline - und erstickte die Korallen neun Meter weiter unten mit seinen extremen Temperaturen. Die Folgen waren eine flächendeckende Korallenbleiche und, in manchen Fällen, sofortiger Tod. Heißeres, salzigeres Wasser stellt für Meereslebewesen eine ernsthafte Bedrohung dar. Sie halten nur ein gewisses Maß an Stress aus, bevor ihre Metabolismen zu kollabieren beginnen. Solche Belastungen können zu Bleichung, abgestorbenem Seegras, übermäßigem Algenwuchs und toten Fischen führen. Wenn der Salzgehalt der Florida Bay an mehr als zehn oder fünfzehn Tagen pro Jahr das Level des Atlantiks erreicht, 'dann gerät das ganze System aus dem Gleichgewicht', sagt Lorenz."

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - Hakai

Jackie Flynn Mogensen porträtiert die ukrainische Walforscherin und Umweltschützerin Olga Shpak, die vor dem Ukrainekrieg in Russland an maßgeblichen Forschungsprojekten in ihrem Gebiet arbeitete und buchstäblich am Vorabend der russischen Invasion in ihr Heimatland floh, wo sie heute an der Front mitanpackt. Sie "ist eine von tausenden von Forschenden, deren Lebenswerk durch den Krieg ins Schwanken geraten ist, da sie und ihre Kollegen dazu gezwungen waren, die Region zur verlassen oder zu bleiben und zu kämpfen. Internationale Kooperationen mit russischen Institutionen stehen still, Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben ihre Projekte verlassen oder modifiziert, Tagungen abgesagt, notwendige Unterstützungen aufgegeben oder ihre Finanzierung verloren. ... Wie der Krieg die arktische Forschung erdrückt hat, erregt besonders Sorge. Russland kontrolliert etwa die Hälfte der Küstenlinie des arktischen Ozeans, wobei etwa zwei Drittel des Landes auf kohlenstoffreichem Permafrost liegt. Dies macht das Land zu einem der einflussreichsten Player der Welt, was das Klima betrifft. Auch erwärmt sich die Arktis derzeit bis zu viermal so schnell wie der Rest der Welt, was nicht nur die Leute, Pflanzen und Tiere vor Ort bedroht, sondern auch den restlichen Planeten. ... Kurz gesagt: Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, von Wissenschaftlern mehr Hilfe benötigen als die Arktis. Und der Krieg hat deren Forschung verkümmern lassen. 'Es ist herzzerreißend', sagt Anne Husebekk, Expertin für Wissenschaftsdiplomatie und Professorin an der Arctic University of Norway, wo sie einem Komitee des Internationalen Wissenschaftsrats für akademische Freiheit vorsitzt. In der Ukraine, sagt sie, 'müssen nicht nur Forscher als Soldaten im Krieg kämpfen, weil sie nicht bleiben können, sondern die Infrastruktur ist komplett zerstört. Die Universitäten funktionieren nicht mehr.'"

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - Hakai

In der Antarktis wird diesen Sommer gut was los sein: Um die 100.000 Touristen werden erwartet, das Geschäft mit den Reisen ins Packeis boomt bei ansehnlich zweistelligen Wachstumraten, schreibt Jen Rose Smith. Umweltschützer sehen darin ein gewaltiges Problem - nicht nur wegen der hohen CO2-Ausstöße, die mit einem Besuch in der Antarkis einhergehen, und weil der Tourismus das Eis zum Schmelzen bringt: "Jede touristische Ankunft schlägt mit 75 Tonnen Schneeverlust zu Buche, so eine Studie aus dem Jahr 2022, da der schwarze Ruß, den ein Kreuzfahrtschiff ausstößt, den Tauprozess beschleunigt, indem er das Sonnenlicht abschirmt." Aber auch eingeschlepptes Saatgut auf der Kleidung der Touristen ist ein Problem, "da ein Großteil des Tourismus in den eisfreien Küstenzonen stattfindet, wo sich die größte, erdgebundende Biodiversität des Kontinents befindet. Dort nicht angestammte Pflanzen werden mit der voranschreitenden Klimaerwärmung nur noch hartnäckiger. Die antarktische Ökologin Dana Bergstrom (...) hat erforscht, welches Risiko Besucher darstellen, die invasive Pflanzen einschleppen, indem sie deren Hosentaschen und Pullover abgesaugt hat. ... 'Bei diesen Staubsaugereien sind wir auf alle gängigen Unkrautarten aus Nordamerika und Europa gestoßen.' Das Wiesen-Rispengras, dessen Samen vier Jahre lang überleben können, ist nun in der Antarktis fest zuhause. ... Die Folgen des antarktischen Tourismus in den Griff zu kriegen erweist sich als kompliziert. In der Antarktis gibt es keine nationale Regierung, die Kontrolle ausüben könnte, die Gouvernance wird vom Antarktisabkommen aus dem Jahr 1961 gewährleistet, das von 55 Parteien getragen wird. Regeln für die Antarktis festzulegen ähnelt daher eher dem, wie man mit Weltallschrot im Erdorbit fertig wird als den Tourismus im spanischen Barcelona oder auf den Osterinseln zu regulieren. 'Es gibt da einfach viele verschiedene Instanzen mit geopolitischen Interessen und sie alle arbeiten zusammen, um diesen riesigen Teil der Erde zu verwalten und das macht es schwierig, dass eine Stimme hier das Ruder übernimmt', sagt Peter Carey vom Polar-Institut des Wilson-Centers. 'Man muss alle 55 Instanzen dazu bringen, zu sagen: Ja, so machen wir das. Das ist die größte Herausforderung.'"

Magazinrundschau vom 21.03.2023 - Hakai

Kann Seetang Klimakrise und Nahrungsmittelknappheit auf einmal lösen? Oder bringt er doch nur altbekannte Probleme mit sich? Dieser Frage geht Nicola Jones nach. Das Gewächs wird als sehr vielseitig beschrieben, soll roh wie gekocht verzehrbar sein, für die Herstellung von Bioplastik dienen und Schadstoffe filtern können, erfährt Jones, aber die Forschungsgrundlage ist dünn. Auch mögliche Risiken müssen noch besser erforscht werden: "Die Auswirkungen auf Ökosysteme können kompliziert sein. Ein dichter Algen-Wald, zum Beispiel, an einem Ort, wo vorher keiner war, kann Licht und Nährstoffe im umliegenden Areal beeinflussen - nicht unbedingt zum Guten. Der Seetang könnte theoretisch andere Organismen verdrängen. Der Anbau riesiger Mengen dieser Art in großem Maßstab könnte weitreichende negative Auswirkungen auf das Meeresklima und die Nahrungskette haben. Und der Anbau großer Mengen einer einzigen Kulturpflanze könnte eine Reihe bekannter Probleme nach sich ziehen - an Land haben sich Monokulturen, die auf hohe Gewinnspannen abzielen, bekanntermaßen als problematisch für die Artenvielfalt und die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Wetterbedingungen oder Krankheiten erwiesen."
Stichwörter: Seetang, Klimakrise

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - Hakai

Wie man aus Scheiße Gold macht, das hat man in Mumbai zwar auch noch nicht herausgekriegt. Aber wie man dort mit Fäkalien unwillentlich ein Paradies für Flamingos schafft, das kann man dort lernen. Weit über 100.000 dieser schönen Vögel kann man dort beobachten, berichtet Vaishnavi Chandrashekhar - ein überwältigender Anblick. "Die Flamingos kommen überhaupt erst seit den Neunzigern in signifikanter Anzahl zu Besuch. Wie die Stadt in den Siebzigern und Achtzigern wuchs, so wuchs auch die Menge an ungeklärtem Kanalwasser, das in die Thane-Creek-Bucht abfloss. Dort nährte es die Algen, von denen sich die Flamingos hauptsächlich ernähren, So entstand ein Ort, an dem die Vögel sich gut fortpflanzen können." Auch die Forschung interessiert sich für die jährlichen Besucher: "Im Juni 2021 wurde ein in Mumbai mit einer Markierung versehener Sichelstrandläufer, der in Sibirien brütet, 4500 Kilometer weiter entfernt im chinesischen Tianjin gesehen. Im April traf man einen 2018 von einem Forscherteam markierten Rotschenkel in Russland an. Die Region um Mumbai scheint ein wichtiger Zwischenstopp auf der zentralen, asiatischen Flugstrecke zu sein, eine Wander-Luftroute zwischen der Arktis und dem indischen Ozean, erklärt der Biologe Mrugank Prabhu. ... Aber auch wenn die Umweltverschmutzung gut für die Flamingos ist, war sie doch tödlich für die Fische. Die Fisch-Diversität in der Bucht hat seit den Achtzigern dramatisch abgenommen: Von 22 Spezies, die man dort in den frühen Neunzigern noch nachweisen konnte, zu den gerade mal zwölf, die man dort in einer Untersuchung im Jahr 2000 noch fand. Dieser Niedergang wird einerseits mit der industriellen Verschmutzung aus früheren Jahrzehnten erklärt, aber aber auch mit dem Anstieg von Abwassern und Müll in den letzten Jahren. Solche Änderungen in der Quantität und Zusammensetzung des Schlamms könnte auch die Organismen auf dem Watt verändern."