
Neulich erst haben wir auf ein schönes Interview mit dem algerischen
Schriftsteller Kamel Daoud hingewiesen - es handelte von seinem gerade erschienen neuen Roman "Houris" (unser
Resümee). In
Le Grand Continent, einer Zeitschrift, die von der berühmten Ecole normale supérieure herausgebracht wird,
spricht er mit Florian Louis über seine Heimatstadt
Oran, die nicht wirklich seine Heimatstadt ist, denn eigentlich kommt Daoud ja, wie er zu Beginn erzählt, vom Dorf. In Oran lernte Daoud Journalist. Es war leicht, eine Stelle zu bekommen, erzählt er, weil in der Zeit, als er anfing im Kontext des algerischen Bürgerkriegs, viele Journalisten ermordet wurden. Er stieg bis zum Chefredakteur des
Quotidien d'Oran auf. Im Gespräch singt er eine einzige Hymne auf die Stadt Oran, die
Hauptstadt der Rai-
Musik, die gegenüber der engstirnigen Hauptstadt Algier als leichtfertig und fröhlich galt - bis heute. Aber die Stadt ist natürlich ramponiert. Von ihrem arabisch-kabylisch-spanisch-französisch-jüdischem
Multikulturalismus ist nicht viel geblieben. Und die Stadt ist auch architektonisch beschädigt. "Man versucht das heute ein bisschen aufzufangen, aber es ist schwierig. Die Rai-Musik ist von den Islamisten verfolgt und
massakriert worden. In Oran hatten wir jahrzehntelang das Rai-Festival. Die Islamisten haben Druck gemacht, damit es in 'Festival de la chanson oranaise' umbenannt wird. Schließlich ist das Festival nach Oujda umgezogen - und
die Raiwomen leben längst in Frankreich. Auch
viele Bars haben geschlossen. Unter dem Druck der Islamisten hat das Nachtleben stark nachgelassen, es ist nicht mehr das schlagende Herz der Stadt. In den letzten Wochen ist die Autorin
Inaâm Bayoud scharf angegriffen worden für ihren Roman 'Houaria', der vom Leben einer Frau im Oran der Neunziger erzählt. Das tut mir weh, ich habe das selbe erlebt, politische Attacken, Drohungen, Buchhändler, die meine Bücher wegwerfen. 'Houaria' ist der häufigste weibliche Vorname in Oran, der Roman handelt vom Nachtleben, auch von der Prostitution. Er erzählt von einem Oran, von dem die Konservativen nichts hören wollen. Wenn sie könnten, würden sie Oran auslöschen." Die
politische Zukunft Algeriens entscheidet sich in Algier, sagt Daoud, aber das Schicksal der "
Algérianité" in Oran.

Die Geschichte
Inaâm Bayouds und ihres Romans "Houaria" scheint noch nicht bis Deutschland gelangt zu sein - ein paar Informationen findet man
in einem Artikel Amina Aouadis im Online-Magazin
Algérie360. Inaâm Bayoud hat für ihren Roman den renommierten
Prix Assia Djebar erhalten, erfährt man dort. Er "beschreibt das bewegende Schicksal von Houaria, einer jungen Frau, die in die Wirren des
schwarzen Jahrzehnts in Algerien (1990-2000) gerät. Sie wird von den Schrecken des Bürgerkriegs, der ihr Land und ihre Heimatstadt Oran zerreißt, zermalmt und rutscht in die Prostitution ab um zu überleben." Der Roman wurde wegen seiner Thematik und Sprache so scharf angegriffen, dass
ihr Verlag Mim schlicht und einfach zugemacht hat - mit einer Erklärung, die an Camus denken lässt: "Es hat keinen Sinn,
gegen die Absurdität anzukämpfen. Wir geben heute, am 16.07.24, unseren Rückzug aus dem Verlagswesen bekannt. Wir lassen die Dinge so, wie sie sind, wie wir es immer getan haben. Wir geben bekannt, dass Mim ab sofort seine Türen schließt, im Angesicht von Sturm und Feuer."