09.09.2024. Isabella Hammad ist in London aufgewachsen, die Romane der britisch-palästinensischen Autorin aber wurzeln in der einstigen Heimat ihres Vaters. Ihr Erstling skizzierte im Rahmen eines lebendigen historischen Tableaus die Vorgeschichte des Nahostkonflikts. Mit "Enter Ghost" begibt sie sich nun auf dieses zerrissene Terrain - und legt dabei auch Bruchlinien innerhalb der palästinensischen Gemeinschaft frei.
Isabella Hammad. Foto: Elizabeth Van LoanWas ist ein Roman, was soll er sein? Für die britisch-palästinensische Schriftstellerin Isabella Hammad hat Sylvia Wynter die Antwort auf den Punkt gebracht. Nun ja, nicht ganz - es geht um ein etwas ausschweifenderes Satzzeichen: Der Roman sei eine revolutionäre Form, so Wynter, weil er "in seiner Essenz ein Fragezeichen ist".
Allerdings besteht eine gewisse Diskrepanz zwischen dieser minimalistischen Definition und Hammads 2019 erschienenem Erstling "The Parisian"; die deutsche Ausgabe nähert sich mit gut 700 Seiten eher schon der Gewichtsklasse, die man "Ziegelstein" nennt. Und auch das Fragezeichen, das dem Buch eingeschrieben ist, hat Substanz: "Der Fremde aus Paris" - so der Titel von Henning Ahrens' Übersetzung - ist keine rein fiktive Figur. Isabella Hammad modellierte ihn teilweise nach ihrem Urgroßvater Midhat Kamal, dessen Lebensgeschichte und dessen spannungsreiches kulturelles, soziales und politisches Umfeld die Autorin breit erforscht und dann imaginativ ausgeformt und erweitert hat.
Dieses Debütwerk ist großes Welttheater: Vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre reichend, überspannt es den Ersten Weltkrieg ebenso wie den Niedergang des Osmanischen Reiches, fokussiert dann auf den arabischen und insbesondere den palästinensischen Widerstand gegen die britische Mandatsherrschaft und auf Nablus, die gesellschaftlich komplexe Heimatstadt des Urgroßvaters. Dieser, ein Grenzgänger zwischen den Welten, wollte nach seinem Studium in Paris die Seidenkrawatten und Maßanzüge auch in der Heimat nicht missen und war deshalb in Nablus als "al-Barisi", der Pariser, bekannt. Auch innerlich schickt ihn die Schriftstellerin auf einen Kantengang zwischen romantischer und gesellschaftskonformer Liebe, zwischen grüblerischer Selbstbezogenheit und dem Verlangen nach Anerkennung und Zugehörigkeit, der bis in den psychischen Zusammenbruch führt.
Im Vergleich zum Erstling spielt "Enter Ghost", Isabella Hammads im März 2023 erschienener zweiter Roman, auf wesentlich kleinerer Bühne. Nicht nur, weil es darin tatsächlich um eine unter prekären Umständen realisierte Theateraufführung geht - der Titel verweist bereits auf Shakespeares "Hamlet" -, sondern auch, weil die Haupthandlung ins Jahr 2017 fällt. Da ist die in den ersten Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts noch im Umbruch befindliche Region des Nahen Ostens von Grenzen durchzogen, die mancherorts eher wie Zündschnüre anmuten. Nirgendwo liegen sie enger und dichter als auf dem Terrain, wo das Drama des israelisch-palästinensischen Konflikts derzeit blutig fortgeschrieben wird - und dort ist "Enter Ghost" situiert. Der Roman schließt insofern ans Vorgängerwerk an, als Hammad erneut auf eine Hauptfigur setzt, die den Blick von außen und eine europäisch geprägte Sensibilität mitbringt: Wie die Schriftstellerin selbst, die 1991 in London als Tochter eines palästinensischen Vaters und einer britisch-irischen Mutter geboren wurde, hat ihre Hauptfigur Sonia ihren Lebensmittelpunkt in Großbritannien und nebst arabischem auch einen Schuss europäisches Blut.
Aus dem "Hamlet" ließe sich ebenfalls ein Faden zurück zum Erstling spinnen, insofern, als die Vaterfigur im Seelenleben des "Fremden aus Paris" eine lastende und letztlich verhängnisvolle Rolle spielt; dieses Psychogramm baut die Autorin von Anfang an mit Sorgfalt auf. Midhat Kamal wird Mitte der 1890er Jahre als Sohn einer wohlhabenden, aber noch nicht in die gesellschaftliche Elite von Nablus aufgestiegenen Händlerfamilie geboren; die Mutter stirbt in seinem zweiten Lebensjahr, der Vater ist ständig in Geschäften unterwegs und schließt eine neue Ehe in Kairo. Schon als Knabe wird Midhat auf ein französisches Lyzeum in Konstantinopel geschickt. Dort ereignet sich ein erster Schlüsselmoment, als er sich plötzlich, und akut körperlich, als "eigenständige Person" gewahrt. Beim Duschen durchfährt es ihn: Er betrachtet seine Hände, seine Beine, "vor Hitze gerötet und von schwarzen, borstigen Haaren übersät", rätselhaft und zugleich gnadenlos er selbst. "Diese Erkenntnis glich einem Stromstoß, der ihn sowohl in seinem Körper einkapselte als auch von diesem entfremdete."
Am 2. August 1914 schließt das osmanische Reich, dessen Herrschaftsgebiet sich auch über das damalige Palästina erstreckt, ein Bündnis mit Deutschland; Midhat, mittlerweile neunzehn, gehört zu denjenigen, deren Familien es sich leisten können, die stellungspflichtigen Söhne rechtzeitig ins Ausland zu eskamotieren. In Montpellier tritt er ein Medizinstudium an, verliebt sich bald einmal in Jeannine, die herb-hübsche Tochter des Akademikers Dr. Molineu, in dessen Haus er untergekommen ist. Isolation und Verunsicherung holen ihn dennoch ein, umso mehr, als "Monsieur l'Arabe" gelegentlich auch mit giftigem Unterton auf seinen minderen Menschenwert verwiesen wird. So wiederholen und verschärfen sich die Doppelschläge des gleichzeitigen Selbst- und Fremdseins, die seinen Körper galvanisieren, er fühlt sich "eingeschnürt, als wäre dieser eine harte Hülle". In Jeannine glaubt er eine Seelenverwandte zu finden, denn sie hat ebenso schmerzlich und erfolglos um die Zuwendung ihrer psychisch kranken Mutter geworben wie er als Kind um die Aufmerksamkeit des Vaters, der nur wie ein kalter Wandelstern dann und wann in dem Haus nahe Nablus auftauchte, wo Midhat seine Kindheit unter der Obhut der Großmutter verbrachte.
In Montpellier übt Midhat durch die heimliche Liebesbeziehung mit Jeannine eine Art Verrat an seinem Gastgeber - und fühlt sich seinerseits von diesem verraten: Eines Tages entdeckt er, dass Molineu ihn heimlich als Studienobjekt für eine dubiose ethnopsychologische Schrift missbraucht. Nach einem wüsten Eklat flüchtet sich der junge Mann nach Paris, schreibt sich an der Sorbonne für Geschichte und Philosophie ein, driftet wie berauscht durchs fiebrige Nachtleben der Kriegsjahre; er lernt aber auch, im Zirkel syrischer Intellektueller rhetorisch die Klingen zu kreuzen und Visionen für eine Zukunft der arabischen Nationen in Freiheit und Unabhängigkeit auszuspinnen. Stolz und selbstbewusst wird er dabei nicht. Sieht sich vielmehr mit gebrochenem Blick als "Midhat, der Levantiner, mit nagelneuem Anzug und mit Einstecktuch (…): der Inbegriff des Pariser Orientalen, dem Bild entsprechend, das in Eckläden erhältliche Zigarettenschachteln schmückte."
Ebenso wie den Pariser Habitus trägt Midhat die Sehnsucht nach Jeannette mit, als er im Herbst 1919 wieder nach Nablus zurückkehrt. Doch auch die Gravitationskraft der Heimat beginnt zu wirken, allerdings nicht im Sinn des revolutionären Geistes, von dem er in Paris gekostet hat und der auch in Nablus brodelt. Während Jamil, sein Cousin und liebster Jugendfreund, sich zunehmend in der Unabhängigkeitsbewegung engagiert, kokettiert Midhat angelegentlich noch mit seinen diesbezüglichen Erfahrungen - aber der dunkle Planet, um den sein Leben kreist, ist der Vater, der ihn mit für Midhat unerklärlichem, harschem Unmut empfangen hat. Schluss also mit Philosophie und Geschichte, rein in die Filiale von Papas Textil- und Kleiderhandlung auf dem Markt von Nablus, wo der langmütige Geschäftsführer dem jungen Mann die Grundlagen der Buchhaltung zu vermitteln versucht. Ein schwierigeres Exerzitium ist die Werbung um Fatima Hammad, die Frau, die Vater und Großmutter als Gattin für Midhat im Auge haben: nicht nur, weil Jeannettes Bild sich vor dasjenige Fatimas schiebt, sondern vor allem, weil einer aus der Familie Kamal, der immer noch der Ruch der Parvenüs anhaftet, eigentlich keine Aspirationen auf die schöne Tochter aus hochangesehenem Haus hegen dürfte.
Dennoch gewinnt er Fatima für sich und hofft, damit auch endlich die Anerkennung des Vaters errungen zu haben; doch dieser stirbt noch vor der Hochzeitsfeier - und den Hauptteil des Erbes hat er seiner zweiten Ehefrau und deren Kindern überschrieben. Midhat kämpft sich zäh wieder hoch, aber im konservativen Nablus ist damit kein Lorbeer zu holen; vielmehr, so heißt es, erfahre "jemand, der es aus eigener Kraft schaffe, mehr Missgunst als einer, der seine Privilegien ererbt habe". So wird in dem Modegeschäft, das er an bester Lage aufgebaut hat, eines Nachts Feuer gelegt. Der entscheidende, letzte Schlag jedoch erwartet ihn im einstigen Elternhaus. Es ist ein Brief Jeannettes, vom Vater vor Jahren behändigt und verborgen, der Midhats ganzem Leben eine andere Richtung hätte geben können. Der Schock stürzt ihn in eine langanhaltende psychische Krise. Diese Entwicklung übrigens ist mehr als nur ein dramatischer Kniff; sie war, wenn auch anders bedingt, in der Biografie von Isabella Hammads Urgroßvater vorgezeichnet.
Nach der Heimkehr aus Paris dominiert der Protagonist die Bühne allerdings weniger als im ersten Teil des Romans. Er spielt seine Rolle vielmehr innerhalb der Kulisse der Stadt Nablus, die Isabella Hammad facetten- und detailreich ausgestaltet. Sie blendet ins Quartier der Samaritaner, einer bedrängten und eher scheel angesehenen religiösen Minderheit, zu der man sich allenfalls schleicht, wenn man jemanden mit einem Zauber belegen will; sie zeigt eine Oberschicht, die sich äußerlich an die europäische Moderne anlehnt, in ihrem sozialen Funktionieren aber weitgehend in den traditionellen Strukturen verharrt. Ein Paradestück gelingt der Autorin hier etwa mit dem abendlichen Empfang, bei dem die Damenwelt erstmals Bekanntschaft mit einer Frühversion der Fotokamera macht. Da kann eine ältere Besucherin beim Blick durch den Sucher schon ins Taumeln kommen: "Es war eine Geistererscheinung: Die Frauen gingen losgelöst von ihren Schuhen und setzten mit dem Kopf auf den Boden auf. Die Köpfe hingen wie schwarze Medaillons rings um den Springbrunnen, der wiederum wie ein gewaltiger steinerner Kronleuchter aussah."
Um diese Vielfalt der Perspektiven zu gestalten, bringt Hammad unterschiedlichste Figuren ins Spiel: Midhats wenig gebildete, aber willensstarke Großmutter ebenso wie Fatima, die trotz ihrer privilegierten Herkunft nie wirklich zu sich selbst findet; Jamil, der sich am Ende dem bewaffneten Widerstand gegen die britische Mandatsherrschaft anschließt, ebenso wie den politisch versierten Hani Murad, der während und nach der Pariser Friedenskonferenz von 1919/20 in der von Emir Faisal geleiteten arabischen Gesandtschaft tätig ist. Ein besonderer Fokus liegt auf dem französischen Geistlichen und Orientalisten Père Antoine, der an einer soziokulturellen Studie über Nablus arbeitet. Über Jahre erforscht er die Stadt, beobachtet ihren allmählichen wirtschaftlichen Niedergang ebenso wie die wachsende Militanz im Rahmen der Befreiungsbewegung. Er kennt Nablus vermeintlich so gut, dass ihn die Briten als Spitzel engagieren. Er kennt Nablus faktisch so schlecht, dass er das Organisationsvermögen, den politischen Willen der Bewohner schlicht ausgeblendet hat und nach der Publikation seines Lebenswerks ohnmächtig mitansehen muss, "wie die Prämisse seiner Monographie zerbröselte".
Die infolge der Balfour-Deklaration verstärkte jüdische Präsenz im Heiligen Land scheint im Roman nur am Rande auf; aber im Pariser Zirkel der arabischen Intellektuellen fallen schneidende Worte zum Thema: "Ihr vergesst, dass die Europäer die Juden am liebsten loswerden möchten", sagt einer der Männer. "Juden, Muslime - in ihren Augen sind wir alle gleich, und sie trauen uns nicht. Sie würden uns am liebsten wieder in die Levante verfrachten. Es geht also nicht um Kolonialismus. Sondern eher darum, uns loszuwerden." Worte, die indirekt an Europas Mitverantwortung für die heutige Situation im Nahen Osten erinnern und die einen dieser Tage vor allzu selbstgerechten Schuldzuweisungen bewahren könnten. Allerdings steht dieser Gedanke in Isabella Hammads Werken einstweilen ziemlich allein; ansonsten ist die Wahrnehmung der Juden auf stereotype Feindbilder beschränkt, und insofern ist es zu begrüßen, dass die Autorin mehrheitlich aufs Innere der palästinensischen Gesellschaft fokussiert.
Konfliktlinien gibt es auch dort genug, und ihr zweiter Roman, den Henning Ahrens nun ebenfalls ins Deutsche gebracht hat, legt einige davon frei - gelegentlich an überraschenden Orten und in einer Darstellung, die dem Urteil der Lesenden Raum lässt. Dass Sonia, die Ich-Erzählerin in "Enter Ghost", in London aufgewachsen ist, wurde eingangs bereits erwähnt; doch wenn sie und ihre Schwester Haneen als Teenager zu den Großeltern in die Sommerferien fuhren, reisten sie nicht nach Nablus oder Ramallah, sondern nach Haifa. Der Nakba zum Trotz hatten die Großeltern 1948 an ihrem dortigen Haus und dem Wohnrecht in Israel festgehalten.
Über das Verhältnis zwischen den arabischen Israeli und den Palästinensern im Westjordanland hätte man gern noch etwas mehr gelesen als die gelegentlichen Streiflichter, die Hammad dem Thema widmet. Denn schon die kurze Passage über das abschätzige Wort "Dafawim", mit dem Erstere die Letzteren bezeichnen, ist aufschlussreich: "Dafawim, die Bewohner des Westjordanlands, ein kollektiver Spitzname, der sich von Daffeh, Ufer, ableitet. Was das hebräische Suffix dieses Plurals, das im, über jene aussagte, die ihn benutzten, war nie Thema." Umgekehrt sehen die Palästinenser jenseits der Grenze die in Israel Verbliebenen als Verräter - besonders diejenigen, die arabischen Grundbesitz oder Häuser an Juden verkaufen.
Genau das ist nach dem Tod der Großeltern geschehen, die Tante der Mädchen hat das Haus an jüdische Käufer veräußert. Trotzdem macht Haneen, früh politisiert und moralisch unerbittlich, als Erwachsene ihr Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft geltend: Sie ist nach Haifa zurückgekehrt und unterrichtet an der dortigen Universität. Sonia wiederum, deren Karriere als Schauspielerin in London nie recht Fahrt aufnahm, will nach dem hässlichen Ende ihrer Liebesaffäre mit einem Regisseur den Sommer wieder einmal in der sonnigen Hafenstadt verbringen. Auf schwesterlichen Trost darf sie dort allerdings nicht rechnen, denn das Verhältnis der beiden ist seit langem von Dissonanzen und Spannungen bestimmt. Haneen wirft Sonia immer wieder ihre Selbstbezogenheit und Indifferenz vor, zeigt aber auch selbst kaum Bereitschaft, aus den verfestigten Streit-Ritualen auszubrechen. Sonia wiederum hat sich zeitlebens vor der vermeintlich stärkeren Schwester geduckt - und wird erst gegen Ende des Romans realisieren, dass sie in deren Augen ganz anders erscheint als in der eigenen Wahrnehmung. Wo Sonia ihre Laufbahn und ihr Leben mehrheitlich als Scherbenhaufen betrachtet, meint Haneen: "Du hast in vielen Inszenierungen im West End mitgespielt und stets für irgendwas geprobt. Die meisten Schauspieler haben über längere Zeiträume kein Engagement. Du schon." Die Anerkennung trifft Sonia so unverhofft, dass sie sie wie einen Schmerz empfindet.
Wie im "Fremden aus Paris" - und noch gekonnter, tiefgründiger inszeniert als dort - gibt es auch in "Enter Ghost" eine Schlüsselszene, welche die Selbstwahrnehmung der Protagonistin reflektiert und hier zugleich einen Bogen zum Titelmotiv schlägt. Sie spielt in Haifa, es ist Nacht, Sonia schreckt auf mit dem Gefühl, ein Fremder sei in der Wohnung. Sie tritt aus dem Schlafzimmer, und tatsächlich: "Dort stand jemand vor der Tür. Ich rang um Atem. Auf seiner Stirn schimmerte ein schwaches, bläuliches Licht. Ein Arm hing so schwer an der Seite, als wäre er aus Holz. Sein Gesicht war nicht zu erkennen." Sie erstarrt, findet dann mühsam ihre Stimme wieder; als der Fremde nicht antwortet, macht sie einen Schritt auf ihn zu - und erkennt, dass es sich um ihr Spiegelbild handelt. Es ist eine Art Kontrapunkt zu dem Moment, da sie ihr Bild in Haneens Augen sieht - und im Blick der Leserin entspricht das gesichtslose Schemen auch eher dem Profil, das sich aus den im Roman aufscheinenden Rückblenden auf Sonias Vorgeschichte ergibt. In dieser verschränkt sich die eher erratische und seltsam leidenschaftslos beschrittene berufliche Laufbahn mit einschneidenden persönlichen Erfahrungen: einem traumatischen Schwangerschaftsabbruch, der folgenden, quälenden Entfremdung von ihrem Ehemann, der späteren, in masochistische Phantasien mündenden Affäre mit dem Regisseur, die sich, freilich etwas zu konstruiert und bemüht, bis in die eigentliche Haupthandlung des Romans hinein fortsetzt.
Diese kreist um eine "Hamlet"-Inszenierung, und der Geist, der da über der Bühne schwebt, ist allem Anschein nach ein guter: die warmherzige, energiegeladene Mariam, eine Bekannte aus Kindheitstagen, ebenfalls arabische Israeli und mittlerweile als Regisseurin tätig. Sie will Shakespeares Drama in Bethlehem aufführen, die Männerrollen sind mit knapper Not besetzt, doch keine Gertrude, keine Ophelia will sich melden. Sonia lässt sich, zunächst widerstrebend, auf das Projekt ein. Und realisiert schon in der ersten gemeinsamen Lesung, wie wenig ihr von der britischen Tradition geprägtes Verständnis des Stücks mit demjenigen der hiesigen Berufskollegen zu tun hat.
In einem 2023 veröffentlichten Essay hat Isabella Hammad die "revolutionäre Kraft des palästinensischen Theaters" gewürdigt, und viel von diesem Hintergrundwissen ist in den Roman eingearbeitet. Der Aufsatz vermerkt zudem, dass "Hamlet" während der ersten Intifada im Westjordanland auf dem Index stand; die wie eine Theaterszene wiedergegebene Diskussion der Schauspieler über das Kernthema des Dramas lässt Gründe dafür ahnen. Bald einmal kommen Begriffe wie "Märtyrertum" und "nationale Befreiung" ins Spiel, wobei einer der Männer die letztere Verirrung patzig pariert: "Wäre keine besonders optimistische Vision nationaler Befreiung, wenn am Ende alle tot sind." Auch Sonia grätscht rein, als ein anderer meint, die Königin repräsentiere Palästina, denn sie werde von Claudius vergewaltigt. Natürlich stimmt das nicht, aber George, der die Behauptung aufgestellt hat, zwirbelt seine Argumentation im Handumdrehen so, dass Sonia sich betroffen fühlen kann: Zumindest "missbraucht" werde Gertrude, "wie Palästina, und wie Palästina lässt sie es in gewisser Weise mit sich geschehen, in gewisser Weise verrät sie den alten König (…) Wie diese Verräter, die den Juden Land verkauft haben."
Verrat. Dies ist das Gift, das den gesamten "Hamlet" durchströmt - und das, neben Eifersucht und Ressentiment, auch in der Schauspielertruppe zu wirken beginnt. Ein kompromittierendes Arrangement, mittels dessen die Finanzierung des Projekts gesichert werden soll, fliegt auf, und George ist schnell dabei, Sonia mit boshaften Insinuationen als Spitzel zu brandmarken. Auch Mariams Cousin Wael, der den Hamlet spielt, gerät unter Druck: Er soll als Zugpferd für die Inszenierung dienen, weil er als Pop-Sänger weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, aber sein darstellerisches Talent hält sich in engen Grenzen. Der ungleich begabtere Amin, der nur gerade die Rolle des Horatio ergattert hat, attackiert Wael umso ungenierter, als er andere Mitglieder des Ensembles hinter sich weiß. Wie in Shakespeares Drama verdunkelt zudem eine politische Spannungslage den Horizont: Man schreibt Juli 2017, die Tempelberg-Krise führt zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen Palästinensern und Israeli.
Es gelingt Mariam, mit kühnen Manövern ihr vom inneren Zwist bedrohtes und auch von außen her zunehmend unter Beschuss geratenes Projekt zu retten - und ach: Hätte Isabella Hammad es doch bei der mitreißenden Schilderung der Premiere belassen. Dann hätte sie "Enter Ghost" einen denkwürdigen Abschluss geschenkt, der auch, zumindest ansatzweise, die mörderische Feindschaft zwischen Palästinensern und Israeli durch die Kraft der künstlerischen Geste transzendiert. Stattdessen folgt ein Nachklapp, der das Ende des Romans zur politischen Pflichtübung herunterstimmt - und dafür sorgt, dass punkto Weltbild alles beim Alten bleibt.
Isabella Hammad: Enter Ghost Roman Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Luchterhand Literaturverlag, München 2024. 480 Seiten, gebunden, 22 Euro.
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