Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 26.05.2020 - La vie des idees

Alexis Lacroix führt ein langes Gespräch mit Manuel Valls, dem ehemaligen sozialistischen Premier unter François Hollande, der vor den letzten Präsidentschaftswahlen noch als möglicher Kandidat für den Elysée-Palast galt und dann nach Barcelona ausbüchste, wo er sich unter die Lokalpolitiker mischte (natürlich nicht auf der Seite der Separatisten) - Valls hat beide Nationalitäten. Im Gespräch erinnert er auch an seine Kämpfe mit der extremen Linken und Rechten in Frankreich, besonders an den fanatischen postkolonialen Antisemiten Dieudonné: "Dieses 'Bündnis' - ich setze es in Anführungszeichen - zwischen Neonazismus à la Alain Soral und Figuren, die eher von links kommen - auch wenn das alles nicht viel heißen will - ist äußerst ungesund, beunruhigend. Es muss bekämpft werden, und zwar in erster Linie durch die Justiz, denn es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Rassismus und Antisemitismus keine Meinungen, sondern als Volksverhetzung Delikte sind. Ich glaube, dass die Macht von Dieudonné immer noch unterschätzt wird. Als ich als Innenminister den Stier bei den Hörnern packte und ihn ab 2013 stellte - auch andere hatten es vor mir getan - konnte ich mir ein Bild von seiner Gewalttätigkeit und seinem Einfluss in vielen Kreisen machen."

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - La vie des idees

Wie soll ein Land wie Indien, in dem 92 Prozent der Menschen in "informellen" Verhältnissen arbeiten, einen Lockdown durchstehen, fragt eine Gruppe von Indienforschern in einem gemeinsamen Artikel. Als informell gelten Arbeitsverhältnisse ohne Vertrag, die keinen Schutz und keine Gewähr auf Kontinuität bieten. Unter diesem Aspekt gerät die Coronakrise in Indien mit ihren bisher noch harmlos wirkenden Zahlen in ein dramatisches Licht: "Viele Medien haben kulturalistische Klischees bemüht und machen eine 'kulturelle' Unfähigkeit aus, das Prinzip der sozialen Distanz zu akzeptieren. Aber lange, bevor dies eine 'kulturelle' Frage ist - sofern dieses Argument überhaupt triftig ist -, sind Bewegung und soziale Bindung in einem Umfeld, wo nur eine Minderheit sozial abgesichert ist, schlicht notwendig für Überleben und Sicherheit." Die Autoren schätzen allein die Zahl der Wanderarbeiter auf 100 Millionen: "Dies schließt Bewegungen über lange Distanzen und zwischen Bundesstaaten mit starken Strömen aus den ärmsten Staaten im Nordosten Indiens in Richtung der Staaten mit größerer Beschäftigung im Westen und Süden ein."
Stichwörter: Indien, Coronakrise

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - La vie des idees

Cover des Buchs "Hourras et désarrois - Scènes d'une guerre culturelle en Pologne", das Zuk bei den Editions Noir sur Blanc herausgegeben hat. 
Anna Saignes führt ein höchst instruktives Gespräch mit der polnischen Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Agnieszka Zuk über die immer umfassendere Machtergreifung der PiS-Partei und der ihr nahestehenden katholischen Organisation "Ordo Iuris" über ein Polen, das sich nach 1989 so hoffnungsvoll geöffnet hatte und das sich in großen Teilen bis heute dem Westen zugehörig fühlt. Der Hauptwiderstand, so Zuk, kommt von Frauen, denn sie sind von den extrem verschärften Abtreibungsgesetzen existenziell betroffen. Der Prozess, der zum heutigen Backlash führte, ist komplex, und er kann nur durch einen scharfen gesellschaftlichen Widerspruch gebremst werden. Die katholische Kirche und der Ordo Juris, der zur rechtsextremen internationalen Allianz "Agenda Europe" (mehr hier) gehört, spielen eine besonders fatale Rolle: "Die Allianz zwischen der neuen Macht und der katholischen Kirche wurde ab dem Jahr 1993 mit einem Anti-Abtreibungsgesetz besiegelt, das als Kompromiss präsentiert wurde, aber in Wirklichkeit den ersten Schritt im Abbau von Frauenrechten bedeutete. Ein stillschweigendes Einverständnis zwischen der Kirche und der Politik führte zur Marginalisierung von Genderfragen, die nicht nur die reproduktiven Rechte der Frauen und die Gewalt in der Ehe, sondern auch um die Rechte der sexuellen Minderheiten betreffen. So haben die Politiker des freien Polen ihre symbolischen Schulden bei der katholischen Kirche bezahlt, die eine wesentliche Rolle bei der Mobilisierung der polnischen Gesellschaft gegen das kommunistische Regime spielte."
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Magazinrundschau vom 14.04.2020 - La vie des idees

Auch in Frankreich wird über die Szenarien des Ausstiegs nachgedacht - nachdem Emmanuel Macron die rigide Ausgangssperre bis zum 11. Mai verlängert hat. Das Problem ist, dass der Ausstieg graduell sein wird, dass die soziale Distanzierung zum Habitus werden wird, dass einige Branchen - nämlich alle mit Publikumsverkehr - noch über Monate und Monate leiden werden und der Streit darüber sich immer mehr verschärfen wird. Der Virologe Philippe Sansonetti skizziert in diesem Magazin des Collège de France, wie der Ausstieg verlaufen könnte. Und er kann sich eines Kommentars über die politischen Konsequenzen der Krise nicht enthalten: "Trauer um den europäischen Traum. Europa ist bei der Prüfung durch Covid-19 durchgefallen. Durchgefallen ist es schon zu Beginn der Krise, als es ohne Koordination mit einem zu erwartenden Rückfall in Nationalismen reagierte. Die am stärksten betroffenen europäischen Länder werden die Narben dieser nationalen Egoismen nicht vergessen. Europa scheint auch bei der Ausgangsprüfung durchzufallen. Eine gesundheitspolitische, wissenschaftliche, wirtschaftliche, soziale Koordinierung des Ausstiegs - dieses Moments aller Gefahren und Hoffnungen - wäre notwendig, aber auch dieser Ausstieg scheint auf nationaler Ebene zu geschehen. Was sind all die Milliarden Euros der Europäischen Zentralbank ohne eine gemeinsame und solidarische europäische Intelligenz wert?"

Magazinrundschau vom 24.03.2020 - La vie des idees

Es ist kaum zu glauben, aber es leuchtet ein, wenn man den Artikel Philippe Sansonettis liest: Die Corona-Krise hat auch positive Aspekte, nämlich in der Hinsicht, dass sie noch vor dreißig Jahren, als sich das Virus bereits genauso hätte verbreiten können, wesentlich schlimmer ausgefallen wäre. Sansonetti ist Mikrobiologe und Professor am Collège de France. Einer dieser positiven Aspekte ist für ihn "das sehr ungewöhnliche Tempo, mit dem diese Epidemie in Wuhan zunächst identifiziert wurde, kurz nachdem die Ärzte bizarre Formen der Lungenentzündung festgestellt hatten, von denen einige bereits einen schweren Verlauf genommen hatten. Die Diagnose, die noch vor zehn oder zwanzig Jahren, Wochen, ja Monate gebraucht hätte, weil man das Virus hätte isolieren und identifizieren müssen, ist durch molekulare Methoden in Tagen, ja Stunden erstellt worden - dank der Fortschritte im 'deep sequencing' der neuen Generation und der Bio-Informatik. Sie haben es erlaubt, die neue Desoxyribonukleinsäure in den Proben der infizierten Personen festzustellen… Man muss das vergleichen mit den Monaten und Jahren, die vor dreißig Jahren notwendig waren, um das Aids-Virus zu isolieren, wo man noch mit klassischen Methoden der Virologie vorgehen und das Virus züchten musste."

Magazinrundschau vom 17.03.2020 - La vie des idees

Die Geschichte Portugals gehört nicht zu den zentralen Disziplinen der europäischen Historiker. Um so mehr begrüßt Christophe Araújo, dass ein Buch des renommierten Historikers Fernando Rosas auf französisch zugänglich gemacht wird. "L'art de durer - Le fascisme au Portugal" erzählt vom Regime António de Oliveira Salazars, dessen zwei Hauptcharakteriska Rosas schon im Titel festhält. Seine Frage ist, wie Salazar es schaffte, so lange an der Macht zu bleiben, und ob sein Regime ein "Faschismus" war: eindeutig ja, so Rosas laut Araújo. Salazars Herrschaft hatte verschiedene Aspekte, resümiert Araújo. Die Angst vor Gewalt gehörte dazu und das enge Bündnis mit der katholischen Kirche: Und "die letzte Säule ist die Ideologie des 'Neuen Menschen'. Dieser Neue Mensch soll an den Mythos eines Portugals der Ursprünge anknüpfen sollte, das von armen, in der Tugend des katholischen Glaubens lebenden Bauern bevölkert war. Für Rosas ist diese Säule Kennzeichen einer totalitären Strukturierung der Gesellschaft: Der Neue Mensch wurde vor allem in den Schulen geschmiedet… Rosas zeigt auch, wie sich dieses Modell nach dem Zweiten Weltkrieg modernisiert, indem man sich der Kader entledigt, die den Nazis zu nahe standen, um zu zeigen, dass man nicht mehr mit den Achsenmächten verbündet ist und vor allem gegen die Kommunisten kämpft. So hoffte man, das Wohlwollen der Amerikaner zu erringen."

Magazinrundschau vom 11.02.2020 - La vie des idees

Begeistert stellt die Historikerin Anne-Marie Thiesse den monumentalen Reader "Europa - Notre Histoire, l'héritage européen depuis Homère" der Herausgeber Etienne François und Thomas Serrier vor, der auf Deutsch in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen ist. 109 Autoren erzählen darin multiperspektivisch die Geschichte Europas, oder besser vielleicht doch: lauter Geschichten aus eher kulturwissenschaftlicher Perspektive: "Das Ziel ist hier nicht mehr, eine tiefe Einheit und Kontinuität herauszuarbeiten, wie das in den nationalen Geschichten geschah", notiert Thiesse und macht klar, auf welch revolutionären Voraussetzungen das Unterfangen beruht: "Die sich internationalisierenden Netzwerke und Bibliografien haben die Unzulänglichkeit von Forschung im nationalen Rahmen erwiesen. Zugleich haben die offeneren Grenzen, die Entwicklung des Internets und die Digitalisierung von Texten den physischen und mentalen Raum der Forschung radikal verändert. Bis 1989 war die Zusammenarbeit zwischen Forschern aus verschiedenen Ländern selten, eher bilateral, langsam und schwierig: Danach wurde sie zur Regel. Das hat zur Entstehung neuer, länderübergreifender Ansätze bei der Definition von Objekten, Begriffen und Quellen geführt." Thematisch bunt jedenfalls scheint der Band mit seiner "polyphonen Herangehensweise" zu sein. Es geht um "Odysseus, die Kalaschnikow, die Pest und den Wolf, Bibliotheken, die Lingua franca, Barrikaden: Die Vielfalt macht diesen Band zum Lektüreglück."

Für alle Freunde linksradikaler French Theory sei noch Laurent Gayers Besprechung von "Le Vertige de l'émeute" (Glück des Aufstands) des Ethnographen Romain Huët empfohlen, eine neue Feier des revolutionären Subjekts.

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - La vie des idees

Der Wissenschaftsjournalist Peter Brannen wirft in dem Buch "The Ends of the World" einen Blick auf die drei vier erdgeschichtlichen Apokalpsen, die es in den letzten 500 Millionen Jahren so gegeben hat. Die Auslöschung der Dinosaurier durch einen Meteoriten und begleitende Vulkanausbrüche ist nur die jüngste. Das nicht mehr ganz neue Buch ist nicht auf Deutsch übersetzt - und auch nicht auf Französisch. Dennoch kommt der Soziologe Pascal Marichalar jetzt in La Vie des Idées, diesem immer wieder lesenswerten Magazin des Collège de France, darauf zu sprechen. Denn das Buch zeigt, dass es in der Geschichte der Erde bereits Klimakatastrophen gegeben hat und wie sie verlaufen sind. "Der Paläontologe Peter Ward von der University of Washington hat einmal bemerkt, dass noch zu wenige Menschen in die 'tiefe Vergangenheit' schauen, um die Gegenwart und die Zukunft zu verstehen. Dabei zeigen Wendepunkte wie im späten Perm, dass globale Erwärmung aufgrund der CO2-Konzentration in der Atmosphäre nicht einfach eine Hochrechnung spekulativer Computermodelle ist... Vielmehr handelt es sich um ein Ereignis, das in der Geschichte bereits mehrfach stattgefunden hat und das wir, bewaffnet mit einem Inventar der Fossilien und einem Massenspektrometer... dokumentieren können." Die Frage wäre dann außerdem noch, so Marichalar, ob wir angesichts der dokumentierten Entwicklungen, nicht demnächst den "Tipping Point" erreichen, "nach dem lineare Tendenzen zu exponentiellen werden, etwa durch Freisetzung von Methan aus dem Permafrost oder der Tiefsee oder einen Ausbruch von Vulkanen, die zur Zeit noch von Eisschichten versiegelt sind." Brannen veröffentlicht übrigens regelmäßig im Atlantic.
Stichwörter: Klimawandel, Erdgeschichte

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - La vie des idees

Ziemlich originell, trotz mancher Vereinfachungen, finden die Historiker Pierre Gervais und Pauline Peretz Roman Polanskis Herangehen an die Dreyfus-Affäre in seinem Film "J'accuse". Er stellt weder den zu Unrecht verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, noch Emile Zola, Autor des Aufrufs "J'accuse" und Ehrenretter der französischen Republik ins Zentrum, sondern den Oberst Marie-George Picquart, einen Offizier katholischer Herkunft, selbst nicht frei von Antisemitismus, der als Ermittler in der Dreyfus-Sache schlicht seinem Begriff von Pflicht folgt und weniger Dreyfus als die Institution, der er dient, die Armee, retten will. Es gab auch früher zuweilen eine Heroisierung Picquarts, erläutern die Autoren: "Diese Heroisierung hatte den Vorteil, den Blick vom Opfer, Dreyfus, auf einen Verteidiger, dessen Identität sehr viel akzeptabler war, zu verlagern und so die Debatte vom massenhaften Antisemitismus in Frankreich abzulenken. Picquart zu ehren, erlaubte in gewisser Hinsicht, Schuld von der Armee und den französischen Eliten zu nehmen, die sich sehr viel vorzuwerfen hatten. Er war eine Konsensfigur, mehr als der Jude Dreyfus, mehr als der naturalistischen Autor Emile Zola. 'J'accuse' stellt die Persönlichkeit Pcquarts in modernerem, weniger schönfärberischem Licht dar und zeigt die ganze Zwiespältigkeit der Person. Seine Revolte kombiniert sich in der Tat mit einem Antisemitismus, den der Film offen zeigt."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - La vie des idees

Dieses Buch schildert die Zustände, auf die die heute so verschrieenen Banlieues die Antwort waren. Es geht in Véronique Blanchards Studie "Vagabondes, voleuses, vicieuses - Adolescentes sous contrôle - De la Libération à la libération sexuelle", die hier von Jean-François Laé vorgestellt wird, um Sozialfälle aus den fünfziger Jahren, Mädchen vor allem, aber auch Jungen, an denen sich studieren lässt, wie rasant sich das Leben seitdem in Paris zum besseren gewandt hat. In den Hinterhöfen der Fünfziger sah es noch so aus: "Im Zentrum des Hofs die Gemeinschaftstoiletten, einziger Ort zur 'Erleichterung' ('aisance' so das damalige offizielle Wort) für 15 Familien, ungefähr sechzig Personen, Kinder eingerechnet. Wir steigen die wackligen Treppen hoch, betreten das einzige Zimmer der Wohnung, das als Küche, Schlafzimmer und Salon dient und dessen einziges festes Einrichtungsstück für eine vierköpfige Arbeiterfamilie ein Kohleherd ist. Gegenüber öffnet sich, welch ein Luxus, eine Zweizimmerwohnung: Das Zusatzzimmer dient als Schlafsaal für die Mädchen und Jungen einer fünfköpfigen Famile. Wasser? Das müssen die Kinder mit dem Krug im Treppenhaus holen. Schlafen? Die Hausherrin zeigt, wie man des Abends nach dem Abendessen - Griesbrei -  das Sofa ausklappt, um die ganze Familie zu beherbergen, die sich hier alle zusammenkuschelten und die Füße auf Stühlen ablegten." Das alles etwa rund um die Rue Mouffetard, heute eines der begehrtesten Viertel der Stadt mit Quadratmeterpreisen um 10.000 Euro.