Die besten Taschenbücher des Monats
Von
Alice Fischer
04.09.2026. Der neue Taschenbücherbrief ist da! Und da ist viel Schönes dabei: Jonas Lüscher geht auf einen atemlosen Trip durch die Länder und Jahrhunderte. Fiona Sironic jagt im vom Klimawandel ausgetrockneten Wald im Jahr 2050 Dinge in die Luft. Leon Engler blickt in das Gesicht des Wahnsinns. Volker Weiss entlarvt die Geschichtsklitterung der Rechten. Und Perlentaucherin Alice Fischer empfiehlt Jakob Heins berauschte DDR-Satire "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wer dieses Hardcover verpasst hat, sollte seine Chance jetzt nutzen: Jonas Lüschers Roman "Verzauberte Vorbestimmung" wurde von der Kritik geradezu mit Lob überschüttet. Lüschers Held erkrankt, wie es auch dem Autor selbst geschah, an Covid und fällt ins Koma. Von hier aus tritt Lüscher eine existenzielle Reise durch die Welten und Jahrhunderte an, die die Kritiker nachhhaltig beeindruckt: Wie in einem Fiebertraum rast Lüscher vorbei an der industriellen Revolution bis in die nahe Zukunft, von Flandern und Böhmen bis nach Ägypten, staunt die Zeit. Auch die FAZ stürzt sich mit Begeisterung in dieses Abenteuer, indem sie unter vielen anderen auch dem Schrifsteller Peter Weiss und einer Cyborg-Maschinenstürmerin begegnet - so viel "szenische Virtuosität" ist ihr noch selten untergekommen. Einen "Jahrhundertroman" kürt der Dlf und auch die SZ bewundert Lüschers "Sprachmagie".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Was ist eigentlich normal? Diese Frage stellt Leon Engler in "Botanik des Wahnsinns" auf originelle wie berührende Weise. Autobiografisch grundiert lässt der Autor seinen Protagonisten eine Reise in die Vergangenheit antreten, wo er seine eigene Familiengeschichte ergründen will, die geprägt ist von Depressionen, Suizidversuchen, Wahnsinn. Um selbst diesem Schicksal zu entgehen, wird der Erzähler Psychologe und so zum Fachmann nicht nur für seinen eigenen, sondern auch den (vermeintlichen) Wahnsinn der anderen: Die SZ findet es äußerst bemerkenswert, wie Engler hier auch die harten Themen Suizid, Alkoholismus und psychische Krankheit angeht, nämlich mit "humorvoller Zärtlichkeit" und "schriftstellerischem Feingefühl". Die FAZ bewundert Englers meisterhafte Verknüpfung von Familienerzählung, Psychiatriekritik und Geistesgeschichte, die FR bescheinigt eine Engler eine "bemerkenswerte Bildsprache" und der Dlf findet das Ganze zusätzlich "medizinisch hochinformiert".
Ein explosives Debüt legte Fiona Sironic mit ihrem Roman "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" vor: angesiedelt in den heißen 2050er-Jahren erzählt Sironic die Geschichte einer Teenagerliebe zwischen zwei sehr unterschiedlichen Mädchen. Die taz verfolgt in dieser Mischung aus Climate Fiction und Coming-of-Age-Roman mit Spannung die Annäherung zwischen der ruhigen Era und der wütenden Maja, die ihre Vergangenheit als Tochter zweier Momfluencerinnen hinter sich lassen will. Eindringlich findet die SZ das dystopische Setting des Romans zwischen Klimawandel, Artensterben und aus der Kontrolle geratenen sozialen Medien - eine rasante Geschichte mit Sogwirkung, die auch als Gegenwartsdiagnose lange nachhallt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nächstes Wochenede ist Wahl in Sachsen-Anhalt und die AfD liegt in den Umfragen bei über vierzig Prozent. Der Historiker Volker Weiß beschäftigt sich schon seit Jahren mit den alternativen Geschichtstheorien, die die Rechte verbreitet. Interessiert vertiefen sich die Kritiker in sein Buch "Das Deutsche Demokratische Reich", in dem er diese Narrative mit Präzision auseinandernimmt: Symptomatisch ist für Weiß die Strategie, Begriffe und geschichtliche Ereignisse so lange umzudeuten, bis sich Erzählungen fest etablieren, wie zum Beispiel die Behauptung, Hitler sei "Sozialist" gewesen, die taz lernt hier, wie nah sich Putin, AfD und Trump in solchen "Taschenspielertricks" sind. Die SZ schätzt, dass Weiß außerdem auf die historisch betrachtet überraschende Russophilie der Rechten in Zeiten des Ukrainekonflikts eingeht - ein wichtiges Buch in diesen Zeiten, urteilt sie.
Persönliche Empfehlung zu Jakob Heins Roman "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" von Alice Fischer
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ob Jakob Hein die Idee für seinen Roman während des Genusses jenes Rauschmittels gekommen ist, um das es in "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" geht, darüber kann man nur spekulieren. Dass er mit seiner Geschichte um den Jungsozialisten und leidenschaftlichen Kinogänger Grischa eines der witzigsten und absurdesten Bücher über die DDR geschrieben hat, darüber besteht hingegen kein Zweifel: Grischa tritt hochmotiviert seinen neuen Job in der Staatlichen Plankommission der DDR an, "Arbeitsgruppe Afghanistan". Allerdings erteilt ihm sein Vorgesetzter gleich mal eine Lektion im "kunstvollen Warten". Denn seine Abteilung, die eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem "Bruderland Afghanistan" organisieren soll, hat leider gar nichts zu tun. In dem kriegsgebeutelten Land gibt es nämlich gar nichts zu holen, glaubt zumindest Grischas Chef. Als der aber vorschlägt, man könnte doch das afghanische Cannabis an doofe Westler verkaufen und damit heiß begehrtes Westgeld erwirtschaften, ist das der Startschuss für einen berauschten Trip durch Afghanistan und DDR-Geschichte, garniert mit kuriosen Nebenfiguren, historischen Fakten (mitunter nicht weniger kurios) und mehr als einer überraschenden Wendung. Mit Kritik an den schäbigen West-Deals der DDR-Regierung und der Heuchelei der Apparatschiks spart Hein ebenfalls nicht, so gelingt ihm ein angenehm leichter Ost-Roman mit ernsthafter Grundierung. Die vollständige Liste der Taschenbücher für August finden Sie in unserem Buchladen eichendorff21.
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