Magazinrundschau - Archiv

Le Grand Continent

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Magazinrundschau vom 25.03.2025 - Le Grand Continent

Sun Tsu. Clausewitz. Und jetzt dieser Text. Eine klarere Analyse des "brutalen Erwachens aus einem langen Schlaf des militärischen Denkens" hat man nach den jüngsten Schocks noch nicht gelesen. Autor ist ein unter Pseudoym schreibender französischer Offizier. Es handelt sich nicht nur um eine Analyse, sondern ein Psychogramm der europäischen Schwäche, nachdem der Kontinent von Trump so peinlich dekuvriert wurde. Wie sollen die Europäer sich in ihrer Schwäche militärisch wappnen? Der Autor stellt alles in Frage und schlägt eine Orientierung an den Armeen Finnlands, Israels und der Ukraine vor: von unten her denken, von den Bedürfnissen her, und den Schulterschluss mit der Zivilgesellschaft suchen - von der Wehrpflicht abzugehen, war ein Fehler, so der Autor. Denn ohne Wehrpflicht ist genau das passiert, wogegen die Wehrpflicht einst geschaffen wurde: Es sind Staaten in Staaten entstanden, ineffizient, mit Beharrungskraft und nach rechts tendierend, so der Autor, der trotz seiner illusionslosen Diagnose übrigens nicht in Pessimismus abgleitet. Es gäbe viele Zitate auszuwählen. Aber besonders frappierend ist seine Reflexion über die Nicht-Intervention in Syrien, die wohl ein eben so großer Fehler war wie die Intervention im Irak: "Im Rückblick zeigt sich, wie groß die Auswirkungen einer solchen Intervention für den Kontinent gewesen wären: Wenn sie den Bürgerkrieg zehn Jahre früher beendet hätten, wären die Europäer in der Lage gewesen, die russischen, türkischen und iranischen Bestrebungen zu zügeln und gleichzeitig den Aufstieg des Islamischen Staates zu verhindern. Vor allem aber hätten sie ihrer öffentlichen Meinung den Eindruck vermittelt, etwas gegen die Migrationskrise zu unternehmen, die die politische Polarisierung, die unsere Gesellschaften heute spaltet, so sehr angeheizt hat. Seine Armeen hätten es Europa ermöglicht, sich in die Mitte des regionalen Spielfelds zu stellen. Damals wurde jedoch - wahrscheinlich zu Recht - festgestellt, dass eine solche Intervention unrealistisch wäre. Aber da diese große europäische Operation ausblieb, konnten die nachfolgenden Regierungen im folgenden Jahrzehnt mit ihrer Politik der Budget- und Kapazitätskürzungen fortfahren."
Stichwörter: Zeitenwende, Wehrpflicht

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Le Grand Continent

Putin führt seinen Krieg gegen die Ukraine nicht, um am Ende ein paar Geländegewinne zu verbuchen, warnt die Politologin und Russland- und Ukraine-Expertin Céline Marangé. Der Krieg dient Putin zur Unterminierung Europas und nach innen zu einem totalitären Umbau der russischen Gesellschaft. Der Radikalität der offiziellen Äußerungen muss man Glauben schenken. Wie der totalitäre Umbau nach innen aussieht, zeigt die Forscherin am Beispiel der Jugendarmee, der 'Junarmija', die immer weiter vergrößert werde. "Sie wurde 2016 gegründet und hatte zunächst die Aufgabe, patriotische Erziehung zu vermitteln. Mit einem Jahresbudget von 40 Milliarden Rubel (415 Millionen Euro) ausgestattet, soll sie nun Selbstaufopferung durch die Pflege des historischen Erbes vermitteln, während sie gleichzeitig eine rudimentäre militärische Ausbildung bietet. Kinder lernen von klein auf, wie man eine Kalaschnikow zusammenbaut und zerlegt und vor allem, wie man mit Drohnen umgeht. Laut dem russischen Verteidigungsminister Beloussow umfasste die Bewegung im Mai 2024 1,6 Millionen Kinder und Jugendliche. Im Februar 2025 sollen es 1,75 Millionen sein, und das erklärte Ziel ist es, die Ausbildung bei allen 18 Millionen Minderjährigen in Russland zu verbreiten. Die Wirksamkeit dieses Programms muss sich erst noch erweisen, da Widerstände weit verbreitet und die regionalen Unterschiede ausgeprägt sind. Dennoch muss man anerkennen, dass die Militarisierung der Jugendlichen die langfristigen Absichten eines Regimes aufzeigt und dass durch diese 'Jugendarmee' im Falle eines totalen Krieges schnell große Massen zu mobilisieren wären."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - Le Grand Continent

Der Westen hat die Psychologie des Krieges der Russen noch nicht verstanden, schreibt der französische Osteuropaexperte Michel Foucher, der an der renommierten Ecole Normale Supérieure und an Sciences Po lehrt. Es geht nicht einfach darum, die Ukraine zu schlucken. Es geht eher um die Destabilisierung von Nationalstaaten, zumindest solchen an den Grenzen Russlands. Russland denkt sich selbst als ein stets expandierendes Gebilde, innere Stabilität bewahrt es nur, wenn es sich nach außen ausdehnt, so Foucher: "Der Krieg festigt ein autokratisches System, das keinen internen oder externen Gegenpart hat. Bis heute hat keine Gruppe russischer Exilanten ein alternatives Machtzentrum gebildet. Im Inneren herrscht ein Regime der freiwilligen Knechtschaft, das ohne die Beteiligung derjenigen, die sich damit abfinden und es akzeptieren, nicht möglich ist. Die russische Geschichte lehrt, dass nur militärische Niederlagen zu politischen Brüchen führen: Die Niederlage auf der Krim 1856 führte 1862 zur Abschaffung der Leibeigenschaft; die Zerstörung der russischen Flotte durch Japan bei Tsushima führte zur Revolution von 1905; dasselbe gilt für die Niederlage gegen die deutsche Armee im Februar 1917 und den Rückzug aus Afghanistan 1989, der den Zusammenbruch der Sowjetunion selbst einleitete." Ein Nachgeben gegenüber Russland würde darum zu ständiger Instabilität in Europa führen, prognostiziert Foucher. "Wer behauptet, dass jeder Konflikt am Verhandlungstisch beendet wird, vergisst, dass dies weder 1919 noch 1945 der Fall war, da die Bedingungen für den Frieden von den Siegern auferlegt wurden."

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - Le Grand Continent

In den USA zeichnet sich unter Donald Trump ein neues Oligarchentum ab - Andrea Venanzoni ist nicht der erste, der es bemerkt. Auch er beschreibt das Oligarchentum als ein ungutes Verschmelzen von Privatkapital und staatlicher Sphäre. Russland hat es in primitiver Weise vorgemacht, indem es den Ehrenkodex des russischen Gefängnissystems auf die ganze Gesellschaft übertrug. Nun folgen die USA mit einem Oligarchentum 2.0. Entscheidende Akteure seien dabei Dons der "Paypal-Mafia", also einiger Gründer aus dem Umfeld von Paypal wie Elon Musk, Peter Thiel, Marc Andreessen oder der Linkedin-Gründer Reid Hoffman - der Begriff "Paypal-Mafia" wurde durch die Wirtschaftszeitung Fortune geprägt und durch ein berühmtes Foto im Jahr 2007 - einer Zeit als die "Sopranos" ganz groß waren - illustriert (Musk fehlt auf dem Foto). Die Techno-Rechte, so Venanzoni, ersetzt die Idee der Globalisierung "durch die Idee des "Empire": "In einer globalen Welt, in der die technischen Herausforderungen die Grenzen überschreiten, wo ganze Regionen durch Interessen zusammengehalten werden, kann nur noch ein Imperialismus die Freiheit aufrechterhalten... Trotz ihrer Herkunft aus dem Silicon Valley verabscheut die Techno-Rechte die Globalisierung. Diese Art, wirtschaftliche und finanzielle Bindungen mit fremden Ländern herzustellen, die für das 'alte' Silicon Valley typisch war, weist sie zurück. Ihr Sündenbock heißt Google… Peter Thiel lässt keine Gelegenheit aus, um mit dem Giganten aus Mountain View die Schwerter zu kreuzen."

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - Le Grand Continent

Kaum gibt es eine neue Technologie, gibt es auch Experten, die immer schon alles wussten. Auf dem Feld der KI ist Gary Marcus so einer. Abgesehen von der üblichen Angeberei ("ich habe Präsident Biden schon 2023 gesagt...") versteht er es tatsächlich, ganz interessant über den Deepseek-Schock zu reden, durch den der Chip-Hersteller Nvidia, der zur Zeit größte Börsenstar, über 500 Milliarden Dollar an Wert einbüßte. Marcus spricht in diesem Zusammenhang eine Kontinuität der Politik von Obama über Biden bis Trump an, die sich nun räche: die Isolation Chinas. "China hat nicht schnell Äquivalente zu den Nvidia H100-Chips produziert, wie sich manche vorstellten - ein langwieriges Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist -, sondern es hat Wege gefunden hat, diese zu umgehen. Wir haben unbeabsichtigt ihr technisches Niveau nach oben getrieben. In der Financial Times erklärte Angela Zhang: 'Chinas Fortschritte bei der Effizienz sind kein Zufall. Sie sind eine direkte Reaktion auf die sich steigernden Exportbeschränkungen, die von den USA und ihren Verbündeten verhängt wurden. Indem sie Chinas Zugang zu fortschrittlichen KI-Chips beschränkten, haben die USA unbeabsichtigt Chinas Innovation angekurbelt.' Und unser vielleicht größtes Halbleiterunternehmen, Nvidia, geschwächt." Marcus sagt eine immer stärkere Konkurrenz auf dem Feld der KI voraus, außerdem habe sich ein Feld geöffnet, von dem zum Beispiel nun auch europäische Firmen profitieren könnten.

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - Le Grand Continent

Florian Louis und Mathéo Malik führen ein langes Gespräch mit dem Politologen Bruno Tertrais vom Institut Montaigne über Donald Trumps Äußerungen zu Grönland, dem Panama-Kanal und Kanada. Trumps nationalistisches Denken ist ein Denken "in Grenzen", erläutert er. "Im Grunde verkörpert Trump das, was man die nationalistische Dialektik der Grenze nennen könnte, in der sowohl der Wunsch nach Schutz als auch der Wunsch nach Eroberung zu finden sind. Auf der einen Seite die Mauer, auf der anderen die Expansion. Im Süden eine Festung bauen und gleichzeitig versuchen, den Norden zu erobern." Immer, so Tertrais, steht dabei für Trump die Konkurrenz zu China und im geringeren Maße zu Russland im Zentrum. Beim Thema des Panama-Kanals sei die chinesische Präsenz schon seit langem eine Obsession der amerikanischen Rechten. Nicht anders sei es beim Beispiel Grönland: "Grönland wird von Trump als eine Angelegenheit der wirtschaftlichen Sicherheit dargestellt, des 'vitalen' Interesses - das heißt: am Zugang zu seltenen Erden und zukünftigen polaren Handelswegen. Es ist bekannt, dass China, das selbst mit dieser Problematik konfrontiert ist, ebenfalls Interesse an Grönland hat. Aber es ist nicht anders als anderswo. Trumps Diskurs über Grönland und China erinnert an das, was manche in Frankreich in Bezug auf Neukaledonien befürchten, ein Gebiet, das unabhängig werden könnte und dann eine umso leichtere Beute für Peking wäre. Die USA haben ein großes Interesse daran, eine solche Situation nicht entstehen zu lassen."

Tertrais weist in dem Gespräch auf ein anderes "faszinierendes" Interview hin, dass Le Grand Continent aus der Prawda übernommen hat, um zu zeigen, dass Putins revanchistischen Gelüste keineswegs gestillt sind. Mit brutaler Offenheit redet hier Nikolai Patruschew, ein kremlnaher Chefideologe über die Ukraine, über Moldawien und über die baltischen Staaten. Zur Ukraine sagt Patruschew: "Besonders besorgt sind wir darüber, dass die gewaltsame Durchsetzung der Neonazi-Ideologie und einer ungezügelten Russophobie zur Vernichtung ehemals wohlhabender ukrainischer Städte wie Charkiw, Odessa, Nikolajew oder Dnepropetrowsk führt. Es ist nicht auszuschließen, dass die Ukraine im Laufe des kommenden Jahres schlicht und einfach aufhört zu existieren." Moldawien bedroht Patruschew ganz direkt: "Ich schließe nicht aus, dass die aggressiv antirussische Politik in Chisinau dazu führen könnte, dass Moldawien von einem anderen Staat übernommen wird oder ganz verschwindet." Und bei den baltischen Staten wiederholt er die Rhetorik der bedrohten russischen Minderheiten: "Für uns stehen nach wie vor der Schutz und das Wohlergehen unserer Bürger und Landsleute auf der ganzen Welt auf dem Spiel. Auf internationaler Ebene muss die Diskriminierung der russischen Bevölkerung in einer Reihe von Gebieten, angefangen bei den baltischen Staaten und Moldawien, unbedingt beendet werden."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - Le Grand Continent

Es gibt eine Flut von Texten, die Trumps Wiederwahl reflektieren. Lorenzo Castellani ist Historiker an einer römischen Privatuniversität. Er skizziert den Wahlerfolg Trumps als Erfolg eines Bündnisses, das einerseits allen bekannt ist und doch, so wie er es beschreibt, frappiert: Er gibt ihm einen poetischen Namen und spricht von "beschleunigter Reaktion". Es ist eine neue Qualität, die sich so bei der ersten Wahl Trumps noch nicht abzeichnete, so Castellani. Der wahre Bruch in der zweiten Wahl liege in einer Fusion des Establishments einerseits - oder der Avantgarde des Establishments - und der armen, deklassierten Wählerschaft in der Provinz: "Raketen, Raumsonden, die die Möglichkeit außerirdischen Lebens für erkunden, Roboter, fahrerlose Autos, Transhumanismus, die globalisierte Finanzwelt, die immer nach der nächsten schöpferischen Zerstörung Ausschau hält… machen gemeinsame Sache mit einer Wählerschaft, die der Regierung misstraut, die Ungehorsam gegenüber der an den Universitäten vorherrschenden progressiven Kultur fordert, die in Sekten und Kirchen ihre eigene Form des Widerstands gegen die Moderne sucht, die Schutz vor ausländischen Produkten fordert, die Industrie heimholen und die Einwanderung drastisch reduzieren will."

Magazinrundschau vom 01.10.2024 - Le Grand Continent

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Wenn es eine Journalistin gibt, die die Franzosen für die bekannteste Journalistin der Welt halten, dann ist es sicher Léa Salamé - kaum eine Show, Talkshow oder Radiosendung der Staatssender in Frankreich, die nicht von ihr moderiert würden. Salamé ist mit Raphaël Glucksmann liiert, ihr gemeinsames Kind hat also André Glucksmann und Ghassam Salamé zu Großvätern. Letzterer wird in der aktuellen Nummer von Le Grand Continent interviewt. Ghassam Salamé, der im Libanon zur Bevölkerungsgruppe der Griechisch-Katholischen gehört, war mal Kulturminister im Libanon und ist einer der bekanntesten Intellektuellen des Landes, Autor des Buchs "La Tentation de Mars - Guerre et paix au XXIe siècle (Fayard, 2024)". Heute lehrt er in Paris. Das Gespräch, das Gilles Gressani mit ihm führt, ist arg geopolitisch, es wird ausschließlich mit den größten Bauklötzen gespielt - wie betrachtet China seine Rolle im Nahen Osten und solche Fragen. Es wurde noch vor dem Schlag gegen Nasrallah geführt, und Ghassan benennt unter anderem Israels technische Überlegenheit, die die Hisbollah nun zumindest für eine Zeitlang als Scheinriesen dekuvriert hat. Interessant auch die Passage über die arabischen Länder, die sich konsequent aus dem Konflikt heraushalten: "Das Osloer Abkommen bewirkte, dass sie sich aus dem Konflikt herausziehen konnten. Ab dem Zeitpunkt, an dem die Palästinenser von Rechts wegen ein Friedensabkommen mit Israel unterzeichnen oder nicht unterzeichnen können, sind die arabischen Länder nicht mehr Partei. Dieser Prozess ermöglichte es den Iranern, in den Konflikt einzusteigen. Die Entarabisierung führte zur asymmetrischen Kriegsführung zwischen Israel und den Palästinensern und der Wiederaneignung des Konflikts durch die Palästinenser, aber auch zur Unterstützung durch den Iran, dessen Ziel es ist, regionale Macht in der Levante zu erlangen, und durch den Konflikt mit Israel Legitimität gewinnen will."

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - Le Grand Continent

Es mag dem schwindenden Einfluss der Kirchen geschuldet sein, dass die Reise des Papstes nach Südostasien in den deutschen Medien kaum Interesse erregte. Stationen waren Indonesien, Singapur, Ost-Timor. Besonders interessant aber finden Jean-Benoît Poulle und Clément de la Vaissière Franziskus' Etappe in Papua-Neuguinea, einem Land mit riesiger Fläche und einer Bevölkerung von gerade mal 10 Millionen Einwohnern, die aber 839 Sprachen sprechen. Englisch hat sich noch nicht als allgemeines Pidgin darübergelegt, obwohl sein Einfluss stärker wird. Mit das Erstaunlichste an dem Land ist, dass es zu 98 Prozent christlich ist, zu zwei Dritteln evangelisch oder evangelikal, zu 26 Prozent katholisch. Angesichts der Armut sorgen die Kirchen zuverlässiger als der Staat für Infrastrukturen, Bildung und Gesundheitsversorgung. Präsident James Marape will das Land sogar in der Verfassung als christlich deklarieren, aber er ist ein fundamentalistischer Evangelikaler, und die katholische Kirche macht da nicht mit. Für Franziskus ist hier etwas ganz anderes interessant, erklären die Autoren: Einerseits will die katholische Kirche nach der Doktrin mit lokalen Traditionen (wenn auch vielleicht nicht mit der Anthropophagie) verschmelzen: "Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und vor allem seit den Pontifikaten von Paul VI. und Johannes Paul II. legt die Kirche Wert auf Inkulturation, also auf das Bemühen, die Botschaft des Evangeliums an die kulturellen und zivilisatorischen Gegebenheiten der Länder anzupassen, in denen sie Fuß fasst. … So versucht die Kirche, die oberflächliche, wenn auch oft zutreffende Gleichsetzung von Evangelisierung und Kolonisierung aufzubrechen. Schon Papst Pius XII. (1939-1958) hatte darauf hingewiesen, dass die katholische Kirche nicht nur mit der westlichen Kultur identifiziert werden könne." Noch mehr aber zähle für Franziskus, dass die Peripherie ein Laboratorium für einen möglichen neuen Katholizismus sein könnte: "In Papua, wo es keinen für die pastoralen Bedürfnisse ausreichenden Klerus gibt, sind es oft die einheimischen Katecheten - verheiratete Männer und keine Priester -, die die Schrift lesen, nicht-sakramentale Feiern leiten und die Kommunion austeilen. Auf diese Weise könnten einige lokale Lösungen Vorbildcharakter für die Weltkirche haben, da das Problem des Klerikermangels im Westen immer akuter wird." Und vielleicht auch das des Zölibats?

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - Le Grand Continent

Neulich erst haben wir auf ein schönes Interview mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud hingewiesen - es handelte von seinem gerade erschienen neuen Roman "Houris" (unser Resümee). In Le Grand Continent, einer Zeitschrift, die von der berühmten Ecole normale supérieure herausgebracht wird, spricht er mit Florian Louis über seine Heimatstadt Oran, die nicht wirklich seine Heimatstadt ist, denn eigentlich kommt Daoud ja, wie er zu Beginn erzählt, vom Dorf. In Oran lernte Daoud Journalist. Es war leicht, eine Stelle zu bekommen, erzählt er, weil in der Zeit, als er anfing im Kontext des algerischen Bürgerkriegs, viele Journalisten ermordet wurden. Er stieg bis zum Chefredakteur des Quotidien d'Oran auf. Im Gespräch singt er eine einzige Hymne auf die Stadt Oran, die Hauptstadt der Rai-Musik, die gegenüber der engstirnigen Hauptstadt Algier als leichtfertig und fröhlich galt - bis heute. Aber die Stadt ist natürlich ramponiert. Von ihrem arabisch-kabylisch-spanisch-französisch-jüdischem Multikulturalismus ist nicht viel geblieben. Und die Stadt ist auch architektonisch beschädigt. "Man versucht das heute ein bisschen aufzufangen, aber es ist schwierig. Die Rai-Musik ist von den Islamisten verfolgt und massakriert worden. In Oran hatten wir jahrzehntelang das Rai-Festival. Die Islamisten haben Druck gemacht, damit es in 'Festival de la chanson oranaise' umbenannt wird. Schließlich ist das Festival nach Oujda umgezogen - und die Raiwomen leben längst in Frankreich. Auch viele Bars haben geschlossen. Unter dem Druck der Islamisten hat das Nachtleben stark nachgelassen, es ist nicht mehr das schlagende Herz der Stadt. In den letzten Wochen ist die Autorin Inaâm Bayoud scharf angegriffen worden für ihren Roman 'Houaria', der vom Leben einer Frau im Oran der Neunziger erzählt. Das tut mir weh, ich habe das selbe erlebt, politische Attacken, Drohungen, Buchhändler, die meine Bücher wegwerfen. 'Houaria' ist der häufigste weibliche Vorname in Oran, der Roman handelt vom Nachtleben, auch von der Prostitution. Er erzählt von einem Oran, von dem die Konservativen nichts hören wollen. Wenn sie könnten, würden sie Oran auslöschen." Die politische Zukunft Algeriens entscheidet sich in Algier, sagt Daoud, aber das Schicksal der "Algérianité" in Oran.

Die Geschichte Inaâm Bayouds und ihres Romans "Houaria" scheint noch nicht bis Deutschland gelangt zu sein - ein paar Informationen findet man in einem Artikel Amina Aouadis im Online-Magazin Algérie360. Inaâm Bayoud hat für ihren Roman den renommierten Prix Assia Djebar erhalten, erfährt man dort. Er "beschreibt das bewegende Schicksal von Houaria, einer jungen Frau, die in die Wirren des schwarzen Jahrzehnts in Algerien (1990-2000) gerät. Sie wird von den Schrecken des Bürgerkriegs, der ihr Land und ihre Heimatstadt Oran zerreißt, zermalmt und rutscht in die Prostitution ab um zu überleben." Der Roman wurde wegen seiner Thematik und Sprache so scharf angegriffen, dass ihr Verlag Mim schlicht und einfach zugemacht hat - mit einer Erklärung, die an Camus denken lässt: "Es hat keinen Sinn, gegen die Absurdität anzukämpfen. Wir geben heute, am 16.07.24, unseren Rückzug aus dem Verlagswesen bekannt. Wir lassen die Dinge so, wie sie sind, wie wir es immer getan haben. Wir geben bekannt, dass Mim ab sofort seine Türen schließt, im Angesicht von Sturm und Feuer."