Vorworte

Leseprobe zu Hiroko Oyamada: Das Loch

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Es war heiß. Nicht der Hauch eines Windes. Das Zirpen der Zikaden ließ die Luft noch zäher erscheinen. Rechts war der Fluss, links eine Reihe von Einfamilienhäusern, von dunkelgrün leuchtenden Gärten umgeben, vor den Fenstern, die zum Weg hin zeigten, rankten sich Schatten spendende Vorhänge aus Goya-Gurken und anderen Pflanzen. Hinter den üppig wuchernden Ranken spürte ich keinerlei menschliche Präsenz, ich hörte keine Fernseher oder andere Alltagsgeräusche. Keine Kinderstimmen. Der Deich war mit dichtem Gebüsch aus Schilfgras, Pfeilwurz und anderen Gewächsen überwuchert, die ich vom Sehen kannte, nicht aber deren Namen. Teile des Flusses waren vom Weg aus kaum zu erkennen. Durch das Schilf sah ich einen großen grauen Vogel starr im Wasser stehen, eine Reiherart, kein Zugvogel. An manchen Stellen war das Wasser von einem trüben Blau, dann von einem stillen Grün, oder pechschwarz, wenn es den hellen Himmel reflektierte. Die trockenen Halme verbreiteten einen Geruch nach gerösteten Fasern. Mitten auf dem Weg lag ein großer tiefschwarzer, feucht schimmernder Hundehaufen, auf dem sich zwei silbrige Fliegen niedergelassen hatten. Fliegen ernähren sich von Hundekot, aber wie muss es sich anfühlen, wenn man Hände, Füße und Gesicht dort hineingräbt und davon isst. Auch die Fliegen rührten sich nicht. Vielleicht waren sie tot. Wie es sich wohl anfühlt, von Essen beschmutzt, zu sterben? Den Blick auf meine Füße gerichtet, lief ich weiter. Auf dem Boden lagen ein Plastikbecher mit halb verspeisten Instantnudeln, ein paar Papiertaschentücher, ein Paar Arbeitshandschuhe sowie eine zerbrochene Mückenspirale. In jeden meiner Atemzüge mischte sich das Zirpen der Zikaden. Wie viele mochten es sein? Und wie weit reichte das Zirpen einer Zikade? Überall lagen ihre leeren Hüllen auf der Erde, doch nirgendwo sah ich ein totes Tier. Wie konnte es sein, dass bei so vielen Zikaden, die ein so kurzes Leben hatten, der Boden nicht mit ihren Leichen bedeckt war? Plötzlich sprang eine große braune Heuschrecke, so groß wie meine Handfläche, aus dem Gebüsch am Deich. Zitternd schloss sie ihre Flügel und bewegte sich ein Stück auf mich zu. Sie stand da, kam ein paar Schritte näher, drehte sich um, breitete plötzlich die Flügel aus und flog davon. Ich sah ihr nach, und da entdeckte ich das schwarze Tier, es lief den Weg entlang.

Ich dachte schon, ich hätte es mir in der Hitze eingebildet, und sah noch einmal hin, aber da war zweifellos dieses Lebewesen, ohne Frage ein Säugetier mit Hinterbeinen. Es war so groß wie ein mittelgroßer Hund, oder vielleicht größer. Die Schultern waren breit, während die Beine, an den Oberschenkeln noch recht stramm, nach unten hin dünner wurden und unterhalb der Knie eher Stöcken ähnelten. Der Schwanz war lang und geschwungen, die kaum sichtbaren Ohren rund. Ich erahnte die Rippen, doch der runde, robuste Rücken schien über eine ordentliche Schicht Fett oder Muskeln zu verfügen. Es hatte pechschwarzes, borstiges Fell und warf, da die Sonne im Zenit stand, so gut wie keinen Schatten. Und mit diesem fast schattenlosen Körper trottete es in kleinen Schritten zügig voran. Es ähnelte weder einem Hund noch einer Katze, auch nicht einem Wiesel, Tanuki oder Wildschwein. Es war das einzige Tier auf dem Weg, auf dem es keine Hunde und Katzen gab, keine Vögel oder Krähen am Himmel. Auf der anderen Seite des Flusses war eine Straße, auf der Autos fuhren, doch weil das Licht blendete, konnte ich Fahrer und andere Insassen nicht erkennen. Ich glaube auch nicht, dass jemand mich oder das Tier sah. Auch das Tier sah mich nicht. Es ging vor mir her, als würde es mich führen. Ich folgte ihm. Es schien mich in seinem Schlepptau gar nicht zu bemerken, es lief weiter, ohne sich nach mir umzudrehen oder sein Tempo zu verändern. Jangjang Jongjongjon jaaaaa, dschaa, sangen die Zikaden, sonst war nichts zu hören, auch kein Rauschen vom Fluss. Plötzlich bog das Tier zum Deich hin ab. Genau an dieser Stelle war das dichte Gras niedergetreten, als wären schon öfter Tiere dort entlanggegangen. Es lief den Hang hinunter. Ich folgte ihm unwillkürlich. Es trappelte die Uferböschung hinab, als spüre es das Gefälle nicht, als hätte es Hufe. Das spitze Schilf zu beiden Seiten strich über meine Haut. Das Wasser leuchtete schwarz. Bei jedem Schritt, den ich machte, hatte ich das Gefühl, ich würde lauter Dinge unter mir zertreten. Insekten, ihre Kadaver, Tiere, Müll, Pflanzen, Exkremente, Zikaden krümmten sich unter meinen Schuhen, zerbrachen, versanken. Das monotone Zirpen der Zikaden hielt an. In der Ferne hörte ich den Freudenschrei eines Kindes. Im Gebüsch lagen alte Zeitschriften und leere Dosen, und während der Hintern des Tieres zwischen dem Schilf zu verschwinden drohte, tat ich einen Schritt nach und spürte plötzlich keinen Boden mehr unter mir.

Ich fiel in ein Loch. Ich fiel mit den Beinen zuerst und landete mit beiden Füßen auf dem Boden. Erstaunt blickte ich in das Schilf, das nun auf Augenhöhe stand, aber das Tier war darin verschwunden, eine Weile raschelte es noch, dann hörte ich nichts mehr. Direkt neben meinem Gesicht sprang ein Schnellkäfer aus dem Grün hervor. Immer wenn er in die Höhe schnellte, klackte es. Über den langen schwarzen Rücken des Insekts verliefen helle Längslinien. An seinem Kopf entdeckte ich gebogene Fühler. Ich hatte keine Ahnung, wie und wo der Käfer sein Klacken produzierte. Schmerzen hatte ich keine. Das Loch reichte mir bis zur Brust, es musste etwa einen Meter tief sein. Ich passte gerade hinein, so eng war es, um mich herum war kaum Platz. Es war wie geschaffen für mich. Unter meinen Füßen spürte ich etwas, es war trocken und leicht, vielleicht welkes Gras oder Stroh. Durch das Schilf sah ich das Wasser. Es hatte die Farbe von hellweißem Licht. Der Schnellkäfer hüpfte weiter, bis er schließlich im Schilf abtauchte. Auch das Klacken verschwand. Ich hörte nur noch das Zirpen der Zikaden. Mit ihrem Gesang locken die männlichen Tiere die Weibchen an, sie wählen dabei unterschiedliche Töne und Lautstärken, um ihre Partnerin zu finden. Für mich als Artfremde hatte ihr Zirpen etwas Maschinenhaftes, es war ein anhaltender Lärm, ohne jede Empfindung, für Zikaden ein wahrscheinlich nicht gerade schmeichelhaftes Urteil.

In dem Loch war es gar nicht so ungemütlich. Es roch nach Gras oder nach dem Fluss, die Luft war merkwürdig frisch und schien mich ganz zu durchdringen. Es war nicht ungemütlich, aber auch nicht einfach, dort wieder herauszukommen, denn es war tief. Um das Loch herum war das Schilf niedergetreten, ich sah Steine und Plastikteile, und ich entdeckte eine lange Kolonne großer schwarzer und kleiner roter Ameisen, die alle in eine Richtung liefen, sich in zwei Reihen teilten und dann wieder mischten, wobei die roten Ameisen gelegentlich auf die schwarzen stiegen. Auf dem Weg lag mein Beutel, einige Ameisen stiegen über ihn hinweg, die meisten aber liefen kreuz und quer um ihn herum. Ich streckte einen Arm aus, griff nach dem Beutel, schüttelte ein paar Ameisen ab und sah vorsichtshalber hinein. Umschlag und Portemonnaie waren noch da. Jetzt sah ich, wie sich ein paar schwarze Ameisen ein paar ihrer roten Artgenossen zwischen ihre Mundwerkzeuge klemmten, und wie sich einige rote Ameisen über die Beine einer schwarzen Ameise hermachten. Die schwarzen Ameisen schienen hart zu sein, die roten hingegen weich. Ein Schädel zerbrach. Ich wusste, dass ich schnellstens aus dem Loch herausmusste, aber es sah nicht so aus, als wäre das so leicht zu bewerkstelligen. Ich krallte mich mit beiden Händen und ganzer Kraft an den Pflanzen am Rand des Loches fest, meine Füße hoben sich für einen Moment, doch es gelang mir nicht, meinen Rumpf herauszubugsieren. Ich zitterte. Auf der anderen Flussseite standen graue Schornsteine, die aussahen wie die einer kleinen Fabrik.

"Alles in Ordnung?", hörte ich hinter mir eine Stimme. Das Zirpen der Zikaden war plötzlich weit weg. Ich drehte mich um und entdeckte zwei Beine unter einem weißen Rock. Sie steckten in braunen Ledersandalen, die Fußnägel waren nicht lackiert, der Rock war lang und hatte einen Spitzensaum, dazu trug die Frau eine kurzärmlige weiße Bluse. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, weil sie ungünstig oder im Gegenlicht stand. Sie hielt einen weißen Sonnenschirm in der Hand. "Ja, alles okay. Ich bin nur hier in das Loch gefallen."

"Soll ich Ihnen heraushelfen?", fragte die Frau freundlich.

Sie streckte mir ihre freie Hand entgegen. Ihr Handgelenk war sehr schmal.

"Danke, nicht nötig, ich schaffe es schon alleine." "Sind Sie sicher?" Der Stimme nach war die Frau etwas älter als ich, vielleicht um die vierzig. Ich stemmte mich noch einmal mit ganzer Kraft hoch, meine Füße schwebten in der Luft, aber es gelang mir nicht, meinen Hintern auf den Rand zu wuchten. Brusthoch war ganz schön tief. Unter meinen Füßen raschelte etwas. Vielleicht war es ein Insekt oder ein anderes kleines Tier, das dort in der Erdwand wohnte und jetzt seinen Kopf herausgesteckt und sich schleunigst wieder verzogen hatte. Meine Fingernägel bohrten sich noch immer in den Erdrand, als sich plötzlich ein paar Brocken lösten und ins Loch fielen.

"Sie schaffen das nicht, warten Sie." Die Frau beugte sich vor und streckte mir ihre Hand entgegen.

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Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags