Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 17.05.2022 - La vie des idees

Die Politologin Clémentine Fauconnier hat über Wladimir Putins Partei "Einiges Russland" geforscht. Im Gespräch mit Florent Guénard erzählt sie, wie diese Partei durch zahllose Manipulationen bei den Wahlen immer wieder eine "Supermehrheit" erreichte. Flankiert wurden diese Manipulationen durch Verfassungsänderungen und eine immer rigidere Gesetzgebung, die die Zivilbevölkerung einschränkte. Viele jüngere und qualifizierte Russen verließen das Land schon vor dem Krieg. Die Zwangsmaßnahmen wurde lange Zeit jedoch "durch die Aufrechterhaltung gewisser Freiheiten - insbesondere bis vor kurzem im Internet - als auch durch ein wirtschaftliches Wachstum, das die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbesserte, ausgeglichen. Seit Putins Rückkehr ins Präsidentenamt im Jahr 2012 ist die repressive Dimension immer stärker in den Vordergrund gerückt. Die dramatische Verschärfung, die durch den Ausbruch des Krieges in der Ukraine verursacht wurde, wirft die Frage auf, ob der russische Staat in der Lage ist, die Gesellschaft wirklich so stark zu kontrollieren, da es insbesondere an wirklichen Führungsstrukturen und einer mobilisierenden Ideologie fehlt."

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - La vie des idees

Mit sehr viel Kritik im Detail und dennoch positiver Tendenz bespricht der Anthropologe Charles Stépanoff das auch in Deutschland gefeierte Grundlagenwerk "Anfänge - Eine neue Geschichte der Menschheit" von David Graeber und David Wengrow. Als größten Erkenntnisgewinn nimmt er mit, dass Geschichte nicht so einsträngig Richtung Domination und Herrschaft lief, wie es sich westliche Geschichtsschreibung ausmale: "Diese Oszillationen implizieren, dass sich die Mitglieder dieser Gesellschaften der Möglichkeit bewusst waren, zwischen verschiedenen politischen Systemen wählen zu können, ohne sich auf eines festzulegen. Graeber und Wengrow leiten daraus überzeugend ab, dass die grundlegende Frage nicht so sehr die nach der Entstehung von Herrschaft ist, deren zeitweilige Existenz wahrscheinlich schon sehr lange zurückliegt, sondern die nach der Unterbrechung der Oszillationen und der Verfestigung von Hierarchien."

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - La vie des idees

Kriege wie Putins Angriffskrieg auf die Ukraine sind getrieben von einer kulturellen Vision, und darum braucht es eine Kulturgeschichte des Kriegs, sagt der in Ohio lehrende Militärhistoriker Bruno Cabanes in einem luziden Gespräch mit Florent Guénard: "Man kämpft immer mit dem, was man ist: Das ist es, was uns ein halbes Jahrhundert Arbeit an der Kulturgeschichte des Krieges gelehrt hat. Was sich in Konflikten abspielt, ist tief in der kollektiven Vorstellungswelt vergraben. Wie sonst ließe sich erklären, dass beispielsweise die von Serbien eingeleitete Kampagne der ethnischen Säuberung in einer wortreichen Rede angekündigt wurde, die der nationalistische Führer Slobodan Milosevic am 28. Juni 1989 zum 600. Jahrestag eines Ereignisses hielt, das im übrigen Europa so gut wie unbekannt war: die Schlacht auf dem Amselfeld? Die Aufgabe der Historiker besteht nun darin, die Fäden zu entwirren, die diese Episode der Militärgeschichte des 14. Jahrhunderts mit den Gräueltaten, die Ende des 20. Jahrhunderts begangen wurden, verknüpfen." Auch durch die Form der Gewalt gegen Städte und Zivilisten, sinsd Putins Kriege mit denen im ehemaligen Jugoslawien verbunden, sagt Cabanes.

In Frankreich kursiert mehr noch als in Deutschland der Topos, dass rechte Literaten die besseren Stilisten seien. Vincent Berthelier geht diesem Topos in einem sehr kenntnisreichen Essay auf den Grund. Zu den Autoren, die dieses Märchen verbreiteten, gehörten in Frankreich nach dem Krieg die "Husaren", eine Gruppe reaktionärer Dandys, auf die sich auch die Nouvelle Vague bezog. Die politische Funktion dieses Diskurss war es für Berthelier, "das Engagement der literarischen Rechten für Vichy und Hitler während der Besatzungszeit zu minimieren und die älteren Kollegen (Louis-Ferdinand Céline, Paul Morand, Jacques Chardonne, Pierre Drieu La Rochelle und so weiter) zu rehabilitieren, indem sie diese als Stilisten darstellen." Die meisten dieser Autoren sind heute nur mehr für Literaturwissenschaftler interessant, aber bei Céline wirkt der Topos des Stilisten bis heute fort. Über ihn schreibt Berthelier: "Mit der Entwicklung eines Stils, der von der gesprochenen Sprache inspiriert ist, strebt Céline nicht nur nach Authentizität: Er will das Volk als ethnisch gesundes und homogenes Element ansprechen, die 'weiße Bauernrasse' wachrütteln. In der Zeit der Pamphlete (und vielleicht sogar schon vorher) wurde Célines Stil also von seinem Autor als rassistisch, nationalistisch und mobilisierend konzipiert. Erst in der Nachkriegszeit entpolitisierte Céline aus taktischen Erwägungen seinen Diskurs über den Stil und betonte die formale Dimension seines Werks."
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Stichwörter: Stil, Stilistik, Celine

Magazinrundschau vom 14.12.2021 - La vie des idees

Anouk Grinberg ist eine der bekanntesten Theaterschauspielerinnen Frankreichs. In ihrem Buch "Dans le cerveau des comédiens - Rencontres avec des acteurs et des scientifiques" stellt sie sich eine Frage, die in mehrerer Hinsicht aktuell ist. Nämlich ob das, was sie produziert, wenn sie spielt, Wahrheit oder Lüge ist. Dafür hat sie jahrelang mit Neurowissenschaftlern diskutiert, und spricht hier mit Ivan Jablonka von La Vie des Idées über Experimente per Magnetresonanztomographie, in denen sie mal als sie selbst, mal als Julia aus "Romeo und Julia" spricht und sich herausstellt, dass das Hirn Platz für mehrere Personen hat, die in der ersten Person sprechen. "In diesem Romeo-und-Julia-Experiment zeigt sich auch, dass das, was im Hirn der Schauspieler vor sich geht, mit Besessenheit zu tun hat, wie in afrikanischen Riten. Ihr Geist wird von einem anderen bewohnt, mit dem Unterschied, dass bei echten Besessenheitsriten die besessene Person wirklich ihrer selbst beraubt wird, während man bei den Schauspielern, die gerade arbeiten, sieht, dass sie nicht ihrer selbst beraubt werden. Das überschneidet sich mit der Erfahrung des Schauspielens: Wenn du dich völlig von dir selbst entkoppelst, kannst du die Figur nicht mehr nähren. Man braucht sein Selbst, um den anderen existieren zu lassen, und gleichzeitig muss das Selbst taktvoll genug sein, um so weit zu verschwinden, damit der andere zu Tage tritt."

Magazinrundschau vom 29.06.2021 - La vie des idees

Die Republik Irland hat sich säkularisiert. Die Katholische Kirche, die praktisch mit dem Erziehungs- und Sozialsystem des Landes identisch war, hat durch die Missbrauchsskandale Autorität verloren. Die Historikerin Nathalie Sebbane belegt das durch viele Zahlen. Aber Irland lebt im Widerspruch. Auch wenn die Bevölkerung in Referenden mit großer Mehrheit der Schwulenehe zugestimmt hat - der größte Teil der Schulen bleibt katholisch, und "das Gewicht der religiösen Tradition bleibt stark. Ein Lehrplan für Beziehungs- und Sexualerziehung in katholischen Grundschulen, der jüngst veröffentlicht wurde, ist ein typisches Beispiel dafür. Das Dokument mit dem Titel 'Flourish' aus dem Frühjahr 2021 besteht darauf, dass Sexualerziehung nicht von einem katholischen Wertesystem getrennt werden kann, einschließlich der Idee, dass die Ehe heilig und nur zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts möglich ist. Jede andere Version der Ehe wird daher als illegitim angesehen. Der Text bekräftigt auch die Unterordnung der Sexualität unter das Sakrament der Ehe."

Magazinrundschau vom 08.06.2021 - La vie des idees

Akribisch zeichnen Artur Kula und Judith Lyon-Caen den Prozess gegen die polnischen Historiker Jan Grabowski und Barbara Engelking nach, der weltweit Aufsehen erregte (unsere Resümees), weil er zeigte, dass das Kaczynyski-Regime mit juristischen Mitteln in die Arbeit von Historikern eingreift. Eine Polin hatte gegen die beiden geklagt, weil sie das Gedächtnis ihre Onkels beschädigt sah, der zwar Juden gerettet, aber auch beraubt hatte. Das Gericht ließ sich zwar nicht ganz auf die Klage ein, verurteilte die Historiker aber, sich zu entschuldigen. Und das Urteil liest sich für die Autoren von La Vie des Idées als ein Eingriff in Geschichtsschreibung: "Wer immer auch Polen Verantwortung für die Ermordung von Juden während der deutschen Besatzung zuschreibt, gilt als jemand, der die fundamentale Tatsache in den Hintergrund stellt, dass Polen als Ganzes ein Opfer der Deutschen war. Wenn man also beginnt, die Ermordung oder Enteignung der polnischen Juden den nichtjüdischen Polen zuzuschreiben, dann 'relativiert' man das Leiden der Nation und kann so in jedem polnischen Bürger das Gefühl der nationalen 'Zugehörigkeit' (przynależność) und 'Würde' (godność) verletzen, man schadet dem nationalen 'Erbe' (dziedzictwo)." Alles Begriffe, die nun offenbar Eingang in das polnische Recht finden.

Magazinrundschau vom 01.06.2021 - La vie des idees

Janine di Giovanni schrieb neulich in The Atlantic, dass Handyvideos ein Hauptmaterial sein werden, um die Verbrechen Baschar al-Assads zu dokumentieren (unser Resümee). Flankierend lässt sich Cécile Boëx' Artikel lesen, der den Syrienkrieg von vornherein auch als einen Krieg der Bilder beschreibt. Auffällig sei zum Beispiel, dass Schergen des Diktators ihre Untaten oft selbst mit ihren Handys filmten und ins Netz stellten - von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt: "Es wurden keine Maßnahmen ergriffen, um diese weit verbreitete Filmpraxis innerhalb des Repressionsapparates zu kontrollieren. Die begrenzte Sichtbarkeit dieser verschiedenen Videos, die die Missbräuche des Regimes dokumentieren, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass es sich um 'schlechte' Bilder handelt: Die Auflösung ist oft schlecht, die Kamerabewegungen sind ruckartig, es fehlen Hinweise zur Kontextualisierung und nur wenige Videos sind übersetzt. Kaum nachvollziehbar für ein externes Publikum und meist auf eine syrische 'Öffentlichkeit' beschränkt, tragen diese Videos dazu bei, das Klima der Straflosigkeit und des Schreckens zu verbreiten."

Magazinrundschau vom 11.05.2021 - La vie des idees

Ausführlich unterhält sich Florent Guénard mit der Rechtsprofessorin und Spezialistin für internationales Strafrecht Rafaëlle Maison über den Ruanda-Bericht der Commission Duclert, die auf Weisung Emmanuel Macrons die französische Mitverantwortung am Genozid an den Tutsis untersuchte. Und man muss sagen, dass dieser tausendseitige Bericht nichts beschönigt (obwohl die Autoren laut Maison manchmal ein wenig durch die Blume sprechen). Die Juristin scheut sich nicht von Komplizenschaft zu sprechen, die eine rassistische Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern einschloss. Der Bericht ist laut Maison aber auch schonungslos in der Beschreibung französischer Funktionseliten, wie sie sich in einer absolut gleichgeschalteten, zugleich pompösen wie feigen diplomatischen Hierarchie zeigte. "Die Kommission wirft einen harten, ja erschreckenden Blick auf die Kultur der Verwaltungsspitze und der staatlichen Eliten..., nachdem sie auf dieser Ebene in den Archiven nur auf eine 'winzige Anzahl von Akteuren der französischen Geschichte in Ruanda' gestoßen ist, die 'klare Positionen' vertreten haben. Der Bericht weist darauf hin, dass kritische Äußerungen, die 'als gegen die Interessen Frankreichs gerichtet beurteilt wurden', manchmal zu Sanktionen oder 'Karriereverzicht' geführt haben. Unter den Empfehlungen finden sich auch einige, wenn auch diskrete Empfehlungen, die darauf abzielen, diese Gehorsamskultur (der Begriff wird von der Kommission nicht verwendet) abzubauen."

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - La vie des idees

Die Soziologin Isabelle Sommier ist eine Spezialistin für politische Gewalt. In La Vie des Idées fasst sie ihre Forschungsergebnisse zur Gewaltstruktur von K-Gruppen zusammen, die es auch in Frankreich gab. Sie beschreibt sie als sektenartige Organisationen, die sich mit brutaler Intensität gegen die Einsicht in die eigene Absurdität wehrten, bis sie mit einem traurigen Rülpser um 1980 implodierten. Die Parteien waren extrem machistisch: "Die Beschwerden linker Frauen sind vielfältig und darüber hinaus allen politischen Organisationen gemeinsam, ob sie als Parteien organisiert oder Protestbewegungen waren. Die Dreifachbelastung (Aktivismus, berufliche Belastung, Hausarbeit) wurde ignoriert. Die Aufgaben wurden nach Geschlechtern aufgeteilt und führten zur Abwertung der Frauen. Es gab symbolische sexuelle Gewalt (die Aufforderung, 'befreit' zu sein und sich dem männlichen Begehren zu fügen) und manchmal auch reale Gewalt (Vergewaltigungen oder sexuelle Belästigung bei der trotzkistischen Partei LCR oder 'Révolution')."

Magazinrundschau vom 16.03.2021 - La vie des idees

Die Russlandexpertin Françoise Daucé zieht im Gespräch mit Florent Guénard und Jules Naudet  eine sehr nüchterne Bilanz der politischen Lage in Russland. Auf die Frage, warum keine wirkliche Opposition zustande kommt, verweist sie einerseits auf Proteste in der Provinz, die durchaus mal reüssieren können wie in Chabarowsk im fernen Osten. Zugleich aber erklärt sie die immer wieder einkehrende Friedhofsruhe schlicht mit der Angst der Bürger vor der Repression. Unter Putin funktioniert vieles nicht - auf die staatliche Repression aber ist noch Verlass, so Daucé: "Es sollte auch beachtet werden, dass neben der sichtbaren Polizeigewalt auf der Straße der Zwang oft an Mittelsleute weitergereicht wird. Universitäten können gegen mobilisierte Lehrer oder Studenten vorgehen, öffentliche Verwaltungen gegen ihre Angestellten und neuerdings werden auch die Eltern aufgefordert, für das gute Benehmen ihrer pubertierenden Nachkommen zu sorgen. Es wird also eine Form der Delegation von Kontrolle innerhalb der Gesellschaft ausgeübt."