Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Die folgende Passage stammt aus der im "Vorwort" erwähnten Erzählung "Der Zeuge". Die Szene spielt an einem Winterabend, Woodruff, der Protagonist, und der Geistliche Dr. Shipley haben die Lektion mit den renitenten Jugendlichen mehr schlecht als recht abgeschlossen. Die im Text erwähnte Annie ist Woodruffs verstorbene Ehefrau.Normalerweise blieb Woodruff nach dem Unterricht noch eine halbe Stunde oder länger da. Dr. Shipley unterhielt sich gern, und Woodruff hörte ihm geduldig zu, obwohl er fand, dass Shipley herumschwadronierte und einen zweitklassigen Verstand hatte. Aber diesmal saß Shipley mit gesenktem Kopf da, keine zum Gespräch einladende Haltung, und Woodruff ging fast sofort nach den Jungs, vor dem inneren Auge ein Bild von lauter schmalen geraden Rücken und fest wie Elastikbandagen um die Schenkel sitzenden Hosen und übergroßen klobigen Jacken und schludrigen langen Haaren. Er fand, dass sie aussahen wie Papierfiguren, alle gleich, alle auf einmal von geübter Hand mit flinker Schere ausgeschnitten. Addie konnte so was - ein Blatt Papier ein paarmal falten, ein paarmal schnippschnapp mit der Schere, und schon hatte sie eine Girlande aus Papierfiguren, alle fett oder alle dünn oder alle vornübergebeugt oder alle mit Zylindern auf dem Kopf oder lauter bärtige Weihnachtsmänner oder lauter Grinsekatzen. Sie hatte am Virginia College Grundschullehrer in Mal- und Handarbeitskursen ausgebildet und war geübt im Umgang mit Buntstift und Schere.
Er ging zu seinem Wagen, Blick nach unten, fixiert auf den Weg durch den Schnee, und blieb plötzlich überrascht stehen. Die Jungs standen auf der Straße. Um ein Mädchen herum. Wohl keine von der Highschool, dachte er, obwohl sie jung war. Sie hatte lange blonde Haare, die über ihre schwarze Steppjacke wogten. Er konnte nicht gleich erkennen, was die Jungs taten, erst als er näher heranging, sah er, dass sie sich auf ihr altes Auto zubewegten und das Mädchen gegen ihren Widerstand zum Mitgehen zwangen. Sie redeten miteinander und mit ihr, kumpelhaft, halb spielerisch.
"Dann schieben wir alle 'n Braten inne Röhre."
"Und wenn's alle machen, ist das ja in Ordnung."
Das Mädchen sagte: "Nein."
"Ach, komm, Nellie, jetzt mach los."
"Is' arschkalt hier, Nellie. Los!"
Sie drängten sie weiter Richtung Auto, aber sie drehte sich um und sagte: "Lasst das."
"Ahh, steig ein."
Einer schubste sie heftig vorwärts, und sie schrie, und Rambler schlug ihr auf den Mund, und sie hatte ihm wohl in die Hand gebissen, denn er riss sie weg, und dann schrie sie wieder, weil er noch mal zuschlug, und dann wurde sie von zwei Jungs gepackt und auf den Vordersitz geschmissen, und einer blieb da und hielt sie fest.
Woodruff dachte: Sie sind zu siebt, jung, stark, teuflisch. Er sollte nach Hause fahren, wo es warm und ruhig war, sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern - die des schwarzen Mannes; sollte dieses Weiße-Männer-Problem einem weißen Mann überlassen, Finger weg, nicht seins, nicht einmischen, nach Hause fahren in den gemieteten Bungalow - lächerliche Art von Architektur für das kalte Klima hier, entworfen für Indien, für heißes Klima, und dann diese offene Veranda -
Er sagte: "Was macht ihr da?" Er sprach als Autorität, mit Lehrerstimme, und dachte: Halt, mal langsam, ganz ruhig, du bist ein schwarzer Mann und sprichst mit einer Weiße-Männer-Stimme.
Sie drehten sich um und starrten ihn an, und im Umdrehen nahmen alle diese Pose des neuen Junghalunken an, wie er sie nannte: Schultern hoch, Hände in den Taschen. Im Mondlicht, dachte er, sahen sie aus wie Figuren in einem Fries an einem Gebäude - alle in derselben Schultern-hoch-Pose, immer und immer wieder, in Stein gemeißelt. Klassisch.
"Was macht ihr da?", sagte er noch einmal, die Stimme lauter, tiefer.
"Wir stehn hier."
"Das sehen Sie doch!"
"Warum habt ihr das Mädchen ins Auto gezwungen?"
"Sie träumen wohl."
"Ich habe es gesehen. Und der Junge da hält sie fest."
"Sie lesen zu viel."
Sie kamen auf ihn zu, immer näher. Er konnte sie riechen, sogar an diesem kalten, windigen Abend, und der Geruch ekelte ihn an - Zigaretten, die Kleidung mit Waschpulver gewaschen, aber nicht ordentlich gespült und in der Trommel getrocknet. Heutzutage rochen die alle so, selbst die bedauernswerten auf College gedrillten Arbeitstiere, die Willigen Werktätigen Amerikas, stanken so, dass er ständig das Klassenzimmer durchlüftete. Fast nie erlebte er den frischen, sauberen Geruch von Kleidung, die mit Wasser und Seife gewaschen, mit heißem Wasser gespült und in der Sonne getrocknet war - diesen Geruch, den er mit frisch gemähtem Heu und Blumengärten verband. Und mit Addie.
Der Nächste, der redete, hatte einen leicht veränderten Tonfall. Herablassender und lauter.
"Was'n für'n Mädchen, Ho-daddy, du Klugscheißer, was'n für'n Mädchen?"
Plötzlich holte einer der Jungs aus und schlug ihm den Hut vom Kopf, ein anderer riss ihm die Brille weg und schmiss sie auf die Straße, das Glas splitterte. Ihn schauderte. Ohne Brille war er halb blind, er spähte umher, konnte Umrisse nicht richtig erkennen - wie die Frau in dem Cartoon von Thurber, ja, natürlich, drei Ballons und ein H oder drei Katzen und ein Hund - bei der ging es allerdings um die Buchstabentafel beim Optiker.
Sie knöpften ihm den Mantel auf und langten in Jacken- und Hosentaschen. Einer nahm ihm die Brieftasche ab, ein anderer schnappte sich die Autoschlüssel und seinen Hut, und schon saß der hinterm Steuer seines Kombis und raste davon.
Er rief: "Mein Auto. Verdammt, du stiehlst mein Auto -", seinen nagelneuen Kombi. Den makellos gepflegten, er ging jeden Morgen mit dem Handfeger durch und putzte die Scheiben. Er wollte ausbrechen aus dem geschlossenen Ring, aber die Jungs schubsten ihn einfach zurück zu ihrem Auto.
"Nichts für ungut, Mann. Du fährst mit uns und der kleinen Taube hier."
"Du bist unser Schutz, Klugscheißer. Du bist unser Schutz."
Sie zogen ihm den Mantel aus, hängten ihn um seine Schultern, aber ohne die Arme durchzustecken, und knöpften ihn zu. Der teure Mantel war zur Zwangsjacke geworden - sie fesselte ihm die Arme an den Seiten. Er versuchte sich rauszuarbeiten, spannte die Muskeln an, in der Hoffnung, so würden die Knöpfe abspringen oder eine Naht aufreißen, und dachte erbost: Die haben den gottverdammten Mantel bestimmt so genäht, dass er tausend Jahre hält, und die gottverdammten Knöpfe genauso. Der Pelzkragen drückte am Hals und würgte ihn.
Woodruff wurde auf den Rücksitz gezwängt, zwischen zwei Jungs. Sie saßen halb auf ihm und halb aufeinander. Der mit der Brieftasche untersuchte den Inhalt. "Heh!", sagte er. "Der Klugscheißer hat hundertvierundvierzig Dollar. Wir ham uns 'n reichen Ho-Daddy geschnappt -"
Rambler hielt die Hand auf, und der Junge übergab das Geld ohne Widerworte, er seufzte nicht mal. Dann setzte sich Rambler ans Steuer. Das Mädchen schwieg, aber nur weil der Junge neben ihr die Hand um ihren Hals hatte, und an der Art, wie er den Arm hielt, erkannte Woodruff, dass er einen gewissen Druck ausübte.
"Gib dem Mann 'n Hut", sagte Rambler.
Einer der Jungs tastete herum und fand schließlich eine Mütze. Sie saßen hinten so eng aufeinander, dass seine Bewegungen beinah die Sitzordnung durcheinanderbrachten. Immer wenn der Junge sein Gewicht verlagerte, mussten die anderen ihrs mitverlagern.
"Da hast du einen", sagte der Junge. Er zog Woodruff eine schwarze Wollmütze auf, bis über die Augen, über die Nase.
Er sah nichts mehr. Er bekam keine Luft durch die Nase. Er konnte nur durch den Mund atmen oder ersticken. Die eiskalte Luft tat im Mund weh. Der Mantel machte ihn bewegungslos, und der andauernde Druck des Pelzkragens auf die Luftröhre brachte seine normale Atmung aus dem Rhythmus. Er wusste, nach und nach würde sein Kreislauf ins Stocken geraten. Was für eine simple, leicht anwendbare Methode, um jemanden hilflos zu machen, dachte er finster - einfach ein Mantel und eine Strickmütze. Dann kam ein alarmierender Gedanke: Wenn die mich so im Wald aussetzen, bin ich morgen früh tot. Was wollen die überhaupt von mir?
Er räusperte sich, weil er sie fragen wollte, aber Rambler ließ den Motor an, und bei dem Krach war Woodruff nicht mehr zu hören. Er dachte, ihm würde das Trommelfell reißen, und wunderte sich, wie diese Jungs das aushielten - den furchtbaren Kanonendonner des Motors und das Geschepper der Türen und Fenster. Dann ging es los, es war wie Fahren im Jeep - nur schlimmer, denn die Rückbank war kaputt und sie wurden erst nach oben katapultiert und dann alle übereinander wieder runter in die hohlen Stellen. Er versuchte die Kurven zu zählen, die der Wagen nahm, aber es waren zu viele, er schaffte es nicht. Er nahm an, wenn sie mal hielten, war da wohl eine Ampel oder ein Stoppschild.
Seinem Eindruck nach waren sie kilometerweit gefahren, dann wurde der Wagen noch brutaler durchgerüttelt, offenbar waren sie jetzt auf einem zerfurchten Holperweg. Plötzlich hielten sie an. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungs schubsten ihn aus dem Wagen. Er verlor das Gleichgewicht, er stolperte und fiel kopfüber in den Schnee, und alle lachten. Sie mussten ihn auf die Füße hieven, er war durch den Mantel so bewegungsunfähig, dass er ohne Hilfe nicht hochkam.
Die Mütze hatte sich etwas hochgearbeitet, er konnte freier atmen und sehen, was in unmittelbarer Nähe war. Sie hatten entweder nicht mitgekriegt, dass die Mütze verrutscht war, oder es war ihnen egal. Sie führten ihn zu etwas, das er als Friedhof mit vielen alten Grabsteinen erkannte. Sie gingen zu einem kleinen Haus, neben dem sein Kombi stand. Der Junge, der ihn gefahren hatte, machte auf, und Woodruff sah, dass das Licht im Innern von einer von der Decke baumelnden großen Glühbirne kam. Im Raum waren Schaufeln und Harken, auch ein fahrbarer Rasenmäher mit Schmierkrusten, Beutel mit Grassamen und ein Bündel, das aussah wie der Kunstrasen um neue Gräber.
Rambler sagte: "Der Zeuge kommt da hin."
Sie stellten ihn an die hintere Wand, mit dem Gesicht zur Wand.
"Er ist da und doch nicht da."
"Ho-Daddy is da - und doch - nich da."
"Er ist unser Zeuge."
Dann wieder Ramblers Stimme: "Wenn er sich rührt, mach'n mit der Schaufel platt."
Das Mädchen schrie laut und dann nur noch gedämpft, es klang wie ein fernes Stöhnen durch etwas hindurch. Sie hatten sie wohl geknebelt. Alle Geräusche waren gedämpft - es war, wie wenn man versucht, im Nebel etwas zu erkennen oder etwas Bestimmtes zu hören, wenn genau das von anderen Geräuschen überlagert wird. Wozu hatten sie ihn hierhergebracht? Womöglich würden sie wegfahren und ihn mit dem Mädchen zurücklassen, aber sie würde ja wissen, dass er nicht -
Woher sollte sie das wissen? Sie hatten ihr doch bestimmt die Augen verbunden. Was machten sie da? Er konnte Schatten an der Wand sehen. Manchmal bewegten sie sich, manchmal verharrten sie, und dann kam wieder Bewegung in die Schatten und es gab Gelächter. Danach Stille und dann wieder Gerumse und Gebumse und Stille. Furchtbare Geräusche hinter ihm. Er wollte sich umdrehen, aber jemand stach ihm in den Rücken, heftig, mit dem Stiel einer Schaufel oder einer Harke. Ihm brach trotz der furchtbaren Kälte der Schweiß aus.
Er versuchte sich mit tiefen Atemzügen zu entspannen, er hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Seine Hände und Füße waren taub. Sein Kopf tat weh. Er hatte
so angestrengt gehorcht, was hinter ihm vorging, dass er fürchtete, sein Gehör ruiniert zu haben.
Als Rambler sagte: "Los, komm, Ho-Daddy, du bist dran", schwand alles Gefühl aus seinen Armen und Beinen.
10'980
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Nagel & Kimche.