Vorworte

Alice in Hiroshima

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
11.06.2024. Nicht jede junge Frau, die in ein Loch stürzt, kommt im Wunderland an. Oder vielleicht doch? In Hiroko Oyamadas so behexendem wie leise bedrohlichem Roman "Das Loch" gilt das zumindest für die Leserinnen. Mit ähnlichem Raffinement hatte die 1983 in Hiroshima geborene Schriftstellerin in ihrem voraufgehenden Werk schon die Legende vom japanischen Arbeitsethos unterlaufen.
Hiroko Oyamada. Foto: Shinchosha
Wenn zwei das Gleiche tun, ist's nicht dasselbe. So weit, so platt. Umso interessanter kann es sein, in einem solchen Fall die Differenzen auszumessen - und dazu bieten die Debütwerke der im letzten "Vorwort" vorgestellten chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Ling Ma und der Japanerin Hiroko Oyamada Gelegenheit. Punkto Thematik und Genese weisen sie überraschende Parallelen auf; hinsichtlich der literarischen Umsetzung aber trennen sie Welten.

Beide Autorinnen wurden 1983 geboren, Oyamada in Hiroshima, Ma im chinesischen Sanming, das sie schon als Kind verließ, um ihren Eltern in die neue Wahlheimat Amerika zu folgen. Beide schlossen ein Studium ab - um dann in Jobs zu landen, die ihren Wünschen und Hoffnungen in keiner Weise entsprachen. Und beide begannen sich - eine zwar lautlose, aber artikulierte Geste des Trotzes - im Büro während der Arbeitszeit literarisch mit dieser Situation auseinanderzusetzen. Ling Ma ließ in "Severance" (2018, dt. "New York Ghost") mit einer "dumpfen, destruktiven Wonne" nicht nur den Betrieb, in dem ihre Protagonistin arbeitet, sondern gleich ganz Amerika in einem apokalyptischen Szenario versinken. Hiroko Oyamada dagegen legte erste Entwürfe, die dämonische Phantasiewelten beschworen, bald beiseite und begann mit dem zurückhaltender gestalteten, doch subtil beklemmenden Setting von "Kōjō" (2013) ihr eigenes literarisches Terrain zu schaffen. Dieses können deutschsprachige Leser demnächst anhand von Oyamadas im Original 2014 erschienenem Roman "Ana" ("Das Loch") erkunden; "Kōjō" liegt unter dem Titel "The Factory" in einer von David Boyd besorgten Übersetzung auf Englisch vor.

Das Unbehagen, das die beiden Frauen zum Schreiben trieb, war allerdings von unterschiedlicher Art. Ling Ma war schon beim Abgang von der Uni bewusst, dass sie mit dem Eintritt ins Berufsleben als Rädchen in einem kapitalistischen System funktionieren würde, das zu verändern nicht in ihrer Macht stand; die Firma, bei der sie Anstellung fand, lieferte dann den Tatsachenbeweis in Form einer brachialen Restrukturierung, der auch ihr Arbeitsplatz zum Opfer fiel. Hiroko Oyamadas Abschluss in Japanischer Literatur war auf dem Stellenmarkt ein Nonvaleur: Sie schlug sich mit Gig-Jobs durch, fand schließlich eine Temporärstelle bei einer großen Autofabrik. "Schon bald nachdem ich dort zu arbeiten begann", erzählte sie David Boyd, "musste ich mich der Frage stellen - was mache ich hier, und warum?"  

Bei Ma steht also der gesellschaftskritische Impetus, bei Oyamada eine eher existenzialistische Fragestellung im Vordergrund, und entsprechend unterschiedlich modellieren die Schriftstellerinnen ihre literarischen Welten. "Severance" ist hauptsächlich in den USA angesiedelt, blendet zwischendurch nach China, und Ling Ma setzt ihre Protagonistin Candace passgenau an eine Stelle, wo sie die fragwürdige Wirtschaftsbeziehung zwischen den beiden Nationen am Laufen hält: Es obliegt ihr, die Aufträge, mit denen ihre Firma betraut wird, zu möglichst günstigen Konditionen an chinesische Produktionsbetriebe auszulagern. Dass die Deals voll zu Lasten der dort beschäftigten Arbeitskräfte gehen, verdrängt Candace nach Kräften, aber auch sie selbst bringt ihr Beruf letztlich auf keinen grünen Zweig; der Zeitpunkt, da sie sich New York schlicht nicht mehr wird leisten können, ist absehbar. Ja, die Stadt biete scheinbar viele Möglichkeiten, konstatiert sie nüchtern, aber die meisten bestünden darin, dass man etwas kaufe.

Diese Logik prägt auch die Welt, in der "Severance" handelt. Wo die New Yorker Kulisse ins glanzlose Umland verflacht, übernehmen Shopping Malls die Rolle der Wahrzeichen und Lebenszentren; mit Shenzen und Hongkong werden zudem zwei chinesische Schauplätze skizziert, an denen Produktion und Konsum ihren endlosen Reigen tanzen.

Im Setting von Hiroko Oyamadas Werken ist vom Puls der Weltwirtschaft nichts zu spüren - und dies, obwohl Japan sich längst als eine führende Industrienation etabliert hat. Was die titelgebende Fabrik in ihrem Erstlingsroman eigentlich herstellt, erfahren die Leser ebenso wenig wie die drei Hauptfiguren, die in dem gigantischen Betrieb beschäftigt sind. Ihre Aufgaben lassen vielmehr darauf schließen, dass Produktivität hier im Leerlauf oder Rückwärtsgang betrieben wird.

So hat sich Yoshiko Ushiyama, mit deren Vorstellungsgespräch der Roman beginnt, um eine ausgeschriebene Stelle in der Abteilung für Druckereidienste beworben. Sie hofft, mit ihrem Abschluss in Kommunikationswissenschaften punkten zu können, und hebt stolz ihr geschärftes Interesse für "die Effektivität bestimmter Ausdrücke und Satzstrukturen" im Bereich der Printmedien hervor. Nix ist. Angeboten wird ihr ein Job, der ihr Interessengebiet buchstäblich hackstückt: Sie wird ihre Tage damit verbringen, Dokumente in den Shredder zu schieben.

Hat Yoshio Furufue mehr Glück? Zwar ist sein Fachgebiet, die Klassifikation von Moosen, kaum minder esoterisch als dasjenige Yoshikos, doch wird der Akademiker an die Fabrik berufen, ohne für diese Ehre - die Stellen dort sind heiß begehrt - auch nur einen Finger gerührt zu haben. Im Unternehmen soll er sich um Dachbegrünung kümmern, wofür er allerdings, wie er offen zugibt, weder Sachkenntnisse noch Interesse mitbringt. Dennoch richtet die Fabrik allein für ihn eine neue Abteilung mit dem pompösen Namen Environmental Improvement Division Office for Green-Roof Research ein. Andererseits aber heißt es, dass im Blick auf diese Aufgabe keinerlei Zeitdruck bestehe; er solle doch erst einmal auf dem Fabrikgelände Moose einsammeln und klassifizieren, vielleicht auch jährlich eine "Moosjagd" für die Kinder der auf dem Areal lebenden Angestellten veranstalten. Das wird er, wie in der fließenden Erzählstruktur des Romans fast nebensächlich aufschimmert, dann mehr als fünfzehn Jahre lang tun.

Die Bosheit des Schicksals will es, dass der dritte Protagonist - Yoshikos Bruder, der nur unter dem Namen Ushiyama figuriert - an seinem Arbeitsplatz den einen, sonst ubiquitären Gegenstand nicht vorfindet, mit dem er sich auskennt: einen Computer. Nach einer erratischen Karriere im IT-Bereich muss er zwar froh sein, bei der Fabrik wenigstens eine Temporärstelle als Korrektor ergattert zu haben; doch erweist sich seine neue Aufgabe als Kafka in Reinkultur. Aus den zu korrigierenden Dokumenten - einige ganz frisch, andere bis zu zehn Jahre alt - darf man sich herausgreifen, was man gerade mag. Das gelesene Dokument muss auch nicht visiert werden, denn, so erklärt die Vorgesetzte dem Neuling, a) werde, ja, könne er beim Korrigieren gar keine Fehler machen; b) kämen die bearbeiteten Dokumente nach einer Weile ohnehin in einer anderen, manchmal noch schlimmeren Version zurück ins Korrektorat, ohne dass man wisse, wer was damit angestellt habe und warum; und c) seien die Irrtümer, die man entdecke, gar nicht so wichtig, darum spiele es auch keine Rolle, wenn man mal einen übersehe. Die Arbeitserfahrung allerdings straft zumindest diese letzte Behauptung Lügen. Manche Dokumente beginnen ganz vernünftig, fransen aber unvermittelt in reines Gefasel aus. Andere wirken perfekt, aber wehe, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt: Irgendwo lauert garantiert ein fataler Fehler.

Bleiben einem schon Sinn und Zweck der Fabrik verborgen, so ist doch einiges über das raumgreifende Gelände zu erfahren, auf dem sie angesiedelt ist. Ein Fluss trennt den nördlichen vom südlichen Teil; im letzteren sind die Häuser niedrig, alt und schmuddelig, die Bäume im Absterben begriffen, während sie im Norden das ganze Jahr über saftig grünen und eine Romanfigur die Bauten dort gar als "metaphysisch" beschreibt. Den Angestellten (oder jedenfalls den Kadern) wird laut dem Personalchef des Unternehmens alles geboten, was man zum Leben braucht: Supermärkte und Wohnungen, Karaoke-Lokale, Buchläden und Reiseagenturen, vor allem aber Verpflegungsstätten jeglicher Art.

Von dieser Herrlichkeit bekommen wir jedoch so gut wie nichts zu sehen. Ungleich mehr Präsenz markieren im Text die Tiere, die hier unterwegs sind: Überdimensionierte Nutrias haben sich in den Kanalisationsrohren eingenistet, Eidechsen adaptieren ihre Lebensform an die Gegebenheiten in der Wäscherei, am Flussufer stehen, meist reglos, große schwarze Vögel. Vögel, deren Gefieder Furufue erscheint, "als hätte man, wenn man einem den Hals umdreht, die Hände nachher voll schwarzer Tinte". Der makabre Gedanke hallt nach. Und wenn es später heißt, dass die Vögel gerade einmal zwanzig Meter weit fliegen können oder dass ihre Zahl stetig zunimmt, obwohl niemand je ein Gelege oder ein Jungtier gesehen hat - dann scheinen diese Eigenheiten die Tiere plötzlich unbehaglich nah an die in der Fabrik Beschäftigten heranzurücken.

Arbeit und ihre Bedeutung spielen auch in "Das Loch" eine Rolle, doch kehrt Oyamada hier die Vorzeichen um. Die Ich-Erzählerin Asahi Matsuura gibt ihren schlecht bezahlten Temporärjob auf, weil ihr Mann Muneaki in eine andere regionale Zweigstelle seiner Firma versetzt wird. Ein Entscheid, den ihre Schwiegermutter mit Kopfschütteln quittiert: Lieber hätte sie ihren Sprössling als Strohwitwer gesehen - denn für sie ist "Arbeit anscheinend so wichtig, dass sie sich eher vorstellen konnte, wir lebten getrennt voneinander, statt dass ich meinen Job kündigte". Wohnen wird Asahi fortan in einem ländlichen Provinznest, dicht an dicht mit den Schwiegereltern, die dem Paar ihr zweites Haus umsonst zur Verfügung stellen. Und dort tritt, ungleich stärker noch als im Erstling, eine versehrte und zugleich latent bedrohliche, unheimlich gewordene Natur ins Geschehen.

Die Arbeit an "Das Loch" nahm Oyamada in einer Zeit auf, da sie selbst aus ihrer Geburtsstadt ins Umland von Hiroshima zog und dabei realisierte, wie anders Frauen dort leben und wahrgenommen werden. Aus zwei Wörtern sei die Idee dieses Romans gewachsen, erfuhr David Boyd von der Schriftstellerin: "natsu" - Sommer - und "yome". Der letztere Begriff, für den es in hiesigen Sprachen kein genaues Äquivalent gibt, kann je nach Kontext und Personenkonstellation für eine Braut oder eine verheiratete Frau stehen und seine sozialen Implikationen haben die Autorin besonders beschäftigt.

Wie Boyd musste auch Nora Bierich, die den schmalen, doch mit intensiven Stimmungen geladenen Roman ins Deutsche übertragen hat, auf dieses zweite Leitwort verzichten und sich - so erklärt sie auf Anfrage - "für unterschiedliche deutsche Übersetzungen entscheiden, um damit auch die soziale Beziehung der Protagonistin zu ihrem jeweiligen Gegenüber wiederzugeben". So ist Asahi nun etwa "Schwiegertochter" oder "die junge Ehefrau". Zuvor, in der Stadt, war sie formell mit "Matsuura-san" angesprochen worden, im neuen Umfeld jedoch gebührt diese Anrede gemäß der strengen japanischen Nomenklatur allein ihrer Schwiegermutter. Nicht nur wird Asahis Identität durch den auf ein bloßes Rollenbild reduzierten Terminus getilgt; auch ihr Alltag, sogar ihr Körper scheinen sich in der plötzlichen Lebensleere, der drückenden Sommerhitze in Paradoxien aufzulösen. Spätestens bis Mittag ist die Hausarbeit erledigt, sie weiß nicht, was sie bis zum Abend noch tun soll - und dennoch fliegen die Tage dahin: "Wer keine Termine mehr hat, keine Fristen, die eingehalten werden müssen, keine Meetings oder Gehaltstage, welche die Zeit Stunde um Stunde, Minute um Minute strukturieren, dem scheint sie zwischen den Fingern zu zerrinnen, in einem Tempo, das einem unfassbar erscheint." In diesem seltsamen Fluidum hat sie das Gefühl, sie werde "von Tag zu Tag schwerer. Tatsächlich hatte ich an Gewicht verloren, trotzdem fühlten sich meine Muskeln, jede Faser und jede Zelle immer schwerer und zäher an, jeder Impuls, etwas zu unternehmen, erstickte in Trägheit."

Oyamada übersetzt diesen Zustand auf so subtile wie packende Art in eine zugleich traumartige und unmittelbar sinnliche Atmosphäre. Der nahe Fluss spendet keine Frische mehr, der nur von vereinzelten heftigen Regengüssen gemilderte Sonnenglast vibriert vom eintönigen Schrillen der Zikaden, das Asahi fast körperlich behelligt: "Habe ich mich einmal auf ihren Rhythmus eingelassen, legt sich der Gesang der Zikaden auf meine Haut und raubt mir den Atem." Immer wieder schärft sich ihre Sicht auf die Natur zu mikroskopischen, dem menschlichen Auge kaum möglichen Wahrnehmungen: Betrachtet sie den blühenden Garten der Schwiegereltern, so fällt der Blick bald einmal auf den in einer Schattenzone kauernden Frosch, die von Blattläusen heimgesuchte welke Dahlie daneben: "Auch die Läuse hatten Augen, es waren wie mit der Nadel gestochene schwarze Punkte. Sie waren unangenehm klar und schienen immer größer zu werden, ich traute meinen Augen nicht."

Einen markanten Kontrapunkt zu diesen hyperpräsenten Kreaturen setzen drei Männerfiguren, die starr und flach wie ausgeschnittene Silhouetten am Rande des Geschehens positioniert sind. Am blassesten ist die Kontur des Schwiegervaters, von dem man nur gerade weiß, dass er auch im Pensionsalter noch in irgendeiner beruflichen Funktion unterwegs und sonst gerne auf dem Golfplatz ist; erst gegen Ende des Romans tritt er kurz ins Geschehen. Muneaki kehrt oft erst spät abends von der Arbeit zurück, und noch anwesend ist er abwesend: Lieber wendet er sich dem Smartphone zu als seiner Ehefrau, und deren Kommentar hierzu spricht Bände. Es habe "Zeiten gegeben, als ich wissen wollte, was er so treibt, aber mittlerweile interessiert es mich kaum mehr. Solange er nicht in kriminelle Machenschaften oder sexuelle Exzesse verwickelt ist, muss ich nicht im Einzelnen erfahren, worüber er sich mit seinen mir unbekannten Freunden austauscht." Auf stille Art verstörend wirkt Muneakis Großvater, der täglich, auch bei Regen, stundenlang den Garten der Schwiegereltern wässert. Asahis Versuche zur Kontaktnahme quittiert der schwerhörige alte Mann bestenfalls mit einem Lächeln, das seine auffallend langen, kräftigen Vorderzähne entblößt. - Ein Gegengewicht zu dieser Herrenriege, freilich ein lastendes, setzt die dominante, umtriebige Schwiegermutter: Schon als der Umzugstransporter mit der Habe des jungen Paars eintrifft, reißt sie umgehend das Zepter an sich, weist den Trägern den Platz für jedes Möbelstück an; sogar die Haftstreifen, die das Mobiliar bei Erdbeben sichern sollen, hat sie vorsorglich mitgebracht.

Dieses Detail hat pikanten Charme, denn das Romangeschehen, das sich nach dem Umzug entfaltet, verliert zusehends die Bodenhaftung. Als Asahi von der Schwiegermutter auf einen Botengang geschickt wird, läuft ihr ein schwarzes Tier über den Weg, das sie nicht identifizieren kann; neugierig folgt sie ihm und sackt dabei unvermittelt in ein Erdloch. Man liegt nicht ganz falsch, wenn man dabei an "Alice im Wunderland" denkt, doch erst einmal steckt Asahi, Kopf und Schultern noch über der Erde, aufs Peinlichste fest: "Ich passte gerade hinein, so eng war es, um mich herum war kaum Platz. Es war wie geschaffen für mich." Dem Lärm der Zikaden, dem Treiben der geschäftigen Insekten preisgegeben muss sie ausharren, bis eine elegante weiß gekleidete Dame, die sich als ihre Nachbarin vorstellt, sie aus der Not befreit.

Ist diese Frau Sera mit ihrem nach Räucherkerzen duftenden Sonnenschirm tatsächlich eine Nachbarin, die Asahi nur deshalb nicht kennt, weil ihr die Schwiegermutter gleich nach der Ankunft signalisiert hatte, es sei "nicht nötig", dass sie sich den Leuten im Ort vorstelle? Oder gehört die neue Bekannte in dieselbe Welt wie Muneakis älterer Bruder, dessen hinter dem Haus der Schwiegereltern verborgene Wohnstatt die Protagonistin einige Zeit später entdeckt und von dem sie zuvor nie gehört hat? Der Schwager ist radikal anders als die zuvor geschilderten Männerfiguren: mitteilsam und zugewandt, wenn auch etwas erratisch in seinen Launen, und vor allem - frei. Vom eingefleischten japanischen Arbeitsethos hat er sich ebenso losgerissen wie aus dem Raster familiärer Verpflichtungen. Durch das zunehmend schwebende, ins Irreale gleitende Szenario, das sie um diese Figur entfaltet, führt Hiroko Oyamada Asahi - und mit ihr die Leser - an die Frage heran, ob es in ihrer Heimat überhaupt einen Ort für solche Existenzen gibt.

Drei kürzere Erzählungen der Schriftstellerin, die im Original als eine Art Beigabe zu den beiden vorgestellten Romanen publiziert wurden - eine in "Kōjō", zwei in "Ana" - hat David Boyd im schmalen Bändchen "Weasels in the Attic" zusammengeführt. Das ist umso sinnvoller, als die Texte durch Figuren und Thema eng verbunden sind: Als Erzähler tritt stets derselbe Mann auf, dessen Ehe durch den seit Jahren unerfüllten Kinderwunsch untergraben wird. Das Gewicht, welches dieser Frage in Japan zukommt, wird indirekt auch in "Das Loch" angedeutet, wenn der Schwager die Opfer schildert, die seine Eltern erbracht haben - einzig "um der künftigen Generation einen Nachkommen zu hinterlassen, mich. Mir ist das unheimlich. Es war mir unheimlich. Verstehen Sie?"

Auch in "Weasels in the Attic" umspielen Tier- und Naturmotive das Kernthema. Die Titelgeschichte illustriert anhand einer knappen, aber schockierenden Episode, wie mächtig der Mutterinstinkt noch in einem qualvoll sterbenden Tier wirkt; in den flankierenden Erzählungen führt Oyamada ihren Protagonisten mit Paaren zusammen, denen das - in beiden Fällen brüchige - Elternglück zuteilwird. So kommt im ersten Text ein Bekannter des Ich-Erzählers, wie dieser schon Anfang vierzig, zu Frau und Kind, obwohl - oder gerade weil - sein einziges Interesse der Zucht von Zierfischen gilt. Diese Passion hat auf ungewöhnliche, doch jeder Romantik bare Weise ein Mädchen aus dürftigen Verhältnissen in sein Haus geführt; nun fristet es, inzwischen Mutter geworden, weitgehend unbeachtet eine Art Dienstbotendasein zwischen den gläsernen Fronten der Aquarien.

Dann gründet überraschend auch der beste Freund des Protagonisten eine Familie. Als das kinderlose Paar diese nach der Geburt des Töchterchens erstmals besucht, zeigt Oyamada die stille Not der beiden Ehepartner in einem fein austarierten, so behutsam wie beklemmend entwickelten Szenario. Draußen tobt ein nächtlicher Schneesturm, der gleißende Flocken gegen die Fenster peitscht; drinnen hält die Frau des Erzählers das Baby der Freundin im Arm und singt ihm immer wieder dieselbe Liedzeile vor, "Yukiko, look at the snow". Yukiko ist der Name der Kleinen, die, zu früh geboren, zart wie ein Schneeflöckchen ist; "yuki" kann "Freude" bedeuten, aber auch "Schnee". In dem Spannungsfeld, das sich zwischen der Naturgewalt draußen und dem fragilen Kind aufbaut, scheint sich die Seelenqual abzubilden, der die Frau nur durch die hilflose Wiederholung jener vorgeformten Worte Ausdruck geben kann. Ihren Mann wird die Situation später in Gestalt eines Albtraums einholen, in dem die Schriftstellerin die solchen Traumszenarien eigene, unheimliche Scheinrealität präzise einfängt.

Nach den hier vorgestellten Werken hat Hiroko Oyamada noch zwei weitere Bücher veröffentlicht, die, soweit ersichtlich, einstweilen nicht in Übersetzung vorliegen. Aber schon ihre frühen Arbeiten weisen aus, wie konsequent, nuanciert und variantenreich die Autorin ihr literarisches Universum ausgeformt hat. Nicht das Ausgreifende, Aufmerksamkeit Heischende zieht sie an; ihre Themen, obwohl gerade für ein japanisches Publikum von erheblicher Dringlichkeit, gestaltet sie kammermusikalisch, mit der Intimität und der faszinierenden Mischung aus Intensität und Durchhörbarkeit, die diesem Genre eignet.

Hiroko Oyamada: Das Loch
Roman.
Aus dem Japanischen von Nora Bierich.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2024. 128 Seiten, gebunden, 22 Euro.

Erscheint am 18. Juni 2024

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