Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 23.02.2021 - La vie des idees

Das Beispiel Polen zeigt, dass autoritäre Regimes keineswegs besser in der Lage sind, eine Krise wie die Pandemie zu bewältigen, schreibt die Politologin Jolanta Kurska. Polen ergriff zwar früh drastische Maßnahmen, aber da sei es darum gegangen, den schlechten Zustand des Gesundheitswesens zu kaschieren. Das Virus habe dann in der Folge die national-populistischen Tendenzen noch verstärkt, wie man beim Abtreibungsgesetz sehen konnte, das "mitten im Lockdown aus dem Gefrierfach gezogen" wurde. Administrativ habe die Bekämpfung des Virus nur Durcheinander ausgelöst. Und "die Liste plötzlicher und unüberlegter Entscheidungen ist lang. Entstanden ist daraus ein kommunikatives Chaos und die Überzeugung, dass die Behörden auf die Schnelle agieren und eher Partei- und politischen Interessen folgen als denen der Bürger. Zugleich wurden Informationsrechte über die Pandemie eingeschränkt, wodurch man Raum für Zweideutigkeiten und und Zweifel ließ. Und die Statistiken auf nationaler und kommunaler Ebene sind ebenfalls unklar: Die nationalen Zahlen liegen oft unter den addierten Zahlen aus den Kreisen." Aber eine klare Zahl weiß Kurska zu nennen: Die Übersterblichkeit liegt in Polen, vergleichen mit den Jahren 2016 bis 19, bei 40 Prozent.
Stichwörter: Polen, Coronakrise

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - La vie des idees

Ein Buch französischer Autoren, die den Kapitalismus verteidigen - das lässt aufhorchen. Dominique Guellec bespricht die Studie "Le Pouvoir de la destruction créatrice" von Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bunel, die überzeugt sind, dass sich die großen Herausforderungen der Menschheit - besonders der Klimawandel - nur mit, nicht gegen den Kapitalismus bewältigen lassen. Allerdings durch einen gezähmten Kapitalismus, dem staatliche Vorgaben gemacht werden müssen. Nur so lassen sich Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt, die durch "schöpferische Zerstörung" angerichtet werden, abfedern. Eine weitere spannende Frage ist, ob China innovativ sein kann: "Die Autoren betonen, dass die großen Innovationen des letzten Jahrhunderts alle in demokratischen Staaten realisiert wurden. Der Grund dafür ist, dass Innovation die Möglichkeit des Vorantastens und der Vielfalt braucht, Charakterzüge, durch die sich Diktaturen normalerweise nicht auszeichnen. Daraus könnte man schließen, dass China nicht innovativ ist: aber alle Indikatoren zeigen das Gegenteil, sowohl im Gebiet der Technologie als auch der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens. Es ist noch nicht auf dem Niveau der avanciertesten Länder, aber auf dem besten Wege, und die Frage ist, ob sein politisches System bremst, bevor es eine bestimmte Grenze erreicht. Chinesische Politiker sind sich des Themas wohl bewusst und zeigen großen Erfindungsreichtum, um das Monopol politischer Macht mit Konkurrenz in wirtschaftlichen Dingen zu verbinden."
Stichwörter: Kapitalismus, Klimawandel

Magazinrundschau vom 05.01.2021 - La vie des idees

La Vie des Idées, dieses schöne Aushängeschild des Collège de France, gerät leider auch immer mehr in den Bann der Social Justice Theorien und ihrer Programmatik. Rückhaltlos begeistert vollzieht Naïma Hamrouni die Zirkelschlüsse Magali Bessones nach, die sich in ihrem Buch "Faire justice de l'irréparable" für postkoloniale Reparationszahlungen stark macht. Das Argument, dass heute weder die Opfer noch die Täter mehr leben, werde von der Philosophin entkräftet. Denn Sklaverei und Kolonialismus wirkten in der heutigen Republik ungemindert und unentrinnbar fort: "In der Tat zeigt sie in einem Kapitel, das die Zeit von der Abschaffung der Sklaverei bis zur Dekolonisierung im Detail untersucht, dass die juristische, ökonomische und soziale Struktur Frankreichs nicht nur durch die koloniale Expansion und die Versklavung von Millionen möglich gemacht wurde, sondern dass Frankreich auch heute noch rassistische Ungleichheiten produziert. Anders als in philosophischen Lehrbüchern, die die Apologie der Aufklärung betreiben, und von gewissen Intellektuellen und Politikern behauptet, waren Sklavenhandel und Sklaverei keine Anomalien oder Anachronismen, die den Werten und Idealen der Republik widersprachen, sondern diese ist aus ihnen entstanden, theoretisiert und gerechtfertigt von ihren größten Philosophen."
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Magazinrundschau vom 13.10.2020 - La vie des idees

Das Massaker von Oradour sur Glane, bei dem die SS-Division "Das Reich" knapp 700 Menschen ermordete, ist das schlimmste Ereignis dieser Art, das in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hat. Oradour wird bis heute als Gedenkstätte erhalten. Der Historiker Geoffrey Koenig setzt das Massaker in den Kontext, zeigt, dass es auch in Frankreich nur ein Massaker von vielen ist und schildert die grauenhaften Details der Ermordungen: Die Männer wurden erschossen, 450 Frauen und Kinder in eine Kirche gedrängt, in die dann Erstickungs- und Handgranaten geworfen wurden. Und doch ist auch dieses Ereignis noch in einen weiteren Kontext zu setzen: Frankreich wurde zum Bloodland. "Das Erhängen Dutzender Zivilisten mitten in der Stadt wie in Tulle ist ein Echo der Ausschreitungen gegen die Bevölkerung von Charkow oder Kiew, wo genauso verfahren wurde. Die Umzingelung eines Dorfes, die Hinrichtung seiner Bewohner, gefolgt von der Zerstörung durch Feuer, ist eine Methode, die schon in Lidice in Böhmen, in den weißrussischen Regionen Witebsk und Minsk und andernorts eingeübt wurde. 'Das Reich' handelte in Frankreich also nicht innovativ. Im Gegenteil, man handelte genauso wie im Osten, nur dass man das Ausmaß nicht erreichte."

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - La vie des idees

George Eliot, die Autorin von "Middlemarch", hat (neben anderen) auch Spinoza, einen der schwierigsten Philosophen überhaupt, aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt. Die Übersetzung der "Ethik" wurde erst jetzt publiziert (bestellen) und ist im Rang den besten bisherigen Übersetzungen ins Englische gleichzusetzen, schreibt Steven Nadler in einer vielleicht etwas spezialistischen, aber faszinierend zu lesenden Besprechung. "Es war uns bekannt, dass die Romanautorin und Dichterin Mary Ann (später Marian) Evans, alias George Eliot sich für das sephardische Judentum interessierte. Daniel Deronda, der Held des gleichnamigen Romans, ist ein britische Jude mit sephardischen Wurzeln. Aber es ist ein weiter Weg von einer Fiktion über einen Proto-Zionisten des 19. Jahrhunderts, der mit seiner Familiengeschichte zu kämpfen hat, bis zum Versuch, einem zeitgenössischen Publikum die Behauptungen, Beweisführungen und Skolien der Ethik nahezubringen." Eliot ging sehr systematisch vor, so Nadler. Zunächst "übersetzte sie einen ganzen Teil der fünf Teile der Ethik, dann revidierte sie die Übersetzung, bevor sie zum nächsten Teil überging. Nach dem ersten Durchgang ging sie nochmal zum Manuskript zurück für weitere Revisionen. Die Revision des ersten Teils vollendete sie in einem Monat, während sie mit George Henry Lewes (ihrem Freund und Liebhaber) durch Deutschland reiste, aber andere Projekte - darunter Artikel über Milton, Mary Wollstonecraft und Thomas Carlyle - verlangsamten ihren Schwung beim Rest des Werks."

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - La vie des idees

Der Député Jean-Baptiste Belley, porträtiert von Anne-Louis Girodet im Jahr 1797
Die Aufklärung ist ein Zeitalter der Stereotypisierung und Klassifizierung und damit auch ein Ursprung des Rassismus, lernt Guillaume Mazeau aus Anne Lafonts Band über "L'art et la race - L'Africain (tout) contre l'œil des Lumières". Immerhin, gesteht sie ein, "fördert die Aufklärung zugleich die Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels und den Aufstieg antikolonialer Kritik, die Verschärfung der Segregation nach Rassen und den Abolitionismus". Auch war das 18. Jahrhunder ein großes Zeitalter des Porträts, und bei Malern wie Maurice Quentin La Tour waren schwarze Personen keineswegs verdinglicht oder erniedrigt, so Mazeau. "Aber die Lücke ist schmal: Nur einige Gesichter zeichnen sich durch den Nebel der Millionen Gesichtslosen ab, wie zum Beispiel der stolze Abgeordnete Jean-Baptiste Belley, den der Maler Girodet im Salon von 1797 ausstellt oder Yarrow Mamout, gemalt von Charles Willson Peale (1819). Denn Revolutionen sind auch eine Zeit der Unsichtbarmachung von Minderheiten, denen der Bürgerstatus verwehrt wird: Anne Lafont zeigt, wie der afro-indianische Aufständige Crispus Attucks, eines der ersten Opfer des Massakers von Boston von 1770, von Gravuren gelöscht wird. Abgesehen von wenigen Ausnahmen ist der revolutionäre Heroismus der atalantischen Revolution weiß und männlich, wie es auch das Schickal Toussaint-Louvertures bezeugt, dieses 'Helden ohne Bildnis'."

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - La vie des idees

Felipe Brandi führt ein sehr ausführliches und fast trockenes Gespräch mit dem hochrangigen brasilianischen Mediziner Marcello Barcinski über die Corona-Krise in Brasilien. Barcinski betont nicht ohne Stolz, dass es im Gesundheitsministerium des Landes eigentlich eine hohe Kompetenz gibt und dass einige brasilianische Universitäten führend sind bei der Erforschung von Infektionskrankenheiten. Aber da ist auch "ein Präsident der Republik, der völlig unqualifiziert ist, ein Land in der Krise zu führen. Und darum muss Barcinski die Lage so beschreiben: "Das Gesundheitsministerium, das seit dem 15. Mai ohne Minister auskommen muss, versagt total in der Aufgabe, das Land durch die Krise zu führen und Vorgaben zu machen - im Moment steht das Ministerium unter dem Kommando eines Armeegenerals als vorläufigem Minister. Darum sind die verschiedenen Staaten und Kommunen völlig isoliert und müssen jeder für sich eine eigene Politik entwickeln, um die soziale Distanzierung und die Maßnahmen für die Rückkehr zur Normalität zu koordinieren. Es gibt keine Übereinstimmung zwischen der Zentralregierung und den verschiedenen föderalen Niveaus, und diese Divergenz... und der fast völlige Mangel an Information über die Realität der Pandemie haben zu einer enormen Verwirrung in der Bevölkerung geführt. Brasilien ist ohne Zweifel eines der Länder, die die Krise am schlechtesten managen."

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - La vie des idees

Korine Amacher lässt die Etappen des "Kriegs der Schulbücher" Revue passieren, der in Russland bei den Büchern für den Geschichtsunterricht tobte. Einer freien Periode in den Neunzigern folgte eine Rückkehr bis hin zu einer forcierten Rehabilitation Stalins, die aber wegen breiter Proteste wieder aufgegeben wurde. Nun gibt es eine allgemeine Leitlinie der Regierung, der drei Schulbuchverlage mit einem gewissen Spielraum folgen: "In der Leitlinie und also den Schulbüchern ist der Wille, die dunklen Aspekte der russischen Geschichte auszublenden, deutlich. Aber es geht auch darum, widerstreitende Standpunkte zu versöhnen. Darum sind extreme Aussagen monarchistischer Schulbücher (die um 2000 dominierten, d.Red.) und vor allem auch die Diatriben gegen den Westen verschwunden. Die russische Geschichte wird nun als ein Teil weltweiter Prozesse beschrieben, auf den der 'größte multinationale und und multireligiöse Staat der Welt' einen tiefen Einfluss hatte. So können die Anhänger einer patriotischen Geschichtsschreibung zufrieden sein, denn die neuen Schulbücher halten sich an die Ermahnungen von ganz oben: sie flößen den Schülern Stolz auf die russische Geschichte ein."

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - La vie des idees

Alexis Lacroix führt ein langes Gespräch mit Manuel Valls, dem ehemaligen sozialistischen Premier unter François Hollande, der vor den letzten Präsidentschaftswahlen noch als möglicher Kandidat für den Elysée-Palast galt und dann nach Barcelona ausbüchste, wo er sich unter die Lokalpolitiker mischte (natürlich nicht auf der Seite der Separatisten) - Valls hat beide Nationalitäten. Im Gespräch erinnert er auch an seine Kämpfe mit der extremen Linken und Rechten in Frankreich, besonders an den fanatischen postkolonialen Antisemiten Dieudonné: "Dieses 'Bündnis' - ich setze es in Anführungszeichen - zwischen Neonazismus à la Alain Soral und Figuren, die eher von links kommen - auch wenn das alles nicht viel heißen will - ist äußerst ungesund, beunruhigend. Es muss bekämpft werden, und zwar in erster Linie durch die Justiz, denn es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Rassismus und Antisemitismus keine Meinungen, sondern als Volksverhetzung Delikte sind. Ich glaube, dass die Macht von Dieudonné immer noch unterschätzt wird. Als ich als Innenminister den Stier bei den Hörnern packte und ihn ab 2013 stellte - auch andere hatten es vor mir getan - konnte ich mir ein Bild von seiner Gewalttätigkeit und seinem Einfluss in vielen Kreisen machen."

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - La vie des idees

Wie soll ein Land wie Indien, in dem 92 Prozent der Menschen in "informellen" Verhältnissen arbeiten, einen Lockdown durchstehen, fragt eine Gruppe von Indienforschern in einem gemeinsamen Artikel. Als informell gelten Arbeitsverhältnisse ohne Vertrag, die keinen Schutz und keine Gewähr auf Kontinuität bieten. Unter diesem Aspekt gerät die Coronakrise in Indien mit ihren bisher noch harmlos wirkenden Zahlen in ein dramatisches Licht: "Viele Medien haben kulturalistische Klischees bemüht und machen eine 'kulturelle' Unfähigkeit aus, das Prinzip der sozialen Distanz zu akzeptieren. Aber lange, bevor dies eine 'kulturelle' Frage ist - sofern dieses Argument überhaupt triftig ist -, sind Bewegung und soziale Bindung in einem Umfeld, wo nur eine Minderheit sozial abgesichert ist, schlicht notwendig für Überleben und Sicherheit." Die Autoren schätzen allein die Zahl der Wanderarbeiter auf 100 Millionen: "Dies schließt Bewegungen über lange Distanzen und zwischen Bundesstaaten mit starken Strömen aus den ärmsten Staaten im Nordosten Indiens in Richtung der Staaten mit größerer Beschäftigung im Westen und Süden ein."
Stichwörter: Indien, Coronakrise, Lockdown