Tagtigall

Kraus & Drüber

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
06.06.2025. In seinem Testament hatte der Dichter Oskar Pastior (1927-2006) die Einrichtung einer Stiftung verfügt, die seit 2010 den Oskar-Pastior-Preis verleiht. 2025 erhält die Sprachwerkerin Dagmara Kraus diese Auszeichnung, und das aus vielerlei Gründen. Die Verleihung findet passenderweise am Pfingstmontag statt, schließlich ist Pfingsten das Fest der vielen Zungen, und Dagmara Kraus bewirtschaftet ein sehr eigenes babylonisiertes Habitat.
Dagmara Kraus. Foto: Dirk Skiba
Dagmara Kraus redet und schreibt in vielen Sprachen. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun. Sie war sieben oder acht, als sie 1986 mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland kam. Sie studierte in Leipzig, Berlin und Paris und lebt seit geraumer Zeit mehrheitlich in Straßburg. Ihre Kinder wachsen vielsprachig auf.  

Offensichtlich war Schreiben für sie schon früh ein Widerstandsakt - wohl gegen die eigenen, wie gegen die fremden assimilatorischen Erwartungen. Was macht man nur als Fremde mit all diesen über Jahrhunderte festgezurrten Redewendungen, die man allzu lage zu wörtlich nahm, sodass einem vieles verschlossen blieb, weil man die Fremde beim Vokabular zu packen versuchte. Vielleicht wollte Kraus gerade nicht so "ankommen", wie die anderen sich "ankommen" vorstellen. So als hätte sie sich gesagt: ich mach es auf meine Weise, ich integriere die Sprachen, denen ich begegne, in mich, anstatt mich in sie zu integrieren.

Soweit meine Vorstellung. In ihren Gedichten verkehren polnische, deutsche, französische und englische Worte, Sprachbilder, Satzstrukturen, außerdem Wortfunde aus dem Barock, oder aus diversen Fachsprachen. Manche Gedichte sind ganz auf Polnisch. So verwirrt sie unsere festgezurrten Lesegewohnheiten.

Dagmara Kraus studierte auch Plansprachen - jene erfundenen Sprachen wie Esperanto oder Volapük, die ab ca. 1850 aufkamen und den frühen Internationalisierungstendenzen Ausdruck verliehen (mehr hier). Nicht nur sozialistische Kreise erhofften sich davon eine neue Weltverständigung. Clemens Setz hat in seinem Bienenbuch einmal seine "wilde Begeisterung" für die Kunst von Dagmara Kraus bekundet: Sie sei, so schreibt er, eine jener seltenen Dichterinnen, die Sprachen als die "unerhörten Kunstwerke" zu betrachten verstehen, die sie sind.

Was können Sprachen? und wo gehen sie fehl? Wo ergänzen sie einander? In der (erfundenen) Langue Bleue de Bolak zum Beispiel kann man einen Vater "verweiblichen", was im Deutschen nicht vorgesehen ist. Kraus weiß das. Sie hat es Setz einmal geschrieben. Es gibt keine "Vätinnen", zitiert er sie. Dabei müssen Sprachen im Werden bleiben.

Vom Fehlermachen

Oftmals ängstigen sich gerade Zugereiste davor, in der Ankunftssprache Fehler zu machen, oder schämen sich ob der Unzulänglichkeiten des eigenen Wortschatzes. Dagmara Kraus hält sich offensichtlich, indem sie sich in das Gewand der Polyphonie hüllt, beides, Angst wie Scham, vom Leibe. Der Fehler wird zur Quelle, so kommt Freiheit auf. Es geht Kraus & Drüber.

Worte wie "schulpbekenntnis" mischen sich mit Versen wie "man musste also begnadenmullt sein". Der Titel ihres jüngsten Gedichtbandes ("liedvoll, deutschyzno"), geschrieben in der Zeit der Flüchtlingskrise um 2016, spielt mit dem polnischen Wort "ojczyzna", das Vaterland bedeutet.

millionen flüchtige wörter stehen an
der grenze zu diesem gedicht
die beine in den bauch sich
schlange an der grenze

Die "flüchtigen" Wörter, welche eigene Geschichten, Geschicke und Gewohnheiten (und eigene Redewendungen) im Gepäck haben, suchen Orte der Zuflucht, wollen in Gastsprachen und Gastworten Habitat finden. So entstehen Worte wie "verjaschmakt" oder "betschadort". Auf die Frage:  

... was soll ein gedicht mit den millionen
flüchtigen wörtern nur anfangen

antwortet das Gedicht:

es könnte mit ihnen kickern gehen/ .../ sie einladen zu bier, püree und kohlrouladen / oder eine reise machen an ein schönes wort / und ihnen die gegend zeigen ...."  

Fremde Sprachen also gesellen sich zu den einheimischen, weiden sich an deren Wassern, spielen gar vielleicht mit ihnen "völkerball in föderalen hallen". Der Traum von Europa, hier wird er in der Dichtung praktiziert.

Warum nur, fragt sie am Ende des Gedichtes - warum nur hocken die Wörter aus dem "Buch der Könige" noch immer im "Containerdorf", wo bleibt das "babel labern", dem kindlichen Brabbeln verwandt? Schließlich ist Sprache aus Begegnung gemacht und kennt weder Ausweispapiere noch Schlagbäume. Das wusste schon der mittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein im 15. Jahrhundert. Sein Minnelied "Do frayg amor" (Von der wahren Liebe) spricht sieben Sprachen, die im "fransen und scheuern (fraying)" (so Uljana Wolf) Welten schaffen. Wenn man sie nur lässt, kommen beim Völkerball so die herrlichsten Pässe zustande.

deutschyzno moja

Lustvoll spielt Dagmara Kraus mit den Sprachen auch in ihrem jüngsten Gedichtband "liedvoll, deutschyzno". Jede Sprache hat je spezifische Lautkonstellationen, die sich im Mund der Sprechenden je verschieden formen. Mit der Mischung der Sprache entsteht auch ein Mischmundraum, in dem neben dem Mehr an Mundmuskeln auch ein Mehr an "Denkmuskeln" trainert wird. So verändert sich der Gang in die Welt.

"çatodas" lautet der Titel eines der Gedichte im genannten Band. "Çatodas" klingt wie eine Figur aus einem Kinderbuch: Kennen Sie das kleine Çatodas ? Die kleine Schwester von "Zeberaffe diederdase"? Alles erfunden. Tatsächlich ist çatodas ein Mischwortwesen, welches schlicht "dasdasdas" meint und aus dem französischen ça, dem polnischen to und dem deutschen das zusammengesetzt ist. Hier die erste Strophe daraus:

çatodas

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind

kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden     
ah, das wusstest du schon, na dann -

Wer spricht da mit wem? Ist es die Dichterin selbst, die ihre Kinder vor den Mühen des eigenen Weges bewahren möchte? Wie dem auch sei, die Warnung ist weniger eine Warnung, als vielmehr eine Einladung aufs Glatteis des Klangs, auf dem wir mithilfe des eingebauten "u"s mühelos über die Sprachgrenzen hinweggleiten: "zu", "mund", "kruste", "muskeln", "tuste", "te tłusteste", "wusstest", "du". Über so viel "uuus" wird die Frage, was "tłusteste" eigentlich bedeutet, obsolet. Der Klang trägt weiter, als unser Verständnis dies täte.

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
die eine hockt noch schief im rachen, indes die anderen
auf angenähte tanten machen, wie damals die aus
liza stara vom saalrand der parade rara

Wo auch immer "liza stara" liegen mag, und wer auch immer je an welchem saalrand stand - die Zeilen transportieren wie nebenbei die Erfahrung, dass Sprachen an verschiedenen Stellen im Mundraum gestaltet werden, wobei das Deutsche zum Beispiel meist mehr in der Kehle angesiedelt ist als das Französische - das Wort "bélier" zum Beispiel:

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
und rührst dir was aus drei familien, führst krudes

durch die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
kuckuckskinder, bülbülschinder, wie du wörtchen
aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol verschraubst
was syntaktisch, synku, sich nie binden ließe

Im Binnenreim verbinden sich die "fleur de lilien" über den Strophenbruch hinweg mit den "familien". Neben diversen sprachlichen "wechselbälgern" bevölkern auch "kuckuckskinder" und "bülbülschinder" ihre Sprache. "You screw them together as they sculp your face", schrieb Ilya Kaminsky in einer Nachdichtung von "çatodas". - Du verschraubst die Sprachen, wie sie dein Gesicht formen.

pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind betrogen
um die eine muttersprache; alles dreimal: drei x strachy
drei ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
deine zunge, kindlein, splisst: père, quoi to ist, äquator

Ein Schelm, wer nicht bei "Pairequaatooist" (Vater, was ist das?) den Äquator schon mithört!
Mit den Ohren sieht man besser. Die Methode erinnert an Pastiors "Ballade vom defekten Kabel" aus dem "Krimgotischen Fächer". Wobei das defekte Kabel wohl Sinnbild ist für die Sprachsprünge in seinem Werk. Hier die ersten Zeilen:

Adafactas                
Cowlbl                 
Ed rumplnz kataraktasch-lich     
Uotrfawls                
aachabrawnkts Brambl        
aachr dohts…                

Vielleicht kann man in diesen Fächerzeilen folgendes mitlesen:

ein defektes
Kabel
das rumpelt charaktertaschlich
andernfalls
angebranntes Brabbeln
tuts auch ...

Eine poetologische Selbstauskunft: Wo die Sprache defekt ist, sich entkabelt gewissermaßen, wo sie zündelt, wo sie, wie es später im Gedicht heißt, aus jeder Eindeutigkeit "herausgeschlagen" oder "herausgeschlachtet" wird, wachsen die Ausdrucksmöglichkeiten der Welt.

Wer je eine der sprachalchemistischen Lesungen von Dagmara Kraus gehört hat, weiß, dass ein ganz eigener Ton ihre Texte grundiert. Die Konsonanten beginnen auf den Lippen zu tanzen, und man denkt an eine Beobachtung der japanisch-deutschen Dichterin Yoko Tawada, dass, wo der Klang der eigenen Sprache in die Fremdsprache hineingesprochen wird, die Erinnerung an den "Leib der Muttersprache" lebendig bleibt. In Krausens Synthesizer mischen sich ge- und erfundene, ein- und zufallende Wörter. Unter ihren freiheitsstiftenden Versuchsanordnungen finden sich verschiedene Formen, auch Anagramme. Und wie Oskar Pastior gehört sie zur "Familie der Wörtlichnehmer".

Mehrheit sein

Im Jahr 1985 verfasste Oskar Pastior, der Preisstifter, den Text "Ingwer und Jedoch". Es grause ihm, so schrieb er darin, vor jeder Grund-zweck-Logik und vor dem Gerede von den Spänen, die im Namen der Geschichte zu fallen hätten.

Mein Lebenslauf ist insoweit Geschichte, als ich darin anteilig existiere - gegen diesen Automatismus bin ich, zusammen mit jedem einzelnen, in der Minderheit. Indem ich schreibe, begebe ich mich ganz alleine aber in die Mehrheit. ... in Wörtern, scheint es, bin ich anders aufgehoben, als in der Geschichte: ob besser, das ist die Frage.

Dagmara Kraus wie Oskar Pastior begeben sich in ihre Mehrheit. Sie lassen ganz im Novalis'schen Sinne die Sprache mit sich selbst spielen - Pastiors Sprache spielt dabei mit der siebenbürgisch-sächsische Mundart der Großeltern, dem leicht archaischen Neuhochdeutsch der Eltern, dem Rumänisch der Straße und der Behörden. Hinzu kommen, wie er sagt: "ein primitives Lagerrussisch, Reste von Schullatein und Pharmagriechisch ..." Und natürlich: ein waches Ohr. So verbinden sich bei ihm Worte wie "Winterreise" und "Gimpelschneise" in ebenso tiefer Klangfreundschaft wie etwa bei Dagmara Kraus in dem Gedicht "spielatus mir das lied vom kot", wo Pontius Pilatus gemeinsam mit Sergio Leone ihren Auftritt haben. Das Gedicht endet mit: "Sprahhila sprah/-hula, sprahhila sprahhula: wiwis zezettera".
Kraus dichtet in der Überzeugung, dass sich in den Sprachen Welten entfalten können, wo sie bei ihrem Klang und ihrem Wort genommen werden. Solch eine Sprachbegeisterung ist große Kunst.

Der Pastior-Preis wird am Pfingstmontag, dem 9. Juni, um 19.30 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin verliehen.

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ZUM WEITERHÖREN

Hier liest Dagmara Kraus auf einem Symposium zu Plansprachen und Sprachfamilien

Hier liest Oskar Pastior sein Jalouzien-Gedicht


ZUM WEITERLESEN

Clemens Setz, Die Bienen und das Unsichtbare, Suhrkamp 2020
Dagmara Kraus, liedvoll, deutschyzno, kookbooks 2022
Dies, wehbuch (undichte prosage), Urs Engeler, Berlin / Schupfart 2016.

Dagmara Kraus ist außerdem passionierte Übersetzerin. Zuletzt erschien: Miron Białoszewski, Die Sonne und ich. Gedichte, aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus und Henk Proeme, Engeler Verlag, Band 15 der neuen Sammlung, Schupfart 2024. Darin finden sich Sätze wie:
"schade zu überleben, ohne zu leben,/ denn leben ist ein riesenerlebnis" oder: "Wir tragen uns aus /  t r a g e n   u n s   a u s / in diesem Ei der Ewigkeit /und dann verschütten wir uns."

Hier noch ein Beitrag von Dagmara Kraus für die 50. Tagtigall

Und hier noch ein Gedicht von Kraus aus dem Band "Kummerang":

aubade für bahidja

als du den schlipper noch austragen gingst,
talkkalkig in farbe, für ein bakschisch, bahidja
(dein unbuchstabierbarer name) - ich glaube,
ich war wohl noch kind -, sah ich den orthros,
im tammus gebatikt, sich heimlich an deinem
brautschmuck bedienen : kristalline alinlik,
alinlik, blasskorallin - talmi - österreichisch
mit end-n talmin, aber das wusste ich nicht
und nahm sie für echt und schrieb solidarisch
supplik - eine rasende, feist zungen-r-lastig,
an den polnischen papst, der himmel möge
doch bitte, und dies sei zu befehlen, zumindest
die sonne herausrücken und wieder zurückgeben,
was ihm nicht gehört, anstatt sich des morgens,
wenns bis auf mich sowieso niemand sieht,
mit solch wildfremden gütern wie möndchen,
stern & korönchen zu schmücken, gestohlenen
- BASTA ! bahidjas stirnschmuck war sicher
und gut schatulliert, für den tag, den groß
großen tag, an dem sie in glitzerndem tombak,
in orientalische schleier gehüllt, ihren gemahl
empfangen ging. doch das katho-zölibat
verstand nichts von alldem, nichts von djamal,
nichts. - "ein diadem ?" - ach, diese krumpf-
echten alben … vielleicht kam mein schreiben
nie an, geschweige denn antwort jemals
von vatikans haloniertem surrogatsoterstuhl.
meine bahidja jedenfalls, die verschwand,
ganz plötzlich von einem tag auf den andern

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