Vorworte

Hinter den Spiegeln liegt kein Wunderland

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
14.07.2025. Seit Lewis Carrolls zweitem Alice-Roman wissen wir, dass sich hinter den Spiegeln seltsame und ungemütliche Welten auftun können. Das erfährt auch die Protagonistin in Katie Kitamuras "Die Probe": Spiegelungen sind eine Art Leitmotiv im Abschlussband der so klug wie raffiniert entwickelten Trilogie, in welcher die Schriftstellerin die Ambivalenzen von Passivität und weiblichem Rollenspiel auslotet. Aber Achtung: Bei Bedarf kann diese Autorin auch hinlangen, dass es so richtig wehtut.
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"Mein Blick, gerahmt von meinem Gesicht, durchdrang die Schichten des Glases und der Spiegelungen." - Das Sprach-Bild, gleich zu Beginn von Katie Kitamuras Roman "Die Probe" gesetzt, lässt innehalten. Instinktiv versucht man, diesen seltsam gebremsten, gebrochenen Blick nachzuvollziehen; im Lauf der Lektüre wird sich zeigen, dass hier zugleich ein komplexes Erzählkonstrukt in einem knappen Satz reflektiert ist.

Die hier spricht ist eine Schauspielerin, ins Lebensalter eingetreten, das man höflich das reifere nennt. Sie steht vor einem angesagten Restaurant, späht durch die Scheibe nach dem Mann, der sie dort erwartet. Xavier heißt er, ist gutaussehend und jung, er könnte ihr Sohn sein. Ein klarer Fall - jedenfalls in den Augen des Empfangskellners, über dessen Lippen ein schmales Lächeln zuckt, bevor er sie an Xaviers Tisch geleitet. Aber nein, es geht nicht um ein Tête-à-tête. Xavier ist tatsächlich der Sohn der Schauspielerin. Behauptet er jedenfalls. Doch sie ist zwar verheiratet, aber Kinder hat sie keine.

Eine Schlagzeile habe sie zu dem Roman inspiriert, verrät die Schriftstellerin. "Ein Fremder sagte mir, ich sei seine Mutter" - so oder ähnlich habe sie gelautet, und die Formulierung wirkte wie ein Zündfunke. Den Artikel mochte Katie Kitamura dann gar nicht mehr lesen: "Viel interessanter als eine konkrete Antwort fand ich es, die Situation als solche zu erkunden", erzählt sie Sophie McBain vom Guardian. "Mich reizte die Vorstellung, dass man sich im eigenen Leben häuslich eingerichtet hat … und dann passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt, was man über sich und über seinen Platz in der Welt zu wissen glaubt." Daraus entstand das Konzept eines Buches, das wie ein Möbiusband funktionieren sollte, indem es einander gegenseitig ausschließende Welten gleichzeitig verbindet und trennt; ein zweigeteiltes Werk, in dem es den Lesenden überlassen bleibt, welchen Teil sie als Realität, welchen als Phantasie einordnen.

So schildert der erste Teil des Romans, wie es Xavier gelingt, sich allmählich ins Leben der Protagonistin zu drängen. Sein seltsames Anliegen erklärt er einerseits durch den Verweis auf einen - allerdings missverständlich formulierten - Artikel, aus dem er schloss, dass die Ich-Erzählerin in jungen Jahren ein Kind geboren und zur Adoption freigegeben hatte; andererseits besteht eine äußere Ähnlichkeit, die sogar sie selbst in seinen Gesichtszügen erkennt. Dennoch hält sie Xavier erst einmal für einen Betrüger. Der aber hat bei dem Theater, wo die Schauspielerin gerade eine anspruchsvolle Produktion vorbereitet, bereits einen Fuß in der Tür: Man hat ihm eine Assistenzstelle angeboten, und so entsteht, fast gegen den Willen der Ich-Erzählerin, eine gewisse Nähe zwischen ihr und ihrem seltsamen Trabanten. Auch Tomas, ihr Ehemann, hat diesen bei ein, zwei Zufallsbegegnungen wahrgenommen; die Erinnerung an frühere Fehltritte seiner Frau schießt auf, der ruhige Fluss einer gefestigten, scheinbar beiderseits erfüllten Partnerschaft kommt ins Strudeln, trübt sich.

Hinterlegt wird diese Entwicklung durch das Theaterstück, welches die Schauspielerin gerade in Arbeit hat. Es ist ihr quasi auf den Leib geschrieben, mit Begeisterung stürzte sie sich in das Projekt, ist aber nun, kurz vor der Premiere, auf Grund gelaufen. Es ist ausgerechnet die Kernszene, dank der sich die zwei scheinbar disparaten Teile des Dramas zum Ganzen fügen sollen, die sie trotz aller Anstrengung nicht zu durchdringen vermag. Allerdings wird ihre Interpretation der Rolle von allen anderen Beteiligten einhellig gelobt. "Was, wenn du trotzdem richtig gut wärst?", fragt denn auch Xavier, dem sie ihre Ängste anvertraut. "Ist es denn wichtig, was du empfindest? Natürlich, erwiderte ich rasch. Schon während ich sprach, kamen mir Zweifel. War es wichtig?"

Mitten aus dieser Krise tritt man in den zweiten Teil des Romans und begreift: Das Theaterstück, das hier gespielt wird, ist eine Art Spiegelbild des Buches, der innere Bruch, mit dem die Schauspielerin rang, ist die Stelle, an der das Möbiusband sich dreht. Denn wie in dem Drama mangelt es zwischen den beiden Teilen von "Die Probe" an "einer Transformation, einem Moment der Verwandlung und des Übergangs". Entsprechend stutzt nun der Leser, wenn er die Romanfiguren wieder im selben Restaurant wie zu Beginn des ersten Teils sitzen sieht, diesmal aber traulich selbdritt: Xavier, Tomas und die Ich-Erzählerin. Die nennt sich jetzt mit aller Selbstverständlichkeit Xaviers Mutter, schwelgt in der Erinnerung, "wie es gewesen war, ihn als Kind zu umarmen, sein nach Tier riechender Nacken, ein überwältigendes Gefühl". Das Theaterstück, mit dem sie sich so gequält hat, ist zum Triumph geraten, die Spieldauer schon zum dritten Mal verlängert worden.

Die Spiegelung zwischen Drama und Roman ist nicht die einzige im Buch; wie eingangs angedeutet, setzt Kitamura solche Effekte immer wieder ein. Schon in der ersten Restaurant-Szene nimmt die Protagonistin in Xaviers Erscheinung "eine Ähnlichkeit zwischen uns beiden, (…) einen Widerhall oder eine Spiegelung bestimmter Züge" wahr und registriert auch, dass der junge Mann eine typische Geste aus ihrem schauspielerischen Repertoire gründlichst studiert und sich angeeignet hat. Zudem erinnert sie sich an eine frühere, ähnlich missverstandene Situation, allerdings mit umgekehrter Rollenverteilung. Damals fiel ihr der jugendliche Part zu, ihr Vater hatte sie in ein feines Esslokal eingeladen, ein teures Geschenk mitgebracht - und die hämischen Blicke, das anzügliche Verhalten des Kellners machten überdeutlich, wie diese Begegnung von außen her wahrgenommen wurde.

Im zweiten Teil von "Die Probe" setzt sich dieses Wechselspiel fort; in dem Maß, da Xavier die Leben, den Lebensraum besetzt, die er nun als Sohn reklamieren darf, ergreift es auch andere Figuren und Motive. Er zieht ins Apartment der Eltern ein, holt angelegentlich noch seine Freundin Hana an Bord, worauf sich zwischen dieser und der Ich-Erzählerin ein so diskreter wie giftiger Krieg entspinnt. Auch da wird Spiegelung als Waffe eingesetzt, wenn Hana süßlich bekundet, wie "irre wichtig" es für sie gewesen sei, die Schauspielerin in deren prominentester Filmproduktion zu sehen: "Du ahnst nicht, was es mir bedeutet, in einem Film eine Person erlebt zu haben, die mir in so vieler Hinsicht ähnelt." Für die Protagonistin wiederum trägt das stille Eingeständnis dieser Ähnlichkeit den Charakter einer Kapitulation: "Sie ähnelte mir, sie ähnelte mir stärker, als ich zugeben mochte."

Der Zusammenschluss zur "Familie" vermag die im Lauf des ersten Teils entstandene Entfremdung zwischen Tomas und der Ich-Erzählerin nur zeitweilig zu überbrücken. Dann drehen und spannen sich die Verhältnisse im Beziehungsdreieck, der früher distanzierte "Vater" wird zum Fürsprecher des Sohns, während die Protagonistin zunehmend in die Defensive gerät. Oder hat Tomas sie dabei gar noch überholt, die Waffen schmählich gestreckt - nicht zuletzt, weil er Hanas Reizen hilflos ausgeliefert ist? Es kommt so weit, dass er nachgerade zum Diener der jungen Leute wird, die inzwischen den Großteil des Apartments usurpiert haben; es kommt so weit, dass die Schauspielerin in einem gespenstischen Moment die radikale Wende der Spiegelbildlichkeit erkennt. "Xavier hielt die Hand seines Vaters, und dann sahen beide in einer synchronen Bewegung auf und schauten quer durch das Wohnzimmer: ihre Gesichter wie Mündungen einer Doppelflinte. Eigentlich gab es keine Ähnlichkeiten, Xavier hatte fast nichts von Tomas (…), doch als sie ihre Blicke auf mich hefteten, ähnelte sich ihre Mimik, es war wie eine Spiegelung, eine Doppelung, in der sich ihre jeweilige, mir seit langer Zeit vertraute Persönlichkeit auflöste."

Raffiniert rückt Kitamura im zweiten Teil auch den alltäglichen Lebensraum immer näher zur Scheinrealität des Theaters. Schon früh verspürt die Protagonistin beim Zusammenleben zu dritt gelegentlich einen seltsamen Schwindel - dann scheint Xavier "das ganze Apartment an sich heranzuziehen (…) Bis in die Architektur hinein war alles verzerrt". Ihre Erinnerungen an Xaviers Kindheit und Jugend erscheinen ihr bei näherem Hinsehen "wie verblasst oder künstlich auf alt getrimmt, keine einzige davon schien Ereignisse abzubilden, die sich tatsächlich zugetragen hatten". Und beim finalen Showdown kippt die Szenerie endgültig. Als die Schauspielerin nachts nach einer der letzten Vorstellungen ihres Erfolgsstücks heimkehrt, findet sie die Wohnung grell erleuchtet, "so dass die Räumlichkeiten sonderbar zweidimensional wirkten, der normalen Raumtiefe entbehrten. Alle Dinge im Apartment wirkten unkörperlich, beinahe wie Requisiten, die täuschend echt aussehen, sich aber als Fehlkonstruktionen erweisen, wenn man sie zur Hand nimmt, sie sind zu leicht oder schlampig montiert." Und was sich zwischen den Wänden abspielt, die sich nun "plötzlich hohl und dünn und instabil" anfühlen, gemahnt an absurdes Theater - allerdings von der billigsten Charge.

Ganz zum Schluss dann: nochmals eine Drehung. Die Ich-Erzählerin steht wieder auf der Bühne, hebt an zu einem Monolog. Schließt sich der Kreis, ist es vielleicht derjenige, den wir gerade - wenn auch lesenderweise - vernommen haben?

Mit "Die Probe" - im Original unter dem Titel "Audition" erschienen - hat Katie Kitamura eine Trilogie abgeschlossen, deren voraufgehende Bände bei Hanser bereits auf Deutsch vorliegen. "Trennung" ("A Separation", 2017) und "Intimitäten" ("Intimacies", 2022) hat Kathrin Razum übertragen, "Die Probe" wurde nun in die Hände von Henning Ahrens gelegt. "Beim Projekt für diese drei Bücher", erklärt die 1979 als Kind japanischer Eltern in Kalifornien geborene Schriftstellerin im Interview Magazine, "ging es um die Schaffung einer bestimmten Stimme; um ein Interesse an Passivität, am Sprechen in den Worten anderer Menschen. Alle Hauptfiguren sind buchstäblich Gefäße für anderer Leute Worte." Das tönt etwas rätselhaft, erst recht angesichts der ausdrucksstarken Stimmen, die in den Romanen zu vernehmen sind. Gegenüber dem Bomb Magazine hat Kitamura diese Aussage präzisiert. Gemeint seien Berufe, wie sie die Hauptfiguren ihrer Trilogie ausüben: Übersetzerin, Dolmetscherin, Schauspielerin. Im Guardian wiederum hebt sie erneut den Aspekt der Passivität hervor, den sie mit diesen Figuren verbindet: "Passivität interessiert mich - zum Teil, weil sie die Lebenssituation der meisten von uns bestimmt. Aber Passivität interessiert mich auch, weil sie in sich eine Art Handlungsform ist." Und zwar eine, die unwillentlich, aber mitnichten immer unwissentlich, in Komplizenschaft umschlagen kann.

Das wird in "Intimitäten" mit packender Stringenz umgesetzt. Die Ich-Erzählerin hat gerade eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag angetreten, die etwas verknappte Bezeichnung im Roman steht natürlich für den Internationalen Strafgerichtshof. Dort verfolgte Kitamura 2016 zur Vorbereitung ihres Projekts den Prozess gegen den vormaligen ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo und suchte auch das Gespräch mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern.

Die sitzen auf halber Höhe des Gerichtssaals in verglasten Kabinen: zugleich präsent und ausgeschlossen, wenig sichtbar und doch so direkt am Pulsschlag des Geschehens, dass schon geringfügige Unregelmäßigkeiten in der Übersetzung dem Prozess eine andere Richtung geben könnten. Halten sich die Dolmetschenden nämlich nicht durchweg an die festgeschriebene Terminologie, schlägt sich das im Ohr der Richter nieder, die Inkonsistenz kann dazu führen, "dass ihre Wahrnehmung des Zeugen sich veränderte. Ein Hauch von Unglaubwürdigkeit, und in der Aussage des Zeugen entstanden feine Risse, die sich zu Spalten weiteten, was schließlich die ganze Person, als die sich jemand vor Gericht präsentierte, in Frage stellte." Und weil der Gerichtshof, obwohl es dort um ernsteste Dinge gehe, auch ein "Ort größter Theatralik" sei, so heißt es im Roman, obliege es den Übersetzenden obendrein, "die Haltung zu vermitteln, die Nuancen, die Intention hinter dem Gesagten". Das aber ist schwankendes Terrain, das sich mit keiner noch so verbindlichen Sprachregelung festschreiben lässt.
 
Dieser Aspekt zählt umso mehr angesichts der emotionalen Herausforderungen, die das Dolmetschen am Strafgerichtshof mit sich bringt. Das erfährt die Protagonistin des Romans beim Einsatz in einem prominenten Verfahren: Ein westafrikanischer Ex-Präsident muss sich wegen gravierender Verbrechen - Wahlbetrug, dann ethnische Säuberungen "im großen Stil", die schließlich zum Bürgerkrieg führten - verantworten, sie übersetzt dabei hauptsächlich für den Angeklagten. Unfreiwillig entsteht daraus eine Art "Intimität", umso mehr, als sie auch in Situationen arbeitet, in denen sie ihm unbequem nahekommt. Etwa ein Treffen mit seinem Anwaltsteam, bei dem sie Seite an Seite mit dem elegant und selbstsicher auftretenden Mann sitzt und das Gesagte im Flüsterton übermitteln muss, so dass "die Kommunikation (…) etwas Heimlichtuerisches" annimmt. Der Ex-Präsident versucht auch, sie im direkten Gespräch zu gewinnen, ihr darzulegen, dass sein Fall sich schlimmer präsentiere, als er tatsächlich sei. Der Sprache fehlten einfach die Nuancen, argumentiert er: "Ein Wort - Täter - für so viele Handlungen aus so vielen verschiedenen Beweggründen." Sie entgegnet ausweichend, ihre Arbeit bestehe darin, "den Abstand zwischen den Sprachen so klein wie möglich zu halten"; faktisch denkt sie: "es war meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich zwischen den Sprachen kein Fluchtweg auftat". Und dennoch überkommt sie "manchmal das unangenehme Gefühl, dass ich von all den Menschen da unten im Saal, ja von allen Menschen in der Stadt den Ex-Präsidenten am besten kannte. In diesen Momenten wurde er (…) zu der Person, deren Perspektive ich einnahm."

Flankiert wird der zentrale Erzählstrang von privateren Erfahrungen der Protagonistin, die das Thema Intimität variieren und ausfächern. Sie geht eine Liebesbeziehung mit einem Mann ein, der von seiner Ehefrau getrennt, aber noch nicht geschieden ist; daneben gerät sie unfreiwillig in den Dunstkreis eines Verbrechens, dessen Ursache sie dann in einer nicht sonderlich gesellschaftsfähigen Liaison ausmachen kann. Unerwartete Schlaglichter - auf ein Werk der niederländischen Malerin Judith Leyster ebenso wie auf die aus Billigware zusammengeschusterte "Bibliothek", die ein cleverer Antiquar einem neureichen Kunden für teures Geld unterjubelt -, ergänzen das reizvolle Geflecht der Nebenhandlungen, das sich aber dennoch nur wie ein leichter Mantel um den massiven Kern des Buches legt.

Etwas näher beim klassischen Kriminalroman liegt "Trennung", der erste Band der Trilogie - jedenfalls insofern, als es darin um den verschwundenen Ehemann der Protagonistin geht, der dann auf der griechischen Halbinsel Mani erschlagen und ausgeraubt aufgefunden wird. Aber das Drama spielt sich anderswo ab als auf der Handlungsebene - denn die Ich-Erzählerin verharrt, zumindest äußerlich, weitgehend in der Passivität, die Kitamura in ihrem Trilogie-Projekt in den Fokus nehmen wollte. Obwohl ihre Ehe mit Christopher schon vor Monaten entzweigegangen ist, nimmt die Frau es hin, dass er die Trennung nach wie vor geheim halten will; und als er während einer Recherchereise nach Griechenland plötzlich verstummt, Anrufe weder entgegennimmt noch beantwortet, lässt sie sich von seiner Mutter widerstandslos dorthin schicken, ohne dann aber ihrer Mission auch aktiv nachzugehen. Was geschehen ist, was geschehen sein könnte - das setzt sich in den Augen der Leserin weitgehend aus den Beobachtungen, Gesprächen und, in zunehmendem Maß, aus den Spekulationen der Hauptfigur zusammen.

So verlagert sich das Geschehen auf eine Art innerliches Whodunit, bei dem die Karten zunächst klar verteilt scheinen. "Unsere Ehe wurde durch das geformt, was Christopher wusste und ich nicht", konstatiert die Protagonistin ganz zu Beginn des Romans, und: "Verrat führt immer dazu, dass der eine Bescheid weiß und der andere im Dunkel tappt." Der Verrat liegt in Christophers notorischer Untreue, und dementsprechend richtet sich ihre Aufmerksamkeit bald auf die junge Frau an der Rezeption des Hotels, in dem ihr Mann zuletzt logierte. Wirklich hübsch ist sie nicht, diese Maria, aber attraktiv - und sie reagiert feindselig, als die Ich-Erzählerin sich als Christophers Gattin vorstellt. So nimmt deren Verdacht Kontur an, wächst sich vor ihrem inneren Auge zur detailreich imaginierten Verführungsszene aus; und mit dem Taxifahrer Stefano, der offensichtlich um Marias Gunst ringt, tritt bald darauf auch noch ein enttäuschter Rivale ins Bild. Die Protagonistin verliert sich gedanklich in diesem supponierten amourösen Pas de trois - bis mit dem Fund von Christophers Leiche die Schuldfrage auf einer ganz anderen Ebene ins Geschehen einbricht und sich auf raffinierte Weise spaltet. Einerseits setzt sich die phantasierte Dreiecksgeschichte fort im Verdacht, dass Stefano seiner wütenden Eifersucht stattgegeben und den Mord begangen haben könnte; zugleich aber beginnt die Erzählerin, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen. Schon bald realisiert sie, "dass ich die Rolle der trauernden Witwe spielte - ein Gefühl, das ich, wäre ich wirklich eine trauernde Witwe gewesen, niemals gehabt hätte, ein schmaler, aber unleugbarer Keil schob sich zwischen mich und die Person, die ich zu sein vorgab". Und in dieser Spalte machen sich unbequeme Einsichten breit: Sie muss sich eingestehen, dass auch sie ihrem Mann die Treue nicht gehalten hat - und dass ihre Ehe "letztlich von der Hand meiner Phantasie gestorben" ist.

Die Trilogie mag den Eindruck erwecken, dass Katie Kitamuras Schaffen primär von der weiblichen Perspektive bestimmt ist; in dieser Hinsicht hält ein Blick auf ihre noch nicht übersetzten Bücher Überraschungen bereit. Ihre erste Publikation, den 2006 erschienenen, essayistischen Band "Japanese for Travellers", widmet sie der Heimat ihrer Eltern. Schritt für Schritt führen die drei Haupttexte, die jeweils eine Generation in den Blick nehmen, tiefer in die Geschichte des Landes. Im ersten stehen die Millennials im Fokus, deren raffinierter Kult der Äußerlichkeit - "Erscheinung als Code, Style als Mantra" - Kitamura fasziniert und irritiert. Hinter dieser Fassade macht sie schließlich die Ernüchterung und Perspektivlosigkeit aus, welche die Wirtschaftskrise der 1980er Jahre über das Land gebracht hatte: Der Glaube an die nachgerade zum Mythos gewordene japanische Arbeitsethik, den die Heranwachsenden von ihren Eltern übernommen hatten, war liquidiert. Jene mittlere Generation, die das Land nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg zu einer führenden Industrienation machte und dann das Erarbeitete im Sturz der Aktienkurse schwinden sah, steht im Fokus des zweiten Essays. Der dritte setzt ein mit einem Besuch der Schriftstellerin bei ihrer Großmutter, die langsam in Demenz versinkt. Hier rückt die Überalterung der japanischen Gesellschaft in den Blick - und, mit noch größerer Dringlichkeit, die Frage, was das Hinsterben der Menschen, die noch die gelebte Erinnerung an Hiroshima in sich trugen, für das kollektive Gedächtnis des Landes bedeutet.

Während die Erkundung der eigenen Herkunftswelt als Thema noch nahe lag, setzen Katie Kitamuras erste Romane ganz andere Akzente. "Gone to the Forest", 2012 erschienen, ist nicht eben eine Musterkarte weiblichen Schreibens: Die Handlung, deren Rahmen die blutige Rückeroberung eines namenlosen kolonisierten Landes durch die Einheimischen setzt, wird ganz von männlichen Figuren getragen; die eine Frau, die im Machtpoker mitzuspielen versucht, bezahlt einen schauderhaften Preis, den aufzurechnen heute wohl nicht mehr jeder männliche Autor wagen würde. Aber die eigentliche Faust aufs Auge all jener, die konventionelle Erwartungen an eine Schriftstellerin herantragen, landete sie 2009 mit ihrem literarischen Debüt, "The Longshot".

Der Roman, ganz auf zwei Männerfiguren fokussiert, spielt im brutalsten Kampfsport-Milieu, den Mixed Martial Arts. Und Katie Kitamura bringt es fertig, sogar eine Leserin in Bann zu ziehen, die sich einer solchen Darbietung um keinen Preis freiwillig aussetzen würde. Die Autorin selbst wurde von ihrem Bruder an die MMA herangeführt; die praktisch uneingeschränkte Gewalt, die bei den Kämpfen eingesetzt wird, schildert sie explizit, aber mit einer Nüchternheit, die jeden voyeuristischen Kitzel ausschaltet. Und ihre Vertrautheit mit dem Thema gibt ihr die Fähigkeit, die Beziehung zwischen den Protagonisten - dem Kämpfer Cal und seinem Trainer und Manager Riley - differenziert zu gestalten und dabei die Ambivalenzen, aber auch die eigenartige Tiefe dieser Verbundenheit auszuleuchten.

Den Handlungsrahmen setzt ein Revanche-Kampf Cals mit einem als besonders skrupellos bekannten Gegner, der ihm einst eine Niederlage zugefügt hat. Wie diese Begegnung im Lauf des Romans quasi im Close-up aufgebaut wird, ist eins; wie Kitamura die eigentliche Kampfszene entwickelt, das brutal ausufernde Geschehen dann mit klug bedachtem Handgriff rafft und mit einer lediglich angedeuteten, gänzlich unverhofften Geste abschließt - das kann einem den Atem nehmen. Siegerin nach Punkten ist hier die Literatur. Der hinter dem gedruckten Wort sich öffnende Raum macht es möglich, eine radikal fremde, als abstoßend und verroht empfundene Welt zu betreten und die darin wirkenden Kräfte und Gefühle wenigstens ansatzweise zu begreifen, noch wenn man der Kampfsportarena realiter weiterhin noch so gerne fernbleibt.

Katie Kitamura: Die Probe
Roman
Aus dem Englischen von Henning Ahrens.
Hanser Verlag, München 2025. 176 Seiten, gebunden, 23 Euro.

Erscheint am 22. Juli 2025

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