Magazinrundschau - Archiv

Le Grand Continent

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Magazinrundschau vom 01.10.2024 - Le Grand Continent

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Wenn es eine Journalistin gibt, die die Franzosen für die bekannteste Journalistin der Welt halten, dann ist es sicher Léa Salamé - kaum eine Show, Talkshow oder Radiosendung der Staatssender in Frankreich, die nicht von ihr moderiert würden. Salamé ist mit Raphaël Glucksmann liiert, ihr gemeinsames Kind hat also André Glucksmann und Ghassam Salamé zu Großvätern. Letzterer wird in der aktuellen Nummer von Le Grand Continent interviewt. Ghassam Salamé, der im Libanon zur Bevölkerungsgruppe der Griechisch-Katholischen gehört, war mal Kulturminister im Libanon und ist einer der bekanntesten Intellektuellen des Landes, Autor des Buchs "La Tentation de Mars - Guerre et paix au XXIe siècle (Fayard, 2024)". Heute lehrt er in Paris. Das Gespräch, das Gilles Gressani mit ihm führt, ist arg geopolitisch, es wird ausschließlich mit den größten Bauklötzen gespielt - wie betrachtet China seine Rolle im Nahen Osten und solche Fragen. Es wurde noch vor dem Schlag gegen Nasrallah geführt, und Ghassan benennt unter anderem Israels technische Überlegenheit, die die Hisbollah nun zumindest für eine Zeitlang als Scheinriesen dekuvriert hat. Interessant auch die Passage über die arabischen Länder, die sich konsequent aus dem Konflikt heraushalten: "Das Osloer Abkommen bewirkte, dass sie sich aus dem Konflikt herausziehen konnten. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Palästinenser von Rechts wegen ein Friedensabkommen mit Israel unterzeichnen oder nicht unterzeichnen können, sind die arabischen Länder nicht mehr Partei. Dieser Prozess ermöglichte es den Iranern, in den Konflikt einzusteigen. Die Entarabisierung führte zur asymmetrischen Kriegsführung zwischen Israel und den Palästinensern und der Wiederaneignung des Konflikts durch die Palästinenser, aber auch zur Unterstützung durch den Iran, dessen Ziel es ist, regionale Macht in der Levante zu erlangen, und durch den Konflikt mit Israel Legitimität gewinnen will."

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - Le Grand Continent

Es mag dem schwindenden Einfluss der Kirchen geschuldet sein, dass die Reise des Papstes nach Südostasien in den deutschen Medien kaum Interesse erregte. Stationen waren Indonesien, Singapur, Ost-Timor. Besonders interessant aber finden Jean-Benoît Poulle und Clément de la Vaissière Franziskus' Etappe in Papua-Neuguinea, einem Land mit riesiger Fläche und einer Bevölkerung von gerade mal 10 Millionen Einwohnern, die aber 839 Sprachen sprechen. Englisch hat sich noch nicht als allgemeines Pidgin darübergelegt, obwohl sein Einfluss stärker wird. Mit das Erstaunlichste an dem Land ist, dass es zu 98 Prozent christlich ist, zu zwei Dritteln evangelisch oder evangelikal, zu 26 Prozent katholisch. Angesichts der Armut sorgen die Kirchen zuverlässiger als der Staat für Infrastrukturen, Bildung und Gesundheitsversorgung. Präsident James Marape will das Land sogar in der Verfassung als christlich deklarieren, aber er ist ein fundamentalistischer Evangelikaler, und die katholische Kirche macht da nicht mit. Für Franziskus ist hier etwas ganz anderes interessant, erklären die Autoren: Einerseits will die katholische Kirche nach der Doktrin mit lokalen Traditionen (wenn auch vielleicht nicht mit der Anthropophagie) verschmelzen: "Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und vor allem seit den Pontifikaten von Paul VI. und Johannes Paul II. legt die Kirche Wert auf Inkulturation, also auf das Bemühen, die Botschaft des Evangeliums an die kulturellen und zivilisatorischen Gegebenheiten der Länder anzupassen, in denen sie Fuß fasst. … So versucht die Kirche, die oberflächliche, wenn auch oft zutreffende Gleichsetzung von Evangelisierung und Kolonisierung aufzubrechen. Schon Papst Pius XII. (1939-1958) hatte darauf hingewiesen, dass die katholische Kirche nicht nur mit der westlichen Kultur identifiziert werden könne." Noch mehr aber zähle für Franziskus, dass die Peripherie ein Laboratorium für einen möglichen neuen Katholizismus sein könnte: "In Papua, wo es keinen für die pastoralen Bedürfnisse ausreichenden Klerus gibt, sind es oft die einheimischen Katecheten - verheiratete Männer und keine Priester -, die die Schrift lesen, nicht-sakramentale Feiern leiten und die Kommunion austeilen. Auf diese Weise könnten einige lokale Lösungen Vorbildcharakter für die Weltkirche haben, da das Problem des Klerikermangels im Westen immer akuter wird." Und vielleicht auch das des Zölibats?

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - Le Grand Continent

Neulich erst haben wir auf ein schönes Interview mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud hingewiesen - es handelte von seinem gerade erschienen neuen Roman "Houris" (unser Resümee). In Le Grand Continent, einer Zeitschrift, die von der berühmten Ecole normale supérieure herausgebracht wird, spricht er mit Florian Louis über seine Heimatstadt Oran, die nicht wirklich seine Heimatstadt ist, denn eigentlich kommt Daoud ja, wie er zu Beginn erzählt, vom Dorf. In Oran lernte Daoud Journalist. Es war leicht, eine Stelle zu bekommen, erzählt er, weil in der Zeit, als er anfing im Kontext des algerischen Bürgerkriegs, viele Journalisten ermordet wurden. Er stieg bis zum Chefredakteur des Quotidien d'Oran auf. Im Gespräch singt er eine einzige Hymne auf die Stadt Oran, die Hauptstadt der Rai-Musik, die gegenüber der engstirnigen Hauptstadt Algier als leichtfertig und fröhlich galt - bis heute. Aber die Stadt ist natürlich ramponiert. Von ihrem arabisch-kabylisch-spanisch-französisch-jüdischem Multikulturalismus ist nicht viel geblieben. Und die Stadt ist auch architektonisch beschädigt. "Man versucht das heute ein bisschen aufzufangen, aber es ist schwierig. Die Rai-Musik ist von den Islamisten verfolgt und massakriert worden. In Oran hatten wir jahrzehntelang das Rai-Festival. Die Islamisten haben Druck gemacht, damit es in 'Festival de la chanson oranaise' umbenannt wird. Schließlich ist das Festival nach Oujda umgezogen - und die Raiwomen leben längst in Frankreich. Auch viele Bars haben geschlossen. Unter dem Druck der Islamisten hat das Nachtleben stark nachgelassen, es ist nicht mehr das schlagende Herz der Stadt. In den letzten Wochen ist die Autorin Inaâm Bayoud scharf angegriffen worden für ihren Roman 'Houaria', der vom Leben einer Frau im Oran der Neunziger erzählt. Das tut mir weh, ich habe das selbe erlebt, politische Attacken, Drohungen, Buchhändler, die meine Bücher wegwerfen. 'Houaria' ist der häufigste weibliche Vorname in Oran, der Roman handelt vom Nachtleben, auch von der Prostitution. Er erzählt von einem Oran, von dem die Konservativen nichts hören wollen. Wenn sie könnten, würden sie Oran auslöschen." Die politische Zukunft Algeriens entscheidet sich in Algier, sagt Daoud, aber das Schicksal der "Algérianité" in Oran.

Die Geschichte Inaâm Bayouds und ihres Romans "Houaria" scheint noch nicht bis Deutschland gelangt zu sein - ein paar Informationen findet man in einem Artikel Amina Aouadis im Online-Magazin Algérie360. Inaâm Bayoud hat für ihren Roman den renommierten Prix Assia Djebar erhalten, erfährt man dort. Er "beschreibt das bewegende Schicksal von Houaria, einer jungen Frau, die in die Wirren des schwarzen Jahrzehnts in Algerien (1990-2000) gerät. Sie wird von den Schrecken des Bürgerkriegs, der ihr Land und ihre Heimatstadt Oran zerreißt, zermalmt und rutscht in die Prostitution ab um zu überleben." Der Roman wurde wegen seiner Thematik und Sprache so scharf angegriffen, dass ihr Verlag Mim schlicht und einfach zugemacht hat - mit einer Erklärung, die an Camus denken lässt: "Es hat keinen Sinn, gegen die Absurdität anzukämpfen. Wir geben heute, am 16.07.24, unseren Rückzug aus dem Verlagswesen bekannt. Wir lassen die Dinge so, wie sie sind, wie wir es immer getan haben. Wir geben bekannt, dass Mim ab sofort seine Türen schließt, im Angesicht von Sturm und Feuer."