Vorworte

Warum schwarz-weiß, wenn's farbig geht

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
21.05.2021. Sie gilt als die "bekannteste Unbekannte" der Harlem Renaissance: die afroamerikanische Schriftstellerin Dorothy West, die lieber auf Nuancen setzte als auf harten Kontrast. Dass auch dieser Ansatz einiges an Sprengstoff birgt, beweist ihr Roman "Die Hochzeit", der nun neu aufgelegt wird. Wir bringen eine Einführung in das Buch, das am 2. Juni erscheint, und eine Leseprobe. (Foto: Dorothy West. Fair use, Wikipedia)
"Vorworte" ist die neue Kolumne der Literaturkritikerin Angela Schader. Mit kleinen Essays macht sie sich für AutorInnen und Bücher stark, denen sie viele Leser wünscht. Darum erscheinen die "Vorworte" immer kurz vor den Büchern! Und wir verbinden die "Vorworte" mit einer Leseprobe. Wir freuen uns, Angela Schader unter den Perlentaucherinnen begrüßen zu dürfen. D.Red.

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Identitätspolitik? Streitereien über kulturelle Aneignung? Man wüsste gern, wie Dorothy West sich in der heutigen Debattenlandschaft positioniert hätte. Sicher ist jedoch, dass die 1907 geborene afroamerikanische Autorin schon in ihrer Zeit eigene Wege ging.

Ihr Vater, in Virginia noch in die Sklaverei geboren, erlebte mit sieben Jahren deren Ende und begann unter der Obhut seiner Mutter früh den langen, zähen Aufstieg zum erfolgreichen Geschäftsmann. Er ließ sich später in Boston nieder, und als Dorothy geboren wurde, zählten die Wests zu den reichsten afroamerikanischen Familien in der Stadt. Die farbige Bostoner Elite, in deren Adern auch "blaues" - will heißen: weißes - Blut zirkulierte, und deren Aspirationen sich gleichermaßen auf Wohlstand und einen möglichst hellen Teint ausrichteten, steht im Zentrum der beiden Romane, die Dorothy West vorlegte. Dieser Fokus trug auch Schuld daran, dass es nach dem Erscheinen des Erstlingswerks fast fünfzig Jahre dauerte, bis die Schriftstellerin den Mut zur Publikation des zweiten fand.

Wests 1948 erschienener Debütroman, "The Living Is Easy", reflektiert das gesellschaftliche Umfeld, in dem sie aufwuchs: Die Schilderung von Glanz und Niedergang des Obstgroßhändlers Bart Judson orientiert sich am Schicksal ihres eigenen Vaters. Auch zwei andere farbige Geschäftsleute im Roman, die durch wirtschaftliche Entwicklungen und technischen Fortschritt von ihrem Piedestal gefegt werden, sind nach realen Personen modelliert - und stehen für ein literarisch wenig beleuchtetes Segment der afroamerikanischen Gesellschaft.

Die Hauptrolle im Buch aber besetzt Barts Ehefrau Cleo, wesentlich jünger als ihr Mann und ihm in punkto List und Durchsetzungswillen stets mehrere Nasenlängen voraus. Selbstzweifel und Gewissensbisse kennt sie nicht; weder Lügen noch gefälschte Checks noch den Griff in die Spardose des Töchterchens verschmäht sie, um an Geld zu kommen. Ihre Bereitschaft zur ehelichen Hingabe ist gleich Null, ihre Neigung, dem wesentlich dunkelhäutigeren Gatten das N-Wort um die Ohren zu schlagen, umso ausgeprägter. Zwar meint Cleo, ihre Machinationen hauptsächlich im Interesse ihrer weniger privilegierten Schwestern zu betreiben; aber sie zaudert keinen Moment, wenn es darum geht, deren Ehen und bescheidenes Lebensglück aus eigennützigen Gründen zu zerstören.

Auch wenn das Profil der Protagonistin allzu scharf geraten ist, die Handlung da und dort ins Melodramatische ausschlägt, bereitete die Kritik dem eigenwilligen Roman einen guten Empfang. Aber das reichte nicht, um das Buch auch an die Leser zu bringen: Diese erwarteten Schilderungen von handfestem Unrecht und Elend, wo es um afroamerikanische Schicksale ging - nicht eine farbige Bourgeoisie und Mütter wie Cleo, die sich geniert fühlen, wenn der Teint ihrer Sprösslinge dunkler ist als der ihre.

Kein Wunder also, dass Dorothy West ihr zweites, in noch gehobeneren Kreisen angesiedeltes Romanprojekt für Jahrzehnte in der Schublade verschwinden ließ. "The Wedding" erschien erst 1995 und beschied der Schriftstellerin drei Jahre vor ihrem Tod noch einen späten Triumph.

An Wests street credibility hätten trotz ihrer privilegierten Herkunft eigentlich nie Zweifel bestehen sollen. Schon mit siebzehn Jahren stieß die angehende Schriftstellerin als jüngstes Mitglied zur Harlem Renaissance. Prägende Gestalten der Bewegung wie Countee Culleen und Langston Hughes zählten zu ihrem Freundeskreis, mit letzterem verbrachte sie ein Jahr in Russland, wohin sie 1932 mit einer Gruppe afroamerikanischer Kulturschaffender und Intellektueller eingeladen worden war.

Nach ihrer Rückkehr gründete sie 1934 das Literaturmagazin Challenge, das jungen schwarzen Autorinnen und Autoren ein Forum bieten sollte; die Zeitschrift überlebte mehr schlecht als recht, und der gemeinsam mit Richard Wright unternommene Versuch, sie nach drei Jahren neu zu lancieren, scheiterte. Nur eine einzige Ausgabe von New Challenge erschien - aber die enthielt immerhin den ersten publizierten Text von Ralph Ellison, der mit "Invisible Man" 1952 einen Markstein der afroamerikanischen Literaturgeschichte setzen sollte.

West, zu jener Zeit längst auf ein eigenes Einkommen angewiesen, fand nach dem missglückten Experiment zunächst eine feste Anstellung als Sozialarbeiterin in Harlem und schrieb daneben Erzählungen für die New York Daily News. Mit Brotarbeit für die Lokalzeitung und einem Job als Restaurant-Kassiererin hielt sie sich über Wasser, nachdem sie 1947 ins einstige Ferienhaus ihrer Familie auf Martha's Vineyard übersiedelt war; sie verbrachte den Rest ihres Lebens auf der südlich von Massachusetts gelegenen Insel.

Dort ist auch ihr zweiter Roman angesiedelt, den Christa E. Seibicke schon 1996 ins Deutsche brachte und der nun, leicht revidiert und ergänzt mit einem Nachwort der afrobritischen Journalistin und Schriftstellerin Diana Evans, bei Hoffmann und Campe neu aufgelegt wird. "Die Hochzeit", in einen Handlungsrahmen von wenig mehr als vierundzwanzig Stunden gefügt, aber hundert Jahre in die Geschichte zurückgreifend, ist nicht nur ein fesselndes Soziogramm der farbigen Oberklasse in den 1950er Jahren; es ist auch ein stilistisches Bravourstück, das seine inhaltliche Dichte hinter einer Prosa von straffer, doch scheinbar ganz unangestrengter Eleganz verbirgt. Dass die deutsche Fassung hier mithalten kann, ist kein geringes Verdienst.

In der Heirat, die dem Buch den Titel gibt, kollidieren Triumph und Skandalon. Die Braut ist Shelby Coles: Tochter eines begüterten afroamerikanischen Arztes, obendrein mit lichter Haut, blondem Haar und blauen Augen gesegnet, und damit die Perle der distinguierten farbigen Anwohnerschaft, die sich um einen alten Park auf Martha's Vineland schart. Dass Shelby nun einen Weißen heiraten will, müsste eigentlich die Ambitionen der Eltern krönen - aber der junge Mann ist Jazzmusiker, und einen solchen Schwiegersohn möchte man sich verbeten haben. Nicht etwa wegen seines Übergriffs aufs afroamerikanische Kulturgut - sondern vielmehr, weil man dieses von Herzen verachtet. Shelbys Mutter weigert sich, "auch nur eine Spur von Menschenwürde darin zu sehen, wenn einer wie ein Affe auf ein Klavier loshämmerte".

Die Coles sind mit ihren Töchtern gleich doppelt geschlagen. Denn Shelbys ältere Schwester Liz hat die Schranken des Opportunen in die andere Richtung übersprungen und einen Mann geheiratet, dessen Aussehen keinen Zweifel an seiner afroamerikanischen Abkunft lässt. Trotz seiner reputierlichen Stellung als Mediziner ist das in der farbigen Elite, deren subtile Hierarchien nur die Dazugehörigen ganz durchschauen, ein schweres Handicap.

Mit facettenreicher Ironie leuchtet Dorothy West den komplizierten Kontertanz um Rasse und Klasse aus. So nehmen die Anwohner des Parks die enge, von unordentlichem Gestrüpp flankierte Zufahrt zu ihrem Wohngebiet gerne in Kauf, obwohl sie ein bedenkliches Risiko für die glänzenden Karossen ihrer Autos darstellt. Denn sie gibt ihnen "das Gefühl, so exklusiv zu residieren wie die wirklich Exklusiven - die wahrhaft Reichen und Mächtigen -, die ebenfalls am Ende ausgesprochen schlechter Straßen wohnten, schon um Neugierige abzuschrecken".

Keine Frage, dass die "wirklich Exklusiven" weiß sind. Aber wie viel - oder wie wenig - hat das Wort zu sagen? Diese prekäre Lektion lernt Shelby Coles schon mit sechs Jahren, als sie ausbüxt und sich auf Martha's Vineyard verläuft. Viele Menschen sehen sie, einige sprechen sie sogar an - aber noch als sie ihre Not gesteht, verweigert man sich dem Gedanken, dass es sich bei dem reizenden blondgelockten Mädelchen um das seit Stunden als vermisst gemeldete farbige Kind handeln könnte. Und Shelby selbst weiß noch nicht, dass sie "farbig" ist; höchstens ahnt sie tief innen etwas von der Demarkation zwischen den Rassen, deren Unsinnigkeit Dorothy West hier in eine unvergessliche Vignette bannt. Mit "ehrfürchtiger Scheu" lässt sie das kleine Mädchen eine weiße Urlauberin beäugen, deren Ärmel bei jeder Geste hochrutscht und "eine scharfe, leuchtendrote Trennlinie zwischen Rostbraun und Milchweiß" preisgibt.

Shelbys und Liz' Generation, heißt es gegen Ende des Romans, sei die erste, die ein ungebrochenes Verhältnis zur eigenen Hautfarbe habe. Den historischen Horizont hinter diesen Worten hat West zuvor ausgesteckt, von der Generation der Urgroßeltern, die in den Südstaaten den Umbruch des Bürgerkriegs miterlebten, über die Migration ihrer Nachkommen nach Norden bis hin zur Herausbildung einer Schicht, die sämtliche Ideale des weißen Großbürgertums erlangt und - auf eigene Gefahr - verinnerlicht hat.

Beim Blick in die fernere Vergangenheit schafft Dorothy West Charaktere, die ebenso gut in einem Werk Toni Morrisons unterwegs sein könnten. Etwa Preacher Coles, der sein Leben und sein rotgeflammtes Haar krudem Herrenrecht verdankt: Der irische Grundbesitzer, der Preachers künftige Mutter vom Sklavenmarkt heimführt, missbraucht die junge Frau erst einmal selbst, bevor er sie an einen Untergebenen weiterreicht, "um seine Herde lebenden Inventars zu mehren".

Während des Bürgerkriegs gelingt Preacher die Flucht, und wie es sein Name verrät, wird er ein Wanderprediger, auch wenn er kein Wort aus der Heiligen Schrift lesen kann. Was tut's? Seine selbstgezimmerte Sprachgewalt - "Ofterbarung, Glorreichigkeit, Frommglaube" - genügt, um seinen Sohn Isaac schon als Zweijährigen in den Bann der Gelehrsamkeit zu ziehen.

Isaac wird dann zu den Pionieren des aufstrebenden farbigen Bürgertums im Norden gehören; zu jenen, die den Tatsachenbeweis lieferten, dass akademischer und wirtschaftlicher Erfolg nicht Sache der Hautfarbe sind. Solche Errungenschaften aber haben ihren Preis: Die seelischen und moralischen Kosten von Isaacs Aufstieg bilanziert Dorothy West im Zeichen der bitteren Tatsache, "dass alle materiellen Annehmlichkeiten, die er erwarb, sich weniger seinem persönlichen (untadeligen) Arbeitseinsatz verdankten, als der emotionalen Leere seiner Ehe".

Diese Paarbeziehung steht im Zentrum unserer Leseprobe aus "Die Hochzeit", die zugleich die besonderen Qualitäten von Dorothy Wests Schreiben ausweist. Die kühle Nüchternheit etwa, mit welcher sie den Umgang der jungen Frau mit ihrer glücklosen Ehe schildert, steht der Empathie der Leserin nicht im Weg; paradoxerweise weckt sie eher das Gefühl, man sei der Figur innerlich näher, als sie selbst es sich gestattet. Und die so oft geschmähte gesellschaftliche Konvention erscheint hier in spannungsreicher Ambivalenz - als ein Korsett, das einschnürt, aber zugleich aufrecht hält.

Ironie blitzt immer wieder auf, wobei sie erst am Ende der Leseprobe amüsiert. Anderswo sticht sie so zielsicher und schnell, dass einem das Lachen gefriert - wenn etwa das fürchterliche Gleichgewicht bilanziert wird, das sich zwischen den Karrieren von Mann und Frau einpendelt. Isaac ist Arzt, seine Gattin, hauptberuflich Lehrerin, scheffelt nebenher Geld, indem sie heruntergekommene Immobilien billig aufkauft und an schwarze Neuzuzüger aus den Südstaaten vermietet. "Der Doktor", heißt es, "rettete genügend Ghettoleben, um den Vorrat der Lehrerin an arbeitsfähigen Mietern konstant zu halten."

Wests Sarkasmus spreizt sich nicht, er setzt vorab auf die Verdichtung und Pointierung unverbrämter Fakten. Damit bleibt er nah am stilistischen Duktus, der den Roman durchgehend prägt und den die Schriftstellerin - wunderbar passend für ein Buch, in dem Nuancen von Status und Hautfarbe eine derart tragende Rolle spielen - wie einen Opal schillern lässt.

Denn die Dichte und Beherrschtheit ihrer Prosa kommt genauso in den Passagen zum Tragen, in denen sie, auf ihre Erfahrungen in Harlem zurückgreifend, die Lebensverhältnisse der Ärmsten in schwarzen Wohnvierteln beleuchtet. Wie gemeißelt sind diese Sätze; sie treffen direkt ins Herz, ohne dem Sentiment Raum zu geben. Vom Verdacht, sich allein den Nöten der "happy few" zugewandt und das Schicksal der Unterprivilegierten ignoriert zu haben, hat Dorothy West sich damit freigeschrieben.

Dorothy West: Die Hochzeit. Roman. Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. Mit einem neuen Vorwort von Diana Evans. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 287 Seiten, 23 Euro. (Bestellen)

Erscheint am 2. Juni.

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