Vorworte

Leseprobe zu Katie Kitamura: Die Probe

Über Bücher, die kommen.
14.07.2025.
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Ein Händedruck, so sacht, dass er "an passive Aggression grenzte"? So etwas muss einem erst einmal einfallen. Also Vorhang auf für Hanas erste Begegnung mit der Protagonistin.

Gewisse Dinge klärten sich, als sie am folgenden Abend mit Xavier eintraf. Es ging auf Mitternacht zu, wir nahmen vor dem Zubettgehen einen letzten Drink im Wohnzimmer. Ich war entspannt, am folgenden Tag stand keine Vorstellung an, daher schlug ich Tomas einen weiteren Drink vor, und er willigte ein. Xavier war nicht da, aber das war nicht weiter ungewöhnlich. Ich wollte gerade zu Bett gehen, als draußen vor der Tür etwas zu hören war, ungewöhnlich laute Geräusche, und wir sahen mit leisem Erschrecken auf, Tomas zugleich erwartungsvoll, das war ihm deutlich anzusehen. Wir blieben wie erstarrt im Sessel sitzen, als wir sie das Apartment betreten hörten, Xaviers Hallo hörten, so laut, als wollte er uns warnen, uns die Möglichkeit geben, uns innerlich auf das gefasst zu machen, was nun käme.

Wir sind im Wohnzimmer, sagte Tomas, und wir standen langsam auf. Dann erschienen sie in der Tür, Xavier und Hana. Sie stützte sich auf seinen Arm, betrunken schien sie allerdings nicht zu sein, und obwohl ich ihr Bedürfnis nachvollziehen konnte, ihm nahe zu sein - andere Menschen suchten seine Nähe, so war er nun mal -, ließ mich die gegenseitige Zuneigung stutzen. Ich merkte auf den ersten Blick, dass Xavier sich gleichermaßen zu ihr hingezogen fühlte, aufgrund ihres Alters und Erscheinungsbilds waren sie so eng verbunden, dass sie zwangsläufig aneinanderklebten. Als ich die beiden betrachtete, meinte ich, in Hana eine Neugier und einen Ehrgeiz spüren zu können, der über Xavier hinausging, bei ihm nicht haltmachte - vielleicht nicht einmal mit ihm begann - und von ihm allein nie gestillt werden könnte.

Sie sah Tomas an, danach mich, und als sie mit ausgestreckter Hand auf uns zuging - wie sich zeigte, war sie glänzend erzogen, in jeder Hinsicht perfekt -, beobachtete ich sie voller Unbehagen. Sie war nicht unbedingt schön, ihre Gesichtszüge waren nicht so einschüchternd symmetrisch wie jene Xaviers, ihre Augen nicht so groß und bezaubernd, auch fehlte ihr die Entspanntheit, die mit großer Schönheit einherging. Überraschte es uns, dass Xavier ausgerechnet sie mit nach Hause brachte? Nur in dem Sinne, dass er damit unerwartet viel Fantasie bewies, wir waren stets davon ausgegangen, er würde mit irgendeinem Stereotyp bei uns erscheinen, einem Kompositum aus Haaren, Lippen und Augen, nicht mit einem so merkwürdigen und befremdlichen, auf eine authentische Art reizvollen Geschöpf.

Tomas schüttelte ihre Hand, sein Lächeln war eine Peinlichkeit für uns beide. Anschließend wandte sie sich an mich, und ich ergriff ihre Hand - ihre Haut war glatt, ihr Druck so federleicht, dass es an passive Aggression grenzte, mir blieb das Gefühl, mit den Fingern nur Luft umschlossen zu haben. Sie ließ es erscheinen, als wäre ich diejenige, die fest drückte, diejenige, die mehr forderte, als gegeben wurde, und als ich ihre Hand losließ, fragte ich mich, was diese ätherische Körperlichkeit für Xavier zu bedeuten hatte. Denkbar war natürlich, dass er diese Eigenart keineswegs als ausweichend, sondern als hingebungsvoll empfand. Während der kurzen Begrüßung gefror mein Lächeln, und als sie zurücktrat, als ich mich abwandte, hatte ich das Gefühl, eine Grimasse geschnitten, ja sogar die Zähne gebleckt zu haben.

Hana. Ich konnte mich nicht an den Moment erinnern, als sie sich vorgestellt hatte, wusste nicht mehr, ob sie ihren Namen genannt oder ob Xavier das getan hatte, so durcheinander war ich. Im Japanischen bedeutete ihr Name Blume, im Arabischen sogar Segen, er konnte unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem. Sie wirkte nicht verunsichert durch meine Reaktion, aber ich bemerkte, wie rasch sie zu Xavier zurückwich, der sie, einen Arm über ihre Schultern legend, an sich zog. Ich fand es absurd, dass er uns nicht erläutert hatte, in welchem Verhältnis er zu ihr stand, immerhin war offensichtlich, dass er die Finger nicht von ihr lassen konnte, war offensichtlich, wo und mit wem sie diese Nacht verbringen würde. Während ich sie betrachtete, fiel mir ein, wie es gewesen war, einen Körper zu haben, der von jemand anderem auf so hilflose Art begehrt wurde.

Ich schaute zu Tomas, der, ich kann ich es nicht anders nennen, ein dümmlich beglücktes Gesicht zog, während er Xavier und Hana betrachtete. Ich erklärte, es sei spät, und ich wolle zu Bett, aber bevor ich gehen konnte, sagte Hana zu mir, sie bewundere meine Arbeit zutiefst, sie sagte dies, indem sie Xaviers Arm abschüttelte und nach meinen Händen griff, wieder spürte ich ihre sonderbar geisterhafte Berührung. Sie lachte kurz auf und sagte: Ich möchte dich nicht in Verlegenheit bringen, und doch ahnte ich, dass sie genau das beabsichtigte. Ich dachte, ich sage es besser gleich, fuhr sie fort. Splitterreden war irre wichtig für mich. Du ahnst nicht, was es mir bedeutet, in einem Film eine Person erlebt zu haben, die mir in so vieler Hinsicht ähnelt.

Ich lächelte etwas nervös, sie klang aufrichtig, anders gesagt glaubte ich nicht, dass sie mich mit diesen Worten manipulieren wollte, obwohl sie dazu, wie ich ahnte, mehr als fähig wäre. Mir kam der Gedanke, dass ich kurz davorstand, in meinem eigenen Zuhause in der Falle zu sitzen. Wichtig und zutiefst bewundern, das waren Worthülsen, die im Grunde nichts besagten, die beinahe eine Beleidigung darstellten, und wie oft hatte ich von irgendwelchen Leuten gehört, es bedeute ihnen so viel, jemanden auf der Bühne oder im Film gesehen zu haben, in der sie sich in so vieler Hinsicht wiedererkannt hätten. Ich gestikulierte hilflos, aber sowohl Tomas als auch Xavier sahen Hana wohlwollend an, als wären diese hohle Schmeichelei, dieses scheinbar intime Geständnis dazu angetan, sie mir sympathischer zu machen. Tatsache ist, niemand möchte ein Denkmal sein, ich schon gar nicht.

Dann richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf mich, als wollte man die positive Wirkung von Hanas Schmeichelei begutachten, als wollte man hervorheben, wie gut wir uns verstanden, und zu meiner Verblüffung - um erfolgreich in meinem Beruf zu sein, hatte ich natürlich stets wissen und genau das liefern müssen, was als Frau und Schauspielerin von mir erwartet wurde - spielte ich mit.

Sehr freundlich von dir, murmelte ich und drückte ihre Hände. Wie schön, dass du da bist. Ich hielt ihre Hände weiter fest umschlossen und knetete sie, bis sie sich unbehaglich wand. Daraufhin drückte ich noch fester. Solltest du etwas brauchen, dann melde dich bitte, sagte ich, ließ ihre Hände zögerlich los und sah Tomas an. All das, meine kleine Boshaftigkeit ausgenommen, hatte ich nicht für mich, sondern für die Zuschauer aufgeführt. Tomas betrachtete mich stirnrunzelnd, er durchschaute, was sich zwischen Hana und mir abspielte, und ich zog eine Grimasse, bevor ich mich wieder an Hana wandte, nun mit einem strahlenden Lächeln. Sie trug hochhackige Schuhe, dennoch schien ich ein paar Zentimeter größer zu sein, und kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da richtete sie sich gerader auf. Brauchst du vielleicht etwas, können wir irgendetwas tun, damit du dich hier wohlfühlst? Ich zuckte zusammen, meine Worte waren falsch, ich klang wie eine Hotelangestellte, vollkommen unpersönlich, ich war müde, und es war spät. Wir werden sicher noch genug Zeit zum Reden haben, sagte ich und ergänzte, hilflos gestikulierend: Die Handtücher liegen im Schrank. Dann wandte ich mich ab und floh ins Schlafzimmer.

Es war noch früh, als ich am nächsten Morgen das Schlafzimmer verließ. Tomas schlief, im Apartment herrschte Stille, ich war als Erste erwacht. Ich hatte wunderbar tief geschlafen. Hanas Ankunft hatte mich zunächst angeregt und dann ausgelaugt, deshalb hatte ich so fest geschlafen wie seit Monaten nicht mehr. Ich erwachte gut gelaunt, ohne zu wissen wieso, und beschloss, aufzustehen und für Tomas einen Tee zu kochen, vergaß vorübergehend, dass wir nicht allein waren.

In die Küche tretend, erblickte ich die am Tisch sitzende Hana. Ich blieb in der Tür stehen, und wir musterten einander. In ihren Augen lag ein leises Funkeln, es war ihr gelungen, mich in meinem eigenen Zuhause zu überraschen, sie hatte gepunktet. Dann fasste sie sich, lächelte still und hoffnungsvoll, stand auf und fragte, ob sie mir eine Tasse Tee machen solle, sie gab sich so unterwürfig, dass ich mich fragte, ob ich das Funkeln in ihren Augen und den Wortwechsel des Vorabends falsch aufgefasst haben könnte. Während sie hin und her lief, schien sie bloß eine sehr junge Frau zu sein, die in einer Küche eine Tasse Tee aufgoss. Wo ist Xavier?, fragte ich, als sie mir die Tasse reichte. Er schläft, sagte sie, ist ja noch früh. Aber ich bin oft so früh auf den Beinen. Seit wann kennst du Xavier?, fragte ich. Lange genug, sagte sie mit einem leisen, unverschämten Lachen, und da begriff ich, dass ich doch richtiggelegen hatte, was den Vorabend und alles andere betraf, natürlich lag ich richtig.

Er hat nie von dir gesprochen, sagte ich tonlos.

Ach ja?

Sie klang, als beträfe sie das nicht, als würde es mehr über mein Verhältnis zu Xavier aussagen als über ihres. Das wühlte mich ein wenig auf, und ich erklärte, eine Runde drehen zu wollen, ich trank einen weiteren Schluck und stellte die Tasse danach auf den Tresen. Sie stand wieder auf und trat dicht neben mich, und ich sah mich zu der Frage veranlasst, ob sie mich begleiten wolle, ein Angebot, das ich umgehend bereute. Sie nickte begeistert und erklärte, sich rasch umziehen zu wollen, und ich ging zur Tür, um einen Mantel über den Pyjama zu streifen. Als sie Xaviers Zimmer wieder verließ, ganz in Schwarz, schwarzer Pullover, schwarze Hose, schwarze Stiefel, betrachtete sie mich und fragte dann, ob ich so rausgehen wolle, und ich antwortete, ja, das wolle ich, ich würde es immer so halten. Daraufhin legte sie den Kopf schief und meinte, mir würde man das natürlich nachsehen. Das klang wieder schmeichlerisch und demütig, und ich erwiderte knapp, Menschen meines Alters würde man so manches nachsehen.

Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags

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