Zurück zu Angela Schaders
"Vorwort".
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Ein exquisites Essen, dazu ein teurer Tropfen - das sind bewährte Schmiermittel für den Geschäftsgang. Auch Mohammed, der sich im Berufsleben lieber als "M" vorstellt, will sich und sein Kreditkarten-Projekt einem potenziellen Investor auf diese Art angenehm machen. Unter dem Kronleuchter eines hippen Londoner Restaurants kam ein kleines grünes Rechteck ans Licht und schimmerte. "Also, das ist sie. So sieht sie aus. Stylish, vermittelt den Besitzern ein Gefühl der Exklusivität, Stichwort Palladium oder Stichwort Centurion. Und das Investment, das wir für den Soft Rollout brauchen, ist minimal. Das ist wirklich eine Gelddruckmaschine, Benjamin. Wenn man jemanden hat, der sich in die mühsamen Vorarbeiten reinkniet."
M krempelte sich die Ärmel auf, als Zeichen für "mühsame Vorarbeiten", ein Vorwand, die Schließe seiner roségoldenen Uhr am linken Handgelenk vorzuführen und dem Mann von der Deutschen Bank zu zeigen, dass er kein Bauerntölpel war, der ihn verarschen wollte, dass er Vertrauen verdiente.
"Gentlemen", sagte der Kellner und platzierte den Teller in exakt demselben Augenblick vor M, in dem sein Kollege den seinen vor dem Vice President, Project Finance, Asset Finance & Leasing, Corporate & Investment Banking abstellte, "hier der erste Gang, für Sie, Sir", er deutete auf den mit kleinen Edelsteinchen gefüllten Teller, der vor M stand, "sautierte Foie gras von der Ente an einem Püree aus Topinambur und Haselnuss unter 24-karätigem Blattgold. Und hier", der Kellner widmete sich dem Vice President und dem kubistischen Arrangement auf dessen Teller, "haben wir den sautierten Bauch vom Thunfisch, direkt aus Japan, heute Morgen eingeflogen, von der Küche versehen mit einer Auswahl von karamellisiertem Obst, Matsutake-Pilzen, einer Emulsion von der Densuke-Wassermelone und einem Hauch 150 Jahre altem Balsamico.
Bon appétit."
"Schon klar, wie das gemacht wird, oder?", sagte der Vice President und blickte M plötzlich direkt in die Augen. Mit einem der Wenge-Essstäbchen, die man ihm für diesen Gang gereicht hatte, deutete er grob auf den Teller vor M. "Das Viech wird grausam gestopft, widerlich."
M, von diesem plötzlichen Gefühlsausbruch überrascht, wollte ihn darauf hinweisen, dass ein, zwei gequälte Enten wohl kein Vergleich zu dem Unheil waren, das angerichtet wurde, wenn man sich frische Zutaten aus Tokio einfliegen ließ, aber dann lachte er nur - "Na, diese verfluchten Franzosen!" - und zerstörte die Goldlegierung, indem er die Gabel ins Rund der Entenleber stieß. Er brauchte das Geld der Deutschen Bank, und anders als der Vice President konnte er sich Moral nicht leisten.
"Aber vielleicht erzähle ich Ihnen ein bisschen über mich selbst. Wissen Sie, ich bin vor fünf Jahren zu Hilliard Drake, hätte ich nicht machen müssen. Ich muss nicht arbeiten. Für mich ist der Job Lifestyle."
Ein Kellner, ein anderer als vorher oder auch nicht, tauchte aus dem Nichts auf, schenkte ihnen Wein nach und verschwand wieder.
"Wir sitzen an der Lombard Street - kommen Sie doch mal vorbei, dann gehen wir lunchen -, und ich habe ganz junge, ehrgeizige Leute im Team, die besten. Nur die allerbesten. Und wir haben ein Motto, wir nehmen nur die Projekte an, an die wir wirklich glauben, und dieses hier, das ist …"
Jetzt erwachte das Telefon des Vice Presidents zum Leben, das genau wie M's beim Essen wie ein Teil des Bestecks neben dem Buttermesser gelegen hatte, es zitterte auf dem Tischtuch wie ein waidwundes Insekt, lautlos, und gerade dadurch seltsam laut.
"Tut mir leid, da muss ich rangehen", sagte Benjamin. "Freeman. Ja. Ja, verstehe. Aber wir haben deren Privatjet als Hebel, nicht vergessen."
Schwungvoll wurden ihre Teller abgeräumt, jemand kam mit einem silbernen Utensil zur Entfernung der Brotkrumen von der Tischdecke und ließ sie wieder makellos leuchten. Die Weingläser wurden erneut gefüllt.
"Gut, nein, das Projekt als solches steht noch nicht, aber ich glaube - ja. Wie spät ist es jetzt in New York? Und in Singapur? Na, dann machen wir doch eine Telefonkonferenz, in zwei Stunden vielleicht? Ja. Das kriegen wir hin, ja. Ich will einfach nicht, Bill, ich will einfach nicht, dass sich diese Werte hier in Luft auflösen. Du weißt genauso gut wie ich, Due Diligence ist geregelt, aber wer weiß, wo die Märkte in sechs Monaten stehen, ja? Also."
M betrachtete diesen Mann, an dessen Aufmerksamkeit es hing, ob es ihm gelang, seiner Firma Hunderttausende Dollar einzubringen oder gar nichts. Der Vice President war jung, zu jung für seinen Job; andererseits, wer konnte schon sagen, was sein Job eigentlich war? Seine Visitenkarte las sich wie die Speisekarte eines Asiarestaurants in der Provinz, die bot alles und nichts. Ein Vice President von Irgendwas war heutzutage jeder. Der Stimme von Benjamin Freeman hörte man noch die Kindheit in Manchester an, und sein Anzug war billig und schlecht geschnitten. Aber sein Hemd war teuer, und er trug Manschettenknöpfe mit Monogramm. Es machte M nichts aus, an ein, zwei Zerberussen vorbeizumüssen, bis er vor den Jungs mit Prokura saß. Dutzende dieser kleinen Lackaffen konnte er abfüllen, wenn es nötig war.
M fand es unhöflich, selbst sein Telefon zu checken, und täuschte Interesse für die Wasserkarte vor, die noch auf dem Tisch lag - dreißig Seiten mit blumigen Beschreibungen der erlesensten Mineralwässer aus allen Teilen der Welt, von aus Norwegen eingeflogenem arktischem Fjordwasser bis hin zu Oasenwasser aus der saudischen Wüste, mit Kohlensäure versetzt. Aber bald langweilte er sich und sah sich im Restaurant um. Vor ein paar Monaten erst war dies eines der Londoner Restaurants gewesen, in denen sich kaum ein Tisch bekommen ließ. Um Punkt neun Uhr rief man an, genau einen Monat vor dem gewünschten Reservierungsdatum, und wenn man das unglaubliche Glück hatte, dass sich jemand herabließ, ranzugehen, bekam man entweder zu hören, der Tag sei leider völlig ausgebucht, man könne es ja morgen wieder versuchen - obwohl es erst 9 Uhr 02 war und sie unmöglich schon dreißig Reservierungen entgegengenommen haben konnten - oder ja, es gebe einen Tisch, neben der Küche, um 21 Uhr 45, ob das in Ordnung sei? Die Reservierung gelte nur für zwei Stunden, hieß es dann immer, ein ganz neues Haute-Cuisine-Konzept, nach dem das gesamte Essen so geplant und gebündelt wurde, dass es exakt 115 Minuten dauerte, damit man die Tische effektiver nutzen und die Umsätze erhöhen konnte. M hatte das Restaurant schon genutzt, um Kunden zu beeindrucken, was immer gelang, schließlich befand es sich in der ehemaligen Stadtresidenz des Prinzregenten von 1785 bis 1824, die im Originalzustand erhalten worden war, um den Dinierenden eine herrschaftliche Anmutung zu verleihen, an Tischen mit den eingravierten Namen historisch bedeutender Persönlichkeiten, die schon dort gegessen hatten. (An jenem Abend saßen M und der Vice President am Churchill-Tisch, rechts vom T. S.-Eliot-Tisch und links vom Wayne-Rooney-Tisch.) Ein vorsintflutlicher Touch, der M nervte, war der Verzicht auf Preise auf den Speisekarten, was es für seine Gäste schwerer machte, zu erfahren, wie viel er sich den Abend hatte kosten lassen. Früher war er hier von City Boys umgeben gewesen, die so riesige Champagnerflaschen leerten, dass deren Fachbezeichnung sich bei obskuren biblischen Gestalten bediente - heutzutage dagegen, da Regierungen die Institutionen des Finanzwesens mit Geld überschütteten und die Wochenzeitungen erklärten, nun seien alle Sozialisten, konnte man im Restaurant am Vortag anrufen, und man wäre dort froh, nein,
entzückt, einen begrüßen zu dürfen. Zu jeder beliebigen Zeit, wann wäre es Ihnen recht? An jenem Abend waren die einzigen anderen Gäste drei junge Menschen in Designerklamotten, die schweigend aßen und jeden Gang mit dem Telefon abfotografierten, und ein älterer Herr mit einer auffällig jungen Begleiterin, die auf einem Hocker neben ihrem Stuhl entweder eine unglaublich teure Designerhandtasche oder eine billige Kopie davon abgestellt hatte.
"Es tut mir wirklich leid, aber ich muss gleich los", sagte Benjamin Freeman und legte das Telefon wieder ab, diesmal mit dem Bildschirm nach oben. Kaum hatte er ausgesprochen, kam der Hauptgang, wackelig aufgetürmtes Essen mitten im Rund riesiger Teller. Wieder wurden sie gleichzeitig vor ihnen abgesetzt, dann folgte das künstlerische Manifest.
"Und hier hätten wir für Sie, Sir", die Hand des Kellners winkte leicht in Richtung M, "das Täubchen aus Anjou in Frankreich, die Küche empfiehlt das händische Abnagen der Knochen, und dazu pochierte Birne unter Blutorangen-Sauce und der dekonstruierte Artischockenherz-Baozi."
"Und hier", ein Nicken in Richtung des Vice President, "das Kobe Beef, Marmorierungsgrad 9. Unser Beef stammt von einem besonderen Hof aus dem Umland von Kobe in Japan, dessen Besitzerin, ein ehemaliger Alt von der Tokyo Opera City, den Kühen jeden Abend die Arie aus
Orfeo ed Euridice vorsingt. Das Beef liegt auf einem Bett aus karamellisiertem Gras aus Kobe, an einem Schwarztrüffel-Kartoffelpüree. Guten Appetit."
"Also, in einem Satz", sagte der Vice President und spießte mit der Gabel ein Stück Beef auf, "warum sollen wir in eine … islamische Kreditkarte investieren?"
M rang mit den Gebeinen des Täubchens, gab auf und nahm stattdessen einen Schluck Wein.
"Lassen Sie es mich so sagen, Benjamin: Der islamische Finanzsektor hat die Ereignisse des vergangenen Jahres als einziger unbeschadet überstanden. Als einziger. Und wir haben das genau untersucht - das kann ich Ihnen alles später zeigen, wir haben ein wirklich gründliches Investment Memorandum vorbereitet, Ihre Zahlenmenschen können sich das in Ruhe ansehen -, und es ist ganz offensichtlich, dass es einen enormen Bedarf nicht nur in Nahost gibt, sondern auch in Europa. Für die muslimische Familie ist das ideal: Die 2,5 Prozent Zakāt werden bei jedem Kauf automatisch gespendet - die Zakāt ist, wie Sie bestimmt wissen, die Wohltätigkeitsabgabe, die jeder Muslim leisten muss -, und wir können mit verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen Synergien erzeugen, zur gemeinsamen Wertschöpfung. Und überdies sorgt die Karte noch dafür, dass man nur Halal-Produkte kaufen kann. Und das, Benjamin, ist wirklich unser Killer-Feature."
Der Kellner schenkte wieder Wein nach, und die letzten Tropfen landeten im Glas des Vice President. "Tut mir sehr leid, Gentlemen, hätten Sie gern noch eine Flasche?", sagte der Kellner, plötzlich untröstlich. "Klar, was meinen Sie, Benjamin?" - "Na ja, wenn es Ihnen nichts ausmacht … ich muss frisch bleiben, für eine Telefonkonferenz in etwas über einer Stunde." - "Kein Problem, Benjamin, natürlich. Das wäre dann alles, danke."
Der Kellner glitt davon, die leere Flasche an die Brust gedrückt wie ein waidwundes Vögelchen.
"Da. Nehmen Sie mal, das ist die Karte. Gutes Gefühl, oder? Also, wenn Sie beim Einkaufen sind, und Sie haben Lebensmittel im Korb, die, sagen wir, Gelatine enthalten, dann wird Ihre Karte einfach nicht akzeptiert. Oder sagen wir, Sie gehen aus und geben der Versuchung nach und bestellen sich ein Bier. Na, das geht nicht. Die Karte sorgt dafür, dass der muslimische Mann seinem Glauben treu bleibt. Und die muslimische Frau, die bekommt von ihrem Mann so eine Karte, und dann hat sie ihre Freiheit, finanziell, ja? Aber der Mann bleibt natürlich über SMS auf dem Laufenden und weiß nicht nur, was sie kauft, sondern auch wo sie ist. Wirklich eine Komplettlösung, und die Entwicklung ist durch, das Produkt ist da. Es funktioniert. Wir brauchen nur noch das Kapital für die Markteinführung."
Benjamin Freeman betrachtete die metallisch grüne Karte in seiner Hand. "Wirklich sehr interessant."
"Ich wusste, dass Sie das so sehen würden, Benjamin."
"Ich rede mit unserem Islamic-Finance-Team darüber, vielleicht kriegen wir ein Meeting hin."
"Das freut mich, Benjamin."
"Darf es für einen der Herren vielleicht ein Dessert sein?" Den Gästen wurden zwei ledergebundene Karten dargeboten, mit drei Vorschlägen, in einer serifenlosen Schrift so klein gedruckt, dass M die Augen zusammenkneifen musste.
"Ich nehme den Schokokuchen. Und einen doppelten Espresso."
"Die Neuinterpretation des
Fondant au chocolat, eine hervorragende Wahl."
"Für mich den Blätterteig bitte. Und einen Earl Grey."
"Das
Mille-feuille. Perfekt."
"Freut mich wirklich sehr, dass das Projekt Sie interessiert. Ich glaube, das kann uns beiden etwas bringen. Das kann wirklich lukrativ sein, und wenn wir das hinkriegen, haben wir beide uns doch auch ein Stück vom Kuchen verdient, oder? Zu den großen Banken der Saudis und Emiratis hat die Deutsche Bank doch bestimmt gute Beziehungen? Ich sehe keinen Grund, das nicht auch in den wohlhabenderen muslimischen Ländern anzubieten."
Ihr Nachspeisen wurden serviert, diesmal
sans exposition, überraschend schnell. M warf einen Blick auf das kleine Häufchen gallertartiger geometrischer Formen auf dem Teller vor sich und winkte einen Kellner herbei. "Sorry, aber ich hatte den Schokoladenkuchen bestellt."
"Das ist das
Fondant au chocolat, Sir, neu interpretiert vom Maître de Cuisine."
"Ah. Verstehe."
Sie aßen schweigend ihre Desserts und leerten die Gläser.
"Ich will Sie nicht aufhalten, ich weiß, dass Sie losmüssen. Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten, wirklich. Wir halten uns auf dem Laufenden, ja?
Garçon!" M hob ruckhaft den Arm, die Kreditkarte zwischen den Fingern, seine Neuinterpretation des Logos der National Lottery. "Das ist natürlich nicht die Islamische Kreditkarte, ha ha, bei allem, was wir heute Abend getrunken haben!"
Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags