Zurück zu Angela Schaders "Vorwort".==================
Hastings Street, Rhyll, 1996-97Maggies drittes Kind, Emily, ist mit sechs Wochen gestorben; an diesem Punkt setzt unsere Leseprobe ein, in der auch Maggies Ehemann Damien und seine Eltern, Coral und Arthur, auftreten. Die Passage ist relativ kurz, ihre emotionale Dichte und Innenspannung umso stärker. Wenn in einigen angelsächsischen Rezensionen des Romans moniert wurde, dass der Roman stilistisch manchmal die Ausdrucksmöglichkeiten der Erzählfigur hinter sich lasse, dann weist diese Textstelle den literarischen Gewinn aus, der damit zu holen ist.Sich daran zu erinnern ist nicht so schwer; davon zu erzählen schon. Diesmal war es mitten am Tag, an einem verwaschenen Oktobernachmittag, ich mit dem Baby allein zu Hause. Sie war gerade mal sechs Wochen alt. Ich rief Damien an. Ich rief den Rettungswagen. Später würde diese Reihenfolge ein Problem für die Polizei darstellen. Oder besser gesagt für mich. Aber ich wusste, dass sie tot war. (Natürlich wollte ich alles in meiner Macht Stehende tun, um sie zu retten. Natürlich wollte ich sie zurückhaben.)
Falls der Eindruck entsteht, als würde ich nur so durch die Geschichte hetzen, dann mag da was dran sein. Aber wie viele Arten gibt es schon, sie zu erzählen? Es sind die gleichen Bilder wie zuvor: Intubation, Hände in Gummihandschuhen, unvorstellbare Krafteinwirkung auf einen winzigen Körper. Blick auf den Straßenrand durch die getönten Scheiben des dahinrasenden Rettungswagens. Das unnatürliche Licht in der Notaufnahme, die idiotische Hoffnung, die Gewissheit. Die Effizienz, mit der das Pflegepersonal Platz zwischen uns und dem Geschehen - den Sanis, Ärzten, Maschinen, der Rollbahre - schaffte, damit wir nicht im Weg standen. Der exakte Moment, in dem alles aufhörte, in dem es keine Dringlichkeit mehr gab, keinen Grund zur Eile; die langsamer werdenden Bewegungen, die zur Ruhe kommenden Hände. Der Papierkram. Die Organspendeformulare. Wir in stillen Räumen. Die trostlosen Zimmer, in denen die trauernden Angehörigen abgestellt werden, verblasste Turner-Drucke an der Wand, Plastikwasserspender zwischen uns. Polizisten - beide männlich, der eine älter, der andere sehr jung -, die eintreffen und dieselben Fragen wie beim letzten Mal stellen. Coral und Arthur, die, plötzlich gebrechlich, Arm in Arm ankommen und sich zu uns setzen. Damien, der an der Schulter seines Vaters schluchzt. Ich mit meinen tropfenden Brüsten, die warm durch BH, T-Shirt, Windjacke lecken; Corals Handfläche, die Kreise über meinen Rücken zieht.
Ich versuche, den Moment zu bestimmen, in dem ich die Wende, das Kippen gespürt habe. Den Moment, in dem ich fühlte, wie sich die Temperatur im Zimmer veränderte. Ein anderer Bulle kam. Er stellte sich als Detective vor. Ich verstand nicht, was seine Anwesenheit zu bedeuten hatte. Ich beantwortete die meisten Fragen, die er mir stellte. Er schrieb alles in ein Notizbuch, so ein rot-schwarzes mit festem Einband, das man am Kiosk kaufen kann. Damien hatte sich neben mich gesetzt, aber er vergrub das Gesicht in den Händen und sprach kaum. Schließlich sagte der Detective: Sie verstehen sicher, dass die Umstände ungewöhnlich sind - drei Kinder, die auf diese Art sterben, ohne Erklärung.
Sie haben doch überhaupt keine Ahnung, wovon Sie da reden, sagte Damien. Er hatte sich nicht bewegt, aber als ich kurz zur Seite schielte, sah ich etwas Wildes in ihm, eine animalische Wut. Ich legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel.
Mr Thomson -
Nein, ich weiß, was Sie vorhaben, und das ist einfach nur widerlich.
Entschuldigen Sie, sagte ich zum Detective. Könnten wir das ein andermal fortsetzen?
Es dauert nicht mehr lange - wenn wir Ihnen nur noch ein paar Fragen stellen dürften. Ich weiß, das muss für Sie beide sehr belastend sein.
Belastend, wiederholte ich. Unser Baby ist gerade gestorben.
Detective Dreckskerl senkte den Kopf. Mein aufrichtiges Beileid, sagte er zu seinem Notizbuch.
Wir möchten jetzt bitte nach Hause.
Er ließ uns gehen.
Wir fuhren nicht heim. Coral schlug vor, dass wir nach Coal Creek mitkamen und die Nacht bei ihr und Arthur verbrachten. Lasst mich mich um euch kümmern, sagte sie, und eigentlich wollte ich das nicht, aber noch weniger wollte ich mit Damien allein sein. Ich fürchtete mich davor, was wir uns gegenseitig antun würden.
Damien und ich saßen auf der Rückbank. Ich fühlte mich unglaublich weit von ihm entfernt. Es war später Nachmittag, goldenes Licht. Die Schatten fielen dick und schwer wie Honig. Ich hatte meine gesamte Energie aufgebraucht, um dem Detective zu antworten, oder aber die Beruhigungsmittel zeigten langsam ihre Wirkung. Ich war blutleer. Eine halbe Stunde im Auto, vom Krankenhaus in Wonthaggi zu Corals und Arthurs Haus, und ich glaube, keiner von uns sagte etwas, bis wir in die Guys Road einbogen und D sich räusperte.
Hat jemand Nez und Kev Bescheid gesagt?, fragte er.
Ja, Liebling, sagte Coral vom Beifahrersitz aus.
Ich muss auf der Arbeit anrufen, murmelte D.
In dem Moment sehnte ich mich danach, zu verschwinden. Ich wollte, dass die Atome und Zellen, aus denen mein Körper bestand, auf dem Übelkeit erregenden, luftleeren Rücksitz des Autos blieben, während sich der Rest von mir ablöste. Ich wollte totes Licht sein, ein Stern.
Beim Abendessen saßen wir zu viert am Küchentisch, und Arthur schenkte uns allen ein Glas Jameson ein. Das Gespräch war voller Einschusslöcher und Leerstellen. An das meiste erinnere ich mich nicht mehr. Als das Telefon schrillte, ignorierten wir es. Arthur und Damien schenkten weiter Whiskey ein, und ich trank weiter. Es gab keinen Grund mehr, die Zeit zwischen einem Glas Wein und dem nächsten Füttern zu berechnen. Meine Brüste schmerzten, die Glieder fühlten sich schlaff an, und ich wollte ins Bett. Wir tranken weiter, Damien weinte leise, Coral wischte sich über die Augen. Wir sprachen über Pragmatisches: wo Damien das Auto abgestellt hatte und wie wir es morgen zurückholen würden; welcher Nachbar Eggs gefüttert hatte und ob er den Ersatzschlüssel für das Haus hatte finden können; ob wir aufs Polizeirevier würden gehen müssen.
Schließlich sagte Coral, sie wolle ins Bett. Sie stellte sich neben mich und drückte meine Wange an ihren weichen Bauch. Sie roch nach Puder und Schweiß.
Du solltest auch versuchen zu schlafen, sagte sie. Nimm erst mal keine Tabletten mehr. Versuch einfach zu schlafen.
Ich nickte. Unvermittelt leerte Damien seinen Whiskey und taumelte aus dem Zimmer, und dann waren da nur noch Arthur und ich. Er drehte sein Glas zwischen den Händen.
Du fühlst Sachen nicht so stark wie andere, oder?
Ich war fassungslos. Zu betrunken, um etwas zu sagen.
Er hatte wache graue Augen. Seine Stirn zuckte fast unmerklich. Er schraubte den Jameson zu.
Bist du so weit okay, dass du schlafen kannst?, fragte er.
Ich nickte.
Er sagte: Dann geh mal lieber ins Bett.
Falls Damien je an mir zweifelte, ließ er sich das nie anmerken. Am nächsten kam er der Frage, was da in mir kaputt war, am folgenden Tag, als Coral uns zum Krankenhaus brachte, um das Auto zu holen, und wir zurück nach Rhyll fuhren, und dann waren wir schließlich allein. Wir saßen in der Küche. Auf der Mikrowelle stand die Dose mit der Anfangsmilch.
Damiens Hände lagen mit den Handflächen nach unten auf dem Tisch. Es ist zu viel, sagte er. Zu viel schreckliche Scheiße, die einer Person zustößt. Ich weiß, es war nicht immer leicht. Falls du was weißt, bitte - bitte sag's mir einfach.
Wovon zum Teufel redest du da?
Tut mir leid.
Wenn du was zu sagen hast, dann raus damit, du Arsch.
Tut mir leid.
Ja, mir auch, knurrte ich.
Der Ton, den er von sich gab, hatte etwas Primitives. Er schluchzte so stark, dass er am ganzen Körper bebte. Ich legte den Kopf auf den Tisch, hielt mir die Hände über die Ohren. Am nächsten Morgen gingen wir zusammen zur Polizeiwache in Wonthaggi. Er gab mich nie auf, bis zum Schluss blieb
er mir gegenüber loyal, auch noch lange, nachdem wir uns getrennt hatten und er wieder bei seinen Eltern eingezogen war.
Mit freundlicher Genehmigung des Ullstein Verlags